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Der steinige Weg der Zuger Frauen nach Bern
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Schon lange mischen die Frauen in der Zuger Politik mit. Auch wenn's ein steiniger Weg war. Und bis heute ist. (Bild: Montage wia / Doku-Zug)

2019: Das Jahr, in dem Zug die erste Nationalrätin wählt? Der steinige Weg der Zuger Frauen nach Bern

9 min Lesezeit 06.10.2019, 12:02 Uhr

In zwei Wochen könnte die erste Zugerin ins Bundesparlament gewählt werden. Ein Rückblick auf die Zuger Politgeschichte zeigt jedoch: Frauen und Politik, das war in Zug schon immer eine zähe Angelegenheit.

In zwei Wochen wird gewählt. Für Zug wird es eine spannende Wahl. Die Chancen, dass eine Zuger Frau nach Bern gewählt wird, sind zum ersten Mal wirklich gross. Wünschenswert wäre es. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass die Frauen bereits über 40 Jahre in der Zuger Politik mitmischen. Spulen wir zurück.

1971: Die erste Hürde ist überwunden

Die Schweiz befand 1971, dass es an der Zeit wäre, auch Frauen an die Urne zu lassen. Eine gleichzeitig auf kantonaler Ebene durchgeführte Abstimmung bewies: So geheuer war den Zuger Herrschaften die Sache nicht. Mit Menzingen, Oberägeri, Hünenberg, Walchwil und Neuheim sprachen sich ganze fünf Gemeinden und rund 37,5 Prozent gegen das Frauenstimmrecht aus. Auf Bundesebene sagten 34,3 Prozent Nein.

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Nicht alle waren fürs Frauenstimmrecht 1971. Inserat in den «Zuger Nachrichten».

Mit dieser ersten, elementaren Hürde war’s in Zug jedoch noch lange nicht getan. Drei Jahre später wurden die ersten zwei Frauen in den Kantonsrat gewählt. Der Grossandrang blieb jedoch aus: 15 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts lag das Verhältnis zwischen Mann und Frau im Kantonsrat bei 72 zu 8, der Frauenanteil also bei 7,5 Prozent.

1980er: Die Familie hat «natürlich» Vorrang

Was zunächst nach sehr wenig klingt, war immerhin ein Anfang. Zumal man sich in einer Zeit befand, in der Aussagen wie die folgende gang und gäbe waren: «Natürlich bin ich nach der Geburt meines Sohnes erst einmal ein paar Jahre lang zuhause geblieben.» Gesagt hatte es FDP-Frau Margrit Opprecht, die in den Siebzigern als zweite Frau in den Zuger Kantonsrat gewählt wurde.

1987: Die ersten Frauen liebäugeln mit Bern

1987 waren unter den acht Kandidierenden im nationalen Wahlkampf auch drei Frauen. Elsbeth Steiner (SP) sowie die beiden Grünen Madeleine Landolt und Sybilla Schmid hatten jedoch deutlich das Nachsehen gegen die drei bisherigen Herrschaften Peter Hess, Georg Stucky und Othmar Romer, die erneut kandidiert hatten.

Immerhin: Steiner erreichte fast 4000 Stimmen im Kanton. Mehr als Andreas Lustenberger bei den letzten Nationalratswahlen. – Dazu ist zu erwähnen, dass die Konkurrenz 1987 deutlich kleiner war als 2015, als 50 Personen zur Wahl standen.

1990: Die Anzahl Kantonsrätinnen verdoppelt sich

«Von einer Gleichstellung ist man noch weit entfernt», titelten die «Zuger Nachrichten» 1990 kurz vor den Wahlen. Und revidierten ihr Urteil kurz darauf wieder. Denn mit elf Frauen liessen sich so viele Kandidatinnen wie nie zuvor für die Gemeinderatswahlen aufstellen. Von ihnen zogen sieben in die Exekutiven ein.

Auch der Anteil der Frauen im Kantonsrat hatte sich innert einer Legislaturperiode von 6 auf 13 Rätinnen verdoppelt. «Frauen kräftig im Vormarsch», so das Fazit der «Zuger Nachrichten» darauf. Auch wenn es Susanna Fassbind, wie bereits Annelies Burki vier Jahre zuvor, nicht gelang, Einzug zu halten in den Regierungsrat.

1991: Eine einzige Frau will nach Bern

Der Sprung nach Bern schien nach wie vor in weiter Ferne. Zwar beflügelte das Resultat 1990 die weibliche Politszene, doch kandidierte 1991 dennoch nur eine Frau für den Nationalrat. Marie-Theres Annen trat fürs Komitee «Frauen nach Bern» an. Nicht einmal die linken Parteien stellten damals eine Frau auf.

Wie SP-Präsidentin Rosmarie Rossi damals gegenüber dem «Zentralschweizer Anzeiger» sagte: «Wir haben keine Frau gefunden, die den Ansprüchen genügt hätte. Familiäre und berufliche Gründe kamen hinzu.»

Ein Wahlfoto, das sich sehen lassen kann. Marie-Theres Annen, Nationalratskandidatin 1991 und 1995.

Dabei war Annen mit ihren 3904 Stimmen zwar chancenlos, doch schnitt sie dennoch besser als Daniel Brunner und Josef Lang von der SGA (Sozialistisch Grüne Alternative) ab. Mit Kritik an Annen wurde nach den Wahlen nicht gespart. SGA-Sprecher Hanspeter Uster wurde dafür verantwortlich gemacht, dass die Linke nicht in den Nationalrat gewählt worden war. Dies wegen ihres Alleingangs. So habe die «Einheit aller Nicht-Bürgerlichen nicht gespielt».

1994: Damenwahl? Eher das grosse Streichkonzert

«Wird 1994 zu einem Frauenjahr?», fragten die «Zuger Nachrichten» im Hinblick auf die Zuger Wahlen in ebendiesem Jahr. In Zug schien man nach der gelungenen Aufholjagd der Frauen im Kantonsrat erpicht darauf, noch mehr weibliche Politikerinnen zu gewinnen. Im Jahr zuvor hatte sich die überparteiliche Arbeitsgruppe «Damenwahl 1994» formiert, die Veranstaltungen durchführte und weibliche Kandidatinnen gezielt förderte. Eine Gruppe, die in den Medien durchaus Aufmerksamkeit genoss.

Die heutige CSP-Gemeinderätin Monika Mathers, die bei der «Damenwahl» mit dabei war, schwärmt: «Ich habe noch nie eine effektivere und effizientere Gruppe erlebt wie diese.» Bevor sie ergänzt: «Auch wenn die Kommunalwahlen 1994 aus Frauensicht völlig in die Hosen gingen.»  

Das kann man wohl sagen. «Vormarsch der Frauen gebremst», titelten die «Zuger Nachrichten» nach der Wahl. Fünf männliche Stadträte gingen daraus hervor. Für die Frauen insbesondere darum ernüchternd, weil der Name von FDP-Stadtratskandidatin Dorly Heimgartner sage und schreibe 773 Mal aktiv von der Liste gestrichen worden war. «Ein Streichkonzert auf bürgerlichen Listen», nannten es die «Zuger Nachrichten».

«Geradezu erschütternd» sei das Resultat der damaligen CVP-Präsidentin Monika Mathers gewesen, die sowohl für den Stadt- als auch den Gemeinderat kandidiert hatte und beiderorts gescheitert war. Auch hier ging man davon aus, dass Mathers Name bewusst zuhauf gestrichen worden sei.

Selbstironie als Rettung: Die gescheiterten Frauen feiern ihren Niedergang mit einem Streichkonzert.

Die Arbeitsgruppe «Damenwahl» reagierte auf die schiefgelaufenen Kommunalwahlen mit viel Humor. «Wir veranstalteten ein Konzert mit dem Streicherinnenquintett Cordalis. Zu klassischer Musik gab’s gestrichene Brote», sagt Mathers schmunzelnd.

Die Rückschläge, welche die Zuger Politikerinnen 1994 auf städtischer Ebene einzustecken hatten, machten sie jedoch im Kantonsrat wett. Nach der Verdoppelung der Sitze 1990 gewannen die Frauen 1994 erneut 8 Sitze dazu. 21 Sitze von 80 – eine Bilanz, die sich sogar im Schweizer Durchschnitt sehen lassen konnte.

Anfang der 90er war der Anteil Zugerinnen im Kantonsparlament noch beispielhaft.

1995: Die erste Regierungsrätin wird gewählt

Mit Ruth Schwerzmann sass zudem von 1996 bis 2002 zum ersten Mal eine Frau im Zuger Regierungsrat.

Es sind Erfolge, auf denen sich die Zugerinnen und Zuger vielleicht etwas sehr ausgeruht haben. Denn heute, 25 Jahre später, hat sich diese Zahl mit 23 Kantonsrätinnen nur marginal verändert. Und noch immer sitzt im Regierungsrat nur eine Frau.

1995: Chancenlose Ständeratskandidatinnen

1995, nationale Wahlen, sie kamen und gingen sehr frauenlos aus. Dies, obwohl ein paar wenige Frauen für die Ständeratswahlen kandidiert hatten. So etwa Susanna Fassbind, spätere Gründerin der Nachbarschaftshilfe KISS. Oder aber die damalige Kantonsrätin Doris Angst Iilmaz.

1999: Weichelt will zum ersten Mal nach Bern

Erst 1999 schienen die Ambitionen der Zugerinnen auf einen Nationalratssitz gross. Manuela Weichelt – sie tritt zwanzig Jahre später mit deutlich besseren Chancen fürs Amt an – kandidierte damals als junge Frau. Und auch Silvia Thalmann-Gut (CVP) liess sich aufstellen. Heute ist sie die einzige Frau im Zuger Regierungsrat. Daneben waren es Monika Gisler-Locher (FDP) und Yvonne Kraft-Rogenmoser (SVP), welche die grosse Kammer anpeilten.

Es war eine Zeit, in denen Verfechterinnen der Gleichstellung noch mit viel härteren Bandagen kämpfen mussten. Damals etwa gab es noch keine Mutterschaftsversicherung.

«Die Hauptsache ist, dass mindestens eine von uns vier Frauen nach Bern gewählt wird. Ich hoffe, das bin ich.»

Manuela Weichelt, 1999

In einem Interview vor den damaligen Wahlen liess Manuela Weichelt verlauten: «Die Hauptsache ist, dass mindestens eine von uns vier Frauen nach Bern gewählt wird. Ich hoffe, das bin ich.» Eine Hoffnung, die Weichelt bis heute haben dürfte, denn 1999 hatte es bei keiner der vier Frauen geklappt.

Dolfi Müller, Ex-Stadtpräsident und heuer als Unterstützer auf der Nationalratsliste der SP zu finden, erinnert sich: «Es war eine Zeit, in der man bereits zufrieden war, wenn eine Frau im Regierungsrat sass.» Zu viel mehr haben es die Zuger bisher zwar nicht gebracht. Nur um die Jahrtausendwende hatten mit Ruth Schwerzmann und Monika Hutter zwei Frauen das Exekutivamt inne.

2006: Die Zugerinnen im «All-time-High»

2006 war ein Drittel der Kandidierenden bei den kantonalen Wahlen Frauen. Und sie hatten Erfolg. Mit 34 Prozent Frauenanteil wies der Zuger Kantonsrat sein bisheriges «All-time-High» auf. Heute sind knapp 29 Prozent in der Legislative Frauen.

Interessant: Obwohl damals der Frauenanteil so hoch war wie nie, wurde kaum darüber berichtet. Aus diesem Jahr findet sich kein einziger Artikel, bei dem es explizit um Frauenförderung in der Politik geht.

Bei den nationalen Wahlen im darauffolgenden Jahr bleiben die Frauen chancenlos. FDP-Kandidatin Andrea Hodel-Schmid schnitt zwar am besten ab, zeigte sich aber dennoch bitter enttäuscht.

2010: Der herbe Dämpfer folgt sogleich

Nach der weiblichen Rekordbesetzung im Kantonsrat entpuppten sich die Wahlen 2010 als herber Dämpfer. Viele Frauen waren während der vorherigen Legislatur durch Männer ersetzt worden, dazu kamen vergleichsweise wenige Frauenkandidaturen. Die damalige Präsidentin der Frauenzentrale, Barbara Beck-Iselin, ahnte Böses: «Meine Prognosen sind nicht sonderlich gut.» Sie behielt recht. Von 27 auf 19 Sitze schrumpfte der Frauenanteil im Kantonsrat.

2011, nationale Wahlen: Elf Kandidatinnen gingen ins Rennen. Keine konnte einen Sitz in Bern erobern. CVP-Frau Monika Barmet erreichte zwar mit rund 5400 Stimmen ein beachtliches Resultat, hatte jedoch gegen Gerhard Pfister keine Chance. Nicht einmal annähernd. Sowohl aus linker als auch aus Sicht der Frauen waren die Wahlen zum vergessen.

2014: Die Frauen verteidigen ihre Exekutivposten

Wenig veränderte sich an der Frauensituation bei den Wahlen vor fünf Jahren. Manuela Weichelt-Picard blieb Regierungsrätin, Vroni Straub linke Stadträtin. – Dies trotz der bürgerlichen Kampagne «BS14», welche einen rein männlichen, rein bürgerlichen Stadtrat anstrebte.

2015 wurden zwar gesamtschweizerisch so viele Frauen wie nie zuvor nach Bern gewählt: Den Zugerinnen misslang der Sturm der männlichen Bastion jedoch ein weiteres Mal. Nicht zuletzt, da alle bisherigen Nationalräte wieder antraten. Weiblicher Einzug in den Ständerat war ebenso unwahrscheinlich, hatte man es doch mit Polit-Schwergewicht Joachim Eder und dem langjährigen Regierungsrat Peter Hegglin zu tun, der damals neu gewählt wurde.

2018: Linke wird durch bürgerliche Frau ersetzt

Im Vorfeld zu den letztjährigen Wahlen machte sich die Furcht breit, dass mit dem Rücktritt von Manuela Weichelt keine Frau mehr in der Regierung sitzen könnte. Mit der Wahl von Silvia Thalmann-Gut (CVP) konnte dieses 7:0-Szenario abgewendet werden. Im Stadtrat sind zudem seither zwei Frauen vertreten. Trotzdem: Von einer 50:50-Verteilung von Frau und Mann in den politischen Ämtern ist man im Kanton Zug weit entfernt.

20 Jahre nach ihrem ersten Versuch kandidiert Manuela Weichelt-Picard erneut für den Nationalrat. Mit besseren Chancen.

2019: Schaffen die Frauen das scheinbar Unmögliche?

Immerhin könnte nun wahr werden, was sich Zugerinnen bereits vor 40 Jahren erträumt hatten. Dass endlich eine Frau in Bern mitpolitisiert. Die Chancen stehen so gut wie nie zuvor. Der Anteil an Kandidatinnen ist so gross wie nie. Es wird sich zeigen, ob das bürgerliche Zug nun, 48 Jahre nach seit Einführung des Frauenstimmrechts, Geschichte schreibt. Wenigstens in der grossen Kammer. Von einem Einzug in den Ständerat können Zugerinnen wohl weiterhin nur träumen.

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