Der Luzerner Chaos-Kreisel wird zu Kunst
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Der Luzerner Roman Hartmann vor seiner Installation im «Meyer» in Luzern. (Bild: jav)

Vom Grafiker zum Künstler – «Himmelrich» sei Dank Der Luzerner Chaos-Kreisel wird zu Kunst

4 min Lesezeit 30.09.2016, 12:00 Uhr

Im Luzerner Kulturcafé «Meyer» kann man den Bundesplatz-Kreisel jetzt auch drinnen geniessen. In Form von Beton-Autos klebt dieser hier an der Wand. Der verantwortliche Künstler Roman Hartmann hat aber erst durch die Zwischennutzung «Himmelrich» richtigen Schub dafür bekommen.

Lichtschalter, Kabel, Kameras und Lampen – die Gegenstände, welche Roman Hartmann für seine Kunst verwendet, kauft er in Brockenhäusern, findet sie im Internet oder er kriegt sie von Bekannten geschenkt.

Angefangen hat der Luzerner mit Kameras, deren Formen er in Beton goss. Diese schickte er dann auf Reisen: Freunde nahmen Exemplare mit in die Ferien und platzierten sie in fremden Städten irgendwo im öffentlichen Raum. Das wurde dokumentiert und auf einer eigenen Webseite gesammelt. Das Projekt sei aber momentan etwas in den Hintergrund gerückt. «Ich habe zwar noch einige Kameras zuhause. Die sollte ich einfach mal verteilen», so der 47-jährige Künstler. Dass seine Kunst im öffentlichen Raum – auf den Strassen – stattfindet, ist Hartmann wichtig. «Kunst braucht keinen geschlossenen Rahmen.»

Reduzieren statt Ausschmücken

Hartmann befindet sich gerade in einer «Betonphase», wie er es nennt. «Ich experimentiere immer wieder mit verschiedenen Materialien. Im Moment ist es der Beton und langsam wird auch die Arbeit mit Papier und Kleister intensiver. Dabei geht es mir um die Form der Objekte, um die Technik und das Handwerk», so Hartmann.

«Ich versuche etwas, scheitere, fluche, starte noch einen Versuch, scheitere erneut, schmeisse alles in die Ecke, probiere es nochmals und habe vielleicht Erfolg.»

Bei den Betonabgüssen dominiert die Negativ/Positiv-Arbeit. Das bedeutet, ein Objekt wird durch den Abdruck in seiner Form, Farbe und Struktur aufs Grundsätzliche reduziert. Und schliesslich wieder in einen realen Kontext gesetzt. So auch bei seiner neusten Arbeit in seinem Stammlokal «Meyer» am Bundesplatz.

Hier hat er nicht nur die neuen Lampen aus Beton hergestellt, er hat auch den Bundesplatz-Kreisel in Beton gegossen – besser gesagt die Miniaturfahrzeuge. «Was könnte besser zu diesem Ort passen? Der Kreisel und das zugehörige Verkehrschaos sind im Meyer dauerpräsent. Es kann nerven, belustigen, unterhalten oder einfach nur als Hintergrundgeräusch vorbeirauschen.» Die Idee dieser Installation sei jedoch eigentlich an jedem verkehrsreichen Ort möglich und das Ergebnis wäre wohl immer dasselbe: «Der Verkehr bleibt erstarrt stehen. Was passt dazu besser als Beton?»

Ein Neustart als «Oberquereinsteiger»

Genau das Gegenteil von Erstarren erlebt Hartmann derzeit in seiner beruflichen Laufbahn. Nach 15 Jahren als selbständiger Grafiker hat er dieses Pensum 2016 stark zurückgeschraubt. Ein neuer Abschnitt hat begonnen – als Dozent für Design & Kunst an der Hochschule Luzern und als Kunst- und Werklehrer an der Montessori-Schule in Luzern. Zu letzterer Stelle sei er ganz unverhofft gekommen. Als Quereinsteiger – oder «Oberquereinsteiger», wie er es nennt – hat er sich nun voll in diese Aufgabe reingegeben. Hier komme zusammen, womit er sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten beruflich auseinandergesetzt habe – das gestalterische Element, das Handwerk, die Kunst, die Erfahrung und die Vermittlung.

«Die Reaktionen auf meine Arbeit im Himmelrich haben mir den Anstoss gegeben, dranzubleiben.»

In einem 70-Prozent-Pensum zeigt er den Jugendlichen nun Ideen und Techniken, welche er über die Jahre selbst entwickelt und sich beigebracht hat. Zudem kann er neben dieser Arbeit nun mehr Zeit in seine Kunst investieren.

(Bild: jav)

Das Verkehrsghetto am Luzerner Bundesplatz-Kreisel in Beton – nichts geht mehr. (Bild: jav)

Auf die Kameras aus Beton folgten Objekte aus der Elektronik wie Steckdosen oder Lichtschalter, dann Telefone und weitere Gegenstände aus dem alltäglichen Gebrauch. «All Tag» darf Hartmann jedoch nicht an seiner Betonkunst arbeiten. Das Material ist nicht besonders hautfreundlich und ätzt bei zu viel Kontakt schnell mal die Haut von den Händen.

Tüfteln und dranbleiben

Handwerkliches Arbeiten lag Hartmann schon immer – an Autos, Booten, an Motorrädern und an elektrischen Geräten hat Hartmann schon geschraubt und getüftelt. Und dabei gehe es ihm nie anders als Anderen. «Ich versuche etwas, scheitere, fluche, starte noch einen Versuch, scheitere erneut, schmeisse alles in die Ecke, probiere es nochmals und habe vielleicht Erfolg.» Die Leidenschaft, sich mit verschiedenen Materialien auseinanderzusetzen und mit neuen Wegen Kunst herzustellen, sei bei ihm wie bei anderen Menschen das Reisefieber. «Ich hatte immer das Bedürfnis, irgendwas mit meinen Händen herzustellen.»

Den Anstoss, sich mehr auf die Kunst zu konzentrieren, gab Hartmann jedoch erst das Projekt «Zwischenrich» im Sommer 2015. Er erhielt in der Zwischennutzung der Allgemeinen Baugenossenschaft Luzern den Schlüssel zu einer der Wohnungen und arbeitete dort intensiv an seinen Betonabgüssen. «Die Reaktionen auf meine Arbeit bei den offenen Tagen im Himmelrich haben mir den Anstoss gegeben, mehr zu investieren und dranzubleiben.»

Natürlich habe er schon zuvor einige Jahre für sich getüftelt. Aber durch diesen Anstoss ging es dann erst richtig los. Hartmann stellte seither in der Bar «Houdini» aus, im Kabinett der Galerie «Vitrine» und jetzt auch im «Meyer».

Mehr Bilder finden Sie in der Slideshow:

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