Der Kommentar
Aktionen von Maskenkritikern

Corona ist zur Glaubensfrage geworden

Corona hält die Menschen auf Distanz – nicht nur im körperlichen Sinne. (Bild: Pixabay)

Eine Gruppe von Maskengegnern zieht derzeit regelmässig ohne die obligatorischen Schutzmasken durch Läden und Bahnhöfe – um ein Zeichen zu setzen. Das zu verstehen fällt unserer Redaktionsleiterin Lena Berger sehr schwer. Es zu versuchen, war aber spannend.

Auf Telegram verabreden sich derzeit Menschen, sie treffen sich, um bewusst gegen die Maskenpflicht zu verstossen, welche die Coronapandemie bekämpfen soll (zentralplus berichtete). Ich habe versucht zu verstehen, warum sie das tun – und mehrere Gespräche mit einer der Schlüsselfiguren dieser Szene geführt.

Dabei habe ich gelernt, dass es hier nicht um das Recht auf Meinungsfreiheit geht. Ob das Coronavirus gefährlich ist oder nicht – das ist eine Glaubensfrage geworden. Und auf der Antwort baut alles auf.

Axiom: Eine Annahme, die nicht hinterfragt wird

Im Mathematikunterricht habe ich gelernt, dass eins und eins zwei ist. Und dass dies auf der Grundannahme beruht, dass Null eine natürliche Zahl ist und jeder Nachfolger einer natürlichen Zahl ebenfalls eine natürliche Zahl ist. Wissenschaftlich ausgedrückt handelt es sich dabei um ein Axiom – ein Satz, der nicht in der Theorie bewiesen werden soll, sondern beweislos vorausgesetzt wird.

Daran musste ich denken, als ich mit dem Maskengegner gesprochen habe. Wenn ich eine falsche Grundannahme treffe, kann ich zwar logisch eins und eins zusammenzählen – und komme trotzdem auf ein falsches Resultat. Und so lange wir uns nicht über die Glaubensfrage einigen können, werden mir seine Aussagen immer schräg und paranoid vorkommen.

Richtig gerechnet – und doch ist alles falsch

Wenn ich voraussetzen würde, das Coronavirus wäre tatsächlich nicht gefährlicher als eine Grippe, so könnte ich alles nachvollziehen, was der 18-Jährige mir erzählt hat. Ich könnte dem Mann nicht mehr vorwerfen, aus egoistischen Gründen die Gesundheit anderer zu riskieren. Hätte er recht, wäre die Schlussfolgerung tatsächlich zwingend, dass die Regierung irgendeinen geheimen Plan verfolgt und die Medien uns anlügen.

Nur: ist das wahrscheinlich? Nein. Ich arbeite seit 14 Jahren als Journalistin. Ich habe dieser Aufgabe mein Leben gewidmet. Und ich kann mit gutem Gewissen sagen: Nein, ich werde nicht vom Bundesrat unter Druck gesetzt, diese Zeilen zu schreiben.

Wenn es – wie der Mann meint – nicht um Corona, sondern um Geld und Macht ginge: Warum macht der Staat dann Milliardenverluste, um die Massnahmen abzufedern? Warum muss der Bundesrat dann so viel Kritik einstecken wie noch nie? Warum sind dann Demonstrationen erlaubt, aber keine Konzerte? Für mich macht das keinen Sinn.

Toleranz heisst: jeder darf glauben, was er will

Die grosse Frage, die mich nach diesem Gespräch umtreibt, ist: Wie können wir verhindern, dass die Coronapandemie unsere Gesellschaft, die Generationen und selbst meine eigene Familie weiter spaltet?

Über grundlegende Glaubensfragen lässt sich schlecht streiten. Wenn ein Mensch davon überzeugt ist, dass es einen Gott gibt oder dass die Erde flach ist – weil er das so erlebt –, wird ihn keine wissenschaftliche Argumentation je vom Gegenteil überzeugen. Jeder darf glauben, was er will. Problematisch wird es aus meiner Sicht aber, wenn die Haltungen dazu führen, dass andere einem gesundheitlichen Risiko ausgesetzt werden. «Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt», wie Kant es formulierte.

Der Glaube daran, dass es das Coronavirus nicht gibt – oder dass es gar nicht gefährlich ist –, hat für mich fundamentalistische Züge. Er lebt von Narrativ «Gut gegen Böse». Wer glaubt, der sieht «die Wahrheit» und steht auf der richtigen Seite. Ich denke, um diese gesellschaftliche Krise zu überwinden wird es von uns allen jene Toleranz brauchen, die ein Atheist gegenüber einem Gläubigen aufbringen muss. Und umgekehrt.

Akzeptanz und Respekt – ohne geht es nicht

Eines gibt mir Hoffnung – und deshalb waren die Gespräche mit dem Maskenverweigerer für mich eine Bereicherung. Der junge Mann glaubt zwar, dass die Medien lügen. Aber er hat mit mir, einer Journalistin, gesprochen. Und das überaus anständig, freundlich und offen.

Trotz seines Misstrauens gegenüber der Presse hat er darauf vertraut, dass ich kein Foto von ihm verwende, seinen Namen nicht schreibe und ich ihm nicht schaden will. Er hat akzeptiert, dass ich eine ganz andere Haltung habe als er. Das gehört zu den Spielregeln, die ein solches Gespräch überhaupt erst ermöglichen. Und wenn sich so eine Haltung durchsetzt, ist vielleicht auch in Zukunft ein gesellschaftlicher Dialog möglich.

Es ist die Aufgabe der Gesellschaft, sich mit diesen Menschen und ihren Überzeugungen auseinanderzusetzen – und zu überlegen, wie eine weitere Abspaltung und Radikalisierung verhindert werden kann. Dies rief jüngst Mascha Santschi, die Präsidentin der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI), in Erinnerung. «Wenn Kritik nicht mehr anständig und friedlich geäussert werden darf, dann gefährdet dies den gesellschaftlichen Frieden», mahnte sie (zentralplus berichtete).

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