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Der weite Weg vom Statisten zum Polizeispitzel in «Moskau Einfach!»
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Via Berlin zurück in die Schweiz: der Luzerner Schauspieler Philippe Graber. (Bild: hae)

Zweite Hauptrolle für den Luzerner Philippe Graber Der weite Weg vom Statisten zum Polizeispitzel in «Moskau Einfach!»

5 min Lesezeit 22.01.2020, 20:00 Uhr

Philippe Graber war in jungen Jahren schon Statist am Luzerner Theater, seine Eltern führten ein Theaterrestaurant. Nach Lehrjahren in Berlin ist Graber jetzt zum zweiten Mal Film-Hauptdarsteller. «Moskau Einfach!», die Groteske um die Fichen-Affäre von Micha Lewinsky, ist ein Wurf und eröffnete die Solothurner Filmtage.

Es ist zwei Stunden nach der ersten Pressevisionierung des Filmes, der Luzerner Philippe Graber (44) gibt mit seiner Zürcher Produzentin Interviews, als Regisseur Micha Lewinsky anruft. Man hört Produzentin Anne-Catherine Lang stolz sagen: «Es war ein Erfolg, das Medieninteresse war gross. Und ja, Philippe hatte Tränen in den Augen.»

Das stimme so nicht ganz, sagt der Hauptdarsteller und winkt ab, «ich hatte was im Auge.» Doch das glaubt man ihm nicht. Philippe Graber ist zwar ein überzeugender Schauspieler, aber dermassen frech zu flunkern, das gelingt ihm nicht. «Wirklich?», fragt man ungläubig nach. Er lacht breit und macht nochmals eine wegwischende Handbewegung.

700’000 Personen fichiert

Flunkern im Film, das ist etwas anderes. Es liegt dem Luzerner. Philippe Graber mimt im Streifen «Moskau Einfach!» einen vorerst naiven Polizeispitzel. Der Dialektfilm besticht mit einer packenden Geschichte über den Fichenskandal von 1989. Rund 700’000 Personen und Institutionen wurden fichiert, das ergab rund 900’000 Fichen, so kam vor 30 Jahren ans Licht. Schweizer und Ausländer waren während des Kalten Krieges (1947 bis 1989) von Polizisten, Militärs und privaten Subversivenjägern in Karteien registriert oder gar überwacht worden.

«Fichen? Unsere Themen waren eher Fussball und Mädchen.»

Philippe Graber, Schauspieler aus Luzern

Philippe Graber war damals 14 Jahre alt, wie erlebte er das? «Ich habe die Fichen-Affäre nur am Rand mitbekommen, denn ich war politisch noch nicht sehr interessiert», erklärt er bei Espresso und Zigarette im Zürcher Hotel Josef. «Unsere Themen waren eher Fussball und Mädchen», ergänzt er und lacht erneut.

Dann kam aber schnell das Theater in das Leben des geborenen Luzerners. Seine Eltern waren ein stadtbekanntes Wirte-Ehepaar: Sie leiteten zehn Jahre lang das Kunst- und Kongresshaus Luzern mit mehreren hundert Angestellten, auch die Restauration der  gesamten Vierwaldstättersee-Schiffsflotte gehörte dazu. Nach dem Neubau übernahmen sie das Buobenmatt, das heute Ente heisst.

Philippe Graber erinnert sich: «Ich war gerne und oft in diesem Theaterrestaurant, das mit wunderschönen Requisiten ausgestattet war.» Parallel zu seiner Ausbildung als Detailhändler spielte er jahrelang Statist am Theater, das faszinierte ihn. Er wollte den Beruf des Akteurs riskieren, machte also die Schauspielschul-Prüfung.

Schweizer Filmpreis für «Der Freund»

Und er hatte Erfolg: Micha Lewinsky, Sohn des Autors Charles Lewinsky («Melnitz»), besetzte Philippe Graber 2008 in seinem bejubelten Debütfilm «Der Freund» in der Hauptrolle, Sophie Hunger lieferte die Musik. Der Luzerner überzeugte, der Film gewann den Zürcher und den Schweizer Filmpreis.

In «Der Freund» geht es um schüchterne Liebe und Suizid, Philippe Graber spielte einen Aussenseiter. Es ist eine Rolle, die ihm liegt: Auch im neuen «Moskau Einfach!» ist Graber ein Aussenseiter, der zum Helden wider Willen wird. Vielleicht treibt ihn auch die Emotion dahin, denn er verliebt sich in die Hauptdarstellerin eines Theaterensembles. Sie wird gespielt von Miriam Stein, der Tochter vom Schweizer ARD-Moderator Max Moor («Titel, Thesen, Temperamente»). Die Figur Viktor, die Graber spielt (siehe Box), entwickelt sich zusehends, macht eine politische Wandlung durch und sorgt im Film für interessante und überraschende Wendungen.

«Ich wollte eigene Sachen machen, selbst kreativ sein, nicht nur ausführen.»

Ganz unterschiedliche Temperamente verkörperte Philippe Graber über all die Jahre: Zuerst arbeitete er am Berliner Ensemble, also quasi in der Theaterhauptstadt des deutschsprachigen Raumes, wo er seit 2000 vier Jahre lang lebte. Er merkte schnell, dass das nichts für ihn war. «Ich wollte eigene Sachen machen, selbst kreativ sein, nicht nur ausführen.»

Als er 2004 in die Schweiz zurückkam, kannte ihn niemand. «Ich musste mir alles aufbauen. Das war nicht einfach.» Philippe Graber rutschte in die freie Zürcher Theaterszene, trat auf diversen Stadttheaterbühnen auf. 2005 erschien die deutsche Filmkomödie «NVA» von Leander Haussmann, in dem er neben Detlev Buck spielte. Und dann «Der Freund». Graber: «Ich dachte, das ist jetzt der Startschuss für meine Karriere.» So war es auch. 

Graber hatte daneben auch Familienpläne, seine Partnerin ist Ärztin, sie haben gemeinsam drei Kinder. «So ist das Risiko meines relativ unsicheren Berufes etwas abgefedert», sagt er.

Philippe Graber mit Produzentin Anne-Catherine Lang. (Bild: hae)
«Moskau Einfach!» von Micha Lewinsky

Herbst 1989: Während in Berlin bald die Mauer fällt, überwacht in der Schweiz die Geheimpolizei Hunderttausende. Viktor (Philippe Graber), ein braver Polizeibeamter, wird verdeckt ins Zürcher Schauspielhaus eingeschleust, um Informationen über linke Theaterleute zu sammeln. Als er sich in die Schauspielerin Odile (Miriam Stein) verliebt, jene Person die er eigentlich observieren soll, gibt es kein Zurück mehr: Er muss sich entscheiden zwischen seinem Auftrag und seinem Herzen.

Und mehr noch, sein Aufstieg ging weiter: Im Fantasy-Film «Der Polder» von 2016 schickte Philippe Graber seine Zuschauer in eine Welt aus digitalen Nebenwelten, es war eine gelungene Verwischung von Realität und Game-Welt, die mit dem «Méliès d’Argentin Trieste» als bester europäischer Science-Fiction-Film ausgezeichnet wurde. Er spielte in der Comicverfilmung «Papa Moll» und anschliessend an der Seite von Beat Schlatter den Flitzer im gleichnamigen Film «Flitzer». 

Und jetzt also «Moskau Einfach!» von Micha Lewinsky. Im gross angelegten Werk mit 4,5 Millionen Franken Budget wirkt Philippe Graber vorerst eher verschupft. Ist er so? «Er wirkt ein bisschen kompliziert – das spielt Philippe sehr schön, ist es aber privat nicht», weiss seine Produzentin Anne-Catherine Lang.

Den Chef der Polizeiabteilung gibt Mike Müller, und auch der überrascht. Anne-Catherine Lang sagt: «Bei Müller werden andere Seiten und Facetten sichtbar, das war bewusst unser Ziel. Auch für ihn war es eine Herausforderung, und überdies eine Kunst der Regie, den harten und aalglatten Chef aus dem vorwiegend für seine komischen Seiten bekannten Müller herauszukitzeln.»

Philippe Graber mit Schauspielerin Miriam Stein. (Bild: zvg)

Das Werk war am Mittwochabend Eröffnungsfilm in Solothurn, es kommt dann am 13. Februar in die regionalen Kinos. Anne-Catherine Lang: «Ein Eröffnungsfilm mit politischem Hintergrund passt immer gut an die Solothurner Filmtage – es ist ja nicht nur Komödie, sondern für unser Staatswesen ebenfalls wichtig.» Auch wenn viele U-40-Jährige noch nicht von Fichen gehört haben: Der Film wird Diskussionen anfachen. Denn die Fichenaffäre reicht gar in unsere Moderne. Produzentin Lang erklärt: «Was machen wir denn heute? Mit Handy und auf sozialen Medien fichieren wir uns selber freiwillig!»

Dagegen achtet Philippe Graber darauf, nicht zu viele Spuren zu hinterlassen: Er vermeidet die Nutzung sozialer Netzwerke. Spuren will er auch in Zukunft lieber in starken Filmen hinterlassen.

So präsentiert sich der Trailer des Filmes «Moskau Einfach!»:

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