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Der Luzerner Marco von Ah mitten im Nati-Wirbelsturm
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Enttäuscht über Schwarzhändler: der Luzerner Marco von Ah, Medienchef der Schweizer Nationalmannschaft. (Bild: Screenshot SRF)

Kommunikationschef steht in der Kritik Der Luzerner Marco von Ah mitten im Nati-Wirbelsturm

7 min Lesezeit 3 Kommentare 20.08.2018, 17:03 Uhr

Am Freitag ist Stichtag: Dann tagt der Zentralvorstand des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV). Und es geht um die zentrale Frage, wie und mit welchen Köpfen die Zukunft des SFV und der Schweizer Nationalmannschaft aussehen wird. Die Krise im Verband wird an dessen Kommunikation festgemacht und hat so auch den Luzerner SFV-Medienchef Marco von Ah (56) erfasst.

Es ist ja durchaus unterhaltsam, was in den Tagen der Kampagne gegen die Spitzen des SFV geschrieben wird. Der «Sonntagsblick» enthüllt in einem «intimen Report», dass Ski-Ass Lara Gut über Tage regelmässige WM-Besucherin im Teamhotel der Schweizer in Russland gewesen sei. Mittlerweile mit Valon Behrami verheiratet, soll sie erst am Tag des letzten Gruppenspiels gegen Costa Rica (2:2) den Vorkämpfer der Schweizer verlassen haben. Eine Bevorzugung eines Teamleaders, die im Nachhinein als Führungsschwäche des SFV darzustellen versucht wird.

Die Frage ist aber: Warum erfahren wir das als Anhängerinnen und Anhänger der Schweiz erst im Nachgang zum wichtigsten Turnier auf dem Planeten Fussball? Erst jetzt, als plötzlich alles so schlecht ist, was zuvor in den national führenden Medien lange so positiv dargestellt wurde? Warum wagte man es nicht, Behramis heikle Sonderbehandlung dann zu thematisieren, als man davon erfahren hat? Also während der WM.

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Alles wurde in Einmütigkeit aufgenommen

Es macht den Anschein, als sei zwischen dem SFV und den ihm wichtigsten Medien über die Jahre ein System entstanden, das wie ein Pakt wirkt und auch so funktioniert hat. Als die «Blick»-Journalisten nach dem Rücktritt von Nationalcoach und Ringier-Mitarbeiter Ottmar Hitzfeld 2014 endlich wieder freie Schussbahn hatten, wurde über dessen Nachfolger Vladimir Petkovic anfänglich noch kritisch berichtet.

Doch dem Luzerner Marco von Ah, den Hitzfeld mit seinem Jobantritt 2008 in das Amt des Kommunikationschefs hievte, gelang es, Petkovic immer besser zu positionieren. Die Stürme der Entrüstung, die sich auf der Basis der brachialen deutschen Aussprache des Nationaltrainers in der Öffentlichkeit zusammenbrauten, wusste er geschickt zu glätten. Er liess Petkovic, des Italienischen mächtig, nur noch auf Italienisch Auskunft geben. Was diesem Sicherheit vermittelte und ihn weniger misstrauisch erscheinen liess.

Die Beziehung von Ski-Ass Lara Gut zum Nati-Krieger Valon Behrami sorgt für Gesprächsstoff:


 

Nach der Euro 2016 in Frankreich, die Petkovic trotz des Scheiterns im Achtelfinal gegen Polen als Erfolg ausgelegt wurde, schrieben praktisch alle Medien von einem attraktiveren Fussball als unter Hitzfeld. Etwas Negatives über die Schweizer Nationalmannschaft und ihre Protagonisten drang kaum nach aussen. Petkovics Handlungen, Petkovics Aufgebote, Petkovics Aufstellungen, sogar Petkovics Kommunikation: Alles wurde von den Medien und der Öffentlichkeit in seltener Einmütigkeit aufgenommen.

«Doppeladler» traf Schweiz unvermittelt

Doch dann kam der 22. Juni 2018. Quasi wie ein Vorbote zu einem Sommer, der nicht nur meteorologisch hitzig werden sollte. Er sollte als Doppeladler-Spiel in die Schweizer Sportgeschichte eingehen. Die Schweizer Öffentlichkeit trafen die Gesten durch Granit Xhaka und Siegtorschütze Shaqiri beim wegweisenden 2:1 gegen Serbien unvermittelt. Die emotional extrem hoch kochende Brisanz dieses Aufeinandertreffens für die Doppelbürger in der Schweizer Equipe haben die Medien offenbar weder begriffen, geschweige denn im Vorfeld der Partie aufgegriffen. Und der SFV tat alles dafür, um die Brisanz dieses Spiels unter dem Deckel zu halten. Aus seiner Sicht legitim.

Granit Xhaka bejubelte sein Tor gegen Serbien mit dem «Doppeladler»:

 

Entsprechend dann die Reaktion der national agierenden Medien im ersten Moment. Statt die nachhaltig anhaltende Dimension dieser Geste zu erkennen, delektierten sie sich am Sieg gegen Serbien. Entweder wurde der «Doppeladler», den der Adligenswiler Nati-Captain Stephan Lichtsteiner im Zuge der Solidarisierung mit den Doppelbürgern auf dem Platz ebenfalls zum Besten gab, ganz verschwiegen – oder man zeigte im Grossen und Ganzen Verständnis dafür.

Der Verband fühlte sich bereits in (falscher) Sicherheit. Und verlor damit die Verbindung zum Schweizer Publikum, das in weiten Kreisen so ganz anders reagierte als die Medien. Nämlich mit Unverständnis für den Doppeladler.

Die Medien nahmen die Befindlichkeit des Publikums erst mit Verzögerung auf, dann aber umso opportunistischer. Der Verband aber, in seiner ganz eigenen Definition der Lage gefangen, konnte die mediale Trendwende nicht antizipieren.

Ein schönes Stück weit nur heuchlerisch

So sollte mit dem 3. Juli und der Niederlage im WM-Achtelfinal gegen Schweden alles noch viel schlimmer kommen. Vladimir Petkovic sah sich nicht imstande, am Tag nach dem 0:1 eine Bilanz zu ziehen und einen Ausblick auf die unmittelbare Zukunft seiner Mannschaft zu skizzieren und damit den Weg ins Morgen vorzuspuren. Dem mittlerweile zurückgetretenen SFV-Generalsekretär Alex Miescher seinerseits war es während des Rückflugs der Mannschaft in die Schweiz seltsam wichtig, die Integration der Doppelbürger in den nationalen Fussballverband infrage zu stellen.

Nach dem WM-Aus wollte sich Nati-Trainer Vladimir Petkovic nicht mehr öffentlich äussern:

 

Die für die Platzierung des Interviews avisierten «Tagesanzeiger» und «Neue Zürcher Zeitung» nahmen dankend an und liessen Miescher prominent zu Wort kommen. Dieser segnete das unselige Interview in Absprache mit Verbandspräsident Peter Gilliéron ab.

Heute ist es gerade der «Tagesanzeiger», der dieses Interview als Argument dafür verwendet, dass beim SFV kommunikativ vieles im Argen liegt. Das ist seitens des Tamedia-Blattes ein schönes Stück weit einfach nur heuchlerisch.

Eine Frage des Bewusstseins

Die zentrale und entscheidende Frage ist: Warum hat es der SFV nicht geschafft, ihre Exponenten nach klaren Regeln zu führen? Und ihnen einzuimpfen, was sie repräsentieren, wenn sie die Plattform nützen, die ihnen die Schweizer Auswahl bietet? Die Verankerung dieses Bewusstseins ist eine Daueraufgabe und kann nicht erst im Moment der Krise erfolgen. Dieses Bewusstsein ist ein Führungsinstrument, auch weil es die Basis für Sanktionen bei einem Fehlverhalten eines Repräsentanten bietet.

Doch die Spitze des SFV – und das ist ihr vorzuwerfen – foutierte sich in ihrem Harmoniebedürfnis um Führung. Es fehlt ihr an Persönlichkeiten, die bereit sind, Klartext zu reden, wo Klartext angesagt ist. Das führte im Verband zu einem Klima der Pseudotoleranz. Es führte dazu, dass der Trainer trotz eigentlicher Pflicht selbstherrlich entscheiden kann, ob er öffentlich auftreten will oder eben nicht. Dass der Spieler seine Frau ins Hotel mitnimmt, wenn ihm danach ist. Dass andere Spieler die um Einheit bemühte Schweizer Multi-Kulti-Öffentlichkeit brüskieren können. Dass der Funktionär ausfällig und von der FIFA gebüsst wird. Es führt vor allem dazu, dass all dies keine Konsequenzen nach sich zieht.

Nati-Star Xherdan Shaqiri posiert am 1. August mit der Schweizer Flagge: 


 

Dieses Klima der Pseudotoleranz wurde nun von den Medien aufgebrochen und der Pakt (vorübergehend) sistiert. Das machte die Führungsschwäche im SFV offenbar. Vordergründig hat die Kommunikation des SFV versagt. Doch in einem derartigen Führungsvakuum ist alleine mit Kommunikation auf Dauer nichts auszurichten. Das Pulver fürs Zurechtbiegen, fürs Retten, fürs Beschwichtigen ist verschossen.

Die eigentliche Schuld von Marco von Ah

Das Einzige, was sich die Kommunikation und damit ihr leitender Angestellter Marco von Ah zuschulden hat kommen lassen: Dass er als erfahrener Medienprofi das System der Pseudotoleranz zu lange gestützt und beschützt hat. Er hat die Unzulänglichkeiten seiner Vorgesetzten in Loyalität ständig ausgebügelt.

Marco von Ah hat Vladimir Petkovic, der sich so schwertat, in seine Rolle als Nationaltrainer hineinzuwachsen, eng begleitet. Im Gegensatz zum sprachgewandten und eloquenten Hitzfeld war die Kommunikation von Petkovic von dessen ersten Tag als Nationaltrainer an ein Thema. Von Ah hat es geschafft, den knorrigen Petkovic beim Publikum und bei den Medien mit der Zeit gut ankommen zu lassen. Und er hat es über Jahre auch geschafft, Behrami und Co. in der öffentlichen Wahrnehmung gescheiter aussehen zu lassen, als sie es in Wirklichkeit sein mögen. Schliesslich ist jedes Interview über seinen Tisch gelaufen.

Der Schweizer Fussballverband steht vor heissen Tagen.

Der Schweizer Fussballverband steht vor heissen Tagen.

(Bild: Facebook/ Schweizer Fussballverband)

Marco von Ah hat auch die an Respektlosigkeit grenzenden Verspätungen bei Medienterminen von Claudio Sulser und Alex Miescher selbstlos ausgebügelt und die Kommunikationsstrategie der Belanglosigkeit mitgetragen.

Entscheidend in der Frage der Kommunikation sind die Kompetenz und die Bereitschaft, sich beraten zu lassen und zu lernen. Wer kann wem sagen, was er wann und gegenüber wem zu sagen hat? Von Ah ist lediglich der kommunikative Berater von Petkovic – Claudio Sulser als Nationalmannschaftsdelegierter hingegen sein Chef. Ist es verwunderlich, dass der ehemalige Nati-Goalgetter in seiner Zeit beim Weltfussballverband Fifa ganz genau gelernt hat, wie man nicht führt und stattdessen ein Problem aussitzt?

Marco von Ah wollte sich zum aktuellen Zeitpunkt gegenüber zentralplus nicht äussern.

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3 Kommentare
  1. Beat Keiser, 24.08.2018, 22:37 Uhr

    Super Artikel zur Situation über “unsere” Fussball-Nati! Büne Huber hatte ja so recht. Unsere Fussballer sind mehr oder weniger alles sich am Boden wälzende und tätowierte Weicheier und Heulsusen. Neu dazu kommt, dass Sie nicht zuhören können wenn der Coach etwas sagen will.

  2. Franz Pfoster, 21.08.2018, 13:42 Uhr

    Wenn man einen kritischen Artikel schreibt über die Schweizer Nati, dann sollte man auch kritisch gegen sich als Verfasser sein und die korrekte Schreibweise der aufgeführten Personen des SFV sein. Dass Herr Ineichen zweimal den Namen von Claudio Sulser falsch schreibt und diesen als Sulzer benennt, das ist doch mehr als befremdend!
    Ansonsten sind die gewaltigen Probleme innerhalb der Führungsstruktur beim SFV richtig geschildert.

    1. Linus Estermann, 21.08.2018, 14:18 Uhr

      Guten Tag. Herzlichen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Ansonsten danke für die Blumen.