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Der selbstfahrende Bus, der Angst vor dem Regen hat
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Mit einem ZVB-Chauffeur an Bord geht die Fahrt los. (Bild: sib)

Noch muss in Zug der Chauffeur mitfahren Der selbstfahrende Bus, der Angst vor dem Regen hat

5 min Lesezeit 09.09.2019, 16:21 Uhr

Die Fahrt im selbstfahrenden Bus durch Zug hat gezeigt: Angst muss man keine haben. Einerseits, weil ein «Aufpasser» der Zuger Verkehrsbetriebe (ZVB) mitfährt. Andererseits, weil er sich nicht allzu schnell fortbewegt. Ab Dienstag darf auch die Bevölkerung zusteigen.

Das kleine rote Gefährt zieht definitiv die Blicke auf sich. Ein paar Kantischüler an der Industriestrasse schauen dem selbstfahrenden Bus lachend hinterher. Auch Kindergärtner bleiben mit fragendem Blick stehen.

Wobei «selbstfahrend» hier nicht ganz korrekt ist. Denn der Minibus «MyShuttle» des französischen Herstellers Easymile ist auf einen «Aufpasser» angewiesen. Alles kann er noch nicht selbst, wie am Montagvormittag bei der Medienfahrt in Zug deutlich wurde: Um die Strecke zwischen Metalli und V-Zug sicher bewältigen zu können, steht einer von vier dafür geschulten ZVB-Chauffeuren am eingebauten Monitor, um bei Bedarf reagieren zu können.

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«Die Sensoren sind sehr fein kalibriert.»

Martin Küchler, Leiter Entwicklung der ZVB

Dies kommt öfters vor, als man es bei einem selbstfahrenden Bus wünscht. So erkennt der Bus beispielsweise nicht, ob die Ampel rot oder grün anzeigt. Der ZVB-Chauffeur muss nach dem Stopp auch manuell wieder anfahren. Gleiches gilt, nachdem der Bus aufgrund eines Hindernisses angehalten hat.

Nicht nur auf die Technik angewiesen

Der «Aufpasser» sorgt mit seiner Präsenz auch dafür, dass man sich während der Fahrt nie unsicher fühlt. Im Hinterkopf weiss man: Es ist ein menschliches Auffangnetz da. Es ist noch nicht nötig, sich vollends auf die Technik einzulassen.

Der Bus bringt es auf knapp vier Meter Länge. Vorne und hinten gibt es jeweils drei Holzsitze, hinzu kommen vier Stehplätze. Unsere Fahrt verläuft bisweilen etwas rucklig, was an der tiefen Geschwindigkeit liegt, die mit der Zeit sukzessive erhöht werden soll. Theoretisch könnte der Bus 40 Stundenkilometer fahren, dieser hier ist für 20 Stundenkilometer zugelassen. Effektiv fährt er jedoch nicht schneller als 15. Dadurch überholen uns immer wieder Autos. Ziehen sie zu knapp vor dem Bus wieder rein, bremst dieser abrupt.

ZVB-Entwicklungschef Martin Küchler weiss um die Kinderkrankheiten des MyShuttle.

«Dies ist den Sensoren geschuldet, die sehr fein kalibriert sind», erklärt Martin Küchler (42), Leiter Entwicklung bei der ZVB. Dies bringt auch Probleme mit der Witterung mit sich: Schneit, regnet oder windet es stark, ist eine Fahrt noch nicht möglich, da der Bus den Niederschlag als Hindernis registriert.

Bus speichert die Strecke

Jede Strecke, die der selbstfahrende Bus zurücklegen soll, muss zuerst «gemapped» werden. Das heisst, sie wird eingespeist und der Bus fährt anschliessend wie auf virtuellen Schienen. Soll eine neue Strecke «gemapped» werden, muss ein Mitarbeiter des Herstellers vorbeikommen. Die Route muss zudem vom Bundesamt für Strassen (Astra) bewilligt werden.

«Es ist schwierig, mit diesem niedrigen Tempo die Akzeptanz der anderen Verkehrsteilnehmer zu erlangen.»

Martin Küchler

Durch das Mapping weiss der Bus auch, wann eine Haltestelle kommt. Er hält an und die Türen öffnen sich automatisch. Probleme treten allerdings auf, wenn sich die Umgebung seit der Speicherung der Strecke verändert hat, beispielsweise die Hecken in Richtung Strasse gewachsen sind – so werden auch sie als Hindernis registriert.

Baustellen müssen ebenfalls manuell umfahren werden. «Irgendwann wird kein ‹Aufpasser› mehr an Bord sein. Eine Möglichkeit wäre dann, dass jemand aus dem Kontrollzentrum die Baustelle umfährt – oder aber der Bus tut dies selbstständig», denkt Küchler an die Zukunft. Zumindest Fussgänger erkennt der MyShuttle selbst und bremst ab. Er erkennt jedoch nur teilweise, wann das Hindernis weg ist und er wieder anfahren kann. Meist übernimmt dies der «Aufpasser».

Der Bus als Verkehrshindernis?

Beim MyShuttle handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt zwischen SBB, ZVB, Mobility, Technologiecluster Zug und der Stadt Zug. Im Dezember erhielten sie die Bewilligung des Astra für den Einsatz auf der Strasse, seit Januar ist er in Zug unterwegs. «Der Pilotversuch dauert noch bis Ende Jahr, anschliessend geht es um die Auswertung», erklärt Küchler.

Die Strecke um das Metalli kennt der MyShuttle inzwischen in- und auswendig.

Manche Erkenntnisse konnten die ZVB bereits gewinnen. «Es ging nicht nur darum, zu schauen, was der Bus kann und nicht kann, sondern auch, wie er bei den Leuten ankommt», so Küchler. Fazit: Das Interesse und das Vertrauen der Testkunden sei absolut vorhanden. Nur die geringe Geschwindigkeit sei bemängelt worden. «Gleiches beanstanden die anderen Verkehrsteilnehmer. Es ist schwierig, deren Akzeptanz mit diesem niedrigen Tempo zu erlangen», sagt Küchler.

Vorne wie hinten

Inzwischen sind wir auf dem V-Zug-Areal angekommen. Fahrzeit: Knapp acht Minuten, mit einem normalen Linienbus sind es deren drei. Die Klimaanlage trägt zu einer angenehmen Fahrt bei. Schliesst man die Augen, spürt man abgesehen von den teils etwas abrupten Stopps nicht, dass niemand hinter dem nicht vorhandenen Steuer sitzt. Um zu wenden, ist eine kurze Rückwärtsfahrt nötig. Für den «Aufpasser» gibt es dabei keinerlei Sichtprobleme, denn der Bus ist auf sämtlichen Seiten mit grossflächigen Fensterfronten ausgestattet. Wo vorne und wo hinten ist, ist auf den ersten Blick kaum zu erkennen.

Beim MyShuttle handelt es sich um einen Elektrobus. Nach Angaben des Herstellers hält der Akku für eine 14-stündige Fahrt. So lange am Stück haben ihn die ZVB jedoch noch nie getestet.

Ein teurer Spass

Laut Küchler steckt die Entwicklung noch in den Kinderschuhen. Die Software wird laufend weiterentwickelt, jedes halbe Jahr folgt ein Update des Herstellers. Die Updates sind kostenlos – dafür ist der Kaufpreis eines solchen Busses nicht ohne. Eine genaue Zahl will Küchler nicht nennen, doch er spricht von «mehreren 100’000 Franken», die das Projektkonsortium investiert hat.

So sieht der Blick von innen auf die Strasse aus. Rechts die Bedienvorrichtung für den «Aufpasser».

Hauptaufabe der ZVB ist es, den Betrieb zu testen. Ab Dienstag kann auch die Bevölkerung dazu beitragen, denn dann kann die Öffentlichkeit für rund einen Monat mit dem selbstfahrenden Bus mitfahren. Ziel der Versuchsfahrten sei es unter anderem, den Betrieb einem Stresstest zu unterziehen. Im Anschluss erfolgen weitere technische Tests rund um das Thema Kundeninformation. Laut Küchler schwebt es den ZVB vor, selbstfahrende Busse dereinst womöglich zur Erschliessung von Quartieren einzusetzen, und nicht zwingend als Ersatz für jetzige Linienbusse.

Inzwischen nähern wir uns wieder dem Metalli. Der Angstschweiss-Ausbruch ist also ausgeblieben. Klar ist: Fit für einen festen Einsatz im Strassenverkehr ist der «MyShuttle» nicht. Noch steht man am Anfang eines zukunftsträchtigen Projekts.

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