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Der Luzerner, der die Millionen-Picassos hegt und pflegt
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Matthias Fellmann vor seinem Lieblings-Picasso: «Autoportrait, 1901». (Bild: hae)

Matthias Fellmann ist gross im Geschäft der Kunst Der Luzerner, der die Millionen-Picassos hegt und pflegt

6 min Lesezeit 20.04.2019, 05:05 Uhr

Matthias Fellmann jongliert im Basler Beyeler-Museum mit millionenschweren Kunstwerken. In der Horwer Zwischenbühne ist er Präsident und backt kleine Kulturbrötchen. Am liebsten solche, zu denen sich funkig tanzen lässt. Er lebt ein Leben zwischen Grossmuseum und Kleinkunst. 

«Autoportrait, 1901» heisst das Werk, das Aufmerksamkeit einfordert und einen packt. Ein melancholisches Porträt eines Mannes, gehalten in Blautönen, melancholisch, tiefgründig. Es hängt zwischen weiteren ruhigen, in allen Nuancen von Blau gehaltenen Werken von Pablo Picasso, dem wohl berühmtesten Maler aller Zeiten.  

Es ist eines der liebsten Werke von Matthias Fellmann (41) in der neusten, bis am 26. Mai dauernden Ausstellung der Fondation Beyeler. Warum? «Das ist pures Bauchgefühl, das Bild gefällt», sagt der Horwer, der bereits sieben Jahre in Riehen bei Basel im meistbesuchten Kunstmuseum der Schweiz arbeitet.

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Laie mit anderen Geschichten

Er mag historisch und werkgeschichtlich vielleicht eher ein Laie sein, dafür hat Fellmann eine ganz andere Geschichte des Bildes parat: Es gehört dem Musée Picasso in Paris, war bis im Januar in einer Ausstellung im Musée d’Orsay in Paris und kam in einem LKW von ebenda kurz vor der Eröffnung nach Riehen.

«Bei mir laufen ganz andere Geschichten zu den Bildern ab, als bei anderen Betrachtern», sagt Matthias Fellmann. Das ist seine Berufskrankheit: Fellmann weiss immer, woher das Werk stammt, welchen Wert es hat, wie es verpackt oder installiert werden muss; der Titel ist eher Nebensache. 

«Wir fassen die Bilder mit Samt-, pardon, Gummihandschuhen an.» 

Matthias Fellmann, Projektmanager Fondation Beyeler

Fellmann ist mit der Transportplanung, der Koordination der Anlieferungen, danach dem Art-Handling der Ausstellungen beauftragt. Er sagt mit einem Schmunzeln: «Wir fassen die Bilder mit Samt-, pardon, Gummihandschuhen an.» 

Bei der derzeit laufenden Picasso-Ausstellung «Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periode» dauerte Fellmanns Planung rund vier Jahre, wobei das letzte Jahr das intensivste war. Er bekam die 75 Picasso-Werke von rund 40 Privaten und Stiftungen, von diversen Museen und Galerien aus insgesamt 12 Ländern zusammen. Viel Mail-Arbeit war das. 

Zwischen Kaffee und Beyeler-Biografie: Matthias Fellmann in seinem Büro.

Zwischen Kaffee und Beyeler-Biografie: Matthias Fellmann in seinem Büro.

(Bild: hae)

Allerdings gab es da schon weitaus anspruchsvollere Ausstellungen: teilweise mit mehr als 100 Leihgebern (z. B. bei Edgar Degas, 2012) oder bei Jeff Koons, dessen Stahlskulpturen extrem schwer und fragil sind. Die bestbesuchte Schau in Basel war die von Gauguin im Jahre 2015 mit über 370’000 Besuchern. Picassos Werke sahen bislang mehr als 120’000.

Wirtschaftsstudium, Kultur-Leidenschaft 

Matthias Fellmann ist gut mit Zahlen, denn er hat Wirtschaft studiert. Doch die Kultur ist seine grosse Leidenschaft. Von 2000 bis 2009 war er im Kunstmuseum Luzern, danach kurze Zeit selbstständig. Seit 2011 wirkt er in einem Viererteam innerhalb der rund 200 Beyeler-Angestellten. «Registrar/Head of Exhibition Services» ist seine Berufsbezeichnung. Fellmann: «Es ist ein Beruf, den man nicht lernen kann, einzig in den USA gibt es dazu Ausbildungen.» 

Registrar? Das klingt altertümlich. Und passt scheinbar zur Basler Gemeinde Riehen, die als «age friendly city» gilt: Auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter kommen 49 Menschen, die älter als 65-jährig sind. Ein Schnitt, der in der Gesamtschweiz erst im Jahr 2049 Durchschnitt sein wird. Immerhin ist Fellmann hier nah am Grünen, Ausflüge nach Deutschland und Frankreich sind mit dem Velo zu machen. 

Man könne seiner Aufgabe auch einfach Projektmanagement sagen, Matthias Fellmann ist allgemein für Ausstellungen zuständig. Da geht es um bauliche Massnahmen, Beschriftung, Ablagesysteme, Budgets. Der Kunstmanager arbeitet an der Schnittstelle Kunst-Kaufmännisches, immer im Kontakt mit den Kuratoren, Art-Handlern, Restauratoren und der Direktion.

Museumsbau vom Stararchitekten Renzo Piano 

Und Matthias Fellmann ist stolz auf den Effekt: Zwischen 300’000 und 400’000 Eintritte verzeichnet man im Museum pro Jahr, einst war es konzipiert für lediglich 90’000 Besucher im Jahr. Auch dank einem vorbildlichen Museumsbau vom Stararchitekten Renzo Piano spielt die Fondation Beyeler in der ersten Liga mit den weltbesten Kunstmuseen der Welt: dem Musée d‘Orsay in Paris, der Tate in London, der Reina Sofia in Madrid oder dem MoMA in New York. Und dies obwohl sie im Vergleich mit diesen Institutionen noch jung ist: Das 20-jährige Bestehen wurde erst 2017 gefeiert.

Kein Wunder, kommen auch Werke der ganz grossen Künstler nach Basel. Umso überraschender, dass es selten Probleme gibt. «Meist nur Herausforderungen», erklärt Fellmann: Für Picasso musste die unglaubliche Summe von rund 4 Milliarden Franken versichert werden, 2015 bei Gauguin wusste man um den grossen Publikumsansturm, der bewältigt werden musste.  

Jeff-Koons-Werke mit Kränen

2012, im ersten Jahr von Matthias Fellmann im Riehener Museum, musste man die Plastiken des US-Künstlers Jeff Koons mit Kränen ins Haus hieven; grosse Kisten sorgten dabei für Sicherheit. 

«Wir arbeiten auf höchstem Niveau – wir versuchen, sämtliche Risiken auszuschliessen, weshalb auch noch nie ein Werk kaputt ging oder gestohlen wurde», sagt Fellmann. Logisch, dass man im Beyeler-Haus nicht nur auf Top-Level mit anderen Welthäusern ist, sondern auch höchste Sicherheit garantiert. «Das sorgt für viel Vertrauen, und man muss fit sein.»

«Wir versuchen immer, die Kunstwerke auch Kindern zugänglich zu machen.»

Fit muss ein Museum auch sein, wenn es darum geht, Leute zum Kunsterlebnis zu animieren. «Wir versuchen immer, die Kunstwerke auch Kindern zugänglich zu machen», so Fellmann. Das erinnert einen daran, dass viele Kritiker monieren, Kunst sei oft kinderleicht. Deshalb an den Registrar die Frage: «Hätte er das auch gekonnt?» Fellmann pariert locker: «Ich sage immer: Probier‘s, du musst den Weg machen, die Ideen haben, erst der Background hilft manchmal zum Verständnis. Und nein, ich kann es nicht.» 

Der deutsche Maler Gerhard Richter beispielsweise, teuerster Zeitgenosse, malt bisweilen nur grosses Graues – aber warum? Ganz einfach: wegen einer durchlittenen Trennung. Und Jackson Pollock, der Action-Painter, experimentiert halt, deshalb kommen seine Gemälde manchmal so lebendig daher. Und Kasimir Malewitschs «Schwarzes Quadrat» auf weissem Grund – das kann doch tatsächlich jeder. Wer weiss. Fellmann: «Aber im Jahr 1915 war solche Kunst mutig und neu!» 

Macher bei der Horwer Zwischenbühne

Doch Matthias Fellmann bemüht sich nicht nur um grosse Kunst, sondern er rührt auch mit kleiner Kelle an: Ganz nebenbei ist er als Präsident seit acht Jahren bei der Horwer Zwischenbühne engagiert, im Vorstand schon 20 Jahre. «Seit ich hier in Basel wohne, ist es schwieriger, nah an der Zwischenbühne dranzubleiben», muss er doch in Horw den Verein und die Sitzungen leiten, und dann auch noch die Kontaktperson nach aussen sein. 

Immer noch sehr gerne veranstaltet Matthias Fellmann Nächte wie zu Ehren von Prince oder Johnny Cash – für Herbst ist die nächste «Nite» geplant, die ein ikonisches Album aus den frühen Neunzigerjahren zelebrieren wird. Fellmann selber hat auch einen musikalischen Hintergrund: In der Funk-Band «Nobis» (2000-2006) spielte er Trompete. 

Durchschnittlich 50 Millionen wert: Matthias Fellmann vor einem Picasso-Bild.

Durchschnittlich 50 Millionen wert: Matthias Fellmann vor einem Picasso-Bild.

(Bild: hae)

Für musikalische Ausflüge hat Matthias Fellmann heute leider keine Zeit mehr. Schliesslich spielt er jetzt im ersten Geigensatz des Beyeler-Museums. Und dennoch: Die Preise dieser Werke sind oft schon exorbitant: Gauguins teuerstes Gemälde, «Nafea», wurde für 300 Millionen verkauft, wie gemunkelt wurde. 

Macht das Fellmann nicht nervös? «Nein! Wir haben uns ein Häuschen gekauft – und für dieses Bild liesse sich ein ganzes Dorf bauen. Das ist doch eine schöne Vorstellung …»

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