Der «Güsel-Kommissar» geht um
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Abfallsammeln ist seine Leidenschaft: Bruno Birrer. (Bild: woz)

Der Chamer Bruno Birrer sammelt freiwillig Abfall Der «Güsel-Kommissar» geht um

5 min Lesezeit 1 Kommentar 17.04.2017, 12:32 Uhr

Seit über zehn Jahren rückt Bruno Birrer weggekipptem Abfall auf die Pelle. Dabei säubert der Chamer nicht nur die Landschaft. Er entwickelt auch «Täterprofile» der Müllsündern. Und weiss, was es bedeutet, wenn die Kondomdichte im Gras wieder zugenommen hat.

«Hier könnte ein Mann dahinterstecken, der sich abends auf dem Heimweg auf dem Parkplatz im Frauenthaler Wald sein Feierabend-Bier genehmigt, das er vermutlich zu Hause nicht trinken darf. Die Dosen wirft er unzerquetscht im Bogen hinter einen Holzstapel. So kommen pro Monat zirka 20 Dosen zusammen. Seit ich die gesammelten Dosen zur Schau stellte, hat sich die Situation entschärft. Oder sollte man fragen, wo die Büchsen jetzt liegen?» 

«Du, Mami, ist der noch ganz putzt?»

Menschen entwickeln gerne Theorien, um sich die Welt zu erklären. Den 74-jährigen Bruno Birrer beschäftigt in seinen Gedankengebäuden vor allem die Frage, warum bloss Menschen im grossen Stil einfach ihren Abfall wegwerfen. Bei dem Chamer kitzelt diese Frage nicht nur seinen kriminalistischen Spürsinn wach. Tatkräftig legt er auch Hand an, um den Güsel zu entsorgen. Dabei stiess er zunächst auf Unverständnis mancher Passanten. «Ein Schüler, der mich beobachtete, hat zu seiner Mutter gesagt: Du, Mami, ist der noch ganz putzt?!»

Früher war er dafür mit Velo und Anhänger unterwegs. Nun, da er inzwischen freiwillig für den Werkhof Cham arbeitet – «freiwillig, aber nicht gratis» –, kurvt er fast lautlos mit einem Elektro-Occasions-Moped der Post samt Anhänger durch die Lande. «Dadurch konnte ich meinen Radius ausweiten», erklärt Birrer, der mit seiner Schirmmütze ein wenig an Sherlock Holmes erinnert.

Abschreckung für den Bierdosen-Wegwerfer.

Abschreckung für den Bierdosen-Wegwerfer.

(Bild: Birrer)

Der gepflegte weisse Schnautz und seine runde Hornbrille vervollkommnen das Image eines «Güsel-Kommissars». Mittlerweile tourt er in Sachen Müllbeseitigung von Sins und Mühlau im Freiamt über Maschwanden, Hünenberg und Cham bis ins Zuger Gewerbegebiet. Zange und Handschuhe immer am Mann.

Angefangen hat die spezielle Sammelleidenschaft des ehemaligen Medizinlaborants am Zuger Kantonsspital vor über zehn Jahren mit dem schlichten Wunsch, «unsere schöne Gegend zu erhalten.» Dabei hatte der Pensionär schon damals eine besondere Sensibilität für Landschaftsbild und Natur, weil er sich in seiner Freizeit darum kümmerte, Wanderwege zu putzen.

150 Flaschen Bier im Graben

Was hat er in all den Jahren nicht alles schon an kuriosem Abfall gefunden? 150 Flaschen Bier zum Beispiel, einfach in den Graben geworfen. «Acht abgerissene, rechte Aussenspiegel von Autos, die offensichtlich auf einer schmalen Strasse nicht bemerkt haben, dass sie an die im Winter aufgestellten Schneestangen gestossen sind», sagt Birrer und schimpft über die seiner Meinung nach wie «Panzer» durch die Gegend rasenden SUVs im Kanton Zug. Desweiteren stöberte er vier Linoleumteppiche im Gebüsch auf. Ein Literglas voller Zigarettenstummel.

Hat hier der Lover seine Ex vor die Tür gesetzt? Oder umgekehrt?

Hat hier der Lover seine Ex vor die Tür gesetzt? Oder umgekehrt?

(Bild: Birrer)

«Die stammten von zwei Personen, weil an den einen Zigaretten noch Lippenstift klebte», sagt er. In mehreren Abfallsäcken im Wald entdeckte er sogar einmal eine Visitenkarte und eine handgeschriebene Modellbauautoanleitung – was seinen kriminalistischen Spürsinn besonders motivierte. Am Ende konnte der Täter aber doch nicht überführt werden. «Generell gebe ich Säcke mit Hinweisen weiter an die Polizei», so Birrer. Wie etwa jenen, in dem ein Zürcher seinen zerrissenen Brief vom Betreibungsamt hinterlassen hatte. «Ich hasse es, wenn Papierfötzeli herumhängen», bekennt er. Am schlimmsten seien für ihn aber volle Kinderwindeln.

«Viele Müllsünder sind bequem»

Indes: Warum bloss kippen Leute ihren Müll einfach in die Landschaft? Schliesslich gibt es ja genügend Ökihöfe, wo man seinen Güsel abgeben kann. «Viele Müllsünder sind einfach zu bequem und zu gedankenlos», sagt der Chamer. Er ist aber auch der Überzeugung, dass es mittlerweile eindeutig zu viele Verpackungen gibt. «Aus einem Hygienewahn heraus muss ja heutzutage alles irgendwie verpackt sein.»

Für seinen Geschmack könnten deshalb mehr Pfandartikel Abhilfe gegen solches Littering schaffen. Und jeder könne sein Abfallvolumen markant reduzieren, wenn er den Güsel zerkleinere. «Wenn ich beispielsweise eine Chipstüte zerschneide, nimmt sie viel weniger Platz ein und kann sich nicht wie im Originalzustand ausdehnen.»

«Es ist einfach schön, wenn es sauber ist.»

Bruno Birrer, Abfallsammler aus Leidenschaft

So viel zu den praktischen Abfallvermeidungstipps des «Güsel-Kommissars» – der übrigens auch herausgefunden hat, dass es an Autobahnauffahrten deutlich mehr Abfall im Gebüsch gibt als an Autobahnabfahrten. «An den Auffahrten sind die Leute hinterher nämlich schneller weg.» Er weiss aus Erfahrung auch, dass im Sommer mehr Kondome im Gras liegen als im Winter. «Bei solchen Funden ist klar: Die Saison hat wieder begonnen.»  

Doch zurück zu seinen «Täterprofilen». Spannend mutet auch sein «Müllsatz-Lesen» im Falle einer verwaisten Babywanne & Co. an, die er in einer Unterführung entdeckte. Handelt es sich hier um einen Beziehungsbruch, fragt sich Bruno Birrer. Da seien nämlich auffällig viele Kosmetika zu sehen. «Er tilgt alle Spuren seiner Ex, oder sie will beim Neuen mit frischen Artikeln einziehen. Wenigstens wurde nicht auch noch das Kind mit dem Bade ausgeschüttet», interpretiert der «Güsel-Kommentar» seinen Fund. Und schmunzelt.

Wo ist bloss George Clooney?

Wo ist bloss George Clooney?

(Bild: Birrer)

Eigentlich hat Bruno Birrer da ein interessantes Hobby für sich gefunden – mit seiner Vorliebe fürs Müllsammeln. Und nicht nur das. «Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Leute mich kennen und mich grüssen, wenn sie mich auf der Strasse erkennen.» Und was würde passieren, wenn es vom einen auf den anderen Tag plötzlich keinen Abfall mehr geben würde, den Bruno Birrer aufsammeln könnte? «Dann würde ich halt was anderes machen. Es ist einfach schön, wenn es sauber ist.»

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1 Kommentare
  1. André Dörflinger, 19.04.2017, 17:38 Uhr

    Ja, gut, ich beantrage, dass Herrn Stadt bekannt Birrer bei nächster Gelegenheit eine Verdienstmedaille überreicht werde !! Betr. Verpackung ist zu sagen, dass die Firmen wegen Diebstahlvorbeugung überproporzional grosse Verpackung erstellen, die der Käufer dann am besten gleich nach Bezahlung an der Kasse an Ort & Stelle entsorgt.

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