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«Definitiv polyamourös veranlagt» – verliebt in sie, sie und sie
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Wo das Bier auf das regenbogenfarbene Poly-Fähnli trifft, da befindet man sich am polyamourösen Stammtisch. (Bild: zvg)

Wenn man(n) mehrere liebt – Stammtisch in Luzern «Definitiv polyamourös veranlagt» – verliebt in sie, sie und sie

5 min Lesezeit 21.07.2018, 05:10 Uhr

In Luzern gibt es einen Stammtisch, an dem sich polyamore Menschen treffen. Solche, die mehrere Menschen zugleich lieben – und dies auch leben. Und offen darüber sprechen. Themen sind etwa Eifersucht und Mitfreude, komplexe Beziehungskonstellationen, Zeitmanagement oder auch Kapazitätsgrenzen.

«Du bist also polyamor?», frage ich ihn. «Ja, klar!», erwidert er lachend.

Wir befinden uns in der Aussenbar vom «Bellini» im Luzerner Vögeligärtli und setzen uns zur zwölfköpfigen Truppe dazu. Bald schon greifen wir zum Bier. Umgeben sind wir von polyamoren Menschen – Menschen, die mehrere Menschen gleichzeitig lieben und dies offen und transparent leben.

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Schnell wird klar: Begriffe wie «single» und «vergeben» machen in dieser Runde wenig Sinn – Definitionen wie «halb-single» hingegen schon. Jeder mag jeden – auch die Partner des eigenen Partners. Und die Beziehungskonstellationen sind zum Teil ganz schön kompliziert.

Christophe (53): Ein jahrzehntelanger Befreiungsprozess

Christophe* (53) war bis vor kurzem mit zwei Frauen gleichzeitig zusammen. «Eine ist nun gerade ausgestiegen, denn sie ging eine monogame Beziehung ein», erzählt er. Seine Freundin Leandra* habe mit ihm zuvor eine Beziehung geführt, obwohl sie selbst nicht polyamor sei. Ein «Experiment», wie er es nennt, das nun gescheitert ist. Denn Leandra realisierte, dass eine polyamore Beziehung für sie langfristig nicht in Frage kommt.

«Für mich ist das ziemlich tragisch», meint Christophe nun. Der sonst gutgelaunte Mann blickt nun ein wenig traurig. «Ich liebte sie wirklich.» Seine andere Freundin ist nun für ein halbes Jahr im Ausland. «Sie hat dort einen Mann, der 30 Jahre jünger als sie ist», erzählt er weiter.

«Ich dachte, dass ich monogam sein muss, damit ich als beziehungsfähig gelte.»

Die Frauen untereinander wussten über die andere Bescheid – denn um das geht es in polyamoren Beziehungen: offen, ehrlich und transparent kommuniziert man über alles. Christophe kennt das Gefühl der Eifersucht. «Alle sind aufeinander eifersüchtig.» Aber es ginge darum, einen neuen Weg zu finden, um sich der Eifersucht bewusst zu werden und sich ihr zu stellen.

Er gönne es seiner Freundin von Herzen. Dass sie jetzt tolle Sachen machen und neue Dinge für sich entdecken könne. Und dies eben mit einem jüngeren Mann – der frischen Wind in das Leben seiner Freundin bringen soll. Er nennt das Gefühl der «Mitfreude» – dass das Wohl des anderen auf gleicher Höhe ist wie das eigene.

«Die Erkenntnis dieser langjährigen Selbstbetrachtung: Ich bin definitiv polyamourös veranlagt.»

Erst seit wenigen Jahren lebt er nun polyamor. «Es war ein langjähriger Befreiungsprozess für mich», sagt er. «Ich habe fast 30 Jahre gebraucht, um mich zu einem monogamen Leben hin zu therapieren. Ich dachte, dass ich monogam leben muss, damit ich als beziehungsfähig gelte.» 30 Jahre später sei er um eine Erleuchtung weiser: «Die Erkenntnis dieser langjährigen Selbstbetrachtung: Ich bin definitiv polyamourös veranlagt.»

Christophe geht es keineswegs nur um die sexuellen Kontakte. Er spüre eine enge Verbindung zu seinen Freundinnen. «Ich bin ein Beziehungsmensch», sagt er über sich selbst. «Mit mehreren Menschen. Ich empfinde echte Liebe.»

Simon (40): fühlt sich von gesellschaftlichen Idealvorstellungen eingeengt

Simon* ist frisch verliebt. Vergeben sei er nicht. «Vergeben in dem Sinne gibt’s nicht. Was heisst schon vergeben?», fragt er. Schon als Jugendlicher hat Simon mit den fest definierten Beziehungsformen Mühe gehabt. Er vergleicht Beziehungsformen mit Kisten. Da gebe es Bekanntschaften, Freundschaften und Liebesbeziehungen. Dazwischen gebe es nichts.

«Polyamory-Stammtisch» in Luzern

Ob einfach Interessierte, neue oder erfahrene polyamore Menschen: Der «Polyamory-Stammtisch» findet in der Regel an jedem 28. des Monats statt, jeweils von 19 bis 22 Uhr – dazustossen kann man jederzeit. Der nächste Termin ist am 28. August. Treffpunkt ist das Restaurant «Bellini» an der Murbacherstrasse 4 in Luzern. An dem regenbogenfarbenen Poly-Fähnli erkennt man die Runde.

Früh merkte er, dass er sich nicht innerhalb dieser Kategorien definieren möchte, sich beengt fühlte, wenn alles nach gesellschaftlichen Idealvorstellungen vorgegeben ist und man sich daran zu halten hat, was zu tun und was zu lassen ist. 

«Ich möchte mich und die Menschen, die mir nahe sind, frei lassen. Einem Menschen, den ich liebe, etwas zu verbieten, was ihm wichtig ist und ihm gut tut, würde mir das Herz brechen», erzählt Simon. «Ich möchte offen darüber sprechen, was für eine Beziehung wir miteinander leben wollen – und nicht mit einem festen Konzept auf jemanden losgehen. Jede Beziehung ist einzigartig. Uns in Konzepte zu drängen, verhindert echte Nähe.»

In seiner Vergangenheit habe sich Simon immer wieder auf «exklusive Formen» eingelassen. Das heisst Beziehungen, in denen Sex mit anderen nicht erlaubt ist. «Immer wieder habe ich mich angepasst, aber es ging mir nie gut dabei», so Simon. Seit etwa vier Jahren lasse er sich auf ausschliessliche Beziehungen nicht mehr ein. Lerne er eine Frau kennen, offenbare er ihr schnell, dass er polyamor sei.

«Vergeben in dem Sinne gibt’s nicht. Was heisst schon vergeben?»

Transparenz und Offenheit seien fundamental. Ein Paar sollte über alles tabulos sprechen, sagt Simon. Gerade in polyamoren Beziehungen, in denen man sich nicht auf feste Konzepte stütze, brauche es viel Kommunikation. Ebenso in monogamen Beziehungen. Das Scheitern vieler Ehen und Beziehungen könne darauf zurückgeführt werden, dass man Dinge als selbstverständlich erachte – ohne jemals darüber ein Wort ausgetauscht zu haben, sagt Simon.

«Und wenn ein anderer Mann ihr gut tut und sie durch ihn aufblüht – dann macht auch mich das glücklich.»

«Wenn mir jemand am Herzen liegt, ist es ein grosser Wunsch von mir, dass es diesem Menschen gut geht», erzählt Simon. «Und wenn ein anderer Mann ihr gut tut und sie durch ihn aufblüht – dann macht auch mich das glücklich.» So unterstütze er seine Freundin auch gerne, wenn sie Probleme mit einem anderen Mann habe.

Alles muss unter einen Hut

Eifersucht kenne Simon zumeist nicht. «Ich habe einfach Glück gehabt», meint er lachend. Für ihn sei es jedoch wichtig, die Partner seiner Freundin kennenzulernen. Erst wenn er ein Gefühl für den anderen Menschen habe, ihn gesehen und ein paar Worte mit ihm gewechselt habe, fühle er sich entspannt.

«Das Standard-Thema schlechthin am Polyamory-Stammtisch ist übrigens Zeitmanagement», verrät Simon. Job, Freizeit, teils Familie und verschiedene Partner unter einen Hut zu kriegen sei nicht immer so einfach. Und man müsse lernen, wo die eigenen Kapazitätsgrenzen lägen.

Lesen Sie im nächsten Beitrag von einem polyamoren Paar das Ehe, Familie, Beruf, Freizeit und Liebesleben miteinander vereinbaren.

*Zum Schutz der Betroffenen wurden alle Namen geändert.

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