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«Der Frauenstreik ist ein Langstrecken-Marathon»
  • Gesellschaft
Sie bleiben laut. (Bild: ida)

Wie es mit dem Luzerner Frauenstreik weitergeht «Der Frauenstreik ist ein Langstrecken-Marathon»

6 min Lesezeit 14.09.2019, 21:41 Uhr

Drei Monate sind vergangen, seit in Luzern Tausende Frauen auf die Strassen Luzerns pilgerten, um sich für die tatsächliche Gleichstellung zwischen Mann und Frau einzusetzen. Nun informierte das Komitee über die künftige Struktur. Denn der 14. Juni war erst der Startschuss.

Sie waren lila und laut: Vor exakt drei Monaten zog es in Luzern Tausende Frauen auf die Strassen (zentralplus berichtete). Sie setzten am nationalen Frauenstreik 2019 ein Zeichen gegen Sexismus und Diskriminierung – und forderten die tatsächliche Gleichstellung zwischen Mann und Frau.

Der Drang, etwas zu tun, ist in Luzern nicht abgeflaut. Noch immer wehen die violetten Fahnen von so manchem Balkon und Fenster. Die Bewegung steht nicht still, die Stimmen bleiben laut und fordernd. Knapp 50 Frauen trafen sich diesen Samstag im Theater Pavillon in der Stadt Luzern – das Frauenstreik-Komitee lud zum sogenannten Zukunftstag. Das Ziel war es, Transparenz nach aussen zu schaffen und über die künftige Struktur der Bewegung in Luzern zu informieren. Wie geht es weiter nach dem Frauenstreik?

Was ist bisher geschehen?

«Der Frauenstreik-Effekt verpufft», titelte das «SRF» kürzlich. Oft kritisiert wurde, dass der Frauenstreik doch nichts bringe. Dem widerspricht Patricia Almela (31) vom Frauenstreik-Komitee vehement: «Der Frauenstreik 2019 war erst der laute Startschuss.»

Die Stimmung sei nicht abgeflaut, das habe auch der Zukunftstag gezeigt, an dem knapp 50 Frauen teilnahmen. Doch was haben die Frauen bislang erreicht? Vieles, meint Almela: Einen Monat nach dem Frauenstreik reichte das Komitee eine Petition ein. Die Initiantinnen forderten, dass der Regierungs- und der Kantonsrat die tatsächliche Gleichstellung von Frau und Mann ins Legislaturprogramm aufnehmen (zentralplus berichtete). «Wir haben unsere Anforderungen in der Politik deponiert, wir werden gehört», so Almela.

Und das nicht nur in der Politik – sondern auch in Justiz und Medien. Auslöser war ein offener Brief des Komitees an das Luzerner Kantonsgericht (zentralplus berichtete). Eine junge Frau wurde von einem Taxifahrer im Auto festgehalten und mehrfach an den Brüsten und den Oberschenkeln angefasst – sie wehrte sich.

Vor Gericht wurde die junge Frau dazu befragt, wie kurz ihr Rock und wie tief ihr Ausschnitt war (zentralplus berichtete). Feministinnen warfen dem Kantonsgericht «Victim Blaming» vor, dass der Frau eine Mitschuld an der Tat gegeben worden sei. «Der offene Brief von uns warf medial hohe Wellen», so Almela. Auch ein Jurist sagte, dass die Fragen des Kantonsgericht Unsinn gewesen seien (zentralplus berichtete).

Jeweils am 14. jeden Monats trifft sich die Gruppe an einem Stammtisch. Daraus entstand die Idee einer eigenen Redaktion, die sich inzwischen formiert hat. Die Beteiligten veröffentlichen monatlich einen Newsletter, wollen den Gleichstellungsthemen in den Medien mehr Präsenz verschaffen und Sexismus im Alltag aufdecken. Derzeit sind sie auf der Redaktion zu fünft, unter anderem mit Jana Avanzini und Michelle Meyer.

Patricia Almela (31) vom Frauenstreik-Komitee Luzern.

Wie organisiert sich das Komitee in Zukunft?

Viel gab zu reden, wie sich das Komitee künftig organisieren möchte. Zur Debatte stand auch, einen Verein zu gründen. «Nach längerer Diskussion haben wir uns entschieden, ein Komitee zu bleiben», so Almela. «Wir wollen keine starren Vereinsstrukturen.» Keinen Verein mit schwerfälligen Strukturen, der mit viel administrativem Aufwand verbunden ist. Und ein altbackenes Image habe, wie Almela sagt.

«Wir wollen unsere Ressourcen und unser Engagement in Aktionen investieren, die zur Aufklärung und zur Bekämpfung von Sexismus und Frauendiskriminierung führen – und unsere Zeit nicht ins Schreiben von Jahresberichten und Generalversammlungen investieren.»

«Wir wollen keine Blackbox sein, kein ominöses Gefüge.»

Patricia Almela, Frauenstreik-Komitee Luzern

Das Ziel des Zukunftstages war es, für Transparenz zu sorgen. Nach innen, aber auch nach aussen. «Wir hatten ein loses Gefüge», so Almela. Viele Gruppen existierten bereits, die an Themen wie Frauen und Migration oder eben in der Redaktion arbeiteten. «Einige Gruppen waren nicht aktiv an das Komitee des Frauenstreiks gekoppelt, diese Vernetzung wollen wir in Zukunft vereinen.» Auch gegenüber der Gesellschaft wolle man transparenter werden, so dass noch mehr Frauen laut werden und sich der Gruppe anschliessen. «Wir wollen keine Blackbox sein, kein ominöses Gefüge – sondern die Frauen sollen wissen, wer wir sind und was wir machen, dass sie sich getrauen, auf uns zuzukommen.»

Am Zukunftstag kristallisierten sich die neuen Arbeitsgruppen heraus: Die AG Migrantinnen, Politik, Aktionen und Anlässe, Uni, Sexualität und Frauenraum. Eine Person pro Arbeitsgruppe soll im Komitee sitzen: So soll gewährleistet werden, dass der Austausch zwischen den Gruppen stattfindet. Zusätzlich gibt es Plenen und Vollversammlungen, die auch für interessierte Personen offen stehen.

«Wir sind kein geschlossenes Netzwerk», so Almela. «Bei uns dürfen sich jederzeit Frauen und Männer anschliessen – aber auch gehen, wenn sie das freiwillige Engagement nicht mehr mit Arbeit und Familie vereinbaren können.»

Am Samstag fand in Zürich der Protestmarsch gegen Abtreibungen statt – der «Marsch fürs Läbe». Die Frauenstreikgruppe setzte ein Zeichen gegen die Demo: «Vo wäge fürs Läbe.»

Was ist künftig geplant?

In Zukunft widmet sich die Frauenstreikgruppe insbesondere der Wissensvermittlung. «Die Stärkung der Frauenrechte geschieht durch Bildung und Fakten», sagt Almela. «Viele Frauen denken, dass etwas nicht recht ist. Häufig scheitern sie jedoch im Diskurs, weil sie denken, sie könnten zu wenig gut argumentieren. Oder sie trauen sich nicht, mit einer feministischen Haltung beispielsweise gegenüber Kritikerinnen und Kritikern aufzutreten», so Almela.

Durch Input-Referate von Expertinnen und Experten wollen sie dem entgegenwirken. Auch am Zukunftstag fanden Workshops statt. Beispielsweise zum Thema, wie es mit Sexismus in den Medien steht, wie die aktuelle Situation von Frauen in der Politik verbessert werden kann oder wie Geschlechterstereotypen mit Gewalt an Frauen zusammenhängen. Insbesondere die Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe der Universität Luzern sei interessant, weil die Zugang zu Wissenschaftlerinnen habe.

Jeweils am 14. des Monats finden Veranstaltungen statt, diese sind offen für alle Personen. Das Komitee informiert regelmässig über den Newsletter, die sozialen Netzwerke und die Website.

Was bringt die Zukunft?

Bei bei der Arbeitsgruppe Redaktion gibt es offene Fragen. Beispielsweise, wie sie Frauen dazu bringen, von ihren Alltagssituationen, von Sexismus und Diskriminierung zu berichten. Aber auch, wie das Vertrauen gestärkt werden kann.

«Es ist noch viel zu streiken, bis wir so weit sind, wie wir wollen.»

In der Diskussion

Am Samstag fand auch in dieser Arbeitsgruppe ein Brainstorming statt. Eine Idee wäre beispielsweise, einen Whatsapp-Chat zu gründen, eine Art «Dr.-Sommer-Chat», in dem Frauen untereinander sind und ein kollegiales Verhältnis zwischen allen herrscht. Auch das Kreieren eines eigenen Hashtags stand zur Debatte, um die Bewegung mehr zu streuen. «Toll fände ich auch, einen Preis zu verleihen für den sexistischten medialen Faux-pax Luzerns», sagt Jana Avanzini von der Arbeitsgruppe Redaktion. Der goldene Schnauz war beispielsweise eine erste Idee.

Am Zukunftstag wurde auch über den Namen gesprochen: «Der Name Frauenstreik reduziert die Bewegung auf den einen Tag des 14. Juni», kritisierte eine Frau während der offenen Diskussion. Ein Argument, bei diesem Namen zu bleiben, sei, dass der 14. Juni mit vielen positiven Erinnerungen verbunden sei. Und auch medial viel Aufmerksamkeit bekam.

«Es ist noch viel zu streiken, bis wir so weit sind, wie wir wollen», so die Frau. Und Almela fügt an: «Der Frauenstreik ist ein Langstrecken-Marathon. Nur verstehen viele nicht, dass sich nicht alles von heute auf morgen ändern kann.» Und deswegen bleiben sie dran.

Zahlreiche Plakate wurden am Zukunftstag mit den Visionen und Zielen der Frauen gefüllt.

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