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Mehr Platz: Neuer Bahnhof spielt eine Fläche in der Grösse der Altstadt frei
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Blick aufs Gleisfeld: Güterbahnhof in Luzern. (Bild: Emanuel Ammon/Aura)

Folgen des Jahrhundertprojekts für Luzern Mehr Platz: Neuer Bahnhof spielt eine Fläche in der Grösse der Altstadt frei

4 min Lesezeit 1 Kommentar 24.09.2019, 11:01 Uhr

Der Durchgangsbahnhof wird nicht nur die Engpässe im Zugverkehr beseitigen. Er lässt auch die Herzen der Stadtplaner höherschlagen. Riesige Flächen werden frei und könnten Luzern komplett verändern. Für die Planung beantragt der Stadtrat über drei Millionen Franken – denn die Zeit drängt bereits.

Viel ist von einem Generationen- oder Jahrhundertprojekt die Rede, wenn’s um den geplanten Luzerner Durchgangsbahnhof geht. Nicht nur für die Mobilität wird das Projekt ein Quantensprung sein, sondern auch für die Stadtplanung. Er wird das Stadtzentrum grundlegend verändern.

Zentrale Flächen in der Grössenordnung der ganzen Luzerner Altstadt werden frei, wenn die unterirdische Durchmesserlinie für die Bahn 2040 in Betrieb geht. Gleisfelder im Umfang von 6 Hektaren werden nicht mehr benötigt werden, weil die heutigen oberirdischen Abstell- und Serviceanlagen wegfallen. Etwa im Bereich des heutigen Güterbahnhofs, im Gebiet Rösslimatt oder beim Steghof.

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Anstatt die einzelnen Felder einfach neu zu bebauen, startet die Stadt eine breit angelegte Planung. «Es braucht ein Denken ausserhalb der gängigen Schemen und Rahmenbedingungen und einen extremen Effort», sagt Baudirektorin Manuela Jost (GLP).

Diese Flächen entlang der Gleise werden frei, wenn der Durchgangsbahnhof gebaut wird.

Eine einmalige Chance

Zwar dauert es sicher noch rund 20 Jahre, bis es so weit ist. Trotzdem macht sich die Stadtplanung bereits jetzt Gedanken, wie diese «einmalige Chance, die Stadt neu zu denken» genutzt werden kann. Der Stadtrat beantragt einen Sonderkredit von 3,16 Millionen Franken für die weitere Planung. Das Parlament wird Ende Oktober darüber entscheiden.

Der Betrag beinhaltet zwei neue auf sechs Jahre befristete 100-Prozent-Stellen für die Stadtplanung und das Tiefbauamt. «Wir haben die Ressourcen für dieses Projekt jetzt nicht», sagt Stadträtin Jost. Der Prozess könne nur gelingen, wenn er nicht durch andere Projekte verzögert werde. Projekte wie das Tourismuskonzept, die Carstrategie oder die Entwicklung des linken Seeufers laufen parallel dazu.

Chancen für Velo und ÖV

Weil der Platz in Luzern notorisch zu knapp ist, eröffnet der Durchgangsbahnhof auch für ÖV, Velofahrer und Fussgängerinnen neue Möglichkeiten. Gleichzeitig ist er eine Chance, die Innenstadt weiter vom Autoverkehr zu entlasten.

Die Frequenz im künftigen Bahnhof wird sich gegenüber heute verdoppeln – auf 176’000 Zugpassagiere und 134’000 Shopping-Besucher pro Tag. Auch um diese Leute «abzuholen», wird es ein neues Mobilitätsangebot brauchen. Der Stadtrat erhofft sich nicht weniger als einen «Quantensprung für eine nachhaltige und zukunftsfähige Mobilitätsentwicklung».

Aktuelle Fragen der Stadtentwicklung wie Freiraum, Verdichtung oder Stadtklima werden für die neuen Quartiere um den Bahnhof entscheidend sein. Gleichzeitig ist es eine Herausforderung, weil die Planung mit bereits laufenden Projekten rund um den Bahnhof koordiniert werden muss und es noch viele Unsicherheiten gibt.

Der Stadtrat hat sechs Ziele definiert:

  1. Der Bahnhof soll seine Rolle als Mobilitätsdrehscheibe behalten – doch diese soll völlig neu gedacht und geplant werden.
  2. Der Bahnhofplatz soll als Visitenkarte seine repräsentative Funktion behalten.
  3. Im Sinne einer Entflechtung soll die dezentrale Erschliessung des Bahnhofs gefördert werden. Sprich: Nicht mehr alle Zufahrten müssten über den Bahnhofplatz erfolgen.
  4. Der Verkehr soll flächen- und energieeffizient weiterentwickelt werden und die Innenstadt gut erreichbar bleiben.
  5. Öffentlicher Freiraum: Die Aufenthaltsqualität rund um den Bahnhof soll erhöht werden.
  6. Die freien Flächen rund um den Bahnhof sollen für die Stadtentwicklung bestmöglich genutzt werden.
Der Durchgangsbahnhof wird die Stadt verändern – für die Stadtplanung eine Herausforderung.

Die Zeit drängt bereits

Trotz des weiten Zeithorizonts ist die Stadtplanung jetzt gefordert: Bis Ende 2021 muss die Stadt eine Vorstellung über die zukünftigen Funktionen und Nutzungen rund um den Bahnhof haben, damit diese rechtzeitig in einen Zwischenbericht einfliessen können, den das Bundesamt für Verkehr bis 2022 erstellt. Darin werden offene Fragen – etwa zum geplanten Neustadttunnel – weiter geklärt.

Parallel zum Bericht des Bundesamts für Verkehr startet die Stadt Luzern nächstes Jahr ihre Testplanung, um mögliche Zukunftsbilder für den Bahnhof und seine Umgebung zu generieren. Resultate daraus sollen anschliessend ab Herbst 2020 mit Bevölkerung, Politik, Wirtschaft und Nachbargemeinden diskutiert werden.

Dem Parlament soll schliesslich bis in zwei Jahren ein Konzept über die zukünftige Entwicklung präsentiert werden. «Wir wollen keine Luftschlösser bauen, sondern mit den Partnern die Diskussion starten», sagt Stadtplanerin Deborah Arnold.

Das Riesenprojekt Durchgangsbahnhof

Der Durchgangsbahnhof (DBL) soll die Kapazitätsengpässe auf dem Bahnnetz in und um Luzern beseitigen. Die neue Durchmesserlinie wird Luzern besser an Bern, Basel und Zürich anbinden sowie neue Nord-Süd-Verbindungen und ein besseres Angebot im S-Bahn-Verkehr schaffen. Das Projekt besteht aus einem 3,5-Kilometer-Tunnel unter dem See und Richtung Ebikon, einem Tiefbahnhof mit vier Gleisen und einem Tunnel unter der Neustadt.
Beteiligt sind neben den SBB auch der Bund, die Kantone Luzern, Ob- und Nidwalden, der Verkehrsverbund Luzern, die Zentralbahn und die Stadt Luzern. Der Projekt wid 2,4 Milliarden Franken kosten und soll 2040 bereit sein.

Zehnjährige Grossbaustelle in der Innenstadt

Auch die Bauphase von rund zehn Jahren wird für die Stadt eine Belastungsprobe und die Innenstadt stark beeinträchtigen. Es sei dem Stadtrat darum ein grosses Anliegen, dass die Bauzeit möglichst stadtverträglich gestaltet und Provisorien so weit wie möglich vermieden werden.

So wird es verschiedene Installationsflächen, Betonwerke und Verladestationen rund um den Bahnhof brauchen – etwa in der Neustadtstrasse, bei der Rösslimatt, auf dem Bahnhofplatz und beim Schweizerhofquai.

Während sich die Stadt Luzern um die Entwicklung des Gebiets rund um den Bahnhof kümmert, sind auch der Kanton Luzern und der Verkersverbund gefordert. Etwa mit Fragen rund um ein neues Fernbusterminal oder wie sich das Busnetz und das Bahnangebot bis 2040 verändert.

Der Durchgangsbahnhof wird auch die Chance bieten, dass die Stadt die nötigen Kapazitäten für zusätzliche S-Bahn-Haltestellen auf Stadtgebiet (Ruopigen oder Steghof) schaffen kann.

«Mut und Kreativität» brauche das Grossprojekt, so Manuela Jost. Das gilt wohl für alle Beteiligten.

Mit dem Durchgangsbahnhof wird der Sackbahnhof Luzern Geschichte sein.

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1 Kommentare
  1. Joseph de Mol, 24.09.2019, 12:53 Uhr

    Jetzt können die “zusammenhängenden Büroflächen” an besten Zentrumslagen endlich realisiert werden, so wie es die Bürgerlichen Vordenker der Unternehmenssteuerstrategie 2010 immer gewollt haben. Und die SBB kann Land aus dem Gemeineigentum wieder zu Höchstpreisen verschachern. Nur: Die multinationalen Unternehmungen werden sich auch dann nicht in Luzern ansiedeln. Am Pilatusplatz hat man mit dem selben Argumentarium figuriert. Und noch heute ist dort die “aufgewertete” Brache zu bestaunen.