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Der Punk, den die Kinder erschrecken
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«Ich habe immer das gemacht, zu was ich Lust hatte», so der lauteste Kindergärtner der Schweiz. (Bild: Stefan Kubli)

Kabarettist Dominic Deville Der Punk, den die Kinder erschrecken

5 min Lesezeit 02.11.2014, 05:55 Uhr

Der Luzerner Schreihals Dominic Deville tourt lautstark durch die Schweizer Kleintheaterbühnen – mit einer Mischung von Punk-Rock-Attitüde und Kindergarten. Das Publikum darf eine schaurig laute Märchenstunde erwarten, ein Plädoyer gegen die Angst und das Erwachsensein.

Im Luzerner Kleintheater war die Freude gross, als der Exil-Luzerner Dominic Deville mit seinem Programm «Kinderschreck!» auftrat. Und auch der 39-Jährige war glücklich, zurück zu sein. «Ich kenne kein Theater, welches eine solche Energie aus dem Zuschauerraum auf die Bühne transportiert», sagt Deville. Die Kleintheater-Leute seien auch die einzigen gewesen, die ihm damals mit seinem ersten Solo-Programm eine Chance gaben.

Kein Bock auf Schule

Zwei Bier stellt der Kindergärtner Dominic Deville bereit, bevor er sich im Backstage des Kleintheaters hinsetzt, die Füsse hochlegt und eine Cola trinkt. Das Bier ist für die Bühne. Auf seinem T-Shirt steht «The System – Is Murder». Ein Album der Anarcho-Punkband «The System» aus England. Auf der Bühne wird er später erzählen, wie seine Shirts ihm beruflich schon mehr als einmal in die Quere kamen. 

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«Die Erwachsenenwelt interessiert mich nicht.»

Deville steht im Alltag seit fünfzehn Jahren vor Vier- bis Sechsjährigen. Angefangen hat er als Kindergärtner in Ballwil. Das führte zu einem unerschöpflichen Anekdotenpool, aus dem Deville in seinem zweitstündigen Stück fischt. Das hört sich idyllisch an. Doch davon keine Spur, von Ruhe und Entspannung schon gar nicht. Deville ist laut, schnell und unberechenbar. Die Kindergartenjahre haben ihn geprägt: «Ich konnte mir nie vorstellen, Schule zu geben. Da werden die Kinder schon so langsam erwachsen und angepasst. Die Erwachsenenwelt interessiert mich nicht.» Im Kindergarten schleife man noch an Rohmaterial, das mache Spass.

Selbermachen ist das Credo

In Luzern ist Deville ein kleiner Star. Im Kleintheater freut man sich, den verlorenen Sohn wieder hier zu haben. Denn mittlerweile ist Zürich Devilles neues Zuhause. Nach diversen Bandformationen, DJ-Auftritten und Vinyl-Massakern in Luzern fand Deville, die Stadt sei für ihn «abgespielt». «In Luzern war ich am Ende zu exponiert. Das wurde langweilig.» Eines muss er seiner alten Heimatstadt aber lassen: «Luzern ist die einzige noch wahre Punkstadt der Schweiz», sagt er und nimmt noch einen Schluck Cola. «Es gibt in der Schweiz nur noch einen Club, in welchem wirklich alle Punkbands ohne Vorbehalte spielen. Der Sedel.» Hier hätten schon in den 70er Jahren Bands wie U.K. Subs, The Damned, The Lurkers oder Stiff Little Fingers, erklärt Deville. «Sie alle lieben den Sedel! Und hier gibt es noch die einzig wirkliche Punkband der Schweiz: Die Möped Lads.»

«Luzern ist die einzige noch wahre Punkstadt der Schweiz.»

Kann man denn heute noch Punk sein? «Die Bewegung ist heute noch inspirierend und von Bedeutung», sagt Deville. «Das Do-It-Yourself-Ding war für mich früher wahnsinnig wichtig. Warte nicht darauf, dass dich jemand fragt, ob du eine Band gründen willst, mach selber.» Vielleicht sei es heute aber eher der Hip Hop, der das propagiere. Dass sich Deville stark mit der Punk-Bewegung identifiziert, merkt man auch an seinem Lebenslauf. Über das Jahr 1977, dem offiziellen Jahr Null des Punk, schreibt er in seiner Biografie: «Mehrwöchiger Aufenthalt in der Kinderpsychiatrischen Abteilung wegen unerklärlicher Schreianfälle, welche sich schliesslich als angeboren und daher harmlos erweisen.»

Wer erschreckt wen?

Wäre Deville gern zu sich selbst in den Kindergarten gegangen? «Ich denke ja. Im Kindergarten mache ich ja das, was mich auch selbst motiviert.» Das Wichtigste sei es, keine Angst zu haben. Das gelte für Kinder, wie auch für Erwachsene. Der Programmtitel «Kinderschreck!» impliziere bewusst, dass er der Kinderschreck sei. Aber: «Nicht ich erschrecke die Kinder. Sie erschrecken mich, mit ihren Antworten, Fragen, ihrer Schlagfertigkeit und ihren wilden Ideen», sagt Deville. Doch Kinderängste müsse man ernst zu nehmen. «Wenn es beim Erzählen für zwei, drei Kinder nicht mehr stimmt, muss man bremsen. Es geht mir ja darum, wie man Ängste überwinden kann. Keine Angst zu haben, macht das Leben einfacherer und sicherer.»

Mittlerweile hat Deville auch in Schlieren unterrichtet. Gibt es da Unterschiede zu Luzern? Nein, findet Deville: «Kinder sind Kinder. Laut, oft brutal ehrlich und an allem interessiert. Eltern sind Eltern. Sie halten ihre Kinder für die Besten. Und das ist gut so!»

Schauspielern, das können die anderen

Die Faszination für die Materie nimmt man Deville ab, die Attitüde ist kein Rollenspiel, er ist ein begnadeter Unterhalter, aber kein Schauspieler. Anders als andere, die sich in der Kleinkunstszene mit dem Titel «Punk» schmücken, bleibt er authentisch. Seine Werkzeuge: Überraschung und Schnelligkeit. Er springt von Anekdote zu Anektdote. Von den sektiererischen Konventionen eines Kindergeburtstages, von mühsamen Elterntelefonen, anarchistischem Pausenverhalten, verkaterten Montagen, von Werkstunden, die keine Bastelstunden sein sollten, und wie er jedes Jahr von 20 kleinen Freunden verlassen wird. Deville schreit Drei-Akkorde-Songs mit einfachen Messages, die auch bestimmt im Kindergartenumfeld effektiv eingesetzt werden können. Zwischendurch ploppt eine Flasche «Luzerner Bier» auf.

«Nie würde ich an einer SVP-Versammlung auftreten.»

«Auf der Theaterbühne mache ich das, was ich schon auf den Konzertbühnen gemacht habe: Ein bisschen Alarm», sagt Deville. Er habe sich bei seinen Projekten nie gross reflektiert, ein Bauchmensch sei er. Das gelte auch politisch. «Sobald irgendwo nur noch von Angst gesprochen wird, macht mich das wütend. Da stimme ich extra anders.» Das führt auch dazu, dass Deville nicht überall auftritt. «Ich lege keinen Wert darauf, in allen Kreisen gut anzukommen. Nie würde ich an einer SVP-Versammlung auftreten. Ich habe keinen Bock, dass mich solche Leute lustig finden.»

Hier zu sehen:

Freitag 31. Oktober
Opfikon Kleintheater Mettlen

Mittwoch 5. November 2014
Donnerstag 6. November 2014

Freitag 7. November 2014

Basel 
Theater Fauteuil


Die aber, die in diese Märchenstunde gehen dürfen, laufen grinsend mit einem Ohrwurm von «The Exploided» nach Hause. «Ich spiele mit dem popkulturellen Hintergrund des Punk und nicht mit dem Image», so ist ‹Kinderschreck!› nicht nur ein Einblick in die aufregende Achterbahnfahrt der Gefühle eines Kindergärtners, sondern auch ein kleiner Punk-Crash-Kurs. Was läuft momentan auf seinem Plattenspieler? «Es ist ganz schlimm, ich höre immer noch das ganz alte, verstaubte Punk-Zeug wie momentan ‹Flux Of Pink Indians›. Ich hätte nie gedacht, dass ich das sage, aber neuer Punk interessiert mich nicht, das ist alles Scheisse.»

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