Mehr als jeder zweiten Schülerin und jedem zweiten Lehrer fehlten soziale Kontakte
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Manche Schüler werden die Freiheiten des Fernunterrichts wohl ein wenig zu sehr genossen haben. (Symbolbild: unsplash/Annie Spratt)

Luzerner Umfrage zum Fernunterricht Mehr als jeder zweiten Schülerin und jedem zweiten Lehrer fehlten soziale Kontakte

4 min Lesezeit 15.10.2020, 09:44 Uhr

Während mehreren Wochen fand der Schulalltag coronabedingt per Fernunterricht und via Online-Tools statt. Eine Umfrage zeigt nun überraschende Resultate.

Die Corona-Krise stellte auch den hiesigen Schulbetrieb auf den Kopf. Vom Kindergarten bis zu den Hochschulen musste innerhalb kürzester Zeit vom Präsenzunterricht auf Fernunterricht umgestellt werden.

Das Luzerner Bildungs- und Kulturdepartement wollte wissen, wie gut das funktioniert. Deswegen haben sie im Juni mit einer breit angelegten Umfrage im ganzen Kanton begonnen. Befragt wurden Lehrpersonen und Lernende aller Stufen, Eltern, Schulleitungen und Berufsbildner dazu, wie ihre Erfahrungen und Einschätzung zur Nutzung der digitalen Lernformen und zum Fernunterricht waren. Nun liegen die detaillierten Ergebnisse vor.
 
Bei der elektronisch durchgeführten Umfrage des Link Instituts haben insgesamt über 15’000 Lernende geantwortet, rund 3’600 Lehrpersonen, aber auch Schulleitungsmitglieder, rund 2’300 Eltern und 1’200 Berufsbildner. Die meisten Rückmeldungen kamen aus der Volksschulstufe.

Hier einige Ergebnisse der Befragung:

Die Resultate im Überblick

Die Umfrage zeigt: Knapp 80 Prozent aller Befragten über alle Stufen hinweg waren mit dem Fernunterricht zufrieden. Während dies bei den Lernenden der Volksschule fast 70 Prozent sind, liegt dieser Wert bei den Gymnasien, Berufsfachschulen und Hochschulen etwa bei 50 Prozent.

60 Prozent der Lernenden gaben an, dass sie die zeitliche Flexibilität und die vermehrte Freizeit schätzten, ebenso, dass das Pendeln zum Schulort wegfiel und sie mehr Zeit mit der Familie verbringen konnten. 36 Prozent der Schülerinnen und Schüler fanden es gut, den Lernort frei wählen zu können und fühlten sich insgesamt weniger unter Druck. Ein Viertel von ihnen gab zudem an, nun besser mit digitalen Tools umgehen zu können. Dieser Punkt schwingt bei den befragten Lehrpersonen obenauf: Er ist als erster Punkt bei den positiven Bewertungen mit 63 Prozent genannt – gefolgt von der zeitlichen Flexibilität und dem Wegfall des Pendelns.

Soziale Kontakte fehlten

Was sowohl bei den Lehrpersonen wie auch bei den Schülerinnen und Schülern aller Stufen als erster negativer Punkt rund um den Fernunterricht genannt wird, sind die fehlenden sozialen Kontakte während der Schulschliessung.

Dies gaben 60 Prozent aller Befragten an. Bei den Lernenden folgen darauf gleich die Konzentrationsschwierigkeiten, bei den Lehrpersonen die Schwierigkeit, das richtige Mass zwischen Unterricht und Alltag zu finden. 11 Prozent der Lehrpersonen nannten zudem die Angst vor der Ansteckung mit dem Corona-Virus, bei den Lernenden sind dies 8 Prozent. Für 14 Prozent aller Schülerinnen und Schülern war der Fernunterricht offenbar kein Anlass für Probleme.

1/3 der Lernenden gaben an, schlechtere Resultate zu liefern

Interessant sind die Angaben zu den erbrachten schulischen Leistungen während des Fernunterrichts. So melden rund 15 Prozent der Lernenden der Volksschule, der Gymnasien und der Berufsfachschulen, dass sie zuhause bessere Leistungen als im Präsenzunterricht erbringen konnten, für eine Gruppe zwischen 56 und 42 Prozent sind es immerhin die gleich guten Leistungen. Rund ein Drittel gab an, schlechtere Resultate im Fernunterricht zu liefern.

Lehrpersonen schätzen dies etwas anders ein: nur 4 bis 7 Prozent – je nach Stufe – sind überzeugt, dass die Lernenden bessere Arbeit liefern als im Präsenzunterricht, rund 40 Prozent beurteilen die Leistungen ihrer Schülerinnen und Schüler als gleich gut oder gar schlechter.

Mehr Selbständigkeit gefordert

Der Fernunterricht verlangte allen Beteiligten auch einiges an Selbständigkeit ab. Hier zeigen die Umfragewerte, dass die Lernenden und Lehrpersonen der Volksschule fast zur Hälfte angaben, selbständiger zu arbeiten als im Präsenzunterricht, die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten zu 75 Prozent, die Lernenden der Berufsfachschulen zu 65 Prozent. Die Studierenden der drei Luzerner Hochschulen arbeiteten zu 68 Prozent selbständiger.

Bei den Sonderschulen zeigt sich ein leicht anderes Bild: hier sind ein Drittel der Lernenden und der Lehrpersonen der Ansicht, dass sie nicht selbständig arbeiten konnten – bedingt wohl auch durch die speziellen Anforderungen im Sonderschulbereich. Diese Gruppe zeigt denn auch die geringste Bereitschaft, Fernunterricht künftig zumindest teilweise beizubehalten: rund zwei Drittel setzt hier nach wie vor vollständig auf Präsenzunterricht.

Leichte Zustimmung für gemischte Unterrichtsformen

Die Lehrpersonen aller Stufen können sich zu einem Drittel zumindest vorstellen, in Zukunft den Unterricht zu 75 Prozent als Präsenzunterricht und 25 Prozent als Fernunterricht zu gestalten. Bei den Lehrerinnen und Lehrern der Volksschule und Gymnasien sind hingegen rund 60 Prozent für vollständigen Präsenzunterricht, an den Berufsfachschulen sind es 42 Prozent und bei den Dozierenden der Hochschulen 21 Prozent.

Eine Mischform befürworten 70 Prozent der Hochschullehrpersonen, fast so viel wie auch ihre Studierenden. Die Eltern der Volksschulkinder zeigen sich gemäss der Umfrage zu 37 Prozent offen für zumindest einen 25-Prozent-Anteil Fernunterricht – aber 47 Prozent sind klar für vollständigen Präsenzunterricht vor Ort.

«Diese Antworten haben mich positiv überrascht», wird Bildungsdirektor Marcel Schwerzmann in einer Mitteilung zitiert. Und ergänzt: «Offenbar haben es die Eltern auch geschätzt, dank dem Fernunterricht einen vermehrten Einblick in den Schulalltag ihrer Kinder zu erhalten. Und auch bei den oberen Schulstufen besteht eine gewisse Zustimmung, über neue Schulformen nachzudenken und digitalen Unterricht – oder ausserschulische Lernorte – zumindest teilzeitlich beizubehalten.»

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