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Der kurioseste Kiosk als Antwort auf die Krise
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Christian mit dem markanten Schnauz möchte den Kiosk am Hirschengraben nicht missen. (Bild: ida)

Mit Beizenflair gegen das Kiosksterben Der kurioseste Kiosk als Antwort auf die Krise

3 min Lesezeit 14.08.2018, 12:38 Uhr

Stammgäste, Bier und Jägermeister zum Frühstück: Der Kiosk am Luzerner Hirschengraben hat in den wenigen Monaten, in denen er nun existiert, bereits Kultstatus erworben. Ist das ein Zukunftsmodell für den modernen Kiosk?

Lose rubbelnd, in der Hoffnung, sich die Rentnerjahre zu vergolden. Das Dosenbier in den Händen haltend, der Zigarettenqualm über den Köpfen. Luzerner kommen schon frühmorgens zur Tür hinein. Es sind immer wiederkehrende und treue Stammkunden – wie etwa Christian mit dem markanten Schnauz.

Der Kiosk am Hirschengraben ist ein Ort, an dem man sich trifft und miteinander spricht. Ein Kiosk mit Kultstatus. Und diese scheinen in Luzern rar zu werden.

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Der Kiosk mit dem Beizenflair

Der 70-jährige Christian kreuze des Öfteren im «M & C Sabani – Kiosk Shop Treffpunkt» auf – so heisst der Kiosk mit vollem Namen. Mehrmals pro Woche, um einen Kaffee zu trinken. Oder ein Bierchen, wenn er mal länger sitzen bleibe. «Manchmal mache ich aber auch ein, zwei Tage Pause», beteuert er.

«Diesen möchte ich nicht missen – wie auch den Kiosk nicht!», sagt Christian lachend. Viele, die er in diesem Kiosk antreffe, sehe er regelmässig. Man sei sich gegenseitig vertraut, mache über den anderen Witze und könne angeregte Diskussionen führen.

Ein anderer, älterer Herr betritt den Kiosk-Shop. Er geht an die Theke, bestellt sich einen Kaffee und: «Mein ‹Medizinli› bräuchte ich ja auch noch.» Nach einem kurzen Hin und Her mit der Kioskbetreiberin, ob es denn so früh schon wirklich nötig wäre, bekommt er es: eine kleine Flasche Jägermeister.

Im Inneren des Kioskes ist es so heiss, dass gar die Schokoladenriegel dahinschmelzen. Nicht einmal der installierte Ventilator kann dem Abhilfe schaffen. Draussen rauscht der Verkehr vorbei. Passanten laufen an der belebten Strasse vorbei, denn gleich neben dem Kiosk befinden sich die Postfächer.

Marlies Sabani – sogar als Rentnerin steht sie lieber selbst noch hinter der Kiosktheke.

Marlies Sabani – sogar als Rentnerin steht sie lieber selbst noch hinter der Kiosktheke.

(Bild: ida)

Wirtschaftliche Gründe führen zum Aus

Nicht jeder Kiosk freut sich über genügend Stammkundschaft. Das «Kiosksterben» ähnelt demjenigen des «Lädelisterbens». Der Wesemlin-Kiosk schliesst Ende September (zentralplus berichtete). Auch derjenige am Kreuzstutz wurde vorübergehend dichtgemacht. Erst nach monatelanger Abstinenz hat ihn Darko Urosevic wiedereröffnet (zentralplus berichtete).

Nicht selten führen wirtschaftliche Gründe zum Aus eines Kiosks. Für einen «klassischen» Kiosk, der nur auf den Verkauf von Zigaretten, Zeitungen und Lotterie setzt, scheine es schwer zu sein, sich über Wasser zu halten.

Hausgemachte Kost

Stattdessen haucht Marlies Sabani (69), die gemeinsam mit ihrer Tochter den Kiosk am Hirschengraben führt, für manchen ein wahrgenommenes Beizenflair in den Kiosk. Tische und Stühle wurden aufgestellt, damit die Kundschaft vor Ort verweilen kann.

Je nach Tag stehen hausgemachte Sandwiches, Nudeln oder Börek als Verpflegung zur Verfügung. Ist der Kiosk mit «Beizenflair» ein Rezept gegen das befürchtete Kiosksterben?

Lose nach Kauf prompt aufrubbeln

«Es ist ein Kampf – und alles andere als einfach», sagt Kioskbetreiberin Marlies Sabani. Den meisten Umsatz mache sie wie anhin mit Zigaretten und Lotterie. Doch sie bestreitet auch nicht, dass durch das Kreieren eines Treffpunktes für Luzerner eine Stammkundschaft geschaffen wurde.

Sabani arbeitet schon ihr halbes Leben in einem Kiosk. Zehn Jahre in Buchrain, danach beim Sonnenplatz in Emmenbrücke und in Neuenkirch. Da es der Rentnerin zu Hause langweilig wurde, meldete sie sich auf ein Inserat, in dem eine Betreiberin für den Kiosk am Kasernenplatz gesucht wurde.

«Dieser Kiosk ist schon sehr speziell», sagt sie. Menschen aus allen Schichten und Kulturen fänden zusammen. Und gerade das «Sich-Treffen» sei besonders. Auch wenn Sabani in ländlichen Regionen ihre Erfahrungen gesammelt hat, hat sie so etwas noch nie erlebt. «Die Menschen hier spielen subito, setzen sich hin und wollen ihre Lose just in dem Moment bei einem Bierchen aufrubbeln», sagt sie, während sie den Blick über den Kiosk schweifen lässt. «Das war definitiv nicht an jedem Kiosk so.»

Hausgemachtes Börek – dieser Kiosk setzt auf Beizen-Feeling.

Hausgemachtes Börek – dieser Kiosk setzt auf Beizenfeeling.

(Bild: ida)

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