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Der Selbstversuch: Wir kaufen uns was mit Bitcoin
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Die Sachbearbeiter bei der Stadtverwaltung haben das iPad schon bereit. Hier der QR-Code unserer Bitcoin-Rechnung. (Bild: slam)

Stadt Zug im Bitcoin-Fieber: Was taugt das System? Der Selbstversuch: Wir kaufen uns was mit Bitcoin

4 min Lesezeit 13.07.2016, 15:32 Uhr

Und es funktioniert: Seit dem Anlaufen des Pilotprojekts der Stadt Zug, das Zahlungen per Bitcoins ermöglicht, wurden schon sechs Rechnungen mit der digitalen Währung beglichen. Wir haben getestet, wie das geht, und ob die Sache den ganzen Presserummel wert war.

Beim Eintreten ins Stadthaus wird bereits klar, dass ich und meine Bitcoins hier willkommen sind. «Bitcoins accepted» liest man auf einem unübersehbaren, orange-farbenen Sticker auf der massiven Tür des Haupteingangs. Und über dem Treppenhaus erscheint wie ein Versprechen: «Zug engagiert sich.» Ich begebe mich also beruhigt hinein, im Vertrauen, dass man sich hier um mein Anliegen effizient kümmern wird.

Eine reguläre Personalien-Bestätigung soll her. Kaum habe ich mich hingesetzt und den Sachverhalt erklärt sowie alle nötigen Dokumente auf den Tisch gelegt, geht es keine Minute, da hat die freundliche Dame am freien Schalter im Erdgeschoss auch schon das iPad gezückt, natürlich eines der neusten Generation. Ich hatte erwähnt, ich wolle mit Bitcoins bezahlen. Die Dame hatte genickt und war wie selbstverständlich schnurstracks hinter einen grossen Korpus verschwunden, um die Transaktion vorzubereiten.

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Zug lebt den Bitcoin-Traum

Seit zwei Wochen bietet die Stadt Zug die weltweit einzigartige Möglichkeit, mit der digitalen Währung Bitcoin Dienstleistungen der Einwohnerkontrolle zu bezahlen (zentralplus berichtete). Die dazu verwendete App der Stadtverwaltung entstand mithife der Bitcoin Suisse AG. Sie ist eine von rund 20 Unternehmen aus der sogenannten Fintechbranche, die der Stadt in Anlehnung ans Silicon Valley den Ruf eines «Crypto Valleys» bescheren.

Ein entscheidender Standortfaktor dürfte dabei nicht zuletzt in der überschaubaren Grösse Zugs liegen. Die Menschen kennen sich hier nicht nur virtuell. Die Reaktionen auf das Projekt fielen allerdings seither sehr unterschiedlich aus: Eine Interpellation der SVP-Fraktion, welche das Projekt kritisierte, sowie grosse internationale Medienresonanz waren die Folge.

«In meiner Amtszeit hat kein anderes Ereignis international derart grosse Resonanz erzeugt.»

Karl Kobelt, Vorsteher Finanzdepartement

Und wie geht das jetzt tatsächlich? Die Transaktion selbst erweist sich regelrecht als Kinderspiel: Nun bleibt mir also nichts mehr übrig als mein Portemonnaie zu öffnen. In diesem Fall ist dies meine zuvor installierte App. Mit einer Berührung wird meine Handykamera gestartet und der auf dem Tablet der Verwaltung angezeigte QR-Code wird ohne weiteres Zutun gescannt. Sofort wird die Zahlung registriert. Auf dem iPad der Stadt wird die Transaktion bestätigt, und ich erhalte die ermutigende Botschaft auf meinem Bildschirm: «Erfolg! Zahlung gesendet!»

Erste Bitcoins in der Staatskasse

Das Geschäft ist abgeschlossen, und ich bin erstaunt. Ich frage also nach, woher die Routine rühre – ich hatte nicht angenommen, dass das Angebot nach zwei Wochen bereits auf zahlungsfreudige Kundschaft getroffen war. Ich lasse mich eines besseren belehren: Schon sechs Zahlungen seien mit Bitcoins eingegangen, darunter grösstenteils Wohnsitzbestätigungen und Beglaubigungskopien.

Ein Pilotprojekt mit Zukunft also? Das Feedback sei zumindest von allen Seiten positiv, auch im Team der Einwohnerkontrolle kommt die virtuelle Währung gut an. Der Kontoauszug der Transaktionen wird übersichtlich und ohne Probleme an den Computern der Einwohnerkontrolle angezeigt. Die Beamten brauchen keinen Wechselkurs zu berechnen. Das erledigt das System für die Beamten ganz von selbst.

Nach dem Test frage ich im Stadthaus weiter nach. Das Interesse der hier ansässigen Firmen sei gross und bestehe in erster Linie nicht aus kommerziellen Überlegungen. Firmen sähen das Engagement als Chance für neue Synergien untereinander, versichert der Zuger Stadtschreiber Martin Würmli. Neue Treffen seien bereits in Planung, denn «das Cluster ist in Zug am Entstehen».

Bitcoins willkommen. Die Stadt Zug sendet klare Signale an die Kundschaft der Stadtverwaltung.

Bitcoins willkommen. Die Stadt Zug sendet klare Signale an die Kundschaft der Stadtverwaltung.

(Bild: slam)

Weltpresse und Forscher geben sich die Türklinke in die Hand

«In meiner Amtszeit hat kein anderes Ereignis international derart grosse Resonanz erzeugt» versichert Karl Kobelt, Vorsteher des Finanzdepartements. Gestern noch sei ORF und Spiegel hier im Haus gewesen. Solche Feldversuche wie in Zug entgehen auch der Wissenschaft nicht. Die renommierte Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer soll schon Interesse bekundet haben, und der Stadtrat wird an Veranstaltungen der Szene nach Berlin und Frankfurt eingeladen.

Die Stadt lädt aber auch selber ein und pflegt die Fintech-Branche aktiv. Koryphäen wie Johann Geevers, Gründer und CEO der Monetas AG, oder Mitgründer der sagenumwobenen Ethereum Organisation, Mihai Alisie, folgten der Einladung ins Stadthaus zum Startschuss des Projekts. Die Stiftung Ethereum ist in Baar ansässig und vertritt eine andere virtuelle Währung, sogenannte «Ethers».

Die Spitze des Eisbergs?

Auf der neu lancierten Seite Crypto Valley Zug sind weitere Treffen der Szene aufgeführt. Auch eine virtuelle Währung kommt nicht ohne Nähe und persönliche Kontakte aus. Die Stadt Zug will die Firmen aber nicht etwa «gezielt fördern, sondern eher eine Plattform geben, wo sich netzwerken lässt», meint Martin Würmli.

Das Ganze steckt also zwischen Vision und Realität. Ganz real ist: Mein Bitcoin-Konto ist wieder leer. Das der Stadtverwaltung ein bisschen voller. Nur einmal im Monat – bei der noch geringen Anzahl Transaktionen reicht dies – werden die angehäuften Bitcoins wieder in CHF auf das Bankkonto der Stadtverwaltung gespiesen. Andere Länder testeten gar schon erfolgreich die Verwaltung von Grundbucheinträgen mit der zugrundeliegenden Blockchain-Technologie. Ist das Projekt also nur die Spitze des Eisbergs? Stadtschreiber Martin Würmli ist überzeugt: «Diese Technologie wird die Verwaltungsarbeit künftig verändern.»

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