Der Kanton Zug ist ein kleines Mammut-Mekka
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Der Zuger Archäologe Jochen Reinhard hat die Mammutfunde in Rotkreuz untersucht. (Bild: Katharina Palmberger / Adobe Stock)

Nach Knochenfund in Risch-Rotkreuz Der Kanton Zug ist ein kleines Mammut-Mekka

4 min Lesezeit 1 Kommentar 01.08.2021, 18:30 Uhr

Fossilienfunde belegen: Im Kanton Zug tummelten sich in der letzten Eiszeit zahlreiche Urtiere, darunter auch Wollhaarmammuts. Der Zuger Archäologe Jochen Reinhard erklärt, warum in der Region vor allem Überreste der pelzigen Riesen gefunden werden und Knochen Vorrang gegenüber Baustellen haben.

Drehen wir die Zeit ein paar Tausend Jahre zurück. Statt durch die Strassen von Rotkreuz zu schlendern, bewegen wir uns in einer eisigen Tundra. Bissiger Wind pfeift um unsere Ohren und lässt die Temperatur noch kälter wirken, als die ohnehin schon frostigen minus drei Grad. Vor uns, im kalten Nebel, erhebt sich ein Schemen. Als wir näher treten, ragt zwischen Sträuchern und Moosen ein haariger Berg auf. Wo weit in der fernen Zukunft einst die grossen Gebäude der Roche Diagnostics stehen, begegnet uns hier ein Gigant ganz anderer Art: ein Wollhaarmammut.

Das Wollhaarmammut, oder Mammuthus primigenius, wie der wissenschaftliche Name lautet, erschien vor rund 800’000 Jahren und starb am Ende des Pleistozäns vor etwa 11 500 Jahren aus. Es lebte in Sibirien, Nordamerika und Europa. Und wie ein Fund von 2015 zeigt, auch im Kanton Zug. Bei Bauarbeiten für das neue Roche-Bürogebäude in Risch-Rotkreuz wurden nämlich Überreste eines Mammuts entdeckt. Darunter ein Stosszahn sowie ein Bein- und Hüftknochen (zentralplus berichtete).

Ein Stosszahn in der «Röhre»

Der Stosszahn wurde später ans Kantonsspital Baden gebracht, wo er mit moderner CT-Technologie untersucht wurde. Im Juli 2021 kam heraus, dass es sich bei dem Tier um einen rund 35-jährigen Mammut-Bullen handelte. Das Tier dürfte zwischen drei und vier Meter hoch gewesen sein. Mammuts waren nach aktuellem Stand der Wissenschaft Herdentiere – wie ihre Verwandten, die Elefanten. Kann es also sein, dass im Umfeld der Fundstelle noch weitere Skelette liegen?

«Mammuts waren im Prinzip tatsächlich Herdentiere», erklärt der Zuger Archäologe Jochen Reinhard auf Anfrage. «Dies gilt aber – in Analogie zu heute lebenden Elefanten – nicht für die erwachsenen Bullen.» Diese seien wohl einzeln oder in kleineren Gruppen mit weiteren Bullen unterwegs gewesen. Und da es sich bei dem Rotkreuzer Mammut um einen Bullen im «besten» Alter gehandelt habe, sei es «eher unwahrscheinlich, dass gleichzeitig mit ihm weitere Tiere am selben Ort ums Leben gekommen sind», so Reinhard.

Ganz auszuschliessen sei es jedoch nicht. Klar ist aber, dass im Umfeld des Fundes noch weitere Skelettteile des Bullen in der Erde liegen dürften. Denn «in der Baugrube war nicht das komplette Skelett auffindbar.» Welche Teile in Rotkreuz bisher gefunden wurden, siehst du auf dem interaktiven Bild:

Funde müssen gemeldet werden

Woran das Tier gestorben ist, kann ebenfalls nicht eruiert werden. An den gefundenen Knochen lassen sich keine Hinweise auf die Todesumstände finden. «Am wahrscheinlichsten ist aber ein Unfall, ein Absturz in eine Spalte im Permafrostboden, ein Steckenbleiben in Schlamm oder Ähnliches», weiss Reinhard und erklärt weiter: «Männliche Mammuts verunfallten deutlich häufiger als weibliche – hier fehlte im Notfall die Hilfe des Herdenverbandes und die Erfahrung einer alten Leitkuh.»

Bauunternehmen sind übrigens gesetzlich verpflichtet, archäologische Funde zu melden – auch wenn sich dadurch der geplante Bau verzögern könnte. Im Falle des Rotkreuzer Mammuts sei das gemäss Reinhard vorbildlich durch die Bauherrschaft erfolgt. Zu einer Bauverzögerung ist es dank der guten Zusammenarbeit der Kantonsarchäologie und der Baufirma nicht gekommen. Auch sonst seien im Kanton Zug keine Fälle bekannt, in denen archäologisches Fundmaterial absichtlich oder wissentlich unterschlagen und nicht gemeldet worden sei. «Unsere Zusammenarbeit mit der Baubranche ist hier im Allgemeinen sehr gut», sagt der Archäologe.

Der Irrtum mit dem Riesen

Der Grund, warum im Kanton Zug vor allem Überreste von Eiszeittieren – und nicht etwa Dinosaurier – gefunden werden, liegt an den Sedimentschichten. Diese bestehen knapp unter der Erdoberfläche überwiegend aus Lehmen, Kiesen und Schottern der letzten Eiszeit und bergen hauptsächlich Mammutknochen, weil sich «die grossen und stabilen Skelettelemente am besten erhalten», so Jochen Reinhard.

Grundsätzlich seien Mammutfunde nichts Aussergewöhnliches. «Aber sie sind selten so gut erhalten wie die Skelettelemente aus Rotkreuz.» Die ersten Mammutknochen wurden übrigens 1577 im Luzerner Wiggertal entdeckt, lange bevor man wusste, was ein Mammut überhaupt ist. Deswegen schrieb man die Knochen einem Riesen zu – ein Irrtum, der heute noch auf einem Gemälde der Luzerner Kapellbrücke verewigt ist (zentralplus berichtete).

Der Mammut-Knochenfund verleitete Anfang des 17. Jahrhunderts zum Bild «Riese von Reiden», das heute bei der Kapellbrücke hängt.

Das Rotkreuzer Mammut mag zwar ein Einzelgänger gewesen sein, aber alleine war es trotzdem nicht. In den vergangenen Jahren wurden in der Zentralschweiz immer wieder Überreste der zotteligen Giganten entdeckt. Backenzähne eines Quasi-Nachbars wurden beispielsweise 2018 im Äbnetwald in Cham gefunden (zentralplus berichtete). Und im November 2019 wurde in einer Kiesgrube im luzernischen Eschenbach der bis dato älteste Fund in Form eines Stosszahns entdeckt (zentralplus berichtete)

Aktuell sind die Knochenteile des Rotkreuzer Bullen im Museum für Urgeschichte(n) in Zug ausgestellt, ebenso der Backenzahn aus dem Äbnetwald und ältere Mammutfunde.

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1 Kommentare
  1. Hegard, 01.08.2021, 19:09 Uhr

    Es wurden auch in Eschenbach und Ballwil,Stooszähne eines Mammuts in einer Kiesgrube gefunden.
    Desshalb vermute ich das Sie mit dem Geschiebe des Reussgletscher dahin gekommen ist

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