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Der letzte Sommer ohne Ferien – Baumanns hören im Zuger Alpli auf
  • Gesellschaft
Edith und Ueli Baumann vor ihrem zweiten Zuhause: Dem Zuger-Alpli. (Bild: pze)

Nach 21 Jahren ist Schluss – und die Nachfolge? Der letzte Sommer ohne Ferien – Baumanns hören im Zuger Alpli auf

6 min Lesezeit 20.05.2018, 06:01 Uhr

Seit über 20 Jahren führen sie das Alpli: Das Ehepaar Ueli und Edith Baumann. Doch jetzt ist Schluss. Am Ende der Saison geben die beiden das Leben am Fusse des Wildspitzes auf und ziehen ins Tal. Die Nachfolge im Zuger Alpli ist hingegen noch ungeklärt – obwohl die Zeit drängt.

Wie jedes Jahr kehrt Anfang Mai auf den Alpwirtschaften auf dem Zugerberg Leben ein. Das Vieh wird auf die Wiesen getrieben, die Häuser und Strassen nach dem langen Winter zurechtgemacht. Der Frühling meldet bereits gutes Wetter an, die Zahl der Wanderer nimmt rasch zu. Die Älpler der Region sind optimistisch: Wie jedes Jahr hoffen sie auf so viele Sonnentage wie möglich – das bringt die Leute in die Region und in ihre Beizen.

Auch sie sind wieder da: Ueli und Edith Baumann führen seit 21 Jahren das «Zuger-Alpli» am Fuss des Wildspitzes. Der Gastronomiebetrieb hat sich über Jahrzehnte in die Herzen der Zuger gekocht. Die Schnitzel sind kantonsweit bekannt und das Lokal nahe der Schwyzer Grenze ist seit Jahren ein regelrechter Zuger Treffpunkt. Es wird parliert, getrunken und Kontakte werden geknüpft – weit weg von Stadt, Lärm und Verkehr. Wir nehmen die 30-minütige Fahrt von Zug aus über holprige, enge Strassen auf uns und treffen das Älplerpaar in ihrer Gaststube. Ein Gast trinkt gerade seinen sauren Most aus, er ist das einzige Indiz dafür, dass die Wirtschaft bereits geöffnet hat.

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Das Leben im Tal ist aufgegleist

Es wird die letzte Saison für die Baumanns. Nach über zwei Jahrzehnten ist Schluss, sie haben den Vertrag nicht verlängert. Beide werden diesen Sommer 50 Jahre alt, sie hätten also durchaus weitermachen können. Doch warum lassen sie das Bergleben hinter sich? «Zwanzig Jahre sind sehr lang. Auf einmal ist das Leben vorbei, ohne dass man es gemerkt hat», sagt Ueli Baumann. «Und irgendwann schaffst du es auch körperlich nicht mehr. Eine Alp zu führen ist sehr anspruchsvoll.»

Auch das Bauern gehört zum Alltag auf dem Zuger-Alpli.

Auch das Bauern gehört zum Alltag auf dem Zuger-Alpli.

(Bild: pze)

Sie beide haben ein Leben abseits der Alp. Vor allem im Winter gehen beide einer anderen Arbeit nach: Er seit fünf Jahren Mitinhaber der Interbrandschutz AG, einem Unternehmen, das Brandschutz-Artikel verkauft. «Das Engagement in der Firma wurde durch die Mitinhaberschaft immer grösser. Jetzt möchte ich mich mehr darauf konzentrieren», sagt Ueli Baumann. Edith Baumann arbeitet bereits jetzt im Winter Teilzeit als Floristin in einem Blumengeschäft. «Was ich den nächsten Sommer mache, das habe ich noch nicht geplant. Das lasse ich auf mich zukommen», sagt sie mit einem Schmunzeln. Man spürt eine fast jugendliche Vorfreude auf das Ungewisse.

Zwei Wanderer tauchen auf

Mitten in unser Gespräch treten zwei Stammgäste. Trotz anwesendem Journalisten setzen sich die beiden ohne Umschweife zu uns an den Tisch. Kaffee wird gereicht, die Sprache wird sofort anders, umgänglicher. Jede Woche wandern die zwei in der Zugerberg-Region, immer die gleiche Strecke. «Sie kamen schon, als meine Eltern noch hier waren», wird Ueli Baumann später erklären, wenn die beiden weitergewandert sind.

«Wenn einer von unseren Söhnen das Alpli hätte übernehmen wollen, hätten wir vielleicht noch die eine oder andere Saison angehängt.»

Ueli Baumann, Alpli-Koch

Man spricht über dies und jenes. Über die Holzerei, die im Gange ist. Über einen neuen Alpwirtschafts-Pächter am Wildspitz. Über den guten Zusammenhalt zwischen den Älplern hier – und wie es andernorts «viel verreckter» ist. Dann, unter ausladenden Gesten, erzählt der eine von einer Gruppe Wanderern, die den Wildspitz mit mehreren Kinderwagen erklimmen wollten. «Die haben die Wagen da hochgeschleppt. Die spinnen doch», resümiert er kopfschüttelnd.

Schliesslich berichten die Stammgäste über einen Streit, der sich andernorts zuträgt. Zwischen einem Pächter einer Alpwirtschaft und dem Älpler, der das umliegende Land bewirtschaftet: Der Bauer lässt die Wanderer nicht mehr über seine Wiesen, aus Trotz. Er habe den Weg einfach mit einem Zaun versperrt. Am Tisch wird darüber gelacht, gleichzeitig ist man sich bewusst, dass man es hier besser hat.

«Hier am Berg haben es alle gut miteinander», sagt Edith Baumann. Ihr Mann pflichtet ihr bei. Und ergänzt: «Es wäre ideal, wenn unser Nachfolger hier beides übernimmt, die Alp und die Wirtschaft», sagt Ueli Baumann. So wie seine Grosseltern es taten – und seine Eltern. Und nun er und seine Frau, seit über zwei Jahrzehnten. «So streitet man sich sicher nicht mit dem Nachbarn.»

Nachfolge im Alpli ungewiss 

Die Kinder wollten den Betrieb nicht übernehmen. Die drei Söhne, 25, 24 und 22 Jahre alt, hätten inzwischen alle ihr eigenes Leben und sind ausgeflogen. Zwar wohnen zwei von ihnen in Unterägeri, doch das Alpleben verlange 120, ja 150 Prozent Hingabe, sagt Ueli Baumann. «Wenn einer von ihnen das Alpli hätte übernehmen wollen, hätten wir vielleicht noch die eine oder andere Saison angehängt. Jetzt ist es gut, wie es ist.»

Wandert man weiter, hat man einen tollen Blick aufs Alpli.

Wandert man weiter, hat man einen tollen Blick aufs Alpli.

(Bild: zvg)

Die Nachfolge für das Zuger-Alpli ist noch nicht geklärt. Es sei schwer, jemanden zu finden, der beides könne, Bauern und Kochen. Ausserdem brauche der Unterhalt der Alp ein gewisses Know-How. Ueli Baumann erklärt: «Wir haben das Wissen über das Alpli in der Familie einander weitergegeben. Ist man nicht vertraut mit der Alp, muss man sich gründlich einarbeiten.» So reiche beispielsweise das Feuerholz noch für diese Saison – das nächste Jahr müsste man eigentlich jetzt bereits vorbereiten. «Deshalb wäre es gut, so schnell wie möglich jemanden zu finden», meint Ueli Baumann. Doch dafür verantwortlich sind die Baumanns nicht. Ihren Pachtvertrag haben sie pünktlich, ja sogar ein Jahr zu früh gekündigt. 

Geburtstag als Highlight

Das Zuger-Alpli ist eine Lebensaufgabe. Während des ganzen Sommers verbringt Ueli Baumann nur zwei Tage andernorts: für den Besuch der Schwägalp Schwinget. «Das sind die Ferien, die ich mir jedes Jahr erlaube», sagt er lachend. In diesem Jahr kommen noch drei weitere freie Tage dazu. Edith Baumann erklärt: «Wir werden beide fünfzig in diesem Jahr. Weil wir im Sommer Geburtstag haben, konnten wir die letzten Jahre nie richtig feiern, das wollen wir nun nachholen.»

«Hier auf der Alp sind viele Kontakte wie geschenkt.»

Edith Baumann, Alpli-Wirtin

Es soll das private Highlight des letzten Sommers auf der Alp werden. Sonst ist nur einen Event geplant: Am 1. Juli findet ein «Frühschoppen» mit der Zuger Musikgruppe Ägeriseekrainer statt. «Im letzten Jahr hatten wir zum zwanzigsten Jubiläum ein grosses Fest», sagt Ueli Baumann. «Deshalb wird es in diesem Jahr ruhiger.»

Seine Frau erinnert sich an das erste grosse Fest im Alpli überhaupt: ein Event mit Rockmusik vor zehn Jahren. «Das war für mich das Highlight in den zwei Jahrzehnten hier, die Rückmeldungen unserer Gäste waren durchs Band positiv.» Ihr Mann ergänzt: «Das stimmt schon, aber ich finde es schwierig, ein Highlight aus 20 Jahren festzumachen. Es gibt in jeder Saison drei, vier Höhepunkte, an die man sich gerne erinnert.» 

«Die Entscheidung ist richtig»

Auf die Frage, was sie am meisten vermissen werden, muss das Älplerpaar erst einmal überlegen. «Fragen Sie mich das noch einmal in einem Jahr», sagt Edith Baumann schlussendlich lachend. Dann fällt ihr aber doch etwas ein: «Hier auf der Alp sind viele Kontakte wie geschenkt. Die Leute kommen zu uns, wir können bei niemandem vorbei.» Im nächsten Sommer müsse sie sich dann aktiv um ihre Beziehungen kümmern. «Das wird eine Umstellung. Dafür werden die Treffen vielleicht auch bewusster», sagt sie.

Der «Bierkühlschrank» im Alpli.

Der «Bierkühlschrank» im Alpli.

(Bild: zvg)

Es sei ja kein abruptes Ende ihrer Alpli-Zeit, wirft ihr Mann ein. Sie hätten sich jetzt schon länger darauf vorbereitet. «Wir haben uns bereits vor ein paar Jahren entschieden, den Pachtvertrag nicht zu verlängern.» Es sei also ein sehr bewusstes Ende. «Wir sind vollständig davon überzeugt, dass die Entscheidung richtig ist», sagt Edith Baumann. So wird es in dieser letzten Alpli-Saison einige Dernieren geben.

«Vielleicht wird man schon etwas wehmütig, wenn man dann zum letzten Mal den Zaun wegräumt oder zum letzten Mal vom Platz fährt», sagt Ueli Baumann. Doch daran wollen sie noch nicht denken. Jetzt starten sie erst voller Energie in die Alp-Saison und hoffen wie seit 21 Jahren auf gutes Wetter.

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