«Der Kauf im Plattenladen sollte über die Krankenkasse abgerechnet werden»
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Adrian Seeberger führt den ältesten Plattenladen in der Luzerner Altstadt mit viel Herzblut. (Bild: Marlis Huber)

Ein Besuch im Old Town Record Store in Luzern «Der Kauf im Plattenladen sollte über die Krankenkasse abgerechnet werden»

5 min Lesezeit 06.02.2020, 17:21 Uhr

Seit gut vier Jahren führt Adrian Seeberger den legendären Old Town Record Store in der Luzerner Altstadt. Er ist überzeugt, dass es seinen Laden auch in zehn Jahren noch geben wird. Ein Gespräch über ein schwierig gewordenes Geschäft im ältesten Plattenladen der Stadt.

Sympathisch, kompetent und locker wirkt Adrian Seeberger, wenn er sich durch die Regale in seinem Reich bewegt und von seiner Leidenschaft erzählt. «Ich bin in diesem Laden zu Hause», sagt der 52-Jährige und meint damit den legendären Luzerner Old Town Record Store am Falkenplatz.

Seit der frühere Besitzer Erich Rothacher 2015 in Rente ging, führt der ehemalige Informatiker den Laden mit viel Herzblut. (zentralplus berichtete).

AC/DC ist wieder in bei den Jungen

Um zehn Uhr morgens suchen bereits zwei Kunden nach einer bestimmten Platte. Das Sortiment ist riesig und umfasst unter anderem Pop und Rock, Blues, Heavy Metal, Jazz, Elektro, Hip Hop; alles auf CD oder Vinyl. Die letzteren gibt’s neu und gebraucht. «Der Trend zu Vinyl hält nach wie vor an, der Verkauf von CD’s, die zwei Drittel der im Laden erhältlichen Tonträger ausmachen, ist aber weiter rückläufig», stellt Seeberger fest.

Wichtig ist ihm, dass die Schweizer Musikszene gut vertreten ist. Gerade auch lokale Musiker wie die Luzerner Metal Band Maxxwell oder Mundart-Rocker Tobi Gmür. Ein Tonträger, der zurzeit besonders gut über den Ladentisch geht, ist die aktuelle Platte «Let Life Flow» von Philipp Fankhauser, notabene auf Vinyl.

Seebergers treuste Kunden jedoch sind die Heavy Metal Fans. Er beobachtet, dass AC/DC, Motörhead und Iron Maiden bei den Jungen gerade wieder ziemlich im Trend sind.

Die Nostalgie vergangener Samstage

Etwas Nostalgie kommt hoch beim Stöbern in den Regalen, wo wir unzählige Platten mit schönen Covern sichten. Viele der heute 45- bis 65-jährigen Musikliebhaber sind mit diesem Laden, der 1976 eröffnet wurde, aufgewachsen. Sie erinnern sich, wie in den 80er- und 90er-Jahren Musikliebhaber an den Samstagen von nah und fern in den Plattenladen pilgerten und am Tresen den Kopfhörer überstülpten.

«Kaufe ich eine Platte oder eine CD, werden viele Musiker zwar auch nicht reich, doch da kann man doch von einem Einkommen sprechen.»

Sie verbrachten die Nachmittagsstunden damit, die neusten Platten von Deep Purple, Queen, Pink Floyd, Clash, Black Sabbath, David Bowie, Led Zeppelin zu hören. Oder Bob Marley, Georg Danzer, Nina Hagen, Laurie Anderson, Eric Burdon, Frank Zappa, Kraftwerk oder Udo Lindenberg.

Der Plattenladen war einst vielbesuchter Treffpunkt für Musikfreaks, um Neues zu entdecken, zu fachsimpeln und eben: um stundenlang Musik zu hören. Ob Heavy Metal, Pop, Punk, Blues, Rock, Industrial, Minimal oder Jazz, Musik war schon damals eine wichtige Sache, mit der man sich vor allem im Plattenlatten intensiv auseinandersetzte. Doch zurück in die Gegenwart.

Auch bei der Musik geht es um fairen Handel

Heute geht Musikhören per Klick. Egal wann und wo, sie ist beinahe unbegrenzt verfügbar. Die Gretchenfrage also soll gestellt werden: Warum noch in den Plattenladen gehen? Adi Seeberger: «Das ist die gleiche Frage wie bei den Kleidern: Zu welchen Bedingungen werden sie hergestellt?»

Bei Spotify bekämen die Künstler pro angeklickten Song einen Betrag, der derzeit im Bereich von 0,004 Cent liege. Damit ein Musiker über Spotify einen angemessenen Lohn verdiene, müsse ein Song millionenmal angeklickt werden. «Das schaffen nur die ganz erfolgreichen Künstler. Kaufe ich eine Platte oder eine CD, werden viele Musiker zwar auch nicht reich, doch da kann man doch von einem Einkommen sprechen.»

Einige Künstlerinnen versuchen ihre Musik in diesen schwierigen Zeiten deswegen über unkonventionelle Wege an die Leute zu bringen. Seeberger nimmt eine Flasche hervor. «Wer diese Flasche Bier zu 25 Franken kauft, ersteht gleichzeitig einen Code für den Musik-Download von Martina Linn», sagt Seeberger und zeigt die Etikette, auf der das Konterfei der Bündner Singer-Songwriterin abgebildet ist (zentralplus berichtete).

Die Leiden und Freuden eines Plattenverkäufers

Linns Flasche ist nicht das einzige Bier im Plattenladen. «Ich verkaufe auch verschiedene Biere von kleinen, lokalen Brauereien», sagt Seeberger und greift diesmal zu einer Flasche des Bierbrauers Bierpolizist. Sporadisch veranstaltet Seeberger im Laden Konzerte und «da darf das Bier nicht fehlen. Am 14. Februar tritt eben besagte Martina Linn unter dem Titel «My Funny Valentine» im Laden auf», verkündet Seeberger.

Obwohl die besten Zeiten des Plattenladens zweifelsohne vorüber sind, mag Seeberger in das Klagelied über die veränderten Hörgewohnheiten sowie den Abgesang des Tonträgers nicht lauthals einstimmen. Zuversichtlich meint er: «Den Old Town Record Store wird es auch in zehn Jahren noch geben. Eigentlich müsste der Besuch im Plattenladen ja sowieso über die Krankenkasse abgerechnet werden können», meint er halbernst.

Aber Spass beiseite: Etwas, was den Kleinladenbesitzer nicht freut, sind die eben beschlossenen, erweiterten Ladenöffnungszeiten. Wenig erstaunlich bei seinen langen Präsenzzeiten und bei einem, der sein Geschäft jeweils einzig über die Fasnacht für eine Woche schliesst.

Doch noch einmal zur Musik. Fast hätte es Adrian Seeberger vergessen: «Am 18. April, am internationalen Record Store Day, muss man unbedingt in den Plattenladen kommen! Dieser findet bereits zum zwölften Mal statt. Dann wird es im Old Town Record Store zwei Konzerte geben.» Und an diesem Tag werden 500 neue Vinyl-Veröffentlichungen präsentiert, einen Teil davon in Seebergers Reich, wo dann, wie wir nun wissen, auch das Bier nicht fehlen wird.

Hinweis: Dieser Artikel erscheint im Rahmen unserer Serie, in der wir Luzerner Traditionsgeschäfte und deren Erfolgsstrategie vorstellen.

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