Der Kommentar
Keine Standing Ovation bekommen

Luzerner SVP-Kantonsrat Pirmin Müller ist beleidigt über seine Verabschiedung

Hatte sich richtig fetten Applaus gewünscht: Pirmin Müller. (Bild: svp-lu.ch)

Mit einer standesgemässen Würdigung und der Anerkennung seiner Dienste zum Wohle des Kantons Luzern ist Pirmin Müller aus dem Kantonsrat verabschiedet worden. Einigermassen unwürdig schiesst er nun auf sozialen Medien gegen ehemalige Ratskolleginnen – weil er zwar Applaus, aber keine Standing Ovation bekam.

Nach fast sieben Jahren im Kantonsrat könnte man kurz innehalten, auf Geleistetes zurückschauen und sich mit Stil und Klasse aus dem Ratsbetrieb verabschieden. Das wäre zumindest eine Option. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten. Eine davon beinhaltet ausgiebiges Schmollen auf sozialen Medien und dabei die Schuld für eine nicht erhaltene Standing Ovation der Ratspräsidentin in die Schuhe schieben.

Für letztere Option hat sich Pirmin Müller (SVP) entschieden. Nachdem er am Montag unter Applaus aus dem Rat verabschiedet wurde, postete er folgende Klageschrift auf Facebook:

Verdreckelt! Und das am helllichten Tage – mitten im Kantonsrat. Über diese «Gemeinheit» sollten die Medien berichten, fordert Müller zum Schluss seines «Essays». Dem soll hiermit Folge geleistet werden.

Der zweite Mann

Beim Ratskollegen, der neben Müller ebenfalls verabschiedet wurde, handelt es sich um Andreas Hofer. Der Grüne war mit 14 Jahren doppelt so lange Ratsmitglied wie Müller. Im Jahr 2016/2017 amtete er zudem als höchster Luzerner, sprich als Kantonsratspräsident.

Die Würdigungen beider Männer durch Kantonsratspräsidentin Ylfete Fanaj (SP) kannst du im Video sehen (Start bei 4:24:10):

Zu sehen und zu hören sind nette Worte, die Übergabe eines Prunksiegels und Applaus. Bei Hofer inklusive der kurzen Standing Ovation – auch durch Ylfete Fanaj.

Ratspräsidentin ist erstaunt

Die Kantonsratspräsidentin selbst ist ziemlich überrascht über Müllers Vorwürfe, wie sie auf Anfrage sagt. Am Tag der Verabschiedung sei niemand auf sie zugekommen, um Unmut über die Art und Weise der Verabschiedungen zu bekunden, sagt Fanaj.

Den Vorwurf der bewussten Ungleichbehandlung weist Fanaj jedoch klar zurück: «Für mich ist es sehr wichtig, die Verabschiedungen wertschätzend und wohlwollend zu gestalten. Ich würdige jedes Ratsmitglied immer mit persönlichen Worten.» Als Ratspräsidentin hat Fanaj bereits neun Mitglieder des Rates verabschiedet. «Ich habe die Verabschiedungen immer gleich behandelt, egal welcher Fraktion sie angehören.»

Ungeschriebene Regeln

Tatsache sei aber, dass der Kantonsrat keine protokollarischen Bestimmungen für den Umgang mit Verabschiedungen kennt. Jede Kantonsratspräsidentin oder -präsident handhabt dies etwas anders. Es bestünden jedoch bestimmte ungeschriebene Gepflogenheiten, erklärt Fanaj. 

Sie selbst handhabe die Sache mit dem Aufstehen und Klatschen so: «Ich gewichte zum einen, wie lange jemand Mitglied des Rates war und welche zusätzlichen Ämter diese Person in seiner Zeit im Rat erfüllte.» So sei für sie eine Standing Ovation in erster Linie für ehemalige Fraktions- und Kommissionspräsidenten sowie für ihre Vorgängerinnen und Vorgänger im Amt des Kantonsratspräsidiums reserviert.

«Ich habe die Verabschiedungen immer gleich behandelt, egal welcher Fraktion sie angehören.»

Kantonsratspräsidentin Ylfete Fanaj

«Diese Ämter sind mit zusätzlichen Verpflichtungen und Aufwänden verbunden und sollten entsprechend gewürdigt werden», erklärt Fanaj. Bei sechs der neun Abtretenden aus allen Parteien habe dies zugetroffen und sie sei aufgestanden.

Zur Erinnerung: Hofer war 14 Jahre im Kantonsrat, Müller sieben. Hofer war in seiner Zeit Kantonsratspräsident, Müller nicht.

Die SVP-Fraktion blieb sitzen

Fanaj betont nochmals, dass sie keinen Unterschied nach Parteizugehörigkeit mache. So verabschiedete sie im September 2020 etwa eine SP-Kollegin, die acht Jahre im Rat war, einen Monat später ein FDP-Mitglied mit fünfeinhalb Jahren Amtszeit und Pirmin Müller mit sieben Jahren Amtszeit – alle mit Applaus, aber ohne Standing Ovation.

«Wie ich mich jeweils verhalte, kann man auf dem YouTube-Kanal des Kantons nachschauen. Die Sessionen sind dort ja alle aufgeschaltet.» Fanaj verweist zudem darauf, dass der Impuls zu einer Standing Ovation praktisch immer von der jeweiligen Fraktion ausgehe. 

Letztere Aussage verleitet zu einem zweiten Blick auf das obige Video. Sofern Müllers SVP-Fraktion – der Kantonsratspräsidentin zum Trotz – zur Standing Ovation ansetzte, so war diese vorüber, noch bevor Müller sich wieder setzen konnte. Das ist dem Bildmaterial deutlich zu entnehmen. Damit sollte eigentlich alles über diesen «Skandal» gesagt sein.

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