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Der drittletzte Luzerner «Tatort» ist der Höhepunkt
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Gefangen im Panik-Room: Cecilia Steiner als Leonie Seematter, Stefan Gubser als Reto Flückiger. (Bild: SRF/Daniel Winkler)

Ermittlerduo Flückiger / Ritschard blüht auf Der drittletzte Luzerner «Tatort» ist der Höhepunkt

4 min Lesezeit 29.12.2018, 17:06 Uhr

Bald ist der Luzerner «Tatort» Geschichte. Diesen Sonntag läuft mit «Friss oder stirb» die 15. Folge. Das Kammerspiel rund um eine Geiselnahme, die aus dem Ruder läuft, überzeugt auf der ganzen Linie.

«Friss oder stirb» beginnt klassisch mit einem Mord: Die Prorektorin der Universität Luzern, Eline Meili, liegt tot in ihrer Wohnung. Erstochen mit einem Messer oder einer Schere.

Lacksplitter vor dem Haus führen das Ermittlerduo Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) zum schwerreichen Anton Seematter (Roland Koch), Maserati-Fahrer und CEO von Swisscoal. War’s eine Beziehungstat? Oder hatte es mit einer Spende von 100’000 Franken von ebendieser Swisscoal zu tun, die von der Wirtschaftsprofessorin ausgeschlagen wurde?

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Starker «Babylon Berlin»-Star

Gleichzeitig begleiten wir den Protagonisten Mike Liebknecht (sackstark: «Babylon Berlin»-Star Mišel Matičević) über die Autobahn von Deutschland in die Schweiz. Sehen ihn bei Schiessübungen auf dem Parkplatz, beim Kaffee in der Raststätte und wie er schliesslich vom Navi nach Luzern gesteuert wird.

Sein Ziel ist ebenfalls Anton Seematter, der vom Hochglanzmagazin «News for Managers» blickt – «So lebt der Dealmaker». Seinetwegen hat Mike Liebknecht in Bremerhaven seinen Job verloren, die Produktion wurde nach China ausgelagert. Der Geschasste parkt vor Seematters pervers grossem Anwesen mit Blick aufs Luzerner Seebecken.

Geiselnahme: Mišel Matičević als Arbeiter Mike und Cecilia Steiner als «Rich Kid» Leonie Seematter.

Geiselnahme: Mišel Matičević als Arbeiter Mike und Cecilia Steiner als «Rich Kid» Leonie Seematter.

(Bild: SRF/Daniel Winkler)

Zu viel Neugierde

In dieser Villa spielt sich der «Tatort» fortan ab: Dort nimmt der melancholische, aber entschlossen auftretende Liebknecht Sofia und Leonie – Frau und Tochter – und später auch Anton Seematter selbst in seine Gewalt. Er fordert finanzielle Wiedergutmachung für die Entlassung.

In der Villa kommen die Fäden zusammen: Auch Flückiger und Ritschard schauen für eine Routinebefragung vorbei und geraten – Opfer ihrer polizeilichen Neugierde – ebenfalls in die Fänge des Geiselnehmers.

Der beeindruckende Film hält noch die eine oder andere abrupte Wendung bereit. Es ist dies der fünfzehnte und drittletzte Fall des Luzerner «Tatort»-Duos Delia Mayer und Stefan Gubser, bevor diese vorzeitig in Rente gehen und einem Zürcher Team überlassen.

«Friss oder stirb» dürfte als stärkster Luzerner Beitrag in Erinnerung bleiben, in Vergangenheit mussten die Luzerner Ermittler gerade aus Deutschland immer viel Kritik einstecken. Nun stimmt im Film von Andreas Senn von der Geschichte über die Schauspieler bis zur Szenerie fast alles. Der Regisseur ist ein erfahrener «Tatort»-Macher, allerdings ist es seine erste Arbeit für SRF. 2008 wurde er mit dem Deutschen Fernsehkrimi-Preis ausgezeichnet.

Noch ist alles unter Kontrolle: Geiselnahme im Luzerner «Tatort».

Noch ist alles unter Kontrolle: Geiselnahme im Luzerner «Tatort».

(Bild: SRF/Daniel Winkler)

Psycho-Kammerspiel

Graue Winteraufnahmen dominieren die Bilder (Kamera: Philipp Sichler), melancholische Songs von Johnny Cash, Nick Cave oder Leonhard Cohen untermalen die Szenerie. (Dazu passt, dass Flückiger, gänzlich in Love, sein Date und ein Konzert von Randy Newman verpasst.)

Der Fall der ermordeten Professorin wird vor der gefesselten Gruppe abgehandelt und erhält neue Dimensionen: Die gelangweilte Ehefrau Sofia Seematter (Katharina von Bock) greift ein, weil sie vermutet, dass ihr Mann eine Affäre mit der Dozentin hatte. Und was hat Tochter Leonie (Cecilia Steiner) mit dem Ganzen zu tun, die bei der Ermordeten studierte? War die Spende von Swisscoal ein Erpressungsversuch?

Es gibt keine gesuchten Nebenbühnen, nichts lenkt ab von diesem Psycho-Kammerspiel in der verspiegelten Villa. Der einsame Täter verzweifelt zunehmend. Er ist kein eigentlich Krimineller, eher ein Vater in Sorge um die Zukunft seines Sohnes.

Liebknecht sucht Gerechtigkeit, doch die Geiselnahme läuft völlig aus dem Ruder. «Ich verlange doch nichts Unfaires», sagt er nach einer hollywoodreifen Prügelei mit dem «Dealmaker» Seematter. Die Szene im Keller mit anschliessendem Versöhnungsbier ist alleine schon diesen «Tatort» wert.

Weiss sich zu wehren: Roland Koch als Anton Seematter.

Weiss sich zu wehren: Roland Koch als Anton Seematter.

(Bild: SRF/Daniel Winkler)

Steinzeit-Handy und Smoothie-App

Nicht nur die Bilder, Musik und Schauspieler überzeugen, auch das Drehbuch von «Tatort»-Debütant Jan Cronauer hält witzige Kniffs auf Lager: Der einsame Täter rechnet sein Erpressungsgeld auf dem Steinzeit-Handy Nokia 3210 aus. Basierend auf seinem Monatslohn von 2’366 Euro kommt er auf die Forderung von 567’840 Euro, die ihm bis zur Rente zusteht.

Der kühle Business-Kopf Seematter – mit «Daily Smoothie»-Alarm auf dem Smartphone – fragt nur: «Und was ist mit der Inflation?» Er rechnet einen Betrag von 843’750,65 Euro aus, fortan ist das der Einsatz.

Und als sich die koksende Party-Tochter vom Geiselnehmer unbeachtet das Handy schnappen kann, ruft sie nicht die Polizei, sondern twittert zuerst: «Schlimmster Hangover meines Lebens #Strange-guy-in-meinem-Haus.»

Unerwartete Deals mischen die Karten neu, es fliesst Blut, Ritschard entkommt, Flückiger ist verletzt und es kommt zu panischen Minuten im Panic Room. Als es schliesslich zu den Klängen von Nick Caves «God Is In The House» im Garten zu schneien beginnt, ist alles bereit fürs fulminante Finale.

Wird der Mord letztlich aufgeklärt? Es ist gar nicht mehr so zentral in diesem Luzerner Krimi, der stark und packend bleibt bis zur letzten Szene.

Zitate, die bleiben:

  • «Na dann fick dich doch.» (Angestellte auf der Autobahnraststätte, nachdem Liebknecht nicht auf ihren Flirtversuch eingeht.)
  • «Scho no en geile Charre.» (Kommissarin Liz Ritschard über Seematters Maserati)
  • «Kann ich mir was anziehen? Oder wollen Sie mich eh vergewaltigen?» (Tochter im Bikini zum Geiselnehmer.)
  • «Gestern war Sonntag, da schaue ich immer Tatort.» (Seematter, als er nach seinem Alibi gefragt wird.)
  • «Schön hier, viel schöner als auf Postkarten. War trotzdem eine Scheissidee, herzukommen.» (Geiselnehmer Liebknecht, der auf den Vierwaldstättersee guckt.)

Luzerner Tatort: «Friss oder stirb», Sonntag, 30. Dezember, 20.05, SRF 1. Nach der Ausstrahlung werden wir wieder über das Twitter-Gewitter berichten.

Die letzten beiden Luzerner Folgen «Vermächtnis» und «Der Elefant im Raum» werden 2019 gezeigt.

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