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«Der Platzspitz hat mich nicht aufgefressen»
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Rolf beim Gespräch in der Gassechuchi Luzern. Er war früher jeden Tag auf dem Platzspitz. (Bild: rob)

20 Jahre nach der offenen Drogenszene «Der Platzspitz hat mich nicht aufgefressen»

5 min Lesezeit 2 Kommentare 03.04.2015, 17:00 Uhr

Vor zwanzig Jahren wurde die offene Drogenszene am Letten und vorher am Platzspitz beendet. Rolf und Peter, die heute in der Luzerner Gassechuchi verkehren, waren damals mittendrin. Sie erinnern sich an ein Leben im Elend und im Schmutz.

Peter erscheint pünktlich zum vereinbarten Gesprächstermin, von Rolf fehlt jede Spur. Aber davon später. Peter sitzt da. Eine hagere Gestalt, die trotz langer Drogenkarriere und bereits stolzen 61 Lebensjahren immer noch etwas Jugendliches ausstrahlt. «Ich war eigentlich von Anfang bis zum Schluss Dauergast auf dem Platzspitz.» Er konsumierte Heroin und Kokain und betätigte sich als Kleindealer, wie das damals üblich war. «Es war immer sehr viel Betrieb, etwa 6’000 Leute verkehrten täglich auf der Wiese.»

Bürgerliches Leben geführt

Peter erzählt, dass er all die Jahre damals ein Doppelleben geführt hat. «Ich habe 100 Prozent im Grossmaschinenbau gearbeitet. Da ich selbstständig war, konnte ich auch nach Bedarf ein paar Tage frei nehmen.» So führte er ein normales bürgerliches Leben und war gleichzeitig Stammgast in der offenen Drogenszene. Weil er Geld verdiente, hatte Peter keine Beschaffungsprobleme und konnte sich den Stoff meist mit seinem eigenen Geld leisten. «Klauen musste ich nie.»

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«Ich habe gesehen, wie ein Dealer einen Junkie mit Handschellen fesselte und in die Sihl warf.»

Peter

So hat er den Platzspitz einigermassen schadlos überlebt. Aber er hat so einiges mitansehen müssen, hat das Elend hautnah miterlebt. «Ich habe Leute sterben sehen. Einmal sah ich, wie ein Dealer einen Junkie mit Handschellen fesselte und in die Sihl warf. Solche Sachen.» Viele Kollegen und Kumpel sind an einer Überdosis gestorben. Auch Freunde hat er verloren.

Kampf um saubere Spritzen

Trotzdem war Peter damals nicht der Meinung, dass man den Platzspitz hätte schliessen müssen. «Es zeigte, wie viele Leute abhängig waren. Ich fand damals schon, dass man die Drogen hätte frei geben müssen.» Aber gesellschaftlich sei so etwas wie der Platzspitz nicht haltbar, räumt er ein. Wegen des Drecks und der fehlenden Hygiene. «Ich war immer sauber und gepflegt, meine Freundin war damals eine Topsekretärin und konnte saubere Spritzen im Grosshandel beschaffen.»

Er sei später, weil er auch Spritzen verkaufte, vor Gericht gestellt worden, erzählt er weiter. Das sei doch unfassbar, meint er heute nur. Zum Glück hat ihn der heute bekannte Milieu-Anwalt Valentin Landmann vor einer Strafe bewahrt.

Was hat der Platzspitz aus ihm gemacht? Peter überlegt. «Eigentlich war es praktisch. Es war, wie wenn man im Coop einkaufen gehen würde.» Wobei es halt schon für viele die Hölle war, fügt er an. «Junge Leute, die sich prostituierten für einen Schuss.» Ihn habe der Platzspitz nicht zur Sau gemacht, betont Peter. Klar habe er immer auch im Kopf gehabt, dass er aufhören möchte. Aber das war halt schwierig.

Nur noch ab und zu etwas Sugar

Heute ist Peter in einem Wohnheim in Root zu Hause, lebt von der Sozialhilfe und ist häufiger Gast in der Gassechuchi. Vor zehn Jahren machte er einen Entzug, nachdem er ein Burnout gehabt hatte und sich umbringen wollte.

Unterdessen äussert er sich unverblümt über seine Zeit damals: «Ich war eigentlich tot, ein arrogantes Arschloch.» Immer wieder ist er für längere Zeit im Tessin und arbeitet auf einem Hof, ab und zu hilft er auch in der Gassechuchi. Am liebsten würde er sich frühzeitig pensionieren lassen, ins Tessin zügeln und dort Trockenmauern bauen. Und Drogen? Ab und zu etwas kiffen, meint er. Aber nicht mehr so wie früher. Und fügt an: Der Platzspitz hat mich nicht aufgefressen.»

Offene Drogenszene: Traurige Berühmtheit

Ab 1986 war der Platzspitz, ein Park beim Landesmuseum in Zürich, der Treffpunkt von Drogensüchtigen, die sich vorher in kleinerer Zahl auf anderen Plätzen versammelt hatten. Die offene Drogenszene wurde lange toleriert, weshalb immer mehr Leute, zum Teil auch aus dem Ausland, den Platz bevölkerten. Durch die steigende Nachfrage wurde auch das Angebot an Drogen immer grösser. Das Elend der Betroffenen wurde immer augenscheinlicher: Viele Süchtige lebten in grösster Armut und beschaften sich ihren Stoff mit Diebstahl oder Prostitution. 1992 wurde der Park geschlossen, darauf verlagerte sich die Drogenszene an den ehemaligen Bahnhof Letten. 1995 wurde schliesslich der Letten geschlossen und es kam zu einer Wende der Drogensituation. Dies vor allem darum, weil nicht mehr ausschliesslich auf Repression gesetzt wurde. Vielmehr wurden präventive Massnahmen ergriffen und Fixerräume errichtet. Für eine Entspannung sorgte auch die Einführung der medizinisch kontrollierten Heroinabgabe an Schwerstsüchtige.

 

 

Rolf und die guten, alten Zeiten

Dann kommt auch noch Rolf. Ohne Umschweife erzählt er, dass er noch etwas Kokain «reingezogen» habe, um für das Gespräch bereit zu sein. «Wenn ich an den Platzspitz denke, dann kommen mir die guten, alten Zeiten in Erinnerung», sagt der 58-Jährige. Damals habe es noch so etwas wie Kameradschaft gegeben auf der Gasse. «Nicht so wie die hier.» Er zeigt auf die Strasse vor der Gassechuchi.

Auch ihn hat die offene Drogenszene damals nicht zerstört. «Ich habe ein Velogeschäft betrieben und musste nicht dort wohnen. Das war mein Glück.»

Der Horror des Platzspitz ging aber auch an ihm nicht spurlos vorbei. «Wenn ich da jeweils hinging und diesen ganzen Dreck und all die elenden Leute sah – das war schon schwierig.» Rolf erzählt von offenen Wunden, von Eiterwunden, die gross waren wie Handteller. Von widerlichen Abszessen. «Leute, die von den Drogen auf Paranoia waren, haben darin Viecher herumkrabbeln sehen.»

Im Rondell war es am schlimmsten

Meistens sei er abends rasch auf den Platz gegangen, um seinen Stoff zu kaufen. «Meine Freundin knallte, ich schnupfte Heroin.» Will heissen: Sie spritzte es sich, er rauchte es. Am schlimmsten mitanzusehen war die Szenerie im Rondell, eine überdachte Laube im Park des Landesmuseums. «Dort waren Leute mit offenen Beinen, riesigen Löchern und eitrigen Wunden. Die haben immer mehr Gift genommen, um die Schmerzen nicht zu spüren.» Er habe damals oft überlegt, ob er vielleicht nicht auch einmal so enden wird.

Durchzogene «Karriere»

Zum Glück ist es nicht so weit gekommen, Rolf hat die Zeit der offenen Drogenszene überstanden. Nach dem Platzspitz verkaufte er sein Geschäft und lebte fünf Jahre in Amsterdam. Irgendwann kam er nach Luzern, eigentlich zufällig. Es folgten zweieinhalb Jahre im Gefängnis wegen eines Gewaltdelikts. Dann der Gang aufs Sozialamt, schliesslich die IV. Zwischendurch arbeitete er und hatte eine feste Bleibe. Dann folgten zweieinhalb Jahre auf der Strasse. Seit zwei Jahren verkehrt Rolf in der Gassechuchi und wohnt in einem Wohnheim an der Murbacherstrasse.

«Man hätte einen anderen Platz finden sollen. Verschwunden sind diese Leute ja nicht, zumindest nicht alle.»

Rolf

Nochmals ein Blick zurück auf damals. Es sei schon richtig gewesen, den Platz zu schliessen und später auch den Letten. «Aber man hätte einen anderen Platz finden sollen, mit mehr Betreuung und Angeboten wie sanitären Einrichtungen. Verschwunden sind diese Leute ja nicht, zumindest nicht alle.»

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2 Kommentare
  1. Romana Kälin, 06.04.2015, 10:21 Uhr

    Heroin schnupfen heisst nasal einnehmen. Nicht rauchen. Musste gesagt werden.

  2. Marcel Bachmann, 04.04.2015, 23:25 Uhr

    Im Bericht vertritt erstgenannter Junkie seine Drogenkariere in einer Selbstgefälligkeit, die so an dieser Stelle kein Gehör finden sollte Ich kann nicht beurteilen, ob das vom Intetviewten Wiedergegebene eine Interpretation des Journalisten ist oder ob der Junkie wirklich die Meinung vertritt, sein bisheriges Drogenlebenb sei Massstab und Anhaltspunkt für diejenigen, die versuchen der Droge zu entkommen. Der Befragte hat es zweifellos nicht geschafft. Im Gegenteil, als sogenannter Altjunkie scheint er sich in der Rolle eines Gurus zu wähnen, zu wissen was richtig oder falsch, gut oder schlecht ist.
    Ich wünsche mir, dass niemand, weder aus der Gassenküche noch von der Gasse diesen Bericht zur Kenntnis nehmen wird. Ich bin mir sicher, dass Aussagen dieser Art keinen Nutzen vermitteln und ich bezweifle, ob solche Berichte relevant für das allgemeine Wissen sind.