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Der Pegel der Kleinen Emme ist auf Jahrhunderttief
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Ungewohntes Bild beim Reusszopf: Die Kleine Emme führt zehnmal weniger Wasser als üblich. (Bild: jwy)

Der Herbst-Trockenheit in Luzern auf der Spur Der Pegel der Kleinen Emme ist auf Jahrhunderttief

4 min Lesezeit 24.10.2018, 05:02 Uhr

Kein Tropfen Regen seit einem Monat, und dies nach dem extremen Trocken-Sommer. Die Pegel der Flüsse und Bäche in Luzern sinken stetig. Die Kleine Emme führte sogar noch nie so wenig Wasser seit Messbeginn. Erkundung entlang des trockenen Flussbetts.

Veloräder, Regenschirme, Seegras und lauter Steine: Die Pegel der Luzerner Flüsse sinken ins Bodenlose – respektive Wasserlose – und geben Ungewohntes Preis. Wer zu Fuss oder mit dem Velo dem Ufer zwischen Kasernenplatz und Reusszopf folgt, staunt.

Das Gefühl täuscht nicht: In der Kleinen Emme fliessen Stand Dienstagabend nur noch 1,1 Kubikmeter Wasser pro Sekunde ab – das sind gerade mal 1100 Liter. Normalerweise ist es im Oktober das Zehnfache, klärt die Statistik des Bundesamts für Umwelt (Bafu) auf. Das bisherige Minimum lag 2005 bei 1,29 Kubikmetern/Sekunde.

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Man kann also von einem «über 100-jährigen Ereignis» sprechen, wobei die Werte und die Messreihe mit Vorsicht zu geniessen sind. So tiefe Werte seien schwierig zu messen, zudem sei die Messreihe noch nicht so lang, «um eine zuverlässige Aussage zu seltenen Ereignissen zu machen», klärt Edith Oosenbrug von der Abteilung Hydrologie beim Bafu auf.

Lauter Steine, wo sonst Wasser die Reuss hinunterfliesst.

Lauter Steine, wo sonst Wasser die Reuss hinunterfliesst.

(Bild: jwy)

Auch bei der Reuss wird’s knapp

Durch die Reuss fliessen immerhin noch 36 Kubikmeter, also 36’000 Liter pro Sekunde. Auch hier zeigt die Kurve stetig nach unten, Anfang Monat waren es noch 45 Kubikmeter. Das langjährige Mittel beträgt für die Reuss 81,6 Kubikmeter, doch es war schon schlimmer als jetzt: 1947 war der Abfluss im Oktober bei gerade mal 19,8 Kubikmetern/Sekunde, im März 1963 gar bei 17,7 Kubikmetern.

So gesehen ist der jetzige Abflusswert der Reuss nicht extrem, der komme «immer mal wieder vor», so Oosenbrug. Dies, weil die Reuss mit dem Wehr ein «beeinflusster Abfluss» ist und man die Abflussmenge also steuern kann. Derzeit ist es praktisch geschlossen, man versucht, den Seepegel zu halten.

Hier fliessen momentan noch 36'000 Liter pro Sekunde. Tönt nach viel, ist aber zu wenig für die Jahreszeit.

Hier fliessen momentan noch 36’000 Liter pro Sekunde. Tönt nach viel, ist aber zu wenig für die Jahreszeit.

(Bild: jwy)

Die Wasserstände sind derzeit in der ganzen Schweiz ausserordentlich tief. Es hat kaum geregnet im Oktober, und dies nach einem heissen und sehr trockenen Sommer. Auch die Waldbrandgefahr ist im Kanton Luzern wieder gestiegen, die Böden sind sehr trocken. Aktuell liegt sie auf Stufe 3, also «erheblich» (zentralplus berichtete).

Neue Perspektiven – und Geschmäcker

Abseits der Statistiken eröffnen sich ganz neue Perspektiven auf die Reuss – und neue Geschmäcker. Die freiliegenden Steinbrocken, Brückenpfeiler und Pflanzen sondern Duftstoffe ab, die an Häfen erinnern. Es kommen alte Velos und allerhand anderer Unrat zum Vorschein.

Es ist aber auch lästig: Passanten wedeln mit den Händen vor dem Gesicht, Velofahrer verschlucken hin und wieder eine Fliege – oder was auch immer das für Insekten sein mögen. Überall schwirren sie rum und verfangen sich in Brillen, Jacken und Haaren.

Stillleben am tiefen Reussufer.

Stillleben am tiefen Reussufer.

(Bild: jwy)

Es gibt Gewinner und Nutzniesser des niedrigen Wasserstandes: Die Vögel scheinen dem tiefen Flusspegel nicht abgeneigt. Abgesehen davon, dass ihnen die Insekten gute Nahrung für den nahenden Winter liefern, eröffnen sich ihnen ganz neue Felder und Schlafplätze.

Zwischen den Steinen tummeln sie sich und picken Nahrung. Möwen, Enten, Schwäne und anderes Gefieder sonnt sich auf den Steinen, wo sonst Strömung herrscht. Man kann sich mit zunehmender Klimaerwärmung hier bald auch Flamingos vorstellen.

Aussergewöhnliche Situation

Philipp Arnold, Teamleiter Gewässer bei der kantonalen Dienststelle Umwelt und Energie, bezeichnet die Situation von Reuss und Kleiner Emme als «aussergewöhnlich». Die Kleine Emme und die übrigen Fliessgewässer im Kanton wiesen schon länger einen sehr tiefen Abfluss auf, jetzt komme die Reuss dazu. «Ein Monat ohne Niederschläge im Oktober kumuliert sich mit dem Niederschlagsdefizit der ganzen Sommermonate», erklärt er.

Die momentane Abflussmenge der Reuss von nur gerade 36 Kubikmetern pro Sekunde ist sehr tief für die Jahreszeit und sonst eher in den Kälteperioden im Winter üblich, wenn das Schmelzwasser der Gletscher im Einzugsgebiet der Reuss abnimmt.

Die Wasservögel erhalten neue Schlafplätze, die sonst unter Wasser stehen.

Die Wasservögel erhalten neue Schlafplätze, die sonst unter Wasser stehen.

(Bild: jwy)

Ein Problem für Fische und andere Lebewesen sei der Wasserstand der Reuss hingegen nicht, die kritische Phase mit hohen Wassertemperaturen war im Sommer. Und Arnold bestätigt die Beobachtung: «Für Vögel ist der tiefe Wasserstand sogar attraktiv.» Nicht nur für Wasservögel, sondern Vögel aller Art finden Futter zwischen den Steinen, etwa Larven von Wasserinsekten.

Die vielen Insekten entlang der Reuss haben laut Arnold hingegen keinen direkten Zusammenhang mit der Trockenheit. «In der Stadt Luzern ist bekannt, dass je nach Temperatur auf einmal viele Larven schlüpfen und viele Wasserinsekten im Flussraum der Reuss zu beobachten sind.»

Am Wochenende könnte sich die Pegel-Situation übrigens etwas entspannen: Für Samstag und Sonntag ist Dauerregen angesagt.

Mehr Bilder von Reuss und Kleiner Emme finden Sie in der Galerie:

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