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Der Anwalt in der Besenkammer
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Die Abstellkammer, in der die Rechtsberatungen stattfinden, ist nicht gerade chic, doch das kümmert hier keinen. (Bild: wia )

Podium 41: «Rächtsberatig öber d’Gass» Der Anwalt in der Besenkammer

8 Min 1 Kommentar 15.03.2016, 10:00 Uhr

Einmal im Monat mutiert das Zuger Lokal kurzfristig zum Rechtsanwaltbüro. Während zwei Stunden darf jeder, der ein rechtsbezogenes Problem hat, vorbeikommen. Wir waren dabei, haben mitgelitten und uns in einer Seifenoper gewähnt.

Es ist Dienstagabend, im «Podium 41» tummelt sich einiges an Volk. Doch für einmal ist das Lokal nicht einfach nur ein Ort für Geselligkeit und Bier, sondern mutiert kurzweilig zum Anwaltsbüro. Während zwei Stunden stellt sich der Zuger Anwalt Matthias Camenzind diversen rechtlichen Fragen. zentralplus darf ausnahmsweise mit dabei sein.

Die Beratungen finden apart vom ganzen Beizenlärm, in einer kleinen, dreieckigen Kammer statt. Der Tisch, an dem wir sitzen, ist umgeben von vollen Gestellen. Hier stehen Apfelkisten, dort lagern Kartonboxen mit Kondomen. Fondue-Caquelons liegen brach und ungebrauchte Kuchenvitrinen fristen hier ein trauriges Dasein. Der Raum ist dank Elektroradiator angenehm warm, wenn auch etwas stickig.

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Wo drückt der Schuh?

Es geht los. Herein kommt eine Frau Mitte vierzig in Begleitung von Sandra Heine, einer Gassenarbeiterin. Diese ist zur Unterstützung dabei. Die Frau, die bereits bei ihrer Ankunft Tränen in den Augen hat, ist sichtlich verzweifelt. Sie ist nicht zum ersten Mal hier. «Wo drückt der Schuh?», fragt Camenzind einfühlsam. Und sie erzählt. Zwecks Abklärung einer allfälligen Arbeitsunfähigkeit aufgrund psychischer Probleme musste sie sich den Fragen eines Psychiaters stellen, der im Auftrag der IV Gutachten erstellt.

«Ich musste ihn dreimal darum bitten, aufzuhören, bis er auf mich gehört hat. Seither fühle ich mich miserabel.»

Klientin der Rechtsberatung

Das Problem: Der Psychiater scheint alles andere als feinfühlig und äusserst herablassend gewesen zu sein. «Er wollte von mir alles wissen, von A bis Z, ab meiner Geburt bis hin zum Arbeitsstopp. Dabei hat er so oft in den Wunden gebohrt, bis ich es fast nicht mehr aushielt», erklärt die Frau mit zitternder Stimme. «Ich musste ihn dreimal darum bitten, aufzuhören, bis er auf mich gehört hat. Seither fühle ich mich miserabel.»

Camenzind hört aufmerksam zu und fragt dann, womit er ihr behilflich sein könne. «Ich wollte von dir wissen, ob ein Psychiater so mit einem Klienten umgehen darf», erwidert sie. Das dürfe er, schätzt der Anwalt ein. Der Psychiater mache seinen Job und es gebe dafür leider keine Vorgabe. Das Verhalten des Psychiaters lasse sich jedoch leicht erklären. «Er handelt im Auftrag der IV-Stelle. Und dazu kann man sagen: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.»

Camenzind unterbreitet ihr einen Lösungsvorschlag. «Du hast noch eine zweite Konsultation mit dem gleichen Psychiater. Ich würde vorschlagen, du gehst das nächste Mal mit einer Begleitperson hin. Erkläre ihm, wie es dir das letzte Mal ergangen ist. Ganz wichtig ist dabei, Ich-Botschaften zu senden.» Die Frau nickt, und Camenzind ergänzt: «Ich würde ihm klarmachen, dass du dir wünschst, dass er deine Bedürfnisse berücksichtigt.»

Nach einer guten Viertelstunde steht die Frau auf. Sie scheint etwas beruhigt, Heine begleitet sie hinaus.

Ein Dienst unter zwei Bedingungen

Der Service, der hier monatlich geboten wird, ist für alle gratis. Fronarbeit also auch für Camenzind? «Nein. Das war eine der zwei Bedingungen, die ich hatte, als ich für dieses Amt angefragt wurde. Erstens: Ich mache das nicht gratis. Pro Abend verdiene ich 100 Franken», erklärt er. Diesen Lohn erhalte er von der Fachstelle Punkto Zug. «Zweitens: Leute, die ich hier berate, nehme ich nicht als Mandanten an.» Das sei auch bei unentgeltlichen Rechtsberatungen des Zuger Advokatenvereins so Usus.

«Die Leute können ihr Bier dabei haben, wenn sie wollen, und wir sind alle per Du.»

Matthias Camenzind, Zuger Anwalt

Er sehe sich lediglich als Unterstützung und Auskunftsperson in juristischen Angelegenheiten. Dennoch ist für ihn klar: «Mir geht es dabei nicht ums Geld. Das hier ist eine Arbeit, die geschätzt wird und die mir wichtig ist.» Ein Angebot, das besonders wertvoll sei, weil es so niederschwellig ist.

«Niemand muss seinen Namen nennen, niemand muss sich anmelden. Die Leute können ihr Bier dabei haben, wenn sie wollen, und wir sind alle per Du», so der Anwalt. Aufgeschrieben werde einzig, ob Mann oder Frau beraten wird, um welche Rechtsfrage es geht und ob die Personen zum ersten Mal kommen oder «Wiederholungstäter» sind, wie es Camenzind schmunzelnd nennt.

Angst, den eigenen Sohn nicht mehr zu sehen

Viel Zeit zum Durchatmen bleibt nicht. Gleich kommt der nächste Klient. Ein Mann mit Brille und französischem Akzent tritt ein. Er sei auf Empfehlung eines Kollegen hier, obwohl er bereits eine Anwältin habe. Seine Situation: «Meine Freundin hat sich kürzlich von mir getrennt. Das Problem dabei ist, dass wir einen gemeinsamen Sohn haben und sie über das alleinige Sorgerecht verfügt, da wir nicht verheiratet waren.»

Der Franzose sei sich nicht darüber im Klaren gewesen, wie die rechtliche Situation für Väter in der Schweiz aussehe, wenn man nicht mit der Mutter des Kindes verheiratet sei.

«Meine Exfreundin hat mich bei der Polizei angezeigt und mich unter anderem beschuldigt, sie geschlagen zu haben und ein Terrorist zu sein.»

Mann in der Rechtsberatung

Das Problem ist aber noch gravierender.  «Meine Exfreundin hat mich bei der Polizei angezeigt und mich unter anderem beschuldigt, sie geschlagen zu haben und ein Terrorist zu sein. Obwohl das überhaupt nicht stimmt. Das Einzige, was ich je gemacht habe, ist, dass ich geschrien habe. Und das war gerechtfertigt.» Jedenfalls hat ihm die Polizei nun eine superprovisorische Verfügung auferlegt.

Geduld und Gehorsam sind gefragt

Damit kann der Vater seinen Sohn während drei Monaten überhaupt nicht sehen. Er übergibt seine Unterlagen an Camenzind, der sich das Dossier kurz anschaut. «Das ist ja ein richtiges Tagebuch», meint dieser lakonisch. «Ja, das ist richtig schlimm geschrieben, es ist diskriminierend und rassistisch», erwidert der Klient und scheint den Tränen nahe zu sein. Die Geschichte des Mannes verkompliziert sich durch den Fakt, dass dieser für einige Monate in die Psychiatrie eingewiesen wurde. «Weil ich gekifft habe», erklärt er knapp. Mittlerweile habe er aufgehört.

«Es ist sehr einfach, jemanden anzuschwärzen und Misstrauen zu schüren. Viel länger dauert es jetzt, das Vertrauen wieder aufzubauen.»

Matthias Camenzind, Zuger Anwalt

Camenzind schätzt die Lage ein: «Ich gehe davon aus, dass du deinen Sohn wieder sehen darfst. Du musst jedoch deiner Anwältin vertrauen. Was du jetzt brauchst, ist Geduld. Es ist sehr einfach, jemanden anzuschwärzen und Misstrauen zu schüren. Viel länger dauert es jetzt, das Vertrauen wieder aufzubauen.» Camenzind rät dem Mann, den Ball nun möglichst flach zu halten, sich nicht seiner Wut über seine Exfreundin hinzugeben und alles zu tun, was von ihm verlangt wird.

«So hast du gute Chancen. Aber kämpfe nicht bereits jetzt ums Sorgerecht. In erster Linie ist jetzt wichtig, dass du überhaupt Kontakt mit deinem Sohn haben darfst.» Am Ende der Beratung steht der Mann auf, schüttelt Camenzinds Hand und bedankt sich mehrmals herzlich.

Ist eine Einreise in die Türkei sicher?

Nun folgen zwei «Papierfälle», die indirekt abgewickelt werden über die Gassenarbeiterin Sandra Heine. Die erste Klientin, die sie vertritt, ist eine in der Schweiz lebende Türkin, die sich davor fürchtet, bei ihrer Einreise in die Türkei von der Polizei festgenommen zu werden. «Das Problem ist, dass die Frau bei ihrem letzten Besuch in der Türkei zwei offizielle Beamte beleidigt hat», erklärt Heine. «Das Geld, das jetzt von der Türkei gefordert wird, möchte sie nicht zahlen.»

«Der Ausdruck ‹Ich höre auf euch wie auf Hunde› würde auch in der Schweiz einen Tausender kosten.»

Matthias Camenzind, Zuger Anwalt

Heine wünscht sich von Camenzind eine Einschätzung dazu, wie gross die Gefahr wäre, dass die Frau deswegen ins Gefängnis wandert. Er blättert durch die Akten und sagt: «Oh, das ist aber eine schwere Beleidigung. Der Ausdruck ‹Ich höre auf euch wie auf Hunde› würde auch in der Schweiz einen Tausender kosten.»

Laut türkischem Recht hat die Frau nun 8000 Lira, also etwa 2700 Franken, zu zahlen. Dazu kommen Gerichtskosten von 400 Franken. «Dieses türkische Strafrecht ist schon brutal», staunt Camenzind und kommt zu einer Einschätzung. «So wie ich das sehe, muss sie sicher die Gerichtskosten berappen. Die bedingte Geldstrafe muss sie meines Erachtens jedoch nicht zahlen, wenn sie sich in den kommenden fünf Jahren nichts zuschulden kommen lässt.» Gleichzeitig nennt er Heine den Namen eines türkischen Anwalts, der in Zug praktiziert. Die Frau solle sich zur Sicherheit bei ihm erkundigen.

Der letzte an diesem Abend behandelte Fall betrifft einen Mietstreit, der nach dem Auszug der Mieterin entflammt ist. Eine harmlose Geschichte, vergleicht man sie mit den drei vorherigen.

Obdachlose, hier in Zug!

Aber mal Hand aufs Herz. Hier begegnet man Menschen, die meist ernsthafte Probleme in rechtlichen Angelegenheiten haben, redet eine Viertelstunde mit ihnen und entlässt sie dann wieder ins Ungewisse. Das klingt nicht sehr befriedigend.

«Es gibt tatsächlich einige ernüchternde Beispiele, die ich schon erlebt habe. Etwa die Erkenntnis, dass es hier Obdachlose gibt. Hier, im Kanton Zug! Die sind durch alle sozialen Netze gefallen. Natürlich ist es einfach, diesen Leuten Untätigkeit zu unterstellen. Ich habe aber schon Fälle erlebt, in denen die Menschen von den Ämtern sehr ungerecht behandelt wurden.»

Dennoch gebe es durchaus auch kleine Erfolgserlebnisse, so Camenzind: «Wenn ich etwa mit einem guten Gefühl aus den Beratungen komme, weil ich weiss, dass jemand etwas anfangen konnte mit dem, was ich gesagt habe. Dazu reicht ein ‹Danke, du hast mir geholfen› am Schluss.»

Als Aussenstehende ist es, als befände man sich während zwei Stunden in einer Parallelwelt. Man bekommt Einblick in intimste Details fremder Leben, in Probleme, die man niemandem wünscht. Und es wird klar, dass Camenzind nicht übertrieben hat, als er zu Beginn des Gesprächs sagte, dass es hier, in dieser kleinen Kammer, regelmässig «as Läbige» geht.

Zwischen Rechtsberatung und Seelsorge

Matthias Camenzind arbeitet in Zug als Anwalt. «Man kann generell sagen, dass ich mich eher auf der Seite der sozial Schwächeren engagiere», erklärt der Jurist. Sein soziales Engagement geht bereits einige Jahrzehnte zurück. Vor 20 Jahren bereits setzte sich Camenzind in der Zuger Jugendarbeit ein, heute wird er von der Fachstelle «Punkto» bei rechtlichen Angelegenheiten in Sachen Kinderschutz konsultiert. Ebenfalls übernahm er vor zweieinhalb Jahren die monatliche «Rächtsberatig öber d’Gass», die jeweils um 18 Uhr im «Podium 41» stattfindet.

 

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1 Kommentare
  1. Thomas Walser, 15.03.2016, 19:31 Uhr

    Gut, dass es diese Möglichkeit unentgeltlicher Rechtsberatung gibt. CHAPEAU Monsieur Camenzind !