Der Festschmaus ist wichtiger als der Gottesdienst
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Um 22 Uhr ist die Feier vorbei; draussen wurden Lieder gesungen, drinnen gemütlich gespiesen. (Bild: aka)

Weihnachten in der Gassechuchi Luzern Der Festschmaus ist wichtiger als der Gottesdienst

5 min Lesezeit 25.12.2015, 11:34 Uhr

Den Heiligabend verbringt man klassischerweise im Kreise seiner Familie. Doch was, wenn das nicht geht? zentral+ hat den 24. Dezember in der Luzerner Gassechuchi gefeiert. Hier ging es besinnlich zu und her – zumindest bis zur Bescherung.

«Hier muss ich mich nicht verstellen», sagt Alice* heiter. Der Blick der blonden Mittdreissigerin schweift durch den noch leeren Raum: drei lange Tischreihen, in festliche, dunkelrote Papiertischtücher gehüllt, darauf, zwischen den Gedecken, zahlreiche kleine «Kägi fret» und Weihnachtsguetzli. Girlanden an der Decke und der verführerische Duft aus der Küche sorgen für wohlig-weihnachtliche Stimmung an diesem Heiligabend.  

 

Die Vorfreude war gross

Alice feiert zum ersten Mal hier in der Luzerner Gassechuchi Weihnachten. «Es ist ein guter Ort, wenn man nicht mit der Familie feiern will», sagt sie. «Oder kann», ergänzt Paul*, der neben ihr sitzt. Zahlreiche Piercings zieren seine Ohren, er trägt ein Baseballcap und wirkt müde. «Keiner hier fühlt sich als was Besseres», sagt Paul, und Alice betrachtet abermals die leeren Tischreihen: «Ich hoffe, es wird noch voll.»

«Sucht macht einsam.»

Franziska Reist, Betriebsleiterin der Gassechuchi

«Der heutige Abend ist seit Wochen Gesprächsthema unserer Klientel», sagt Franziska Reist. Die zierliche Bernerin ist seit einem knappen Jahr Betriebsleiterin der Gassechuchi, einem Zufluchtsort für die Verstossenen, für jene, die kaum etwas besitzen, die abhängig sind von Drogen, Medikamenten oder Alkohol.

Allein in Luzern leben rund 1000 Süchtige, und obwohl die Luzerner Gassechuchi eine Anlaufstelle für die gesamte Zentralschweiz ist, rechnet man heute Abend nur mit 80 bis 100 Leuten. Die meisten von ihnen haben zwar ein Zuhause, aber niemanden, mit dem sie die Feiertage verbringen könnten. «Sucht macht einsam», sagt Reist.

Das  blockförmige Gebäude am Geissensteinring 24 wird rege genutzt; Einlass ist ab 18 Jahren. Kinder und Jugendliche werden im Paradiesgässli an der Rosenberghöhe unterstützt. Die ältesten Klienten der Gassechuchi sind um die 60. «Dank AIDS-Prävention und besserer Betreuung werden Drogenabhängige heute um einiges älter als noch vor ein paar Jahren», erklärt Franziska Reist.

Rundum-Betreuung in der Gassechuchi

Im Ambulatorium erhalten die Süchtigen eine medizinische und hygienische Grundversorgung. In der ebenfalls am Geissensteinring 24 angesiedelten Kontakt- und Anlaufstelle konsumieren die Drogensüchtigen ihren Stoff unter kontrollierten und hygienischen Bedingungen. In der Gassechuchi selbst, wo es für die Menschen nicht nur Essen, sondern auch seelische Unterstützung gibt, kostet eine warme Mahlzeit fünf Franken. Nicht so heute – der Weihnachtsschmaus ist für alle kostenlos.

Eine schlichte Tafel im Eingangsbereich kündigt das festliche Viergangmenü an. Zwei Vorspeisen, ein Hauptgang mit Rindsfilet, ein Dessert «Surprise». «Was ist eine Pastinakenquiche?», fragt Erich*. Eindringlich studiert er das Menü. Der 48-Jährige ist von schmächtiger Statur, das Gesicht unter der warmen Wollmütze ist eingefallen und fahl. «Das ist ein Gemüse», antwortet René Baschung, ein Mitarbeiter des Betreuungsteams. «Ach so.» Erich setzt sich, um sich eine Zigarette zu drehen. Das Rauchen im Gebäude ist verboten, weshalb sich die meisten noch draussen aufhalten.

«Ich habe Weihnachten die letzten Jahre immer mit meiner Schwester gefeiert. Dieses Jahr habe ich entschieden, hierher zu kommen.»

Ein GasseChuchi-Besucher

Es ist kurz nach 18 Uhr; bald beginnt im Hinterhof die kleine Weihnachtsfeier mit dem Theologen und Seelsorger Franz Zemp. Erich erzählt: «Ich habe Weihnachten die letzten Jahre immer mit meiner Schwester gefeiert. Dieses Jahr habe ich entschieden, hierher zu kommen. Ich sehe meine Schwester dann morgen.» Nachdenklich verstaut er den Tabak in seiner Hosentasche. «Als mein Vater zehn Jahre jünger war, als ich es jetzt bin, starb er. An Weihnachten. Ich war noch ein Kind.» Er glaube an Gott, sagt Erich. Hiob seien schliesslich auch schwere Prüfungen auferlegt worden. Dann geht er nach draussen, um seine Zigarette zu rauchen.

 

Um 22 Uhr ist die Feier vorbei; draussen wurden Lieder gesungen, drinnen gemütlich gespiesen.

Um 22 Uhr ist die Feier vorbei; draussen wurden Lieder gesungen, drinnen gemütlich gespiesen.

(Bild: aka)

Der Festschmaus ist wichtiger als der Gottesdienst

Immer mehr Leute treffen ein. Die meisten davon sind über 40. Oder sehen sie älter aus, als sie es sind? Viele haben ein Dosenbier in der Hand. Das dürfen sie. «Früher war der Alkoholkonsum hier verboten. Doch die Regelung liess sich nicht durchsetzen, und deswegen dürfen unsere Klienten Alkohol mitbringen und konsumieren. Heute Abend gibt es ausnahmsweise zum Essen auch ein Glas Rotwein», sagt Franziska Reist.

«Wer Erwartungen hat, wird enttäuscht.»

Eine Gassechuchi-Besucherin

Nicht viele der Gassechuchi-Besucher finden sich gegen halb sieben draussen zum Gottesdienst ein. Neben einem mit Kerzen reich dekorierten Tisch und einem Christbaum hält Franz Zemp eine Predigt. Dazwischen stimmen zwei Gitarristen und eine Sängerin weihnachtliche Klassiker an – stille Nacht; Oh, du Fröhliche.

Nun ergreift eine Klientin selbst das Wort – sie stellt sich neben Zemp und hält eine kleine Rede. «Wir alle haben Erwartungen», beginnt sie. «Wohl kaum», schnaubt Alice leise. Sie steht fröstelnd neben einem der offenen Feuer. «Doch wer Erwartungen hat, wird enttäuscht», fährt die Frau in ihrer Ansprache fort. Alice nickt zustimmend.

Die Rednerin erklärt, dass man stattdessen besser Hoffnungen hegen sollte, hoffen statt erwarten, zuversichtlich sein. Franz Zemp knüpft daran an, als er mit seinem Gottesdienst fortfährt: «Auch Jesus sagt, man soll immer wieder aufstehen.» Nun reicht es Alice. «Ich bin immer selbst wieder aufgestanden!», murmelt sie und stapft zurück ins warme Gebäude. Dort sitzt noch immer Paul, er wollte sich den Gottesdienst nicht anhören.

Friedliche Stimmung, ausser bei der Bescherung

Zur Feier des Tages wird das Essen heute serviert, und die Leute müssen sich nicht wie sonst mit ihren Tellern anstellen. Nach und nach füllen sich die Tischreihen; als der Hauptgang aufgetischt wird, ist der Raum voll. Es herrscht eine ruhige, friedliche Stimmung. Man freut sich über die liebevoll angerichteten Speisen.

Die meisten kennen sich, plaudern über dies und jenes, reissen Witze. Manuel Brillant vom Betreuungsteam verbringt den Heiligabend schon seit einigen Jahren in der Gassechuchi. «Viele wissen nicht, wohin. Hier haben wir’s meist sehr gemütlich», sagt er. Der Sozialarbeiter in Ausbildung ist Projekt- und Redaktionsleiter der «GasseZiitig».

Vor dem Dessert werden Geschenke verteilt, gespendet von der Pfarrei St. Anton. Die Geschenke sind auf die Geschlechter aufgeteilt; Ladies first ist die Devise, und die Frauen begeben sich ins obere Stockwerk, wo die Präsente verteilt werden. Dabei kann es schon mal zu kleinen Rangeleien kommen – es gibt Kleidung und Hygieneartikel, doch besonders hoch im Kurs sind warme Wollsocken.

Nach der Bescherung wird noch rege untereinander getauscht. Gegen 22 Uhr – das Dessert kam ebenfalls gut an –  leert sich die Gassechuchi rasch. Dankend verabschieden sich die Menschen, sie gehen zurück in ihren Alltag. Einige von ihnen verbringen die restlichen Feiertage mit Familie und Freunden. Andere werden auch am 25. und am Neujahrstag wieder hier sein – dann nämlich gibt es einen reichhaltigen Brunch.

*Sämtliche Namen der Gassechuchi-Besucher wurden von der Redaktion geändert.

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