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Demo in Sursee: Tierfreunde prangern Schlachter an
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Spürt den Gang in den Tod: Schwein vor dem Schlachthaus in Sursee (Bild: zvg)

«Radikale» ärgern Schlachthof-Geschäftsführer Demo in Sursee: Tierfreunde prangern Schlachter an

6 min Lesezeit 1 Kommentar 23.08.2019, 05:00 Uhr

Tierschützer machen zusehends mobil: Sie rufen zu Mahnwachen auf, um gegen das Töten von Tieren zu demonstrieren und das Fleischessen einzudämmen. Diesen Freitag findet in Sursee vor dem Schlachthaus eine Demo statt. Sind Metzger die neuen Banker, gehasste Prügelknaben?

«98 Prozent der Nutztiere leben in Massentierhaltung. Diesen Schweinen und Hühnern, diesen Kälbern und Rindern geht es nicht gut. Auch bei uns in der Schweiz.» Das sind die Argumente der Chefdemonstrantin an diesem Freitagmorgen: Anke Hauenschild, Mutter von zwei Kindern, die aus Deutschland stammt und seit 15 Jahren in der Stadt Luzern lebt. 

Anke Hauenschild ist Berufsschullehrerin, vor allem aber eine Frau mit «hohem Gerechtigkeitssinn». Deshalb war sie vor einem Jahr Mitgründerin der Organisation «Lucerne Animal Save» und stellt sich jetzt wieder drei Stunden schweigend vor einen grossen Schlachthof. Mit rund 20 anderen Aktivisten, wie sie hofft.

Schweigend für Tiere und nicht gegen die Menschen: Aktivistin Anke Hauenschild. (Bild: zvg)

Anke Hauenschild zeigt Bilder von schreckgeweiteten Augen der Tiere, die ihren letzten Gang ins Schlachthaus wohl ahnen: «Die Fleischwerbung vermittelt zwar ein anderes Bild von glücklichen Tieren – aber es kommen immer mehr Machenschaften ans Licht: Misshandlungen, unwürdige Haltungen und brutale Transporte. Zudem nimmt weltweit die Fleischproduktion zu, weil die Asiaten das Steak auch lieben lernen. Und die Industrie hat grossen Anteil an der Klimakrise; wir Menschen sind zunehmend in der Verantwortung für unseren Planeten.» Gut, komme es da bald zur geplanten Massentierhaltungs-Initiative, findet Aktivistin Anke Hauenschild. 

«Es geht uns um Aufklärung.»

Anke Hauenschild, Aktivistin von «Lucerne Animal Save»

«Es geht uns um Aufklärung», sagt die Vegetarierin, die als 14-Jährige einen Tiertransport von Nahem erlebte. Was ihr Leben änderte: «Ich verzichte auf Fleisch, weil ich weiss, dass wir Menschen mit Tieren falsch umgehen.» Und jetzt will sie helfen, die Gesellschaft auf einen besseren Weg zu bringen. Indem sie vor dem Surseer Schlachthof Frischfleisch AG Mahnwache schiebt, wo Verwaltungsrat Urs Kunz sie mit Achselzucken erwartet.

Schwinger essen täglich 680 Gramm Fleisch

Während sich Anke Hauenschild auf der Seite der «guten» Tierfreunde fühlt und sich Urs Kunz auf derjenigen der «bösen» Schlachter vermutet, bleibt klar: Jahrelang wurde bei der Fleischproduktion weggeschaut, jetzt kommt immer mehr Bewusstsein auf. 

Viele foutieren sich auch heute noch um die Anliegen von Anke Hauenschild: Wenn derzeit pfundige Sportskerle wie Schwinger Stefan Burkhalter sich damit brüsten, dass sie täglich 680 Gramm Fleisch vertilgen – und dann gleichzeitig noch Studien rauskommen wie jene, die belegen will, dass Veganer häufiger depressiv sind als Fleischtiger, beisst manch einer gerne ins Steak. Um solch gutes und gesundes Grillgut geht es den 300 Angestellten der Schlachthof Frischfleisch AG. Das Schlachthaus gehört zu den fünf grössten Fleischverarbeitungs-Betrieben der Schweiz, weshalb «Lucerne Animal Save» dort demonstriert. 

«Unsere Schweizer Schlachthäuser sind die besten, die es gibt.»

Urs Kunz, Verwaltungsrat Schlachthof Frischfleisch AG

Verwaltungsrat Urs Kunz, seit 2003 im Betrieb, hat mit der bewilligten Demo an sich kein Problem, wie er sagt: «Man weiss, dass man zur guten Ernährung auch Fleisch braucht. Unsere Generationen sind nicht ersten, die von Tieren leben. Und unsere Schweizer Schlachthäuser sind die besten, die es gibt: Bei uns gehen Veterinäre und Tierschutz ein und aus, um immer wieder zu kontrollieren.»

Demorecht einschränken: Urs Kunz, Verwaltungsrat Schlachthof Frischfleisch AG. (Bild: zvg)

Kunz führt die Bilanzzahlen seines Unternehmen von 2018 auf: Umsatz rund 128 Millionen Franken. Schlachtbilanz: Circa. 236’000 Schweine, 10’000 Rinder sowie 9’000 Kälber. Mit Stolz erklärt er: «Artgerechter Umgang mit den Tieren ist uns ein wichtiges Anliegen. Naheliegend daher: je kürzer der Weg vom Produzenten ins Schlachthaus, umso besser. Ganz in diesem Sinne kommen unsere Lieferanten in überwiegender Anzahl aus dem Kanton Luzern oder aus der Region Zentralschweiz.»

Deshalb hat er nicht viel Verständnis, wenn sein Betrieb jetzt morgens bei Anlieferung der Tiere gestört wird. «Die Polizei muss aufgeboten werden. Zudem sorgen wir selber für zusätzliche Sicherheit, denn die Strasse im Industriegebiet ist gefährlich und unübersichtlich.»

«Das ist doch unverhältnismässig – die würden doch besser in der Stadt auf sich aufmerksam machen.»

Urs Kunz

Der Frischfleisch-AG-Chef findet, man müsste das Demorecht einschränken. «Das ist doch unverhältnismässig, wenn da ein paar Handvoll Leute demonstrieren – die würden doch besser in der Stadt auf sich aufmerksam machen.» Urs Kunz stellt überdies einen zunehmenden Radikalismus fest: «Hart und forsch, das ist leider im Trend, auch in der Politik, siehe Putin, Trump oder Erdogan. Und auch bei Auswüchsen wie Terrorismus.»

Preisdruck enorm gross 

Kunz weiss nicht, was die Demos bringen. Der Schlachter sagt, er sei gegen jede From von absurder Massentierhaltung, wie man sie im nahen Ausland kenne. Da sei der Preisdruck enorm gross. Aber auch in der Schweiz könnten die Grossverteiler mehr bezahlen, denn «die verlangen beispielsweise für Schweinefleisch das Dreifache von dem, was sie uns bezahlen». Und natürlich sei es «unschön, wie diese Tiere umkommen – aber wir machen das so, dass wir uns jeden Tag im Spiegel anschauen können.»

Wer die Schlachtung miterlebt, ist schockiert. (Bild: zvg)

Diesen Verarbeitungsprozess liess sich Anke Hauenschild schon einmal im Surseer Schlachthof zeigen. Sie war schockiert. Und erklärt nur in den nötigsten Worten: «Urs Kunz hat betont, dass die Schlachtung jeweils sehr schnell geht: Die Tiere kommen in die Gaskammer. Sie werden betäubt. Ihnen wird die Kehle durchgeschnitten. Um die Haare zu entfernen, werden sie verbrüht und dann in Stücke geteilt. Dann verharren sie in der Totenstarre, in der sie nur schwer verarbeitet werden können. So hängen beispielsweise Schweinehälften einen Tag.» 

Weltweite Organisation aus 560 Gruppen

Die Aktivistin von «Lucerne Animal Save» ist froh, ist sie nicht allein. Ihre Organisation ist Teil des grossen Netzwerkes «The Save Movement». Und sie erklärt, dass die weltweite Organisation aus 560 Gruppen besteht, die überall Mahnwachen vor Schlachthöfen abhalten. In der Deutschschweiz gibt es bereits acht Gruppen, und zwar nebst Luzern in folgenden Städten: Zürich, St.Gallen, Basel, Thun, Wohlen, Schwyz und Oensingen.

«Diese Schweine sind sechs Monate alt, also verglichen mit unserem Menschenalter Kleinkinder.»

Anke Hauenschild

Auch aus anderen Kantonen erwartet Anke Hauenschild in Sursee Demonstranten. Und sie weiss genau, wie die Mahnwache ablaufen wird. Denn es ist nicht die erste, sondern bereits die sechste seit Herbst 2018.

Es ist immer gleich: Sie stehen schweigend mit Schildern, darauf Aussagen und Tierbilder. «Wenn die Transporter morgens im Dunkeln ab 5 Uhr ankommen, versuchen wir Bilder von Tieren zu machen.» Nicht von Fahrern oder Mitarbeitenden, sondern von jungen Tieren. «Pro Arbeitstag werden in Sursee rund 1’000 Schweine geschlachtet. Bedenken sie, diese Tiere sind sechs Monate alt, also verglichen mit unserem Menschenalter Kleinkinder. Und die spüren genau, dass sie zur Schlachtbank gehen müssen.»

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1 Kommentare
  1. Fabi, 24.08.2019, 23:50 Uhr

    Zitat, Herr Kunz:
    “Man weiss, dass man zur guten Ernährung auch Fleisch braucht.”

    Dies ist eine falsche Aussage. Wir brauchen kein Fleisch. Wir brauchen schlichtweg gewisse Vitamine, welche dank der manipulation der Korne nicht mehr auf natürliche Weise zu uns gelangen können. Diese werden “unnatürlich” den Tieren verfüttert und somit später von uns gegessen.
    Oder aber diese werden direkt, ohne Umweg des Tierkörpers eingenommen.
    Klingt doch nach einer sinvollen Alternative, wenn man bedenkt, dass damit Leben am leben bleiben können.