Der romantischste Brauch der Schweiz – Serenaden für zwei
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Der Chor Xsang singt in Vollmontur auf dem Kolinplatz in Zug. (Bild: Laura Livers)

Das Chrööpfelimee verzauberte Zug Der romantischste Brauch der Schweiz – Serenaden für zwei

5 min Lesezeit 06.03.2017, 10:40 Uhr

Altfasnachtssonntag in Zug: Singfreudige Chöre, begeistertes Publikum und ein Haufen verliebter Gesichter: Das Chrööpfelimee begeisterte am Sonntagabend einmal mehr die halbe Stadt. Nur: Wer sind die teilnehmenden Gruppen, und vor allem, wer lässt sich von ihnen so schön besingen? Wir haben nachgefragt.

Seit 170 Jahren werden am Sonntag nach der Fasnacht frisch verheiratete Paare dazu angehalten, in der Altstadt eine rote Laterne vors Fenster zu hängen. Im Laufe des Abends wird ihnen unter diesem Fenster von Zuger Chören ein Ständchen gesungen, und zur Belohnung wird ein Korb mit Wein und Krapfen («Chrööpfeli») heruntergelassen. Als Erinnerung daran, wie anno dazumal ein heiratswilliger junger Mann von seinen noch ledigen Freunden verabschiedet wurde, ist der Brauch heutzutage ein Zelebrieren bereits oder bald verheirateter Paare in und rund um die Altstadt Zug.

Eine halbe Weltreise ans Chrööpfelimee

Eines dieser Ehepaare sind Mike und Susan Pumm. Weil die zwei bereits letzten Juni geheiratet hatten, waren sie noch auf Hochzeitsreise, als im Januar eine SMS von Susans Mutter mit dem Hinweis zum Chrööpfelimee kam. «Wir fuhren Anfang Jahr zuerst mit einem ausrangierten Forschungsschiff von Ushuaia in die Antarktis und waren danach in Argentinien unterwegs», erzählt Susan mit glänzenden Augen, als zentralplus das Paar einige Tage vor dem Chröpfelimee zum Kaffee traf. «Als die Einladung kam, waren wir ziemlich sicher grad in Patagonien am Zelten», fügt Mike hinzu.

Susan, deren Mutter auch schon beim Chrööpfelimee besungen worden war, hatte zuerst gezögert, liess sich von Mike aber schnell überreden. «Wir werden in meinem Elternhaus besungen, obwohl es nicht direkt in der Altstadt liegt», lacht Susan. «Wir freuen uns auf jeden Fall auf Sonntagabend. Hoffentlich spielt das Wetter mit!»

Die jüngsten Sänger des Abends

Der Brauch, der seit 2008 von der Zunft der Schneider, Tuchscherer und Gewerbsleute durchgeführt wird, ist ein fester Bestandteil der Fasnachtszeit, sodass sich trotz des schlechten Wetters einige Hundert Spaziergänger von jung bis alt eingefunden haben. Auf dem Weg in die Altstadt begegnet man den Sängern von Ten Sing Baar. Ausgerüstet mit Gitarre, Cajon und Herz-Luftballonen, sind die Jugendlichen auf dem Weg zur Bohlstrasse. «Wir machen schon lange beim Chrööpfelimee mit», erzählt die Hauptleiterin Samantha Kröpfli. «Wie lange genau, wissen wir selber nicht. Der Name verpflichtet eben.»

 

Serenade für zwei Herzen from zentralplus on Vimeo.

«Als Jugendverein sind die Ältesten zwar schon seit ein paar Jahren dabei, aber auch da wurde schon am Chrööpfelimee gesungen», lacht sie und lotst ihre Schützlinge durch die verwinkelten Gassen den Hügel hoch. Am Boden liegen bereits Herzkonfetti, und die Fenster im ganzen Haus sind hell erleuchtet. Routiniert begeben sich die Sänger in Position und beginnen ihre Serenade mit einer extra für das Chrööpfelimee umgeschriebenen schweizerdeutschen Version von «Hakuna Matata».

Buntes Spektakel

Eine Querstrasse weiter unten huschen ein paar kostümierte Damen durch die Gassen und ziehen zum Hotel Ochsen. Unter dem Balkon hat sich bereits eine Menschenmenge angesammelt, und der Balkon ist bis zum letzten Platz mit Familien und Freunden des Ehepaars gefüllt. Die Damen gehören zu Chorxsang aus Zug. Allesamt als Hühner verkleidet, begrüssen die Sängerinnen und Sänger das Paar mit lautem Gegacker, bevor sie ihre Lieder anstimmen. Auch Chorxsang hat ein eigenes Chrööpfelimee-Lied, das von den Strapazen der Sänger und dem resultierenden Hunger handelt, woraufhin prompt das Körbchen abermals runtergelassen wird. Auf dem Landsgemeindeplatz begrüsst der Dirigent der Wasa Singers das Ehepaar auf Schwedisch und stimmt «Vem kan segla» an.

«Als die Einladung kam, waren wir ziemlich sicher grad in Patagonien am Zelten.»
Susan Pumm

Treffend zu ihrem Repertoire haben sich alle in Gelb-Blau, inklusive blonder Perücken, verkleidet und kokettieren zwischen den Liedern mit schwedischen Klischees, Ikea inklusive. Weiter unten beim «Schiff» besingen die Frauen der Trachtengruppe der Stadt Zug das nächste Pärchen mit Schweizer Volksliedern, beim Fischmarkt steht ein italienischer Chor mit roten Hüten, der gerade «Azzurro» zum Besten gibt.

Die berüchtigten Bauarbeiter

In der Unteren Altstadt ist fast kein Durchkommen mehr. Am hinteren Ende stehen knapp 20 gelbe Bauhelme. Klar: Die Jodel AG hat gerade ihr Konzert begonnen.

Der imposante Ad-hoc-Männerchor wird immer wieder erwähnt, wenn sich das Gespräch ums Chrööpfelimee dreht. Mit ihren gelben Baustellen-Kostümen, den mitgebrachten Requisiten und Choreografien beehren sie bereits seit Jahren das Chrööpfelimee und geben stilsicher ihre eingedeutschten Versionen bekannter Lieder zum Besten, zur Freude des anwesenden Publikums.

Gleich anschliessend folgen die Candlelight Singers, eine weitere Ad-hoc-Formation professioneller Sänger, die mit ihren Wise-Guys-Covers dem Ehepaar augenzwinkernd Ratschläge zur Konfliktvermeidung erteilen. Immer wieder hört man aus der Ferne Applaus und Gejohle, wenn ein paar Strassen weiter ein Chor sein Ständchen beendet hat. Trotz der Kälte und gelegentlichem Nieselregen harren die Sänger und das Publikum in den Gassen aus, ziehen von Fenster zu Fenster und lassen sich von der Stimmung mitreissen. Immer wieder sieht man kostümierte Chormitglieder vorbeiziehen, die man noch nicht gehört hat, und folgt ihnen zur nächsten Adresse.

Ein Stück Selbstlosigkeit und persönlicher Hingabe

Es steckt viel Liebe in diesen Auftritten – zwischen den Kostümen, den Chrööpfelimee-Liedern, dem Repertoire und den humoristischen Ansagen merken alle Beteiligten und insbesondere die Besungenen, dass an diesem Abend die musikalischen Glückwünsche ohne Hintergedanken oder Selbstzweck verschenkt werden. Sie sind ein kleines Stückchen Altruismus, das eine von Anonymität geplagte Stadt wie Zug sehr gut vertragen mag.

Ganz am Anfang meines Spaziergangs waren wir übrigens auch in der Artherstrasse, wo Mike und Susan Pumm gerade von Ten Sing Baar besungen wurden.

Ten Sing Baar vor dem Elternhaus von Susan Pumm.

Ten Sing Baar vor dem Elternhaus von Susan Pumm.

(Bild: Laura Livers)

Vor dem Fenster die obligatorische rote Lampe, auf dem Sims das Körbchen mit dem Wein und den Chrööpfeli, und während ich den Klängen von «Just the way you are» lausche, lese ich in ihren Gesichtern, dass das Chrööpfelimee nicht nur ein gelungener Abschluss ihres Hochzeitsreise-Abenteuers ist, sondern auch ein verheissungsvoller Beginn ihres Lebens als Ehepaar.

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