Der unbekannte Meister – ganz nah
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Pravoslav Sovak, Walls VII – UN Plaza, 1991 (Bild: Pravoslav Sovak)

Retrospektive von Pravoslav Sovak Der unbekannte Meister – ganz nah

4 min Lesezeit 26.03.2016, 11:30 Uhr

Im Kunsthaus Zug ist einer zu Gast, der viel zu lange unbeachtet blieb. Der tschechische Künstler Pravoslav Sovak wohnt in Hergiswil und gibt erstmals einen umfassenden Einblick in sein Lebenswerk: eine Reise zwischen den Welten.

«Eyes» heisst eine Arbeit des Künstlers Sovak aus dem Jahr 1964. Man sieht eine Augenpartie, verschwommene Menschensilhouetten, eine quadratische Fläche mit Bildpunkten und rätselhafte Tafeln. Ein Aquarell, das wie viele andere seiner Werke an die geheimnisvollen Kupferstiche Albrecht Dürers denken lässt, an denen sich bis heute die kunsthistorischen Geister scheiden. An einer einfachen Entschlüsselung ist Sovak nicht interessiert, er lässt lieber vieles ungesagt.

Dafür ist das Sehen für den Künstler umso wichtiger. Seiner Ansicht nach, habe sich der Sehprozess in den letzten Jahrzehnten verändert und sei aufgrund der neuen Impulse aus unserer Umwelt, wie den Medien, viel differenzierter geworden. Allen optischen Eindrücken liege eine Struktur zugrunde. Deshalb überzieht er seine Graphiken mit Rastern, die sich nicht selten gegenseitig durchdringen.

Lange Zeit unbemerkt

So wichtig das Sehen in seiner Arbeit ist, so verwunderlich ist es, dass Pravoslav Sovaks Schaffen lange Zeit in der Schweiz unsichtbar geblieben ist. Seine Arbeiten hängen in den grossen Museen der Welt, wie dem Museum of Modern Art in New York und der Albertina in Wien. Das Kunsthaus Zug widmet dem Künstler nun die erste umfassende Museumretrospektive in der Schweiz mit rund 250 Arbeiten.

Geboren in der böhmischen Kleinstadt Vysoké Mýto hatte Sovak das Glück, in einer Familie aufzuwachsen, die früh sein Kunsttalent erkannte und förderte. In seiner Jugend erlebt er, wie Hitler das Protektorat Böhmen und Mähren errichtet und wie später die Kommunisten an die Macht gelangen. Als 1968 die Panzer des Warschauer Paktes dem Prager Frühling ein Ende bereiten, feiert der inzwischen 42-jährige Künstler bereits erste internationale Erfolge. Vor dem Hintergrund der politischen Unruhen beschliesst er wie viele tschechische Künstler seiner Generation auszuwandern, und findet ein neues Zuhause in der Schweiz. Seit 1979 lebt er in Hergiswil.  

Eine Reise zwischen zwei Welten

Der Rundgang durch das Museum ähnelt einer Lebensreise von der Nähe in die Ferne, von der Wüste in die Stadt, von politischen Geschehen zu inneren Fantasiewelten.

Sovaks frühen kubistischen Malereien aus den 1940er-Jahren lassen erkennen, woher sein Interesse für die Zergliederung und Strukturierung der Oberflächen stammt, das er später auch in seinen Druckgrafiken anwenden wird. Bereits hier konzentrierte er sich auf die horizontalen und vertikalen Akzente der Gebäudefassaden. Prag, Paris, New York ­– das Thema Stadt begleitet ihn viele Jahrzehnte hindurch. In den 1960er-Jahren setzte er sich in seiner grafischen Arbeit mit der gewaltsamen Niederschlagung des «Prager Frühling» auseinander, später folgen Eindrücke aus seinen Reisen in die USA, vor allem den Erfahrungen der Wüsten Arizonas.

«Die Welt ist nicht ein Spiegel seiner Seele. Es ist eher so, dass seine Seele ein Spiegel der Welt ist.»

Milan Kundera über Pravoslav Sovak

Der tschechisch-französische Schriftsteller Milan Kundera sagte über Sovak: «Die Welt ist nicht ein Spiegel seiner Seele. Es ist eher so, dass seine Seele ein Spiegel der Welt ist.» Und so hält Sovak auch die kulturellen Erzeugnisse der Zivilisation in seiner Museumsserie wortwörtlich hinter Gittern und Strukturen fest. Häufig bedient sich der Künstler fotografischen Vorlagen, die er zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufnimmt und mittels komplexer druckgrafischer Verfahren weiterentwickelt. Dadurch zieht sich der Entstehungsprozess meist über mehrere Jahre hin.

Zur Ausstellung im Kunsthaus

Die Ausstellung «Pravoslav Sovak – eine Retrospektive» läuft noch bis 29. Mai 2016 im Kunsthaus Zug. Kuratiert wird sie von Matthias Haldemann. Während der Laufzeit finden regelmässig Veranstaltungen und Workshops statt.

Alle Infos dazu gibt’s hier.

Umso überraschender ist es, dass er in seinen letzten Arbeiten die Fotografie einfach als solche stehen lässt. In dem letzten Raum der Ausstellung findet man sich von grossformatigen Fotografien der böhmischen Wälder umgeben.

 «You are nowhere», steht auf der Farbradierung aus der Serie der «Indirect Messages» aus den Jahren 1970−72. Eine Frau mit orangefarbenem Schal blickt den Betrachter provokativ an, hinter ihr ein Schwarm von Radrennfahrern, die offensichtlich wissen, wohin sie fahren. In der rechten Ecke sitzt ein Mann im Stuhl und blickt auf eine blaue Bergkulisse. Als Betrachter fühlt man sich hier vielleicht ein bisschen ertappt, ist doch alles so klar strukturiert, geordnet und scheinbar eindeutig steht man doch etwas orientierungslos da. Vielleicht ist es ein Wink des Künstlers, die entspannte Einstellung der Rückenfigur einzunehmen und sich auf das Rätselhafte und die Ästhetik der Struktur einzulassen und diese einfach ungelöst und unbewertet so stehen zu lassen.

Viele Fragen bleiben in der Ausstellung offen – und doch hat man das Gefühl dem geheimnisvollen Meister ein Stück näher gekommen zu sein. Dem Kurator Matthias Haldemann gelingt in der Retrospektive eine sehr umfassende Darstellung des Lebenswerks in all seinen Facetten: vom malerischen Frühwerk über die Farbradierungen, die dem Künstler zu internationaler Anerkennung verhalfen, bis hin zu seinem fotografischen Spätwerk.

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