Der Luzerner, der wie eine Edelprostituierte aussehen will
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Samuel Zihlmann gönnt sich während der Verwandlung in Vicky Goldfinger eine Zigarette. (Bild: zvg)

Dragqueen und Kunstfigur Vicky Goldfinger Der Luzerner, der wie eine Edelprostituierte aussehen will

8 min Lesezeit 07.05.2017, 12:10 Uhr

Es ist das Spiel mit der Illusion, das Samuel Zihlmann perfekt beherrscht: In drei Stunden verwandelt er sich vom Mann in die weibliche Kunstfigur Vicky Goldfinger. Dabei geht es der erfolgreichsten Luzerner Dragqueen um weit mehr als Silikonbrüste, zentimeterdicke Schminke und Playback-Shows.

Betritt Samuel Zihlmann den Raum, zieht er die Aufmerksamkeit sofort auf sich. Ganz in Schwarz gekleidet, mit einem perfekt geschminkten Teint und schwungvollen Augenbrauen sieht man ihm an, dass er Wert auf sein Äusseres legt. Seine Maniküre ist besser als die mancher Frau, der Style betont lässig und androgyn. Es fällt nicht schwer, sich ihn mit langen Haaren, sexy Kleid und geschminktem Vollmund vorzustellen. Der Dreitagebart und die tiefe Stimme machen die Verwirrung komplett.

Der Mann, der nicht in die Schublade passt

Zihlmann passt nicht so recht in die Schubladen, welche die Gesellschaft für die Geschlechter vorgesehen hat. Genau das ist die Absicht des jungen Luzerners. Mit einer scheinbaren Leichtigkeit pendelt er zwischen männlich und weiblich hin und her. Er beherrscht das Spiel der Illusionen nicht nur perfekt, er verdient damit auch Geld.

Zihlmann ist Dragqueen: Kunstvoll geschminkt, mit wallender Perücke und hohen Absätzen, mit Silikonpads im BH und Schaumstoffkurven unter fünf paar Strümpfen mimt er auf der Bühne mal die Femme fatale, mal die frustrierte Königin. «Vicky Goldfinger sieht ein wenig aus wie eine Edelprostituierte», fasst Zihlmann seine Auftritte als Dragqueen zusammen. Die riesige Playback-Show, der Glitzer, die überzeichnete Weiblichkeit. Das ist seine eine Welt. «Ich definiere mich selber aber als Mann», sagt er. Das ist seine andere Welt. Doch die Trennlinien dieser beiden Welten sind nicht immer scharf. Um sie besser zu verstehen, ist ein Blick auf die Kindheit nötig.

Vicky Goldfinger während einer Performance. Meist ist sie im Zürcher Club «Heaven» anzutreffen. 

Vicky Goldfinger während einer Performance. Meist ist sie im Zürcher Club «Heaven» anzutreffen. 

(Bild: Luca Büchler/Lara Ziöjren)

Der Junge im blauen Kleidchen

Im beschaulichen Einfamilienhausquartier in Emmen aufgewachsen, war schon früh klar, dass Zihlmann etwas anders tickt als seine Freunde. «Ich erinnere mich, wie ich als etwa 6-Jähriger in einem blauen, flatternden Kleid von meiner Schwester durchs Quartier gefahren bin», erzählt Zihlmann. Dass seine Eltern darauf angesprochen wurden, warum sich ihr Sohn so verhalte, wusste er damals noch nicht. «Mit der kindlichen Leichtigkeit und Naivität ging ich relativ sorglos durch die Schulzeit. Ich tat, was ich mochte, und zog mich an, wie es mir gefiel. Meine Eltern haben nie etwas dazu gesagt.»

Queen Britney

Nebst «Räuber und Poli» im Wald zu spielen, sang und tanzte Zihlmann in seinem Zimmer zu den Songs von Britney Spears, studierte ihre Choreografien minutiös, zog sich Mädchenkleider an. «Meine Nachbarn von vis-à-vis konnten die Verwandlung Abend für Abend durchs Fenster beobachten», erzählt er. Diese waren für Zihlmann von Anfang an völlig natürlich. Er habe immer gewusst, dass er ein Junge sei, nur bei der Kleidung habe er andere Vorstellungen gehabt als seine Freunde. «Ich habe mir gar nie viel dabei gedacht, sondern einfach getan, was mir Spass machte.»

«Ich habe meine Mutter so lange bearbeitet, bis sie mir eine blonde Perücke kaufte.»

Es folgten Auftritte an Miniplayback-Shows der Schule, die Zihlmann immer als Britney Spears absolvierte. «Ich habe meine Mutter so lange bearbeitet, bis sie mir eine blonde Perücke kaufte», erinnert sich Zihlmann. Seine Schulkollegen nannten ihn wegen diesen Shows nur noch Britney, was er mochte. Dass dies der Anfang einer späteren Karriere sein würde, hätte damals noch keiner gedacht. Auch nicht die Mutter eines Schulkollegen, die mit einem Satz seine ganze kindliche Weltvorstellung zerstörte.

Mit einem Satz ein Weltbild zerstört

«Als ich etwa zwölf war, hat mich mein Lehrer angefragt, ob ich nicht als Britney am Schulhausjubiläum auftreten wolle, wo auch eine lokale Girlgroup spiele. Es war für mich wie ein Ritterschlag», erzählt Zihlmann. Als er in seinem Outfit nach dem grossen Auftritt im Publikum sass, habe die Mutter eines Kollegen ihn gefragt, ob er denn Junge oder Mädchen sei. «Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass mit mir etwas nicht stimmt. Und dass ich anders bin als die anderen.» Er habe aufgehört, sich zu verkleiden und Britney zu sein.

«Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, denke ich oft an ein grosses, düsteres Loch.»

Doch dieser eine Satz hatte viel weitreichendere Folgen als das Ende seiner Miniplayback-Shows. Er hat gereicht, um Samuel Zihlmanns Welt für eine Zeit lang negativ zu verändern. «Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, denke ich oft an ein grosses, düsteres Loch», sagt er heute über seine Pubertät.

«Scheisse, ich bin schwul»

Später, mit etwa 14 Jahren, habe er dann realisiert, dass er homosexuell sei. «Und das ist erstmals überhaupt kein tolles Gefühl», erzählt er. Wer erwache denn schon am Morgen und denke sich in einer Siegespose: «Toll, ich bin schwul.» Es war eher: «Scheisse, ich bin schwul.» Er habe sich immer Kind, Haus und Hund gewünscht. So wie seine Eltern es ihm vorlebten, so wie alle um ihn herum, erzählt der junge Luzerner. Mit einem Schlag erkannte er, dass er das nie haben würde. «Ich musste erst einmal mein Leben neu ordnen, die Trümmer meiner zerbröckelten Träume zusammenkehren und von vorne beginnen.»

Der Witz ohne Pointe, aber mit glücklichem Ende

Die Erkenntnis, dass er homosexuell sei, behielt er für sich. «Es wurde mein bestgehütetes Geheimnis. Niemand durfte es wissen. Ich wollte zuerst ganz sicher sein, dass es wirklich so ist.» Die Brüste seiner Kolleginnen fand er aber auch später nicht interessanter, dafür träumte er heimlich vom Kollegen seines Vaters, einem Feuerwehrmann. Doch sagen konnte er es niemandem.

Vicky und eine Berufskollegin kennen den Medienrummel bestens. Hier wurden sie für eine Serie eines Fernsehsenders interviewt.

Vicky Goldfinger und ihre Berufskolleginnen kennen den Medienrummel bestens. Hier wurden sie für eine Serie eines Fernsehsenders interviewt (Bild: zVg).

Er fühlte er sich alleine. «Als ich mich mit 17 endlich bei einer Freundin outete und sie nur sagte, dass sie froh sei, dass ich damit rausgerückt sei und dass sie es schon lange gewusst habe, war das für mich fast ein wenig enttäuschend.» Es sei gewesen, als ob man einen lange einstudierten Witz erzähle und das Gegenüber die Pointe schon kenne. Aber natürlich habe die Erleichterung überwogen, dass das Umfeld die Homosexualität akzeptiert.

Der Befreiungsschlag in Zürich

Das Outing war aber nicht nur die Erkenntnis, dass es die meisten bereits geahnt hatten, sondern auch die Bestätigung, dass es kein Problem war für sein Umfeld. «Hätte ich gewusst, dass meine Eltern kein Problem mit meiner Homosexualität haben, wäre ich vielleicht früher damit rausgerückt», sagt er rückblickend.

Was danach folgt, hört sich wie ein Befreiungsschlag an: Auszug von zu Hause, erste Erfahrungen mit anderen Männern, Wegzug nach Winterthur für ein Studium, ein erster Job in den Medien. «Viele Männer, doch irgendetwas fehlte mir», resümiert Zihlmann. Er fiel erneut in eine Lebenskrise, kündigte seinen Job, begann mit der Schauspielschule.

Zurück zu den Wurzeln

LGBT

LGTB ist ein Akronym für queere Identitäten. Es stammt aus dem englischen Sprachraum und steht für lesbian, gay, bisexual und transgender, also für lesbisch, schwul, bisexuell und transgender. 

Mit dem neuen Studium zog er in eine andere WG, lernte nochmals viele neue Menschen kennen. Darunter waren zwei, die Zihlmann den Zugang zu einer neuen Welt verschaffen haben: «Mit zwei Freunden habe ich immer mal wieder über Drag geredet. Wir waren zusammen auf Mykonos in den Ferien und haben in jeder Bar Dragqueens gesehen und wollten danach nach New York, um uns dort auch einmal als Drags ins Nachtleben zu stürzen.» 

Es blieb bei der Idee, bis Zihlmann irgendwann am Punkt war, wo er realisierte: «Mit oder ohne meine Freunde, ich mache es.» Kurz darauf sprach er im Heaven, dem Szenenclub der Zürcher LGBT-Gemeinschaft (siehe Box), mit dem Veranstalter des Heaven Drag-Race, einem Wettbewerb für Dragqueens. Er meldete sich spontan an. «Kurz zuvor testete ich an der Street Parade mein Outfit. Es war mein erster Auftritt als Vicky Goldfinger.»

Königin der Herzen

Nach unzähligen Stunden konzeptioneller Arbeit, täglichen Schminkversuchen und Lauftrainings in Highheels trat Zihlmann an der Heaven-Drag-Race 2015 an. Und gewann. Für ein Jahr wurde er zur Miss Heaven. Es war ein Jahr voller Medienpräsenz. Mit dem Start des eigenen Partylabels und einem DJ-Kurs auch ein Neuanfang. Doch der absolute Höhepunkt war die Moderation an der «Pride», dem grössten Schweizer Festival für die LGTB-Community. Vicky Goldfinger trat vor über 12’000 Leuten auf und wurde so etwas wie der Star der Szene.

Mit der Performance, die im Video zu sehen ist, gewann Zihlmann das Heaven-Drag-Race und wurde zur Miss Heaven.

 

Nach dem Missenjahr hat Zihlmann gemerkt, dass es auch mal zu viel sein kann, dass nicht jedes Engagement gut ist und er nicht alle Jobs annehmen muss, um als Dragqueen ernst genommen zu werden. «Heute werde ich die Königin der Herzen genannt», erzählt er. Dieser Titel haben ihm Freunde verliehen und er habe es als Anlass genommen, noch stärker für seine Anliegen einzustehen.  

Im Video gibt Vicky Goldfinger ihre Krone nach einem Jahr als Miss Heaven ab.

Vicky Goldfingers Mission

Vicky Goldfinger ist nicht nur ein aufgeschminktes Alter Ego mit Silikonbrüsten. Sie ist auf einer Mission, trägt eine Herzensangelegenheit nach aussen: «Ich will die Menschen aufklären», sagt Zihlmann. Mit seiner Kunst will er darauf aufmerksam machen, dass jeder so sein könne, wie er möchte. «Jeder hat das Recht, nichts verstecken zu müssen. Bei Drag geht es um die Freiheit, um den eigenen Willen.» Er wolle mit seinem überspitzten Auftreten den Leuten sagen, dass es okay sei, so zu sein, wie man sein möchte. «Dafür muss ich keinen Idealen entsprechen. Wenn sich wegen meinen Auftritten ein junger Mann zu outen getraut, dann habe ich mein Ziel erreicht», sagt Zihlmann.

Sämtliche Bilder in der Bildergalerie stammen von Luca Büchler und Lara Ziöjren.

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