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Der verspielte Businesstempel mit den falschen Säulen
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Eine Art Tempel: Das «Euro Business Center» in Rotkreuz. Eigentlich waren mehrere Gebäude geplant – wie der Name «Euro1» impliziert. (Bild: woz)

Das «Euro1»-Gebäude in Rotkreuz Der verspielte Businesstempel mit den falschen Säulen

4 min Lesezeit 1 Kommentar 28.05.2018, 10:47 Uhr

Jedem, der nach Rotkreuz fährt, ist das klotzige Gebäude schon aufgefallen: das «Euro1» beziehungsweise das «Euro Business Center», wie es offiziell heisst. Das Haus mit spezieller Architektur steht allein auf weiter Flur. Dabei war es einmal als Teil eines grossen Investitionsprojekts geplant.

Heutzutage boomt Rotkreuz in der Suurstoffi – wo Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden schiessen. Dabei wollte man die Gemeinde Risch schon vor 20 Jahren mit einer gigantischen Überbauung am Ortseingang in die wirtschaftliche Zukunft katapultieren. Von diesem Projekt ist indes nur ein Torso realisiert worden – ein riesiger Klotz mit einer sehr gewöhnungsbedürftigen Architektur. Das «Euro1».

Schwedisches Architekturbüro und polnischer Architekt

«Gemäss Projektplänen und Modellen waren in einer Gesamtüberbauung insgesamt acht Gebäude geplant gewesen», erklärt Stefan Leberzammer, Niederlassungsleiter der Immobilienbewirtschafterin Arlewo AG in Nidwalden – vom Immobilienunternehmen, das sich seit 2009 um das Management des «Euro Business Center» in Rotkreuz kümmert. Das Gebäude selbst ist im Besitz der Z-Immobilien AG. Im Rahmen der genannten Gesamtüberbauung wurde aber zunächst nur ein Gebäude realisiert. Dabei blieb es. Daher auch der Name «Euro1».

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Peter Brusa, einst ausführender Zuger Architekt des «Euro1», weiss mehr über die Gründe. Das Projekt, das Ende der 80er-Jahre konzipiert wurde, hat nämlich ein schwedisches Architekturbüro aus Stockholm entworfen. Der eigentliche Architekt des pompösen Businessprojekts aus wie gesagt acht Häusern, die alle um einen Innenhof stehen sollten, ergänzt durch Restaurants, kleine Läden und eventuell ein Hotel, ist ein Pole namens Roman Wozniak.

Respekteinflössend: der monumentale Eingang mit Säulen und Rotunde.

Respekteinflössend: der monumentale Eingang mit Säulen und Rotunde.

(Bild: woz)

«Dadurch, dass das Gebäude so gross und allein in der Landschaft steht, wirkt das Haus irgendwie fremd und verloren», so Brusa. Es habe letztlich eben zu wenig Interessenten gegeben, um neben «Euro1» weitere Gebäude (Euro2, Euro3 usw.) zu errichten.

Jahre später haben sich das Areal in Rotkreuz, auf dem dieses Business Center geplant war, dann andere Investoren gekrallt. Die Porsche Schweiz Headquarters residieren mittlerweile dort. Und die noch freie grüne Wiese gehört bekanntlich Roche Diagnostics International als strategische Reserve (zentralplus berichtete).

«Der aktuelle Vermietungsstand ist zufriedenstellend. Die momentanen Leerflächen entsprechen der normalen Mieterfluktuation.»

Stefan Leberzammer, Arlewo

Wer das «Euro1» in Augenschein nimmt, dem fällt auf, dass Büros im Innern leer stehen. Ausserdem ist nicht zu übersehen, dass zahlreiche Briefkastenfirmen im «Euro1» beheimatet sind. «Zurzeit werden verschiedene Büroflächen modernisiert und für neue Mieter vorbereitet, daher der Leerstand. Der heutige Vermietungsstand wird als gut bezeichnet, zahlreiche Mietanfragen liegen uns vor. Die aktuellen Leerflächen entsprechen einer normalen Mieterfluktuation», erklärt Leberzammer.

Fast wie ein antiker Tempel

Eigentlich sieht dieses Haus an der Blegistrasse in Rotkreuz ein bisschen wie der moderne Bruder eines griechisch-antiken Tempels aus. Säulen auf den rotbeigen Klinkerfassaden verleihen dem Gebäude eine noble Note.

Säulen, die aber keine echten Kolumnen sind, sondern lediglich imitierte. Vorkragende Wände einfach, die am oberen Ende mit jeweils drei roten Fliesenbändern verziert sind – so wie es in der Antike noch etwas stilvoller die dorischen, ionischen oder korinthischen Kapitelle waren.

Architektonische Vielfalt in der Boomtown Rotkreuz: vorne die Porsche-Headquarters, hinten das «Euro1».

Architektonische Vielfalt in der Boomtown Rotkreuz: vorne die Porsche-Headquarters, hinten das «Euro1».

(Bild: woz)

An die Idee eines antiken Tempels erinnert auch die serielle Anordnung der vielen kleinen Fenster über den Fake-Säulen – die dadurch wie ein Tempelfries wirken. Das «Zitieren» antiker architektonischer Details ist gewollt. Denn das «Euro1»-Haus ist im postmodernen Stil gebaut – einem Stil, der gerne Details und Formen aus anderen architektonischen Epochen aufnimmt und sie neu kombiniert. Eine architektonische Spielwiese quasi.

Diese Art von Architektur entstand – ausgehend von den Ideen der Postmoderne – zuerst in den 1960er-Jahren in den USA und erlangte in den 1980er-Jahren vornehmlich in westlichen Ländern grosse Bedeutung. Berühmte Vorbilder dieser Architektur sind beispielsweise das ehemalige AT&T-Building in New York von Philip Johnson aus dem Jahr 1984. Oder die Stuttgarter Staatsgalerie von James Stirling, ebenfalls anno 1984.

Metalli-Mall: Hauptvertreter der Postmoderne in Zug

In Zug ist die Postmoderne erst etwas später eingetroffen – mit dem riesigen Zuger Metalli-Einkaufszentrum etwa. Die erste Etappe des heutigen Einkaufszentrums mit dem hellbraunen und dekorativen Travertin-Stein an der Fassade wurde 1987 eröffnet – vollendet 1995. Das «Euro1» in Rotkreuz wurde 1993 fertiggestellt. Beide Gebäude wollen der Geschäftemacherei in stilvollem Ambiente huldigen – durch das Spiel mit den Symbolen klassischer Formen. Das gelingt nicht immer gleichermassen.

Das Einkaufszentrum Metalli – der andere grosse Vertreter des postmodernen Architekturstils in Zug. An den Fassaden ist der Travertin-Kalkstein zu sehen.

Das Einkaufszentrum Metalli – der andere grosse Vertreter des postmodernen Architekturstils in Zug. An den Fassaden ist der Travertin-Kalkstein zu sehen.

(Bild: zvg)

Denn das Wohn- und Geschäftshaus des «Euro Business Center» in Rotkreuz wirkt nicht ganz so edel konzipiert wie die Zuger Metalli-Mall – es ist aussen lediglich verklinkert.

«Verspielt und etwas beliebig»

Dass sich postmoderne Architektur in Zug generell nicht so durchsetzen konnte, führt er darauf zurück, dass Schweizer Architekten eher klare Linien bevorzugen und sehr qualitätsbewusst sind.

«Die Fassade des Gebäudes ist eben etwas beliebig und verspielt, aber insgesamt von sauberer Qualität», würdigt Peter Brusa den Euro-Bau.

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1 Kommentare
  1. Beat Leu, 29.05.2018, 16:30 Uhr

    Hätten wir mehr solche Architektur, gäbe die verbaute Schweiz ein sehenswerteres Bild ab. Das danebenstehende Porsche-Gebäude ist gegenteilig ein abweisendes Bau-Ding. Fort Nox der Architektur. Abweisend total, fensterlos, blendende Aussenhülle, Schutzschild vor irgendeiner Bedrohlichkeit. Was den Anblick des Euro 1 Gebäudes vermiest ist der unpassende bucklige Dachaufbau. Das erwähnte AT&T Building New York ist (und bleibt) Architektur vom Feinsten.

    Beat Leu