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Deshalb sieht der Baarer Bahnhof so rostig aus
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Der Baarer Bahnhof präsentiert sich nach zehn Jahren wie ein  Chamäleon: Die unterschiedlichen Rottöne sind so nicht geplant gewesen. Verwitterung und Sonnenstrahlung haben dies bewirkt. (Bild: woz)

Zum zehnjährigen Jubiläum gibts auch Neuerungen Deshalb sieht der Baarer Bahnhof so rostig aus

6 min Lesezeit 1 Kommentar 10.04.2018, 16:52 Uhr

Eigentlich sollte der Baarer Bahnhof ganz anders aussehen. Doch auch zehn Jahre nach seiner Fertigstellung sieht er immer noch sehr rostig aus. Und nicht nur das. Doch es gibt auch positive Neuerungen.

«Mir hat die Farbe des Baarer Bahnhofs leider noch nie gefallen». Das sagt nicht irgendeiner. Das sagt Paul Langenegger, Baars langjähriger CVP-Bauchef und Vize-Gemeindepräsident.

Jemand also, der sich mit den wichtigen Grossbauten in der 24’000-Einwohnergemeinde zumindest offiziell anfreunden können sollte. Doch der Baarer Bahnhof, der 2008 für rund 30 Millionen Franken gebaut wurde, ist ihm in dieser Hinsicht nach wie vor ein Dorn im Auge.

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«Für den Platz haben wir ja auch schon Auszeichnungen erhalten.»

Paul Langenegger, Baarer Bauchef

Dieses Stilurteil scheint umso trauriger, als ja der Bahnhofsvorplatz ansonsten bestens funktioniert und von der Baarer Bevölkerung als einziger lebendiger Platz in der Gemeinde bestens angenommen wird.

«Für den Bahnhofsplatz haben wir ja auch schon Auszeichnungen erhalten», bestätigt Langenegger. Kein Wunder. Mit dem Gotthard-Einkaufscenter, vielen Läden ringsum, Bänkli zum gemütlichen Verweilen und einem schönen Brunnen, aus dem es nicht nur an heissen Tagen wohlig plätschert, stösst bei vielen Baarern auf Gegenliebe. Ganz zu schweigen von der Fasnachtstribüne für die VIPs, die jedesmal dort am Fasnachtssonntag aufgebaut wird.

Ursprünglich war der Baarer Bahnhof in einem prägnanten Rotton geplant…

Ursprünglich war der Baarer Bahnhof in einem prägnanten Rotton geplant…

(Bild: zvg)

«Man kann hier in die Sonne blinzeln, lässig einen Kafi trinken und all die vielen Passanten beobachten – das macht Laune», sagt ein Baarer, der regelmässig Stammgast im Café ist. Die rostige Farbe am Bahnhofsgebäude macht auch ihm gar keine Freude. «Das sieht so passiv, so müde aus – das passt gar nicht zur regen und bunten Belebtheit des Platzes.» Sagts und nimmt einen kräftigen Schluck aus seiner Schale. 

Koloristisches Patchwork der fragwürdigen Art

In der Tat. Das Bahnhofsgebäude erstrahlt, besser: erbleicht in einem undefinierbaren Orange. Und nicht nur das. Der Rest der Bahnhofszeile, die im Prinzip im gleichen Farbton angestrichen sein soll, bietet inzwischen ein koloristisches Patchwork der fragwürdigen Art. Denn die ursprüngliche Einheit des Farbtons gilt längst nicht mehr: Die Ladenzeile «errötet» regelrecht angesichts des eigentlichen Bahnhofsgebäudes.

…dann wurde nicht zuletzt durch einen Künstler die Farbgebung in eine «Geleisepatina» umgewandelt.

…dann wurde nicht zuletzt durch einen Künstler die Farbgebung in eine «Geleisepatina» umgewandelt.

(Bild: zvg)

Doch warum ist das so? Und warum macht der ansonsten so moderne und dynamisch in die Länge gestreckte Baarer Bahnhof nach zehn Jahren immer noch so einen verrosteten Eindruck? Das 2004 bei einem Architektenwettbewerb mit dem ersten Preis ausgelobte Projekt heisst schliesslich ganz flott «Schnellzug».

«Die Farben wurden als Dreiklang abgestimmt.»

Veronika Weisner, PR-Verantwortliche des Zürcher Architekturbüros Gigon/Guyer

Im ursprünglichen Projektbeschrieb erstrahlte der Baarer Bahnhof nämlich noch in einem markanten Dunkelrot die Szenerie. Dadurch wirkt der geplante Bahnhofskomplex viel konturierter und profilierter. Doch dann kam alles anders.

Veronika Weisner vom Architekturbüro Annette Gigon/Mike Guyer – den beiden ausführenden Zürcher Architekten – versucht aufzuklären. «Die Farben wurden als Dreiklang abgestimmt. In der Realisierungsphase wurde das Farbkonzept in der Komposition der verschiedenen Teile weiterentwickelt und verfeinert», sagt die PR-Verantwortliche.

«Geleisefeldpatina»

Sprich: Die orangen Betonelemente am Bahnhofsgebäude, das Büros, Wohngebäude und Läden beherberge, seien in ein leuchtendes Rostrot getaucht, das Bezug nehme auf die Eisenoxidpigmente des Flugrosts auf den Gleisen. In der Bauausschreibung ist sogar explizit die Rede von einer «Geleisefeldpatina». So lässt sich also Rost veredeln! Ein ästhetisches Konzept, das offenbar keiner so richtig versteht.

Verwitterte Spiele des Lichts: Aufgrund von Wettereinflüssen und unterschiedlicher Sonneneinstrahlung haben die pigmentierten Betonelemente an der Fassade des Baarer Bahnhofs längst ihr wenig harmonisches Eigenleben entwickelt.

Verwitterte Spiele des Lichts: Aufgrund von Wettereinflüssen und unterschiedlicher Sonneneinstrahlung haben die pigmentierten Betonelemente an der Fassade des Baarer Bahnhofs längst ihr wenig harmonisches Eigenleben entwickelt.

(Bild: woz)

Die Fensterabsturzsicherung und Sonnenschutzlamellen der Gebäude ziere, so Weisner, dagegen ein hellgold anodisiertes Aluminium. Und die Untersicht des Perrondachs warte mit einer hellblau gestrichenen Holzplatte auf.

So weit, so programmatisch. Doch warum wird dieses konzeptionelle Kunterbunt nun noch durch ein nichtkonzeptionelles Kunterbunt der Rottöne auf die Spitze getrieben? Sind die Maler etwa beim Anstrich in der Farbtabelle verrutscht?

Verwittert und verbleicht

Wieder klärt das Zürcher Architekturbüro auf. «Die Betonelemente sind mit Farbpigmenten eingefärbt. Da Beton ein lebendiges Material ist, verändert es sich durch Witterung, Sonneneinstrahlung und Ausrichtung. Das heisst, auch gleiche Elemente können unterschiedlich altern», sagt Veronika Weisner. Mit anderen Worten: Der Baarer Bahnhof lebt, ist aber schon nach nur zehn Jahren farblich reichlich in die Jahre gekommen.

Farbspiele der gewollten und der nicht gewollten Art am Baarer Bahnhof.

Farbspiele der gewollten und der nicht gewollten Art am Baarer Bahnhof.

(Bild: woz)

Die Migros-Pensionskasse, die Eigentümerin des Baarer Bahnhofs, scheint sich an der exotischen Färbung der Bahnstation nicht zu stossen. Beziehungsweise hält sich in Stilfragen bedeckt.

«Das Objekt wurde von der Migros-Pensionskasse im Jahr 2005 schlüsselfertig erworben mit der heutigen Material- und Farbgestaltung. Mit dem Investment sind wir generell zufrieden», sagt Geschäftsleiter Christoph Ryter.

Der Kiosk im Baarer Bahnhof hat nun bis 22 Uhr geöffnet

Zehn Jahre ist der Baarer Bahnhof nun alt. Da hat sich manches verändert. Zwar ist der Baarer Bahnhof noch längst kein City-Bahnhof. Doch die Öffnungszeiten des Kiosks im Bahnhofsgebäude sind tatsächlich viel kundenfreundlicher geworden.

Der K Kiosk hat seit neuestem an Werktagen und am Sonntag bis 21.30 Uhr abends geöffnet, freitags und samstags nun sogar bis 22 Uhr. In dem Kiosk wird übrigens neben viel Reiseproviant auch internationale Presse verkauft – das gibt es sonst nirgendwo in Baar. Allerdings hört man auch Stimmen, die fordern, dass der Bahnhof in Baar – in einer Stadt mit 24’000 Einwohnern – noch länger aufhaben sollte.

41’500 Pendler in Zug, 8’800 in Baar

Doch die SBB relativieren. Wie der SBB-Mediensprecher Christian Ginsig gegenüber der «Zuger Zeitung» gesagt hat, ist die Bevölkerungsgrösse nicht immer ausschlaggebend für die Grösse eines Bahnhofs in der jeweiligen Gemeinde. «Dies kann von Standort zu Standort sehr unterschiedlich ausfallen.» Die Personenfrequenzen fürs Shopping und für die Zugbenutzer im Bahnhof Zug seien sechsmal so hoch wie am Bahnhof in Baar. In Zug sind es 41’500 reine Pendler und in Baar 8’800. «Grundsätzlich ergibt sich das Dienstleistungs- und Ladenangebot in den Bahnhöfen aus der Nachfrage und der zur Verfügung stehenden Flächen», führt der Mediensprecher aus.

Der Ladenmix in der Bahnhofszeile des Baarer Bahnhofs ist klein, aber ausgewogen: In diesem Gebäude befinden sich unter anderem das Restaurant BBQ, der Caritas-Markt, das Fitness-Center Mrs. Sporty, ein Coiffuregeschäft und ein Wohndekorationsladen. Der aktuelle Mietermix entspricht offenbar der Nachfrage, die seinerzeit nach diesen Flächen vorhanden war, wie die Migros-Penisonkasse wissen lässt.

Bald ein weiteres Gebäude mit zusätzlichen Läden?

Ein Gebiet, auf dem künftig ein Gewerbehaus mit weiteren Läden in Bahnhofsnähe entstehen könnte, ist der heutige Park-and-Rail-Platz, der sich auf der südlichen Seite auf Gleisniveau befindet. «Auf diesem Areal gibt es einen rechtskräftigen Bebauungsplan aus dem Jahr 1998. Wir klären zurzeit mit der Stadt, ob dieser überarbeitet werden soll», sagt SBB-Sprecher Ginsig. Seitens der SBB sei es denkbar, dort ein Geschäftsgebäude mit «attraktiven Bahnhofs-Öffnungszeiten» zu eröffnen.

Die Gemeinde Baar will allerdings im Auge behalten, dass der Bahnhofsplatz nicht der Dorfstrasse vollends die Attraktivität in Sachen Läden wegschnappt. Favorisiert werden auf dem Bahnhofsplatz von der Gemeinde deshalb zunächst mal weitere Velo-Parkplätze.

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1 Kommentare
  1. Adrian Hürlimann, 11.04.2018, 17:20 Uhr

    Lieber Wolfgang Holz, habt Ihr in Baar keine anderen Probleme? Die Farbgebung des Bahnhofs ist doch eine, die das Flair der Umgebung aufnimmt wie kein anderer Bahnhof, ist doch jedes Geleise jeder Bahnlinie von rostbrauner Farbe geprägt. Dies endlich mal aufzunehmen, ist doch originell. Rot wäre 08/15 gewesen. Im Baubeschrieb der Wettbewerbsgewinner Chignon/Guyer heisst es:
    “Die vorfabrizierten Betonelemente des Perrondachs bei Hauptgebäuden und Platz sind mit orangebraunen Eisenoxydpigmenten eingefärbt, in Anlehnung an die Geleisefeldpatina. Die Farbgestaltung wurde in Zusammenarbeit mit dem Künstler Adrian Schiess entwickelt.” Und der hat sich sehr wohl etwas überlegt.
    Gruss Adrian