Der Kampf gegen die biologische Uhr
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Sie weiss was Frauen bewegt, die ungewollt kinderlos sind: Annette Wirthlin.

Zugerin mit neuem Buch Der Kampf gegen die biologische Uhr

7 min Lesezeit 3 Kommentare 01.11.2015, 05:00 Uhr

Nach 35 fängt der Stress an: Frauen warten immer länger, bis sie Mutter werden wollen. Und geraten in Teufels Küche, wenn es einfach nicht klappen will. Die Zugerin Annette Wirthlin hat mit Betroffenen gesprochen, die jahrelang verzweifelt versuchten, ein Kind zu bekommen. Sie ist überrascht, wie sehr das Thema tabuisiert ist. Das Schlimmste seien die Vorurteile, mit denen die Frauen konfrontiert sind.

zentral+: Warum haben Sie ein Buch über Frauen geschrieben, die ungewollt kinderlos sind?

Annette Wirthlin: Ich sehe in meinem Umfeld, wie häufig es vorkommt, dass Frauen um die 35 plötzlich ins Gehege mit ihrer biologischen Uhr geraten – auch wenn nur wenige darüber reden. Die Thematik ist eine Folge gewisser gesellschaftlicher Entwicklungen: etwa, dass Frauen immer besser ausgebildet sind und sich am Erwerbsleben beteiligen oder dass die Ansprüche an eine Beziehung ganz andere sind als früher.

zentral+: Erstgebärende Frauen werden immer älter. Werden also immer mehr Frauen mit ihrer biologischen Uhr in einen Konflikt geraten?

Wirthlin: Es ist ein statistischer Fakt: Heute liegt das Durchschnittsalter schon bei 30,4 Jahren; um 1970 lag es noch bedeutend tiefer. Was jedoch gleich bleibt, sind die biologischen Voraussetzungen: nämlich, dass die Fruchtbarkeit nach 35 drastisch abnimmt. Vermutlich werden sich in Zukunft immer mehr Frauen mit diesem Thema auseinandersetzen müssen, insbesondere diejenigen der höheren Bildungsschichten. Laut statistischen Hochrechnungen wird ein Viertel der Frauen mit Jahrgang 1970 kinderlos bleiben. Während es bei den heute 50- bis 59-jährigen Frauen noch «nur» ein Fünftel ist. Innerhalb einer Generation hat sich der Anteil also deutlich erhöht.

Zur Person

Annette Wirthlin wurde 1974 im Kanton Zürich geboren und studierte Anglistik, Germanistik und Allgemeine Psychologie an der Universität Zürich. Sie lebt in der Stadt Zug und arbeitet als Journalistin und Redaktorin bei der «Zentralschweiz am Sonntag» in Luzern.

zentral+: Sie sind selber kinderlos und um die 40 – hat das Buch autobiografische Züge?

Wirthlin: Nein, mein Leben ist nicht so spannend (lacht). Ich wollte viel lieber Geschichten von anderen Frauen erzählen. Sicher hat es einzelne Elemente, die auch ich kenne. Fast jede kinderlose Frau in diesem Alter wird sich in der einen oder anderen Form mit dem Thema beschäftigen – zwangsläufig.

zentral+: Frauen, die sich bis 38 selbst verwirklichen und dann plötzlich Stress bekommen: Ist das nicht auch etwas hausgemacht?

Wirthlin: Das ist jetzt etwas gar vereinfacht. Aber genau das ist ein grosses Problem: Die Frauen werden von ihrem Umfeld oft harsch kritisiert. Sie seien egoistisch, hätten Torschlusspanik, wollten sich nur selbst verwirklichen, seien zu lange ihrer Karriere nachgerannt und darum selber Schuld an ihrem Schlamassel.

«Eine Frau, die jenseits der 40 noch ernsthaft ans Kinderkriegen denkt, kann häufig mit niemandem darüber reden. Sie leidet still vor sich hin.»

Annette Wirthlin, Buchautorin

zentral+: Ist da nicht was Wahres dran?

Wirthlin: Natürlich mag es in Einzelfällen Frauen geben, die ein Kind nur als weiteres Lifestyle-Accessoire in ihrem ansonsten perfekten Leben sehen. Meine Erfahrung zeigt aber, dass die allermeisten Betroffenen alles andere als Egoistinnen sind. Aber viele werden mit pauschalisierenden Vorurteilen konfrontiert und belächelt. Die ganze Thematik ist daher immer noch tabuisiert. Eine Frau, die jenseits der 40 noch ernsthaft ans Kinderkriegen denkt, kann häufig mit niemandem darüber reden. Sie leidet still vor sich hin.

zentral+: Ist denn eine Frau nicht auch ein Stück weit selber dafür verantwortlich, dass sie mit 39 ungewollt kinderlos ist?

Wirthlin: Zuerst muss ich dazu klar sagen, dass ich es falsch finde, die Lebensentscheidungen anderer Menschen zu verurteilen. Natürlich hat jede Frau ihren Anteil daran, ob sie ihre Pläne realisieren kann oder nicht. Aber es ist falsch, von Schuld zu sprechen. Da ist zum Beispiel die Frau, die eine jahrelange Beziehung hatte, der Partner aber noch warten wollte mit der Familiengründung. Schliesslich geht die Beziehung auseinander, weil er sich in eine andere Frau verliebt hat. Und sie steht mit 35 allein da. Oder das Paar, das noch zuwartet, weil beide sich noch beruflich etablieren wollen. Und dann, mit Mitte dreissig, will es einfach nicht klappen mit dem Schwangerwerden. Oder die Frau, welche mit einem Mann zusammen ist, der schon Kinder hat und erst nach einigen Jahren beschliesst, dass er definitiv nicht mehr Vater werden will – und sie steht mit 38 mit leeren Händen da.

«Biologisch wäre es sinnvoller, wenn man schon in den Zwanzigern Mutter wird. Aber das wollen heute viele nicht mehr, die jungen Männer erst recht nicht.»

zentral+: Jahrelange Ausbildungen, Karriereplanung, Auslandaufenthalte, längere Reisen, und und und … Ganz am Schluss kommt dann noch die Kinderfrage, sozusagen das letzte Mosaikstück in der persönlichen Selbstverwirklichung.

Wirthlin: Solche Lebensläufe gehören einfach zur aktuellen gesellschaftlichen Realität. Man darf die Frauen nicht isoliert betrachten und sie alleine dafür verantwortlich machen. Biologisch wäre es sinnvoller, wenn man schon in den Zwanzigern Mutter wird. Aber das wollen heute viele nicht mehr, die jungen Männer erst recht nicht.

zentral+: Sie haben zahlreiche Frauen mit noch unerfülltem Kinderwunsch getroffen. Was hat Sie an deren Schicksalen berührt?

Wirthlin: Alle Geschichten gingen mir nahe – hoffentlich geht es auch den Lesern so. Es sind tolle Frauen, die alles andere als selbstsüchtig sind. Jede hat sich ganz genau überlegt, was sie möchte und wie sie ihr Leben gestalten will. Einige davon wären sicherlich gute Mütter geworden. Zudem muss ich anfügen, dass es im Grunde nichts Unegoistischeres gibt, als Kinder zu haben. Man muss die eigenen Bedürfnisse auf einen Schlag völlig zurückstellen, hat schlaflose Nächte etc. Der Wunsch nach einem Kind ist in den allermeisten Fällen das urmenschliche Bedürfnis, etwas von sich weiterzugeben, jemanden zu umsorgen und durchs Leben zu begleiten.

zentral+: Sie beschreiben auch Fälle, bei denen es am Ende doch noch geklappt hat.

Wirthlin: Genau, die Karrierefrau Karen zum Beispiel. Sie hat ein Kind mit einem Partner, in den sie gar nicht wirklich verliebt ist. Es ist nicht die grosse Liebe – aber es funktioniert. Sie sind immer noch zusammen. Das ist auch Teil des Dilemmas: Die Ansprüche an eine Partnerschaft sind sehr hoch. Alles muss stimmen: Die Liebe, gemeinsame Interessen, Hobbys, die Karriereplanung. Das kann unheimlich erschwerend sein, wenn einem die Zeit davon läuft und der «Richtige» einfach nicht auftauchen will. Früher hat man, etwas salopp gesagt, einfach den Jungen aus der Nachbarschaft geheiratet. Und dann gab es, «so Gott will», Kinder.

zentral+: Was halten Sie von Frauen, die ohne Partner ein Kind haben?

Wirthlin: Im Buch schreibe ich über einen solchen Fall. Eine Frau, die einfach nicht den richtigen Partner fand, mit 40 in die USA reiste und dort per Samenspende schwanger wurde. Sie erzählt, wie sie ihr Kind zuerst alleine aufzieht und später erst die grosse Liebe trifft – und dass sie überglücklich ist mit ihrem Leben. Auch das gibt es. Und Hand aufs Herz: Wer ist in der Lage, zu beurteilen, ob der fehlende leibliche Vater für das Kind tatsächlich ein Problem darstellt? Vielleicht wächst dieses Kind glücklicher auf als manches andere Scheidungskind.

zentral+: Ist das Buch auch eine Lektüre für Männer?

Wirthlin: Wieso nicht? Sehen Sie: Das Thema der biologischen Uhr bei den Frauen geht uns alle etwas an. Wir haben viel bessere Bildungsmöglichkeiten als vor hundert Jahren, die Wirtschaft und Gesellschaft wollen das auch so. 80 Prozent der Frauen sind heute berufstätig, gleichzeitig ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor allem für die Frauen ein schwieriges Thema. Haushalt und Erziehung liegen immer noch in den meisten Fällen in der Verantwortung der Frau. Deshalb sind sie viel mehr als die Männer gezwungen, sich zwischen Beruf und Familie zu entscheiden. Oder sie müssen versuchen, alles unter einen Hut zu bringen.

«Eigentlich ist es ja absurd: Früher starben die Menschen um die 40 schon bald – heute gründen sie erst dann eine Familie.»

zentral+: Werden es in Zukunft immer mehr Frauen sein, die diesen Wettlauf mit der biologischen Uhr aufnehmen müssen?

Wirthlin: Es sieht so aus, ja. Eigentlich ist es ja absurd: Früher starben die Menschen um die 40 schon bald – heute gründen sie erst dann eine Familie.

zentral+: Haben Sie einen Rat für ungewollt kinderlose Frauen?

Wirthlin:  Mein Buch ist kein Ratgeber. Es soll betroffenen Frauen zeigen, dass sie nicht allein sind mit dieser Thematik. Und indem es die Situationen und Beweggründe dieser Frauen beschreibt, kann es hoffentlich etwas zum allgemeinen Verständnis und zum Abbau von Vorurteilen beitragen.

Neues Buch: «Bye Bye, Baby?»

Im Buch «Bye Bye, Baby? – Frauen im Wettlauf gegen die biologische Uhr» (Werd Verlag) erzählen Frauen mit (noch) unerfülltem Kinderwunsch ebenso

ehrlich wie selbstkritisch von ihrem Leben zwischen Hoffnung, Selbstvorwürfen und Torschlusspanik. Die berührenden Porträts werden ergänzt durch Gespräche mit Experten verschiedenster Fachrichtungen, die interessante Fakten vermitteln, neue Denkanstösse liefern und über mögliche Hintergründe des Phänomens Kinderwunsch nachdenken.

Die Autorin Annette Wirthlin hat es geschafft, die Thematik der «Torschlusspanik» auf eindrückliche und spezielle Art aufzugreifen. Wer das Buch liest, erfährt auf unverblümte Art, was Frauen, die sich mit 38 oder 40 noch sehnlichst ein Kind wünschen, tatsächlich bewegt. Die Schicksale gehen nahe und machen betroffen – so gelingt es dem Buch, Verständnis für die Sorgen, Nöte und Ängste der Frauen zu wecken. Ein spannendes Sachbuch, das auch Menschen fesselt, welche nicht von der Thematik direkt betroffen sind.

Buchvernissage in Zug

Die Buchvernissage findet am Dienstag, 17. November, 18.30 Uhr in der Bar bzw. im Restaurant «im Hof» an der Zeughausstrasse 18 in Zug statt (Anmeldung erforderlich unter [email protected]). 

 

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3 Kommentare
  1. Ines G. Biss, 12.11.2015, 18:00 Uhr

    … eben nicht absurd.

  2. Annette Wirthlin, 12.11.2015, 15:57 Uhr

    Eben, genau. Wir planen heute in einem Alter Familie, in dem unsere Vorfahrinnen schon längst Kinder hatten und ev. gar nicht mehr gelebt hätten. Das Problem mit der biologischen Uhr hatten sie also damals kaum.

  3. Ines G. Biss, 01.11.2015, 22:40 Uhr

    Wieso den dümmsten Satz in einem nicht dummen Interview hervorheben? Heute leben ja die Menschen noch weitere 40 Jahre.

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