Der neue Dok-Film von Ursula Brunner ist unverhofft brandaktuell
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Deborah Pfenniger leidet seit ihrer Kindheit unter Einsamkeit. Nun ist sie eine der Protagonistinnen im neuen FIlm der Filmemacherin Ursula Brunner. (Bild: SRF)

«Tabu Einsamkeit» Der neue Dok-Film von Ursula Brunner ist unverhofft brandaktuell

7 min Lesezeit 1 Kommentar 14.02.2021, 05:05 Uhr

In ihrem neuen Dokumentarfilm «Tabu Einsamkeit – Geschichten über das Alleinsein», begleitet die Luzerner Filmemacherin Ursula Brunner vier Personen auf einem Stück ihres Weges aus der Einsamkeit heraus. Zentralplus hat mit der Regisseurin über ihr Werk gesprochen.

Geschlossene Läden und Restaurants, Versammlungsverbot und Homeofficepflicht – unter den aktuellen Massnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie klagen immer mehr Menschen über fehlende soziale Kontakte und leiden zunehmend unter Einsamkeit.

Doch für viele war die Einsamkeit schon lange vor Corona ein steter Begleiter in ihrem Leben. Vier solche Menschen begleitet die Luzerner Filmemacherin Ursula Brunner in ihrem neuen Dokumentarfilm, der am Donnerstagabend zu bester Sendezeit um 20.05 Uhr im SRF ausgestrahlt wird, auf einem Stück ihres Weges aus der Einsamkeit heraus. zentralplus sprach mit ihr über den Film, den gesellschaftlichen Umgang mit Einsamkeit und die Auswirkungen der Coronapandemie auf die Dreharbeiten.

zentralplus: Ursula Brunner, ihr Film erfährt durch die aktuellen Coronamassnahmen und damit verbundenen Einschränkungen des sozialen Lebens eine hohe Aktualität. Wie hat Corona generell den Film und die Arbeiten daran beeinflusst?

Ursula Brunner: Als ich mit den Arbeiten für den Film anfing, war Corona noch nicht absehbar. Eigentlich wollten wir April bis Mai letzten Jahres drehen und mussten das dann aufgrund von Corona auf September und Oktober verschieben. Normalerweise sind bei den Dreharbeiten jeweils ein Kameramann und ein Tonmann anwesend. Bei diesem Film haben wir auf den Tonmann verzichtet und mit Ansteckmikrofonen gearbeitet, so dass wir hinter der Kamera wirklich immer nur zu zweit waren. Generell gibt es viel mehr zu organisieren und man muss immer damit rechnen, dass plötzlich jemand in Quarantäne muss. Der Zeitdruck zwischen Fertigstellung und Ausstrahlung des Films ist dieses Mal viel grösser als bei meinen anderen Filmen.

Die Luzerner Filmemacherin Ursula Brunner. (Bild: zvg)

zentralplus: Im Film spielt die Unterscheidung zwischen Einsamkeit und Alleinsein eine wichtige Rolle. Können Sie uns diesen Unterschied erklären?

Brunner: Das Alleinsein kann durchaus etwas Positives sein. Es kann einem die Gelegenheit geben, sich zu reflektieren, vielleicht neu auszurichten. Cordula Reimann sagt an einer Stelle im Film, wenn du gut mit dir allein sein kannst, ist das auch eine Prophylaxe gegen Einsamkeit. Wir alle haben Phasen im Leben, in denen wir uns einsam fühlen. Das ist normal. Aber, wenn es eben nicht bei einer Phase bleibt und chronisch wird, man also nicht mehr aus der Einsamkeit herauskommt, dann wird es ungesund.

«Es war ein grosses Glück, einen Mann für den Film zu finden, der so offen seine Gefühle zeigt.»

Die Regisseurin über einen ihrer Protagonisten

zentralplus: Sie porträtieren in ihrem Film vier Personen, die mit einer solchen chronischen Einsamkeit zu kämpfen haben. Wie haben Sie Ihre Protagonisten und Protagonistinnen gefunden?

Brunner: Durch meine Arbeit habe ich inzwischen ein grosses Netzwerk, auf das ich zurückgreifen kann. Ich habe mich bei Kontaktstellen, psychiatrischen Einrichtungen oder Kirchgemeinden erkundigt und Flyer platziert. Es meldeten sich daraufhin zahlreiche Leute bei mir und ich merkte, wie viele Menschen eigentlich betroffen sind. Ich habe mich mit ihnen getroffen und Gespräche geführt. Die wenigsten aber trauten sich zu, vor eine Kamera zu treten. Das zeigt auch wieder, wie schwierig es den Menschen fällt, über ihre Einsamkeit zu sprechen.

Daniel Widmer hat als IV-Rentner kaum Teilhabe am sozialen Leben.

zentralplus: Der erste Satz des Filmes lautet dann auch, «Einsamkeit findet im Versteckten statt».

Brunner: Ja, das sagt Daniel Widmer. Er ist jetzt 51 Jahre alt und hat sich sein Leben lang ständig gegen aussen hin verstellt und war immer bemüht, sich so anzupassen, dass man ihn gerne hat. Aber das hat auf Dauer nie funktioniert. Bei ihm kommt erschwerend hinzu, dass er von einer IV-Rente lebt, die knapp zum Leben reicht, was ihn in der Teilhabe am sozialen Leben einschränkt. Eine grosse Hilfe ist für ihn die psychiatrische Spitex. Er weiss, jeden Mittwoch kommt die Frau von der Spitex, mit der er über das sprechen kann, was ihn beschäftigt. Ich wusste vorher nicht einmal, dass es so ein Angebot gibt. Das ist etwas unglaublich Gutes, denn er hat ja sonst niemandem zum Reden. Es war mir wichtig, auch solche Ansätze der Problembewältigung im Film zu zeigen.

Walter Reichlin, einer der Protagonisten in Brunners Film, in seiner Wohnung in Luzern. (Bild: zvg)

zentralplus: Hilfe, um aus seiner Einsamkeit herauszukommen, hat auch ihr ältester Protagonist, Walter Reichlin, gefunden.

Brunner: Genau. Herr Reichlin ist 83 und lebt alleine, nachdem seine Ehefrau Mona wegen einer schweren Demenz ins Pflegeheim musste. Obwohl Herr Reichlin seine Mona regelmässig besucht, fehlte ihm ein richtiger Gesprächspartner. Ich lernte Herr Reichlin über die Genossenschaft Zeitgut Luzern kennen, wo er sich angemeldet hatte. Die Genossenschaft leistet Nachbarschaftshilfe. Neben anderen Angeboten vermitteln sie unter den Genossenschaftsmitgliedern auch Tandempartnerschaften. Inzwischen hat Herr Reichlin eine Tandempartnerin, die er einmal die Woche besucht. Da sie dazu selbst nicht mehr in der Lage ist, kocht er für die Frau, sie essen dann gemeinsam und unterhalten sich. Das tut ihm richtig gut.

«Mir war es zudem wichtig, jemanden im Film zu haben, bei dem die Gründe für ihre Einsamkeit nicht so scheinbar offensichtlich sind.»

Es war ein grosses Glück, einen Mann für den Film zu finden, der so offen seine Gefühle zeigt. Viele Männer in Herr Reichlins Alter wurden ja darauf getrimmt, keine Schwächen zu zeigen und nicht über ihre Gefühle zu sprechen. Herr Reichlin hat aber festgestellt, wie wichtig das ist.

Deborah Pfenniger erlebte Ausgrenzung seit ihrer Kindheit.

zentralplus: Tun wir denn als Gesellschaft genug, um Menschen soziale Teilhabe zu ermöglichen?

Brunner: Auf der einen Seite gibt es diese sehr guten Angebote, wie ich so oben erwähnt habe. Auf der anderen Seite zeigt etwa das Beispiel der 28-jährigen Deborah Pfenniger, wie ausgrenzend unsere Gesellschaft oft ist, insbesondere wenn jemand anders ist und nicht der gängigen Norm entspricht. Deborah leidet seit ihrer Kindheit unter ihrem Übergewicht. Wenn im Turnen die Kinder ihre Teamkameraden für Mannschaften gewählt haben, kam Deborah immer als letzte an die Reihe. Sie wurde gehänselt und ausgeschlossen. Allein diese furchtbare Situation im Turnen, die so verletzend für sie war, hätte von einem Lehrer doch ganz leicht gelöst werden können. Anstatt, dass die Kinder ihre Teams selbst wählen, zählt man durch – so einfach wäre das gewesen. Es erstaunt mich immer wieder, dass Erwachsene für so etwas nicht sensibler sind. Deborah hat niemandem anvertraut, wie sehr sie leidet. Auch nicht ihren Eltern gegenüber, weil sie tapfer sein wollte. Für sie ist es fast normal, dass Leute sie anstarren und Bemerkungen wie «du dicke Sau» machen. Das ist doch verrückt. Sie befindet sich mitten in einem Prozess. Der ganze Schmerz, den sie dauernd heruntergeschluckt hat, kommt jetzt im Erwachsenenalter aus ihr raus.

Cordula Reimann wurde von der Betroffenen zu Expertin – auch im Film.

zentralplus: Cordula Reimann, die vierte Protagonistin in ihrem Film, hat sogar ein eigenes Buch über ihre Erfahrungen mit Einsamkeit geschrieben.

Brunner: Sie hat eine Art Sonderrolle im Film. Sie ist einerseits Expertin, aber auch selbst Betroffene. Es wird wahrscheinlich vielen gar nicht auffallen, aber in diesem Film gibt es keine Kommentarstimme aus dem Off. Schon bei meinen früheren Filmen habe ich jeweils versucht, auf eine Kommentarstimme zu verzichten, bin beim SRF damit aber nie durchgekommen. Bei diesem Film war das jetzt anders. Anstatt der im DOK üblichen Kommentarstimme stellt Cordula Reimann die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Geschichten im Film her und liefert zusätzliche Fakten.

Mir war es zudem wichtig, jemanden im Film zu haben, bei dem die Gründe für ihre Einsamkeit nicht so scheinbar offensichtlich sind. Bei Cordula Reimann würde man nicht annehmen, dass sie sich einsam fühlt. Und das macht es für sie in gewisser Weise umso schwieriger, mit anderen darüber zu sprechen. Man kann sich beispielsweise auch in einer Partnerschaft einsam fühlen, nur wie soll man das dem Partner oder der Partnerin mitteilen, ohne Schuldgefühle im Gegenüber auszulösen?

Eine Quintessenz des Films besteht darin, dass wir alle den Wunsch haben, so gemocht zu werden, wie wir wirklich sind, und wie schwierig es eigentlich ist, in der Zweckoptimierungsgesellschaft, in der wir leben, diesen Wunsch zu erfüllen.

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1 Kommentare
  1. Tobias Mueller, 14.02.2021, 20:42 Uhr

    Das Beispiel von Deborah Pfenniger hat mich sehr betroffen gemacht: Vor fast 30 Jahren, als junger und dummer Sekundarschüler, traf ich im Krienser Hochwald auf eine schätzungsweise 16-Jährige, welche einsam auf einer Lichtung sass. Sie war schwer übergewichtig und schüttelte sich unter Weinkrämpfen. Ich wurde auf sie aufmerksam, weil sie wiederholt in die Baumkronen hinauf schrie: „Worum ech?!“ (Warum ich?). Ich bin damals einfach weitergegangen, liess sie alleine. Auch weiss ich nicht, was aus der jungen Frau wurde. Diese Zeilen schreibend schäme ich mich unglaublich für meine damalige Gleichgültigkeit und Unbeholfenheit.

    Wenn Ursula Brunner’s Werk nur eine einzige solche Situation zu einem besseren Ende bringt, ist das schon ein Erfolg.

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.