Deutsche Sprache als Brücke zur Integration
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Jugendliche Migrantinnen während eines informellen Ausflugs im Zuge des Integrations-Brücken-Angebots Zug. (Bild: zvg)

Integrationsschule immer ausgebucht Deutsche Sprache als Brücke zur Integration

5 min Lesezeit 18.06.2015, 05:17 Uhr

Seit 25 Jahren ist eine Zuger Institution Anlaufstelle für jugendliche Migranten aus aller Welt. Dort werden ihnen sprachliche Kompetenzen vermittelt. Ein wichtiger Baustein. Für eine erfolgreiche Integration ist das aber längst nicht ausreichend.

Im Schweizer Dokumentarfilm «Neuland» begleitet die Regisseurin Anna Thommen junge Migranten während der zweijährigen Schulzeit in der Integrationsklasse Basel. Das Thema ist – nicht nur wegen den anstehenden Flüchtlingstagen (siehe Box) – hochaktuell. Auch im Kanton Zug gibt es ein solches Schulangebot. Jules Marty, der Leiter des Integrations-Brücken-Angebots (I-B-A) setzt sich zur Aufgabe, fremdsprachige Jugendliche sozio-kulturell zu integrieren.

«Unser Ziel ist die gesellschaftliche Integration», sagt Marty. Diese funktioniere hauptsächlich über wirtschaftliche Unabhängigkeit, wofür Sprachkenntnisse unabdingbar seien. «Die Sprache ist der Schlüssel. Sprachkenntnisse sowie andere Fach- und Handlungskompetenzen sind die Voraussetzungen für eine berufliche Integration», ist Marty überzeugt.

Genauso überzeugt ist der Schulleiter davon, dass das Zuger Brückenangebot jene Fähigkeiten den jugendlichen Flüchtlingen vermitteln kann. Während zwei Jahren werden an Martys Schule in Kleinklassen fremdsprachige Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren in deutscher Sprache, Mathematik und anderen Fächern unterrichtet.

«Die Sprache ist der Schlüssel für eine berufliche Integration.»

Jules Marty, Leiter Integrations-Brücken-Angebot Zug

Heterogenität und Selbstverantwortung

Die Migranten, die den Weg an das Integrationsangebot finden, bilden eine heterogene Gruppe (siehe Grafik). «Wir haben nicht nur Familiennachzüge, sondern arbeiten auch mit Kindern von Expats und mit echten Flüchtlingen», konkretisiert Marty. Zurzeit sei insbesondere eine Zunahme aus afrikanischen Ländern – namentlich aus Eritrea – auszumachen.

Herkunftsländer der Schüler des I-B-A Zug.

Herkunftsländer der Schüler des I-B-A Zug.

Ein erster Fokus richte sich entsprechend darauf, dieser heterogenen Gruppe ein Umfeld zu bieten, in dem sie sich wohlfühlen. «Die Jugendlichen müssen zunächst ankommen. Wir versuchen, ihnen so etwas wie eine zweite Heimat zu geben, denn ohne ein Mindestmass an Behaglichkeit sind Lernerfolge ausgeschlossen.» Marty fügt an: «Trotz der Heterogenität innerhalb der Lerngruppen ist es wichtig, dass ein Gruppenbildungsprozess einsetzt. Deshalb pflegen wir eine Willkommenskultur, die sie Wurzeln fassen lässt.» Identitätsbildung sei eine wichtige Komponente in dieser ersten Phase.

«Wir bauen eine Brücke zur Arbeitswelt. Doch den Weg über die Brücke müssen die jungen Erwachsenen selber gehen.»

Jules Marty, I-B-A Zug

Ein «Wir-Gefühl» trotz grossen kulturellen Differenzen – ist das nicht etwas gar utopisch? Marty beschwichtigt: «Es geht nicht darum, dass die Jugendlichen ihre Individualität aufgeben und eine homogene Gruppen bilden. Es soll eine Verbundenheit entstehen, ohne dass sie die Eigenständigkeit aufgeben.» Das setze hohe Erwartungen in die Lernenden. Auch sie müssten ihren Anteil leisten und Selbstverantwortung übernehmen. «Selbständigkeit ist das erklärte Ziel. Das lässt sich nur erreichen, wenn den Jugendlichen klar ist, dass sie für ihr Schaffen Verantwortung tragen.»

An der Kapazitätsgrenze

Dass das Konzept des I-B-A auf Anklang stösst, zeigt die konstant hohe Nachfrage. «Wir sind immer ganz ausgelastet», sagt der Schulleiter. Man könne nie genau sagen, wie viele Neue dazu kommen. Doch seit der Gründung des Integrations-Brückenangebots im Zuge der Balkankriege sei die Zahl der Lernenden nie rückläufig gewesen. Im Gegenteil: «Momentan haben wir sechs Lerngruppen mit cirka 70 Lernenden. Mit dem Aufbau des neuen Angebots (I-B-A 20+) erhöhen wir unsere Kapazität und versuchen so, dem erhöhten Bedarf in allen Segmenten Rechnung zu tragen», erklärt Marty.

Die hohe Erfolgsquote fungiert ausserdem als Qualitätausweis für die Institution. «Wir stehen sehr gut da», meint Marty. «Die Zielvorgabe seitens der Politik übertreffen wir regelmässig. 90 Prozent unserer Absolventen finden eine Anschlusslösung.» Diese Anschlusslösungen fallen unterschiedlich aus, seien es Arbeitsstellen oder Übertritte an die Oberstufe. Es spiele aber grundsätzlich nicht primär eine Rolle, welchen Weg die Jugendlichen nach dem Brückenangebot einschlagen würden, sondern vielmehr, dass ihr Weg in dieser Hinsicht weitergehe. «Kein Abschluss ohne Anschluss – so lautet unser Credo. Es soll niemand vor dem Nichts stehen, deshalb besteht unsere Hauptabsicht darin, dass sie weiterkommen», konstatiert Marty.

«Kein Abschluss ohne Anschluss.»

Jules Marty, Schulleiter I-B-A Zug

Zwischen Sensibilisierung und Integration

Die Schweizerischen Flüchtlingstage finden dieses Jahr im Kanton Zug an zwei Tagen statt. Am Donnerstag 18. Juni wird um 19.15 Uhr im reformierten Kirchenzentrum Zug der preisgekrönte Dokumentarfilm «Neuland» von Anna Thommen gezeigt. Vor und nach der Filmvorführung stehen Regierungsrätin Manuela Weichelt-Picard sowie der im Film vorkommende Lehrer Christian Zingg dem Publikum Rede und Antwort. Am Samstag 20. Juni können sich die Besucher auf dem Bundesplatz über die momentane Flüchtlingssituation in der Schweiz und im Kanton informieren. Begleitet wird die Informationsveranstaltung von musikalischen Darbietungen und multikulturellen Köstlichkeiten, zubereitet von den Bewohnern der Durchgangsstation in Steinhausen.

Der Leiter des I-B-A ist überzeugt, dass die Erfolgsquote von professionellem Auftreten, von Beharrlichkeit, Ausdauer und dem intensiven Engagement der Lehrpersonen abhängt. Natürlich seien sprachliche Barrieren und kulturelle Unterschiede erschwerende Faktoren. Doch würden sichtbare Fortschritte auf Seiten der Schüler und ihre Dankbarkeit gegenüber den Lehrern einiges wettmachen. «Die Erfolgserlebnisse überwiegen. Daraus lässt sich viel Motivation schöpfen», betont Marty.

Wie geht Integration?

Harte Arbeit ist auf beiden Seiten vonnöten, denn die Zielsetzung des I-B-A hat es in sich: Die Jugendlichen sollen in zwei Jahren nichts weniger, als sich die nötigen Kompetenzen zur Berufswahl erarbeiten. Und sie sollen lernen, wie man sich richtig – sprich: erfolgreich – bewirbt. Eine Eingliederung über die Berufswelt? Wie geht Integration? Marty setzt auf zweierlei: «Es braucht eine Mischung aus der Vermittlung von Fach- und Handlungskompetenzen sowie dem Eingehen auf den Einzelnen.» Die Sprache sei zwar die Grundlage, doch wäre damit längst nicht alles getan. Schliesslich könnten auch solche Leute integriert sein, welche die Sprache weniger gut beherrschten. Deshalb braucht es ebenso eine Integration in sozialer Hinsicht, erklärt Marty.

Deswegen sei die zum Spracherwerb knapp bemessene Zeit lediglich ein kleines Handicap. «Mehr als zwei Jahre bringt nichts. Die Jugendlichen müssen raus, in ein Umfeld, eine natürliche Umgebung, auch um die Sprache richtig gut zu beherrschen. Das funktioniert am besten mit einer Arbeitstätigkeit oder in einem Verein», erläutert der Schulleiter des I-B-A. Ihr oberstes Ziel bestehe folglich darin, zu vermitteln. «Wir bauen eine Brücke zur Arbeitswelt. Doch den Weg über die Brücke müssen die jungen Erwachsenen selber gehen.»

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