«Der Vergewaltiger bist du!» – lautstarker Protest gegen Gewalt
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Um die 100 Frauen haben sich am Flashmob beteiligt.

Flashmob am Luzerner Bahnhofplatz «Der Vergewaltiger bist du!» – lautstarker Protest gegen Gewalt

4 min Lesezeit 14 Kommentare 08.03.2020, 18:45 Uhr

Mit schwarzen Augenbinden haben an diesem Sonntag Dutzende Frauen am Luzerner Bahnhofplatz geschrien und getanzt. Ein Flashmob, der es in sich hatte.

Ein Aufschrei. Emotional. Laut. Prägnant. Wütend. Dutzende Frauen stehen am Luzerner Bahnhofsplatz, ihre Augen bedeckt mit einer dunklen Augenbinde. Rhythmische Paukenschläge ertönen. Die Frauen werden lauter und lauter, tanzen aus ihren Reihen: «Der Vergewaltiger bist du!»

Ein Statement, das Frauen weltweit schreien: «El violador eres tú.» Initiiert haben den Flashmob, eine Art feministischen Tanz, Frauen aus Valparaíso in Chile. Damit wollen sie auf Femizide aufmerksam machen: Morde, die gezielt an Frauen verübt werden. Missbrauch. Vergewaltigung. Sie kritisieren den Unterdrückungsstaat, nehmen Justiz, Politik und Staat in die Pflicht.

Der Protestsong geht um die Welt. Und hat nun auch Luzern erreicht. «Und die Schuld war nicht bei mir, wo ich war oder was ich trug!», singen die Frauen. «Unser Staat, der unterdrückt, ist ein Macho, der missbraucht.»

Einmal wieder laut sein

Nach dem grossen Aufschrei am 14. Juni 2019 blieb das Komitee des Luzerner Frauenstreiks aktiv. Die Aktivistinnen reichten eine Petition ein und forderten, dass die tatsächliche Gleichstellung ins Legislaturprogramm aufgenommen wird. Arbeitsgruppen formierten sich, weitere Events fanden statt – doch alle im leisen Rahmen. «Für den Weltfrauentag wollten wir eine Aktion, an der wir alle wieder einmal laut sein dürfen», sagt Kathrina Mehr, die beim Frauenstreik Luzern aktiv und für die Aktion am Weltfrauentag verantwortlich ist.

So sah der Flashmob aus:

Wenn Opfer kriminalisiert werden

Auch in Luzern sei die Kriminalisierung von Opfern ein Thema. Kathrina Mehr spricht den Gerichtsfall an, in dem einem Taxifahrer vorgeworfen wurde, eine junge Frau im Auto begrapscht zu haben. Vor dem Luzerner Kantonsgericht wurde die Frau gefragt, wie lang ihr Rock und wie tief ihr Ausschnitt war (zentralplus berichtete).

«Egal, wie kurz ein Rock ist, den eine Frau trägt – das ist noch längst kein Freipass für sexuelle Belästigung.»

Kathrina Mehr, Frauenstreik Luzern

«Egal, wie kurz ein Rock ist, den eine Frau trägt – das ist noch längst kein Freipass für sexuelle Belästigung», sagt Kathrina Mehr. Am Frauenstreik hätten viele Frauen von ihren eigenen Erfahrungen mit sexueller Belästigung erzählt. Dass sie im Ausgang beispielsweise angefasst werden, ohne dass sie die Erlaubnis dafür gegeben haben. «Selber habe ich das leider auch schon öfters erlebt.»

Kathrina und Miriam haben den Flashmob organisiert. (Bild: ida)

Von einem guten Freund vergewaltigt? «Keine Seltenheit»

Dass eine Frau Nein sagt, das Gegenüber dies aber nicht kapiere – unterschwellig würden das viele Frauen erleben, sagt die 30-jährige Kathrina Mehr. Sie erzählt von einer Bekannten, die mit einem Freund ausging und dann bei ihm übernachtete, da sie nicht mehr nach Hause kam. Sie habe ihm von Beginn an klargemacht, dass nichts laufen werde – er aber habe dermassen Druck auf sie ausgeübt, sie wollte es «einfach hinter sich bringen».

«Das ist keine Seltenheit», sagt Kathrina Mehr. Und spricht den Fall der Aargauerin Morena Diaz an, die Anfang Jahr ihr Schweigen brach: Sie wurde «von einem guten Freund» vergewaltigt.

Auch ein Vergewaltigungsopfer brach das Schweigen

«Wir wollen einstehen für alle Frauen, die sexuelle Belästigung und Missbrauch erlebt haben», sagt Kathrina Mehr. So stand auch bei den anschliessenden Reden eine Frau hin, die selbst Opfer einer Vergewaltigung wurde. Erst zwölf Jahre später hatte sie die Kraft, eine Anzeige zu erstatten. Doch es war zu spät.

Der Flashmob soll aber nicht nur die Täter anklagen, sondern auch die Justiz und den Staat. Auf Gesetzesebene müsste ebenfalls noch einiges gehen, sagt Mehr. Als Vergewaltigung gilt nur, wenn Gewalt angewendet wird. Viele Opfer fallen jedoch in eine Schockstarre, können sich nicht mehr wehren. Viele Fälle fallen somit unter sexuelle Nötigung. Die Debatte über eine Anpassung des Sexualstrafrechts in diesem Punkt sind auf politischer Ebene angelaufen.

Frauen mit Migrationshintergrund hielten am Sonntag eine Rede, berichteten von ihren Erfahrungen. So auch SP-Stadtratskandidatin Judith Dörflinger. Gleichstellung sei noch lange nicht erreicht, sagte sie. Und erwähnte eine Studie des Weltwirtschaftsforums WEF, gemäss der es im jetzigen Tempo global noch über 200 Jahre dauere, bis Frauen im Arbeitsmarkt dieselben Chancen, Jobs und Löhne hätten wie ihre Kollegen. «Solange warten will ich nicht», sagte Dörflinger.

So sah es am Flashmob in Buenos Aires aus:

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14 Kommentare
  1. Cyrill Studer Korevaar, 11.03.2020, 13:05 Uhr

    @ Ram Dass. Danke für die Erläuterungen. Sie scheinen sich vor allem an der Art/ Wortwahl des Protestes zu stören. Mein Kommentar vom Montag klammerte diese aus, trotzdem habe ich selbstverständlich eine Meinung dazu: Der Titel des Zentralplus-Artikels störte auch mich. Der Text und die beiden Videos erläuterten mir dann aber den Kontext: Ausdruck einer globalen Bewegung, welche in Südamerika ihren Anfang nahm, mit der Botschaft: ‘Die belästigende Person ist vollumfänglich verantwortlich – nicht das Opfer’. Hinter dieser Aussage stehe ich voll und ganz.
    Bisher hielt ich mich für fortschrittlich-aufgeschlossen gegenüber Frauenanliegen. Die wiedererstarkte Frauenbewegung hat mir aber eigene blinde Flecken aufgezeigt. Zwei Beispiele: Der sehr gute Artikel von Katja Fischer De Santi am 07.03.20 in der LZ (Willst du mit mir schlafen?), welche für ein «Ja heisst Ja» plädiert. Sie geht dabei auch auf meine Generation ein (Jahrgang 1972), dass «der Mann die Frau erobern muss, dass die Frau sich zieren muss». Im Prinzip, dass eine gewisse Zudringlichkeit auch mal dazugehörte. Das kommt mir aus meinem damaligen Teenager-Umfeld durchaus bekannt vor und ich erachte es heute als falsch. Aber auch der Artikel eine Woche zuvor (LZ, 29.02.20 – Gelähmt, wie im schlimmsten Alptraum) über die ‘Schockstarre’ von Frauen bei sexuellen Übergriffen. Sozusagen ein Totstellreflex, ein ‘Nicht-Fühlen-müssen’ (wenn ich mich selbst nicht mehr fühle, bin ich nicht da, also kann mir nichts geschehen). Eigentlich schon längst bekannt und ausgiebig erforscht. Aber, wird in etlichen Vergewaltigungsprozessen immer noch weitgehend ignoriert – für mich klar ein Skandal. Und wenn wir gleich bei lesenswerten Artikeln sind: Wochenzeitung WoZ vom 05.03.20, Interview mit der Sexarbeiterin Salomé Balthus welche von der Weltwoche vorgeführt wurde und sich nun sehr treffend zu unverbesserlichen Machos der alten Schule äussert.
    Die aktuelle Frauenbewegung stösst wichtige Themen an. Für mich ist die Debatte eng verbunden mit der Akzeptanz nichtheterosexueller Personen. Wenn ich mir die bewegende Coming Out-Geschichte von Schwinger Curdin Orlik vor Augen führe (Das Magazin, 07.03.20), sehe ich auch meine Generation abgebildet, welche damals oftmals unwissend-fehlerhaft mit diesen Leuten umging. In dem Sinne: Bringen wir Männer uns selbstkritisch-konstruktiv in die Diskussion ein.

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  2. Cyrill Studer Korevaar, 10.03.2020, 14:03 Uhr

    @ Herr oder Frau Ram Dass: Sagen Sie mir, mit welchem Teil oder Teilen meines Kommentars Sie Mühe haben und ich gehe gerne darauf ein.

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    1. Ram Dass, 11.03.2020, 07:01 Uhr

      @Studer Korevaar: Das werde ich Ihnen sehr gerne erläutern! Die Sozialdemokraten sollten m.E. nach für gesellschaftliche Kohäsion zwischen den verschiedenen Gesellschaftsakteuren einstehen und nicht noch deren Spaltung unterstützen, fördern und gutheissen. Vergewaltigung ist ein Straftatbestand in unserer Rechtsordnung. Dem gesellschaftlichen Problem wurde also durch die Gesetzgebung würdigend Rechnungen getragen. Als Politiker, gerade aus dem sozialdemokratischen Spektrum, haben Sie eine höhere Verantwortung zu tragen, als sie der/die gemeine BürgerIn inne hat. Nun unterstützen Sie hier aber ganz offensichtlich eine Art Blanko-Generalanklage gegen alle männlichen Mitglieder der Gesellschaft – der Aufruf «der Vergewaltiger bist du!» ist ja absichtlich indifferent und vage gehalten, dass er im Grunde gegen jeden jederzeit (auch als unstatthaftes Druckmittel gegen solche, die sich korrekt verhalten und sich nichts zu Schulden hat kommen lassen – also eine absolut erdrückende Mehrheit! Also eine Art Sippenhaft – ist keine Prämisse mehr in unserer Rechtsordnung und das absolut zu recht!) in boshafter, manipulativer und spaltender Manier angewendet werden kann. Finden Sie das differenziert? Finden Sie das reflektiert? Finden Sie das förderlich? Ich sehe dahinter viel eher ein Verhalten, dass die Gesellschaft weiter (nach neoliberalen Grundsätzen) atomisiert. Um es in Worten zu vermelden, die Ihnen ideologisch möglicherweise nahe stehen auszusprechen: Der militante, extreme, stalinistische Flügel der Sozialdemokraten sprich Antifa würde im Rahmen einer solchen Dialektik mit Sicherheit von Hetze sprechen!! Ich tue es ihnen hier gleich und werfe Ihnen in diesem Kontext dasselbe vor. Das ist nicht nur undemokratisch, dass ist verwerflich und gesellschaftspolitisch längerfristig gefährlich. Deshalb vermeide ich es, Ihnen meine Stimme zu geben! Bleiben Sie doch bei Ihrer Kernkompetenz «wohnen», dort erzielen Sie nämlich wertvollere Resultate für breite Bevölkerungsschichten!! Ihnen einen schönen Tag!

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    2. Cyrill Studer Korevaar, 11.03.2020, 08:41 Uhr

      Besten Dank, Herr oder Frau Ram Dass. Damit kann ich etwas anfangen. Gerne gehe ich dann in meiner Mittagspause darauf ein.

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  3. Hugo Ball, 10.03.2020, 09:50 Uhr

    Ich schlage vor, dass wir Reservate im Sinne einer strikten Geschlechtertrennung einführen: Eines nur für Frauen (die Guten), eines nur für Männer (die Schlechten), eines für alle, die sich weder Frau noch Mann zugehörig (die Indifferenten) fühlen und eines indem einfach weiterhin alle so zusammenleben, wie aktuell (aka Staat). Dann ist Wahlfreiheit garantiert, niemand wird mehr belästigt, das Frauenreservat wird zu noch einer nie dagewesenen Blüte gelangen und die soziopathischen Spaltpilze der Gesellschaft wären endlich zufrieden und könnten sich Neuem zuwenden!

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  4. Jana Avanzini, 09.03.2020, 17:07 Uhr

    @Alois Iten: Jede zweite Woche wird in der Schweiz eine Frau von einem Mann getötet, es kommt täglich zu sexuellen Übergriffen und Belästigung. Wer dabei von Einzelfällen spricht, der ignoriert ein strukturelles Problem.

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    1. Alois Iten, 09.03.2020, 18:42 Uhr

      @Jana Avazini: Mit dem Differenzieren ist es so eine Sache. Das Bundesamt für Statistik, auf das Sie sich vermutlich berufen, schreibt tatsächlich, dass alle zwei Wochen eine Person infolge häuslicher Gewalt stirbt. Das sind aber nicht nur Frauen, darin enthalten sind auch 25,4% Männer und 12% Kinder. Nachzulesen hier: https://www.ebg.admin.ch/ebg/de/home/themen/haeusliche-gewalt/statistik.html
      Wo ich Ihnen zustimme: Dass es keine Einzelfälle sind (war mir so nicht bewusst) und dass jeder Tote / jede Tote eine zu viel ist.

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  5. Glen, 09.03.2020, 09:03 Uhr

    Es macht es nicht besser, scheint mir aber doch noch wichtig: Beim Taxifahrer-Prozess wurde die Frage nach der Tiefe des Ausschnitts und der Rocklänge von einer Richterin – nicht von einem Richter – gestellt.

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  6. Michel Ebinger, 08.03.2020, 19:29 Uhr

    Ja, Ja, wir Männer sind Schweine und alle potentielle Vergewaltiger , wenn ihr Frauen glaubt, so weiter zu kommen, dann kann ich Euch nur bedauern, ihr verliert mit Eurem Vorgehen das Wenige was ihr erreicht habt

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    1. Kathrina Mehr, 08.03.2020, 23:49 Uhr

      Guten Tag Herr Ebinger, ich bin nicht der Meinung, dass alle Männer Schweine sind und ich bedauere es, wenn Sie das so aufgenommen haben. Im Artikel ist nur von den Tätern die Rede und nicht von Männern im Generellen oder dass alle Männer Täter sind. Natürlich sind wir offen für Vorschläge bezüglich unserem Vorgehen. Was sollten wir denn Ihrer Meinung nach besser machen?

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    2. Cyrill Studer Korevaar, 09.03.2020, 06:55 Uhr

      Nein, Herr Michel Ebinger: im Artikel behauptet niemand, dass wir Männer alles Schweine sind und potentielle Vergewaltiger. Stattdessen werden heutige Realitäten geschildert. Und Ihre Reaktion? Bleibt still, sonst zurück an den Herd und weiss sonst noch was. Zielführend? Kaum. Ihr Kommentar zeigt viel mehr, wie bitter nötig die Bewegung ist.
      Cyrill Studer Korevaar

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    3. Fabian Kremser, 09.03.2020, 07:25 Uhr

      Wow. Um 18:45 ging der Artikel online, um 19:29 der erste Kommentar – von einem Mann und mit kaum verhohlener Aggression. «Wenn ihr Frauen glaubt, so weiter zu kommen, kann ich euch nur bedauern».
      …Ist das nicht haargenau das, worum es geht?

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    4. Alois Iten, 09.03.2020, 12:07 Uhr

      @ Katharina Mehr: Differenzieren vielleicht. Wie viele Täter sind es tatsächlich pro Jahr, und wie viele Männer gibt es? Dann wird auch klarer, dass es nicht um ein Kollektiv geht, sondern dass es sich bei aller Tragik um Einzelfälle geht.

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    5. Ram Dass, 10.03.2020, 11:16 Uhr

      Korevaar war schon auf meinem Wahlzettel für den grossen Stadtrat! Merken: Streichen!!

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