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Dicke Luft auf dem Spielfeld
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Oft führt aggressive Stimmung zu groben Fouls. (Bild: achensee.info)

Gewalt im Regionalfussball Dicke Luft auf dem Spielfeld

5 min Lesezeit 11.11.2013, 06:00 Uhr

Unfaires Verhalten auf dem Fussballplatz ist ein Dauerthema. Es sei «einfach nicht normal», was sich in Rotkreuz abgespielt habe, monierte kürzlich der Captain des FC Muotathal III. Der Innerschweizer Fussballverband bemüht sich seit Jahren, dagegen vorzugehen. Offensichtlich vergegebens: Die Sanktionen verharren auf hohem Niveau.

Erstmals in seiner 23-jährigen Fussballer-Karriere verliess der Captain des FC Muotathal III den Rasen ohne den üblichen «Handshake». Seine angestauten Emotionen nach dem Spiel gegen den «FC Rotkreuz a» musste er mit grosser Mühe unter Kontrolle halten, wie er in einem persönlichen Matchbericht auf dem Portal regiofussball.ch schreibt. Er war nicht enttäuscht und entrüstet, weil sein 5.-Liga-Team verloren hatte. Der Gegner sei «viel zu hart eingestiegen», habe «Ellbogenchecks» und «beidhändigen Schubser» verteilt und während 90 Minuten unerlaubterweise mit dem Schiedsrichter diskutiert. Es sei «einfach nicht normal», was sich in Rotkreuz abgespielt habe, so der Muotothaler Captain.

Wie ein Blick auf die Ergebnisse der laufenden Saison aber zeigt, muss offenbar mit ruppigem Umgang im regionalen Fussball gerechnet werden. Harte Sanktionen wegen unsportlichen Verhaltens scheinen auf und neben dem Platz an der Tagesordnung zu sein: Die aktuellen Bussen-Listen des Innerschweizer Verbandes (IFV) sind lang, die notierten Vorfälle drastisch und das oben erwähnte Team des «FC Rotkreuz a» längst nicht das einzige Schwarze Schaf, welches in der laufenden Saison fleissig Strafpunkte gesammelt hat (Verweise, gelbe und rote Karten, siehe Box).

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Schiedsrichter bedroht

Besonders gravierend sind Spielabbrüche wegen grober Ausschreitungen. In der vergangenen Saison mussten fünf Partien durch den Schiedsrichter vorzeitig abgepfiffen werden, nachdem die Emotionen auf dem Platz nicht mehr unter Kontrolle zu bringen waren. Vor gut einem Jahr gingen beispielsweise fünf Spieler des SC Emmen (5. Liga) auf den Schiedsrichter los, nachdem er sie mit roten Karten vom Platz gestellt hatte. Es kam zu Handgreiflichkeiten.

Ähnlich erging es zwei Schiedsrichtern an Spielen des FC Rothenburg (3. Liga) und FC Emmenbrücke (4. Liga). Als Konsequenz wurden die aggressiven Fussballer in beiden Fällen aus dem Verein ausgeschlossen.

Schwarze Liste

Unschöne Szenen gab es in der vergangenen Saison auch beim FC Emmenbrücke. Dort traf Vereinspräsident Franco Gulli Anfang Jahr eine ungewöhnliche Massnahme und griff hart durch, um als Clubleiter der zunehmenden Gewalt wieder Herr zu werden. Er brachte den nötigen Respekt ins Spielgeschehen seiner Mannschaften zurück, indem er auffällige Spieler auf eine «Schwarzen Liste» setzte und ihnen mit dem allfälligen Ausschluss aus dem Verein drohte.

Zusätzlich sprach der FC Emmenbrücke-Präsident in den Umkleidekabinen Klartext mit den auffälligen Teams. Der FC Emmenbrücke hatte mit einem echten Imageproblem zu kämpfen, wie Gulli sagt. «Wir haben bei uns sehr viele verschiedene Nationalitäten, welche sehr positive, aber auch negative Leidenschaft mit auf den Platz bringen», erklärt er.

Diese Massnahmen schienen zu wirken: «Wir ziehen jetzt alle wieder am gleichen Strick», sagt der Vereinspräsident.

Verband steht vor einer schwierigen Aufgabe

Der Innerschweizer Fussballverband bekämpft solche Vorkommnisse seit Jahren mit verschiedenen Aktionen. IFV-Präsident Urs Dickerhof bemüht sich, das «Fairplay» immer wieder zu propagieren und das «Unfairplay» mit verschiedenen Massnahmen im Keim zu ersticken. «Mein Ziel ist es, die roten und gelben Karten jedes Jahr um drei bis fünf Prozent zu reduzieren», sagt er.

Dafür habe der Verband Kampagnen mit Plakaten lanciert, zahlreiche Auszeichnungen und Fairplay Preise vergeben und spezielle Ausbildungen für Trainer und Schiedsrichter initiiert.

Viele Strafpunkte an Funktionäre

Allerdings sieht es so aus, als seien die gut gemeinten Botschaften nicht bei den Adressaten angekommen: Die Strafpunkte der Mannschaften sind nun wieder auf gleich hohem Niveau wie noch vor einem Jahr. Und die Strafkommission des IFV vermerkt auf den Listen weiterhin Eintrag um Eintrag: «Grobe Beleidigung des Schiedsrichters … unsportliches Benehmen nach dem Spiel … Unsportlichkeit von Anhängern, … Anschreien des Schiedsrichters, usw.».

Sass auch die Schiedsrichter am steigendem Gewaltpotenzial und an Drohungen keine Freude haben, ist deshalb nur verständlich. Die Schiedsrichter-Kommission des IFV hat nach den letzten Spielabbrüchen reagiert und die Geldstrafen für Spieler und Vereine sowie die Dauer der möglichen Spielsperren massiv erhöht. Seither gab es keine Spielabbrüche mehr zu verzeichnen.

Auch spürbar wirksam gegen ein unfaires Verhalten sei die Regelung, so Werner Hardegger, Präsident Innerschweizer Schiedsrichter-Verbandes, dass bei Punktgleichheit nicht mehr die Tordifferenz über die Rangierung der Mannschaften entscheide, sondern die Strafpunkte-Differenz: «Das motiviert nun die Teams, gelbe und rote Karten zu vermeiden».

Der Präsident der Schiedsrichter betont zudem, dass es oft nicht nur an den Spielern selbst liege, wenn es zu Ausschreitungen komme. Sehr viele Strafpunkte gingen an Funktionäre, Anhänger, Trainer und Helfer. «Es wird viel von aussen ins Feld gerufen», sagt Hardegger. Am Spielfeldrand seien viele Zuschauer nervöser als die Spieler selbst. «Das fängt schon bei den Junioren an. Oft ist da zu viel Ehrgeiz spürbar. Und das Niveau der Zurufe befindet sich schnell unter der Gürtellinie.»

Frauen praktisch ohne Strafpunkte

In der Diskussion über Fairplay fallen besonders die Frauenmannschaften positiv auf. Aktuell verzeichnet kein einziges Frauenteam der Innerschweiz mehr als drei Strafpunkte.

Marlena Bösch, Captain der 1. Mannschaft, erklärt, wie mit fehlbaren Spielerinnen innerhalb ihres Teams umgegangen wird: «Wer bei uns eine gelbe Karte erhält, hat danach die Kabine zu putzen, Bälle zu pumpen oder Material zu versorgen.» Die Frauen des FC Luzern massregeln sich innerhalb der Mannschaft selbständig. In diesem Jahr durfte Bösch’s Team den Fairplay-Pokal der Suva in die Höhe stemmen und einen Check im Wert von 12’000 Franken entgegennehmen.

Mit Fairplay-Preis gegen Unfall-Kosten

Mit dem Fairplay-Preise möchte die Schweizer Unfallversicherung Suva zumindest «unnötigen Unfällen» entgegenwirken. Denn häufig sind Provokationen, aggressive Stimmung und grobe Fouls auf dem Fussballplatz auch für teure Unfälle verantwortlich. Jährlich registriert die  Schweizer Unfallversicherung landesweit 45’000 Fussballverletzungen mit rund 160 Millionen Franken an Folgekosten, so ihre Statistik. Im Verhältnis würde das für die jährlichen 4’200 Verletzungen in der Zentralschweiz geschätzte 15 Millionen Franken an Unfallkosten und ca. 45’000 Tage an Arbeitsausfall bedeuten. «Fairplay könnte schlussendlich dazu beitragen, einen Teil davon zu reduzieren», sagt Suva-Sprecherin Barbara Senn.

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