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Der grösste Zuger Armeefreund tritt ab
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Willi Vollenweider in einem Ausstellungspanzer. Wenn es nach ihm geht, dürfte die Schweiz noch aufrüsten. (Bild: zVg )

Zum Abschied wünscht er sich eine Bürgerwehr Der grösste Zuger Armeefreund tritt ab

6 min Lesezeit 1 Kommentar 25.12.2018, 22:52 Uhr

Eine der eigenwilligsten Figuren kehrt der Zuger Politik den Rücken. Willi Vollenweider, Präsident der als reaktionär geltenden Gruppe Giardino, SVP-Abtrünniger und Sicherheitsfanatiker, verlässt die politische Bühne. Nicht, ohne zum Abschied noch einmal für eine Bürgerwehr zu weibeln.

Mit Willi Vollenweider tritt Ende Jahr einer der auffälligsten Zuger Gemeinde- und Kantonsräte ab. Einer, der ein gar grosses Herz für die Sicherheit unseres winzigen Kantons hat. Einer, der nicht zimperlich ist, wenn es darum geht, Zitate von Stalin oder Hitler zu verwenden (zentralplus berichtete). Und einer mit einer derart unumstösslichen politischen Linie, dass er dafür sogar den Schoss der Mutterpartei hinter sich lässt und sein Ding alleine durchzieht.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte der Zuger Skandal. Nachdem klar wurde, dass SVP-Mann Markus Hürlimann weiterhin Teil des Kantonsrats bleiben würde, platzte Vollenweider Anfang 2015 der Kragen. «Ich weigere mich strikt, mit Leuten wie Markus Hürlimann im Kantonsrat zusammenzuarbeiten», erklärte er damals auf seiner Website und trat kurzerhand aus der SVP-Kantonsratsfraktion aus.

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Eineinhalb Jahre später trat Vollenweider auch aus der städtischen SVP-Fraktion aus. Nicht wegen deren Kommunalpolitik, sondern weil eine Mehrheit der SVP auf Bundesebene kurz zuvor der Verkleinerung der Armee zugestimmt hatte. Als «Verrat an der Wählerschaft» betitelte Vollenweider diesen Umstand. Und ist seither parteilos.

Denn gerade diese Themen, die Schweizer Armee, die Sicherheit der Bevölkerung und die entsprechenden Massnahmen, sind Willi Vollenweider – seines Zeichens Präsident der Gruppe Giardino – besonders wichtig. Das zeigt nicht zuletzt ein Blick auf die eingereichten Vorstösse des Gemeinde- und Kantonsrats. Darunter sind nachvollziehbare wie etwa die Forderung, dass der Ökihof am heutigen Standort verbleiben solle. Aber auch eher eigenwillige, wie zahlreiche Beispiele zeigen.

Mehr Schweizer Flaggen, mehr «eidgenössische Identität»

So setzten sich vier SVP-Gemeinderäte, darunter auch Vollenweider, im Jahr 2014 dafür ein, «dass während dem Schulbetrieb die städtischen Schulhäuser ständig mit der Schweizer Flagge beflaggt sind».

Die Gruppe Giardino

2010 in Luzern gegründet, bildet die Gruppe Giardino eine politische Vereinigung, welche sich für die Stärkung der schweizerischen Armee- und Sicherheitspolitik einsetzt. Eines ihrer Ziele ist eine bestandesstarke, vollständig ausgerüstete Milizarmee, welche den Verteidigungsauftrag der Bundesverfassung erfüllen kann. Die kürzliche Anpassung des Militärgesetzes ist der Gruppe Giardino ein Dorn im Auge. Es handle sich faktisch um die «Halbierung der Armee», womit die Schweiz ihrem Verteidigungsauftrag nicht gerecht werden könne.

Dass ihm die «eidgenössische Identität» sehr wichtig ist, zeigte eine mit viel Inbrunst verfasste Interpellation der Gemeinderäte Willi Vollenweider und Philip C. Brunner aus dem Jahr 2015. Nachdem die städtische 1.-August-Feier offenbar ziemlich trostlos ausgefallen war, äusserten sich die beiden Räte umfassend und empört.

Ein «Armutszeugnis sondergleichen» sei das gewesen, befanden die Interpellanten und stellten dem Stadtrat dazu elf Fragen, darunter auch die vermutlich rhetorisch gemeinte Frage in den Raum: «Wie dekadent kann ‹man› eigentlich sein, um seine eigene Geschichte, Herkunft und Identität mit einer die Schweizerische Eidgenossenschaft praktisch negierenden Bundesfeiertags-Veranstaltung dermassen zu verleugnen?»

Deshalb wünschten sich die Gemeinderäte, dass künftig «würdige Feiern» abgehalten würden, «wie es sich gehört». Heisst: mit Trachtengruppen, Fahnenschwingern, Turnverein-Darbietungen, Jodlerinnen et cetera.

Wehe, wenn so ein Sonnensturm kommt!

Wer sich für eine «eidgenössische Identität» einsetzt, dem ist logischerweise auch daran gelegen, diese zu verteidigen. Auch diesbezüglich hat Willi Vollenweider immer wieder versucht, Hebel in Bewegung zu setzen.

So etwa empfahl der 69-Jährige dem Stadtrat, man möge doch die Zuger Haushalte in regelmässigen Abständen mit Informationsschriften zum Verhalten im Fall von Katastrophen bedienen. Dies, «obwohl die Eintretenswahrscheinlichkeit katastrophaler Ereignisse in der Schweiz, im Kanton oder in der Stadt Zug sehr klein» – aber eben nicht null sei.

Ziel des Vorstosses: das Bewusstsein zu schärfen für die Ergreifung vorsorglicher Massnahmen. Und das nicht nur im Falle von Stürmen, Erdbeben oder Überschwemmungen. Auch extreme Sonnenstürme, den Kollaps des Finanzsystems oder gentechnische Fehler zählt Vollenweider in seiner Gefahrenliste auf.

Willi Vollenweider vor der «Bloodhound»-Lenkwaffenstellung auf dem Gubel.

Willi Vollenweider vor der «Bloodhound»-Lenkwaffenstellung auf dem Gubel.

(Bild: zvg)

Auch auf Kantonsebene weibelte Vollenweider während seiner Amtszeit vermehrt dafür, das Thema Sicherheit im Parlament und der Regierung beliebt zu machen. Erst kürzlich stellte er die Frage, wie denn der Kanton und die Gemeinden den Schutz der Bevölkerung und der kritischen Infrastrukturen im Falle schweizweit erhöhter terroristischer Bedrohungen sicherstellen würden. Die Reaktion der Regierung zusammengefasst: Alles gut, wir haben’s im Griff.

Ein inkompetenter Regierungsrat?

Doch genau das glaubt Vollenweider mitnichten. Auf Anfrage von zentralplus nimmt der Armeebefürworter kein Blatt vor den Mund. Er sei frustriert über die «Inkompetenz der Zuger Regierung». Vollenweider nämlich ist sich sicher, dass die Regierung die Situation verkenne.

Dies verblüffe ihn umso mehr, als mit den Herren Regierungsräten Hürlimann (Brigadier aD) und Martin Pfister (Oberst aD) zwei hohe ehemalige Offiziere der Armee in der Zuger Regierung einsitzen würden. «Von ihnen hätte ich erwartet, dass sie die Schönfärbereien, Bagatellisierungen und Illusionen des Stabes der Sicherheitsdirektion endlich einmal stoppen würden.» Das sei leider nicht geschehen, bedauert Vollenweider.

Der Herzenswunsch nach eigenen Truppen

Bis zum Schluss seiner Amtszeit kämpft Vollenweider mit grosser Hartnäckigkeit für mehr Sicherheit im Kanton Zug. Mit dem Vorschlag einer staatlich organisierten «Home Guard», welche die «in ausserordentlichen Lagen ungenügende Sicherheit im Kanton Zug zumindest teilweise zu gewährleisten vermöchte», macht sich der Armeefreund ein voraussichtlich letztes Mal im Kantonsparlament bemerkbar.

«Bei der Sicherheitspolitik geht es nicht um lächerliche Parkplatzgebühren, sondern um Leben und Tod unserer Familien.»

Willi Vollenweider, abtretender Kantons- und Gemeinderat

Es ist nicht das erste Mal, dass Vollenweider für kantonseigene Truppen weibelt. Eine entsprechende Interpellation startete Vollenweider als Antwort auf die damals angekündigten Änderungen im Militärgesetz (zentralplus berichtete).

«Das Prinzip Hoffnung ist im Bereich der Sicherheit ein Spiel mit dem Feuer. Bei der Sicherheitspolitik geht es nicht um lächerliche Parkplatzgebühren, sondern um Leben und Tod unserer Familien. Viele Politiker setzen völlig falsche Prioritäten», sagt Vollenweider dezidiert.

Mit dem aktuellen Vorstoss beauftragt er den Regierungsrat, die Rechtsgrundlagen bezüglich einer «Home Guard», also einer Art Ortswehr, zu prüfen. Vollenweider ist nämlich überzeugt, dass im Notfall «weder der Schutz der Bevölkerung noch der Schutz der kritischen Infrastrukturen im erwarteten Ausmass gewährleistet» seien. Als Beispiel nennt Vollenweider die gewaltsame Inbesitznahme der Krim-Halbinsel.

Ereile die Schweiz ein unerwartetes, höchst gefährliches Szenario, müsste die Bevölkerung «fast völlig auf sich allein gestellt – selber um ihr Überleben kämpfen». Es bestehe also Handlungsbedarf bei der Schaffung neuer Sicherheitsmodelle, ist der ehemalige SVP-Parlamentarier überzeugt.

Nur selten waren die Vorstösse erfolggekrönt

Mit seinen Vorstössen ist Vollenweider meist auf sich allein gestellt. Nur manchmal werden seine Anliegen von anderen Politikern mitgetragen. Entsprechend häufig lief er in Zug gegen eine Wand. Seit seinem Einstieg in die Zuger Politik habe sich die Situation «überhaupt nicht zum Positiven verändert». «Viele Leute schauen zwar jeden Abend Schreckensszenarien am Fernsehen, fragen sich aber nie: ‹Könnte das nicht eines Tages auch bei uns passieren?›», sagt der Parteilose frustriert.

«Den Kommunikationsfachleuten im VBS ist es gelungen, ein potemkinsches Dorf aufzubauen und hinter dieser Fassade ein unbeschwert-genüssliches Leben zu führen.»

Willi Vollenweider

Und so kehrt er denn der Zuger Politik Ende Dezember den Rücken. «Die grossen Herausforderungen der Schweiz liegen nicht auf gemeindlicher oder kantonaler, sondern auf eidgenössischer Ebene», sagte Vollenweider kürzlich gegenüber zentralplus.

So werde er sich dem Thema Sicherheit zwar weiterhin widmen, jedoch auf Bundesebene. «Den Kommunikationsfachleuten im VBS ist es gelungen, ein potemkinsches Dorf aufzubauen und hinter dieser Fassade ein unbeschwert-genüssliches Leben zu führen – siehe Spesenskandal und Heliflüge für Freundinnen –, ohne ihre wichtigste Leistung erbringen zu wollen», kritisiert der Präsident der Gruppe Giardino.

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1 Kommentare
  1. Franz Peter Dinter, 26.12.2018, 16:11 Uhr

    Setzt sich Herr Vollenweider auch so engagiert für den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie ein? Oder stellt diese in seinen Augen kein Sicherheitsrisiko dar?