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Der Marienkäfer aus Baar möbelte Schweizer Stuben auf – bis Ikea kam
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Der Kamin der ehemaligen Zimmerei und Möbelfabrik an der Mühlegasse in Baar. (Bild: wia)

Die originellen Kataloge der Victoria Möbel AG Der Marienkäfer aus Baar möbelte Schweizer Stuben auf – bis Ikea kam

5 min Lesezeit 2 Kommentare 09.05.2020, 11:39 Uhr

Es begann im Landi-Stil, ging dann in avantgardistische Pop-Art über. Die 60-jährige Geschichte der Baarer Firma Victoria Möbel AG ist von einem innovativen Umgang mit Werbematerial geprägt – bis billige Möbel aus dem Norden den hiesigen Markt überschwemmten.

Die Victoria-Werke in Baar produzierten ihre Möbel von 1939 bis 1998. Unter anderem in der heute als Büro- und Wohnraum genutzten, inzwischen renovierten, ehemaligen Holzwarenfabrik an der Mühlegasse. Deren Backsteinkamin erinnert immer noch an das Unternehmen, das die Wohnkultur der Nachkriegszeit in der Schweiz mitprägte.

Die Wohnwände, Regale, Schränke oder Betten aus Baar zeichnen sich durch höchst solide Schweizer Qualität aus. Sie fügen sich, auch wenn vor 30 Jahren oder länger gekauft, auch heute noch gut in heimischen Wohn-, Schlaf- oder Arbeitszimmern ein.

Vielleicht hast du noch so ein Möbel zuhause. Vor allem, wenn du aus Zug stammst, ist die Chance relativ gross. Während die poppigen Sessel aus den 70er-Jahren ins Auge stechen, sind viele späte Stücke der Victoria-Möbel aus Baar eher unscheinbar.

Dank originellen Katalogen zum Erfolg

Das gemeinsame Erkennungsmerkmal der Möbel ist der Marienkäfer. Meist findet er sich auf den Möbeln relativ unauffällig aufgeklebt in einer Schublade oder unter der Tischplatte.

Auffälliger als der kleine Käfer hingegen sind die Kataloge, mit denen die Produkte beworben wurden. Heinz Horat arbeitet derzeit an einem Buch, das die inzwischen ausserhalb von Zug etwas in Vergessenheit geratene Möbelfabrik anhand dieser Werbeprospekte wieder aufarbeitet.

«Manchmal traten sie avantgardistisch auf, manchmal etwas verspätet, aber immer nahe am jeweiligen Zeitgeschmack.»

Heinz Horat, Historiker und Buchautor

Die These, die der ehemalige Zuger Denkmalpfleger verfolgt: «Die Firma war deshalb so erfolgreich, weil sie ihre Kollektionen höchst experimentierfreudig mit überraschend unkonventionellen Katalogen bewarb.»

Für den Historiker ist die Sache umso interessanter, weil die Kataloge gleichzeitig auch einen Einblick in die sich verändernden Wohngewohnheiten von Herr und Frau Schweizer in der Nachkriesgzeit gewähren.

Zwischen Massenproduktion und Design

Möbelprospekte waren eine ausgezeichnete Möglichkeit, sich ein eigenes Profil zu verschaffen. Dass sich Victoria damit von der Masse abheben konnte, war ihrer Entstehungsgeschichte geschuldet.

«Die Möbelfabrik in Baar ging 1939 aus einer Holzwarenfabrik hervor. Produziert wurden zunächst stabile Eschenmöbel im damals sehr populären Landi-Stil», so Horat. Die Möbelproduktion war allerdings nicht einem grossen Möbelhaus angelagert, wie es bei vielen Schreinereien der Fall war. «Das ermöglichte den Unternehmerfamilien Buhofer und Rossel, eine eigene Marke zwischen dominant auftretenden Interessenverbänden der Möbelindustrie, des Möbelhandels und der Designerelite zu etablieren und erfolgreich auszubauen», so Horat weiter.

Die Produkte, die in den Möbelhäusern verkauft wurden, waren nämlich jeweils mit dem Label von Pfister und Co. versehen. Welche Möbelfabrik sie hergestellt hat, wurde daraus aber nicht sichtbar. «Zudem nahm der Möbelhandel auch stark Einfluss darauf, was überhaupt produziert wurde.» Demgegenüber durfte Victoria-Möbel nicht nur eigene Entwürfe, sondern auch den Marienkäfer in die Schweizer Stuben bringen.

Der Plastikstuhl als Hippie-Ikone

Grosse Designernnamen findet man bei den Victoria-Möbeln kaum. Die berühmteste Ausnahme stammt aus den florierenden 70er-Jahren, als Ueli und Susi Berger den sogenannten «Softchair» entwarfen. Ein Kultsessel aus Plastik und Schaumstoff, der sich vorzüglich zum «Fläzen» im Wohnzimmer eignete.

«Damit hat die Firma natürlich den Vogel abgeschossen und auch die elitäre Schweizer Designszene auf sich aufmerksam gemacht», sagt Horat. Der neue Zeitgeist wurde aufgenommen, fortan liess man sich von den Hippies und der modernen Pop-Art inspirieren. «Manchmal traten sie avantgardistisch auf, manchmal etwas verspätet, aber immer nahe am jeweiligen Zeitgeschmack», so Horat.

Billigmöbel aus dem Norden waren der Untergang

Die poppigen Victoria-Möbel florierten bis in die 80er-Jahre hinein, als man wieder zu einem eher behaglicheren, durch schwere Lederpolstergruppen und dunkles Holz wie Mahagoni geprägten Stil zurückkehrte. Es war aber ein anderer Trend, der dem Unternehmen – und mit ihm auch vielen anderen Möbelherstellern in der Schweiz – zunehmend zu schaffen machte: Billigmöbel aus Deutschland und Skandinavien begannen den Markt zu überschwemmen.

Es gelang der Firma nicht, unter diesen verschärften Bedingungen an vorige Erfolge anzuknüpfen und so wurde das letzte Möbelstück 1998 ausgeliefert.

Noch existiert kein Sammlermarkt

Heute ist zwar noch der Name «Victoria Design» mit Sitz in Lenzburg zu finden. Nachdem die Markenrechte verkauft wurden, werden darunter Möbel für öffentliche Einrichtungen wie Aufenthaltsräume in Spitälern vertrieben. «Mit der eigentlichen Holzwaren- und Möbelfabrik aus Baar hat das nichts mehr zu tun», so Horat.

Schaut man sich im Internet nach gepflegten Occasionen aus Baar um, dann ist die Ausbeute klein: Ein Stäblistuhl aus den 1950ern, ein Sideboard und ein altes Ledersofa. Den Fauteuil, den der Autor dieser Zeilen gerne in seiner Stube sehen würde, findet man nicht einmal auf einer Abbildung. «Ihre Stellung zwischen den grossen Möbelhändlern und den Designerkreisen machte die Victoria-Möbel zu einem Sonderfall. Vielleicht sind sie auch deswegen bei Sammlern kaum bekannt.»

Vielleicht ändert sich das ja durch das Buch, an dem er im Rahmen seines Engagements für den Industriepfad Lorze arbeitet. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, die reiche Zuger Wirtschaftsgeschichte zu dokumentieren.

Sein Buch wird sich, so Horat, auch gestalterisch an die Kataloge aus Baar halten. Es soll im November erscheinen.

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2 Kommentare
  1. Ernst Teismann (ex Victoria), 13.05.2020, 14:16 Uhr

    Zur Geschichte der Victoria gehört aber “ das Original Marienkäferli mit Beinen. Zu sehen am Fabrik Gebäude längs der Bahn Baar -Zürich.

    1. Redaktion Urs-Ueli Schorno, 13.05.2020, 15:19 Uhr

      Danke für ihren Beitrag. Ob mit oder ohne Beine: Zum Glück können Marienkäfer ja fliegen! Wir berufen uns im Artikel auf die Angaben des Vereins Industriepfad Lorze. Auf deren Webseite sind Bilder von Möbeln mit dem „Marienkäfer ohne Beine“-Aufkleber als Original-Victoria-Möbel ausgewiesen. Auf dem Titelbild ist die Variante „mit Beinen“ auf dem ehemaligen Firmengelände zu sehen.

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