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Der zweite grosse Entscheid im Leben eines Asylsuchenden
  • Gesellschaft
Archivbild: Zwei jugendliche Asylsuchende im Durchganszentrum Steinhausen. (Bild: azi )

Rückkehrhilfe erspart dem Kanton Zug viel Geld Der zweite grosse Entscheid im Leben eines Asylsuchenden

5 min Lesezeit 1 Kommentar 30.01.2017, 10:41 Uhr

Ausschaffungen kosten in der Regel Zehntausende von Franken – pro Person. Kein Wunder, haben die Kantone ein Interesse daran, Asylsuchenden eine Alternative zu bieten. Die Zuger Rückkehrhilfe für Asylsuchende ist ein Ein-Mann-Beratungsbetrieb. Wer ist der Mann, der Menschen bei ihrer ungewissen Zukunft berät?

Abgewiesene Asylsuchende auszuschaffen, kostet viel Geld. Und Nerven – auf allen Seiten (zentralplus berichtete). Dass es allerdings auch anders geht, zeigt ein Angebot des Kantons Zug. Die freiwillige Rückkehrhilfe für Flüchtlinge. Betrieben wird sie von der Caritas im Auftrag des kantonalen Amtes für Migration.

Wenn Andreas Ackermann grad ohne Badge vor der Sicherheitstüre steht und den Mitarbeitern im Inneren winkt, hat das nichts damit zu tun, dass er keinen hätte – er hat ihn einfach drinnen liegen lassen. «Ohne kommen Sie hier nicht rein», sagt er und hält die Türe auf. Ackermann ist seit fünf Jahren für die freiwillige Rückkehr von Asylsuchenden im Kanton Zug zuständig. Fast 100 Asylsuchende sitzen hier pro Jahr an seinem Tisch. Und wollen wissen, was ihre Möglichkeiten wären, wenn sie sich tatsächlich entscheiden würden. «Die Leute kommen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen zu mir», sagt Ackermann.

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Wer geht freiwillig zurück?

Da gibt es die, die den ganzen Asylprozess schon hinter sich haben – und einen negativen Entscheid bekommen. Diese müssen mit Zwangsmassnahmen durch die kantonalen Behörden rechnen, wenn sie sich nicht zu einer freiwilligen Ausreise entschliessen können. Oder die, die sich seit Jahren im Verfahren befinden und es nicht mehr aushalten. Oder Flüchtlinge aus Syrien, deren Familie in einem Auffanglager in einem anderen Land zurückgeblieben ist – und die mitten im Verfahren zurück müssen, weil deren Lage unerträglich geworden ist.

«Für alle diese Leute stellt sich die Frage, was sie nun mit ihrem Leben tun sollen.»

Andreas Ackermann

«Es gibt tragische Fälle», sagt Ackermann von der Caritas. «Und für alle diese Leute stellt sich die Frage, was sie nun mit ihrem Leben tun sollen. Das sind zwei grosse Momente im Leben: Zuerst der Entscheid, zu fliehen. Und dann die Frage: Soll man wieder zurück? Und wenn ja, was soll man dort tun?»

Ausschaffung kostet mehrere Zehntausend Franken

In diesen Fragen hilft Ackermann. Mit Beratung, aber auch finanziell. Kantone und der Bund, welcher die Rückkehrberatung im Kanton Zug vollständig finanziert, haben ein handfestes Interesse daran, dass Asylsuchende freiwillig nach Hause zurückkehren. Eine Ausschaffung kostet mehrere Zehntausend Franken. Wenn die Leute freiwillig zurückkehren, kostet das einen Bruchteil davon.

Und mit diesem Bruchteil lässt sich konstruktiv etwas bewerkstelligen. Den Rückkehrbereiten werden 1000 Franken in bar ausgehändigt, als Starthilfe. Zudem gibt es materielle Hilfe: 3000 Franken Budget hat Ackermann, um mit den freiwilligen Rückkehrern ein Projekt auf die Beine zu stellen. «Auch in der nicht westlichen Welt ist das keine grosse Summe, wenn man damit praktisch bei null anfangen muss. Aber es kann helfen, eine nachhaltige Einkommensquelle zu schaffen.»

Der Bund bezahlt, die internationale Organisation für Migration IOM händigt das Geld vor Ort aus – gegen Quittungen. «Es ist materielle Hilfe», sagt Ackermann, «nicht finanzielle. Das heisst: Wir kaufen damit zum Beispiel Mobiliar oder Werkzeuge für die Gründung einer Berufsmöglichkeit. Oder bezahlen eine Ausbildung. Einer der Rückkehrer hier aus Zug hat sich damit einen Container gekauft, wie sie auf Frachtschiffen verwendet werden. Und darin eine Autogarage eingerichtet, in Afghanistan. Das funktioniert offenbar.»

Vorher lag jedes Wort auf der Goldwaage

Ackermann versucht also mit Menschen eine neue Vision zu finden, die alles hinter sich gelassen hatten. Es sind aber nicht die grossen Träume, die Menschen zu Ackermann bringen. Stattdessen grosse Skepsis. Kein Wunder: Bis dahin lag jedes ihrer Worte auf der Waagschale – jede Bemerkung konnte den Asylprozess beeinflussen und gegen sie verwendet werden. Nun sollen sie plötzlich einer Organisation vertrauen, die ihnen Unterstützung anbieten will.

«Wir kommunizieren nicht, wer zu uns in die Beratung kommt. Wir müssen ja Vertrauen herstellen können.»

Andreas Ackermann

Gerade für Personen, die sich noch im Verfahren befinden, sei es schwierig, Vertrauen zu fassen, sagt Ackermann. Immerhin könnte nur schon die Beratung bei der Rückkehrhilfe als Geständnis aufgefasst werden – dafür, dass eine Heimreise möglich wäre. «Aber solange es keinen Entscheid der Personen gibt, dass sie tatsächlich zurückkehren wollen, herrscht natürlich Datenschutz – wir kommunizieren nicht, wer zu uns in die Beratung kommt. Wir müssen ja Vertrauen herstellen können», sagt Ackermann. «Es hilft auch, dass die Caritas ein unabhängiges Hilfswerk ist, das gibt einen Vertrauensbonus. Und mittlerweile kennen mich die Asylsuchenden hier in Zug relativ gut.»

Nur wenige kehren freiwillig zurück

Von der Beratung bis zum Entscheid ist es ein langer Weg. «Manchmal dauert eine Sitzung keine zwei Minuten, manchmal bis zu zwei Stunden. Und bis jemand sich schlussendlich für eine freiwillige Rückkehr entscheidet, kann es einige Beratunsgespräche brauchen.» Wenn überhaupt: Die Zahlen sind nicht sehr hoch – aber immerhin. 14 Personen sind 2016 freiwillig aus dem Kanton Zug in ihre Heimatländer zurückgekehrt.

Was sie in ihrer Heimat tatsächlich erwartet, weiss Ackermann nicht. «Das kann ich auch nicht beurteilen. Es ist ja jeweils der Entscheid einer erwachsenen und mündigen Person. Sie muss mit den Herausforderungen vor Ort fertig werden. Ich kann nur immer wieder fragen, ob sich die Personen im Klaren sind, was die Konsequenzen einer Rückkehr sein können.» Oft sei es schwierig, dort wieder einzusteigen. «Ihre Heimat hat sich in der Zwischenzeit auch verändert», sagt Ackermann.

Gestrandet zwischen da und dort

Schlimm sei die Situation besonders dann, wenn die Asylsuchenden gar keine Wahl hätten: «Es gibt Fälle, in denen die Asylsuchenden zwar ausgeschafft werden müssen, aber es gar nicht möglich ist, da ihre Herkunftsstaaten sie nicht einreisen lassen. Diese Personen stecken hier ohne Perspektive fest und können weder vor noch zurück.»

Zudem sind es nicht immer nur solche Asylsuchende, die keine Chance auf einen positiven Entscheid haben, die sich für eine Rückkehr entschliessen würden. «Es gibt auch Leute, die einen schweren Krankheitsfall in der Familie erleben – und dann zurück zu ihren Verwandten wollen, auch wenn sie sich damit gefährden», sagt Ackermann. «Dann ist es ihnen wichtiger, dass sie ihre Mutter oder ihren Vater noch einmal sehen. Auch wenn sie das natürlich vor grosse Probleme stellen kann.» Wie er damit umgeht, dass er die Leute in eine ungewisse Zukunft schickt? «Ich versuche, diesen Menschen eine möglichst umfassende Entscheidungsgrundlage zu vermitteln. Wenn das klappt, habe ich meine Aufgabe erfüllt. Aber letztlich ist es ihre Entscheidung, ob sie zurückkehren wollen.»

Andreas Ackermann versucht, mit Asylsuchenden Visionen zu entwickeln.

Andreas Ackermann versucht, mit Asylsuchenden Visionen zu entwickeln.

(Bild: zVg)

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1 Kommentare
  1. Boris Kerzenmacher, 01.02.2017, 18:03 Uhr

    Die europäischen Länder sollten sich langsam auf die Rückkehr ihrer StaatsbürgerInnen und islamischen KämpferInnen des Daesh (IS) vorbereiten. Für Westeuropa müssten dies etwa 5.000 aktive Daesh-Kämpfer und mehr als 10.000 ihrer islamistischen Familien-Angehörigen sein.
    Eine gewaltige soziale, ideologische und ökonomische Integrationsaufgabe mit den islamistischen RückkehrerInnen steht den europäischen Ländern und vor allem deren Bürgern noch bevor.