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«Der Dialekt steht nicht an erster Stelle»
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Reto Flückiger und Liz Ritschard im Einsatz für die Kripo-Luzern. Mit Bildern wird das Luzerner Auge verwöhnt, doch das Ohr hofft vergebens auf ein paar Brocken Luzerner Dialekt. (Bild: SRF/Daniel Winkler)

Luzerner Tatort «Der Dialekt steht nicht an erster Stelle»

5 min Lesezeit 1 Kommentar 22.04.2014, 17:21 Uhr

Sie sind etwas Besonderes für die Zentralschweizer, vor allem für die Luzerner: Die «Tatort»-Serien aus der Leuchtenstadt. Während die Augen mit Bildern aus der Stadt verwöhnt werden, suchen die Ohren vergebens nach einem Luzerner Dialekt. zentral+ hat nachgefragt und höre da: Tatsächlich, Luzerner Dialekt ist – mit kurzen Ausnahmen – Fehlanzeige.

Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Meyer) ermitteln in der Baselstrasse. Die Schriftzüge des Restaurants Metzgerhalle sind zu sehen, später geht Ritschard ins Kantonsspital oder trinkt einen Espresso im Club «Bruch Brothers». Viel mehr Luzerner Bezug geht nicht und doch fragte sich wohl der eine oder andere während des gestrigen «Tatorts» mit dem Titel «Zwischen zwei Welten», ob in Luzern tatsächlich nur Zürcher arbeiten, denn statt «ned» war vor allem «nöd» zu hören. Die Hauptfiguren des Luzerner «Tatorts» kommen vor allem aus Zürich, Winterthur, vereinzelt aus Bern. Doch warum hört man in den Statistenrollen nicht mehr «Rüüdiges»?

Es wird nicht nach Dialekten gecastet

zentral+ hat bei Lukas Hobi nachgefragt, ob bei den Castings auf den Dialekt geachtet wird. Er hat mit seiner Firma Zodiac Pictures «Zwischen zwei Welten» produziert. Hobi räumt ein, dass bei den «Tatort»-Castings andere Werte zentraler seien, als der Dialekt: «Ein wichtiger Grund ist, dass wir uns nicht einschränken wollen. Wir suchen den Schauspieler, der sich am besten für eine Rolle eignet.» Dabei würden Dialekte nur eine untergeordnete Rolle spielen. Beim «Tatort» stehe die Glaubwürdigkeit an erster Stelle, darum sei es wichtig, dass die Schauspieler nicht in einem fremden Dialekt sprechen müssen. Bei anderen Filmprojekten würde aber der Dialekt durchaus zentraler sein: «Anders ist das zum Beispiel beim Casting für Heidi. Da steht die Sprache mehr im Fokus und wir casten 200 bis 300 Personen mit Bündner Dialekt.»

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Einen Zusammenhang sieht Hobi auch mit der Bedeutung des Films in der Zentralschweiz (zentral+ berichtete): «Natürlich hat es damit zu tun, wie die Filmindustrie an einem jeweiligen Standort funktioniert. Die Filmschaffenden sind da, wo es auch Arbeit gibt. Und da ist halt Zürich ein Magnet.» Für die Rollen im «Tatort», werde aber im gesamten deutschsprachigen Raum nach Schweizer Schauspielern gesucht: «Viele Schweizer Schauspieler leben ja im Ausland, zum Beispiel in Berlin.» Hinzu kommt, dass die «Tatort»-Serien einen relativ hohen Verschleiss an Schauspielern haben: «Der ‘Tatort’ braucht immer wieder neue Figuren», erklärt Hobi. «Es kann ja nicht der Mörder der letzten Serie plötzlich als jemand anderes agieren. Alleine mit Schauspielern aus Luzern würden wir diesen Pott niemals füllen können.» Zudem seien die Einsatzmöglichkeiten auch stark beschränkt. Pro «Tatort» gebe es zwei bis drei Episodenrollen.

Tatort ist in Sachen Dialekt ein Abbild der Schweiz

Lukas Hobi führt als weiteres Argument die Durchmischung der Schweizer Dialekte ins Feld, diese sei mittlerweile Realität: «Heute hören wir sämtliche Verfärbungen der Dialekte. Und kaum fährt man 20 Kilometer mit dem Auto, hört man schon wieder einen anderen Dialekt.» Daher sei es heute zunehmend schwieriger, die Dialekte zu unterscheiden. Und im Tatort stehe das Bild im Vordergrund, nicht die Sprache. Genau so sieht das Urs Fitze, Bereichsleiter Fiktion vom Schweizer Fernsehen: «In den grossen Schweizer Städten leben Menschen aus allen Sprach- und Landesregionen. Diese Realität wollen wir abbilden. Wir streben deshalb bei Filmen, die in Städten spielen, keinen einheitlichen Dialekt an.»

Und ganz «ohne Luzern» sei der Tatort gestern ja auch nicht gewesen, wie Hobi betont: «Hans-Caspar Gattiker lebt seit Jahren in der Zentralschweiz und spielt am Luzerner Theater. Er hatte die grösste Episodenrolle.» Klar sei dieser nicht in Luzern geboren und habe daher auch keinen reinen Dialekt, «aber genau diese Durchmischung ist auch eine Schweizer Realität».

Bei der Luzerner Polizei spricht man Luzerner-Deutsch – meistens

Doch wie sieht das bei der Luzerner Polizei in der Realität aus? Hört man da den Luzerner Dialekt noch oder spiegelt sich auch da die von Hobi betonte Durchmischung? «Ein grosser Teil der Luzerner Polizei spricht Luzerner Dialekt», sagt Simon Kopp, Sprecher der Luzerner Polizei. «Klar gibt es auch Mitarbeiter mit einem anderen Dialekt, eine Mischung ist also vorhanden. Aber die Mehrheit spricht Luzernerisch und auf der Führungsebene sind alles Luzerner tätig.» Dass der hiesige Dialekt im gestrigen Tatort aber nur marginal vertreten war, hat auch Kopp mitbekommen: «Ich habe gestern den Tatort nicht gesehen, wurde aber heute morgen im Zug darauf hingewiesen, dass kein Luzerner Dialekt vorkam.»

Mitarbeiter der Luzerner Polizei haben die Möglichkeit, in ihrer Freizeit beim Tatort mitzuspielen. Was aber nicht zwangsläufig heisst, dass diese zur Sprache kommen und wenn, dass sie dann auch Luzerner Deutsch sprechen. «Für unsere Leute als Statisten gibt es ganz wenige kurze Sprechrollen», erkärt Kurt Graf, Chef Kommunikation der Luzerner Polizei, «wer diese wahrnimmt, spricht in seinem gewohnten Dialekt». Während am Anfang der «Tatort»-Serie die Nachfrage bei den Polizisten noch gross war, würde diese nun stetig abnehmen, obwohl es immer noch Freiwillige gebe: «Sonst sind es eher Mitarbeiter, die noch nie eine Statistenrolle gespielt haben. Statisten müssen vor Einsätzen oft warten, was nicht so attraktiv ist.»

Graf findet es denn auch nicht weiter schlimm, dass der Luzerner Dialekt nicht so prominent vertreten ist: «Mir macht das nichts aus. Es ist ein Film, und Filme sind fiktiv und sollen möglichst viele Zuschauer ansprechen. Würden wir den Alltag wiedergeben wollen, wäre dies ein Dokumentarfilm und nicht so spannend für so viele Zuschauer.»

Luzerns kaputte Seite

Der sechste Luzerner Tatort zeigte für einmal keine romantischen Landschaftsbilder oder Kameraeinstellungen, die eher an einen Werbespot von Luzern Tourismus erinnern. Tatort war die Baselstrasse, zu sehen waren vor allem Mauern, Häuser und Parkhäuser. Und natürlich Reto Flückigers Bleibe, ein Segelboot auf dem Vierwaldstättersee.

Während deutsche Medien wie der «Spiegel» die gestrige Ausgabe als den besten, bisherigen Luzerner Tatort adeln, hagelt es in der Schweiz – beispielsweise vom «Blick» – harsche Kritik. Ganz nach dem Motto, dass es der Prophet schwierig hat, im eigenen Land. Genauso wie es scheinbar der Luzerner Dialekt schwer hat, im «Tatort» vorzukommen.

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1 Kommentare
  1. Michael Winiker, 23.04.2014, 07:04 Uhr

    Der Tatort war ja die SBB-Haltestelle Gersag beim Panoramapark und nicht die Baselstrasse. Bei der Suche nach dem Mädchen haben sie gesagt, in der “Schütti” sei nichts, sind dann aber im nächsten Schnitt gerade in der “Schütti”, beim Autofahren fahren die Polizisten von der Obergrundstrasse Richtung Autobahn und sind im nächsten Schnitt wieder auf der Pilatusstrasse. Für mich war die Schnittreihenfolge unlogisch. Aber ich bin einfach zu pingelig. Bis auf den Clou mit dem Wahrsager fand ich den Tatort sehr gut. Ich hätte gerne den Bootsplatz von Flückiger!