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Soll im Kindergarten nur Mundart gesprochen werden?

Am Montag, 28. Januar, wird der Luzerner Kantonsrat in erster Lesung die Volksinitiative «Für Mundart im Kindergarten» beraten. Die Initiative haben ein Komitee der Jungen SVP und der SVP im Oktober 2011 eingereicht. Verlangt wird, dass die Unterrichtssprache im Kindergarten grundsätzlich Mundart sein soll. Der Luzerner Regierungsrat lehnt die Initiative ab und unterbreitet dem Kantonsrat einen Gegenentwurf. Demnach sollen im Kindergarten Mundart und Hochdeutsch gleichwertig gefördert werden. Im Pro & Contra von zentral+ verteidigt SVP-Politiker Anian Liebrand das Volksbegehren und weist unter anderem auf die «emotionale Komponente» beim Erlernen der Mundart hin. Für die Grüne Kantonsrätin Monique Frey hingegen unterdrückt die Initiative eine Lebensrealität der Kinder, die Politikerin unterstützt deshalb den regierungsrätlichen Gegenvorschlag. 

Ja zu Mundart

Seit 2006 wird in Luzerner Kindergärten zu Zweidrittel in Hochdeutsch unterrichtet. Dies als Reaktion auf die oft zitierte PISA-Studie. Die Erfolgsaussichten eines früheren schulischen Kontaktes mit einer Fremdsprache sind aus wissenschaftlicher Sicht jedoch gering. Es gab Untersuchungen, welche die Hochdeutschkenntnisse von Kindern – jene mit und ohne Hochdeutschpflicht im Kindergarten – miteinander verglich. Spätestens ab der 2. Primarklasse lässt sich kein Unterschied mehr feststellen.

Der renommierte Sprachdidaktiker Urs Kalberer meint: «Die Spracherwerbstheorie sagt, dass die Erstsprache entscheidend für den Erwerb von weiteren Sprachen ist.» Kinder lernen Fremdsprachen einfacher und besser, wenn sie ihre Erstsprache, die Mundart, perfekt beherrschen. Viele Kindergärtnerinnen, wie die Zürcherin Gabi Fink, sind der Meinung, die unnatürliche Frühstförderung sei nicht altersgerecht. Im Alter von 5 bis 6 Jahren sind die Kinder in einer wichtigen Phase des Spracherwerbs, wo sie mit vielen neuen Begriffen konfrontiert werden. Die Kinder mit grossmehrheitlich hochdeutschem Unterricht zu überfluten, wenn die Kinder teils noch nicht mal die Mundart-Begriffe kennen, führe zur Verunsicherung und einem Durcheinander.

Das Erlernen der Mundart hat auch eine wichtige emotionale Komponente. Die Muttersprache kommt von Herzen, die Hochsprache mehr vom Kopf. Wer mit kleinen Kindern in Hochsprache spricht, geht – für das Empfinden des Kindes – innerlich auf Distanz, und die Beziehung kühlt sich ab. «Muesch ned brüele, es god de scho weder verbii» klingt doch für ein kleines Kind anders als «Weine doch nicht, es schmerzt bald nicht mehr»! Kinder haben das Bedürfnis und Anrecht, Erwachsene möglichst authentisch zu erleben.

In der Deutschschweiz ist das Schweizerdeutsche die alles dominierende Umgangssprache. Es ist darum wichtig, dass möglichst alle hier lebenden Kinder diese Sprache beherrschen. Pädagogen, die jeden Tag mit kleinen Kindern zu tun haben, wissen, dass auch tamilische, türkische und albanische Kinder Mundart lernen wollen, damit sie mit ihren «Gspänli» kommunizieren können. Gibt es eine bessere Form, sich erfolgreich zu integrieren und ein Gefühl der Dazugehörigkeit zu entwickeln, als über das Beherrschen einer Sprache? Unsere Schweizer Dialekte sind ein Kulturgut, das wir pflegen wollen. Versli, Lieder, Singspiele und Märchen sind Schätze, die wir auf keinem Fall verlieren wollen. Lassen wir unseren Kleinsten doch wenigstens im Kindergarten noch die Mundart! 

Mundart geht nicht verloren

Die Regelung für die Unterrichtssprache im Kindergarten soll mit dem Gegenvorschlag der Regierung nun auch noch im Gesetz festgeschrieben werden. Die Kindergärtnerin soll, angepasst je nach Situation, hälftig Mundart und hälftig Hochdeutsch die Kinder durch den Kindergarten führen. Und das ist gut so.

Der einjährige Kindergarten begleitet die Kinder auf ihrem Weg in die Schule. Sie lernen im Kindergarten in einer grösseren sozialen Gruppe von Gleichaltrigen sich auszutauschen, miteinander zu spielen und etwas gemeinsam zu erlernen. Im Kindergarten müssen sie aber auch mal eine halbe Stunde zuhören und dabei ruhig sein, sie sollen konzentriert an einer Bastelaufgabe arbeiten können und sich nicht ablenken lassen. Und sie werden auch an die Schulsprache herangeführt, also ans Hochdeutsche.

Es ist unbestritten, dass unsere Schriftsprache das Hochdeutsche ist und diese Sprache deshalb ab der ersten Klasse im Hören, Lesen und Schreiben intensiv vermittelt wird. Mit der schon lange bestehenden Regelung, dass auch im Kindergarten zum Teil Hochdeutsch gesprochen wird, erleichtern wir den Kindern den Übergang vom Kindergarten in die Schule.

Zudem gibt es keine Signale, dass die Mundart verloren gehen könnte. Die Mundart ist voll im Trend. Hochdeutsch verdrängt die Mundart nicht. Die Mundart wird sogar wieder viel mehr verwendet als zu meiner Jugendzeit, wird doch von den Kindern und Jugendlichen auch in der schriftlichen Kommunikation – Briefe, SMS, Email, Facebook – bevorzugt die Mundart verwendet.

Klar ist, dass sie sich verändert. Die Lebensrealitäten von uns und unseren Kindern sind nicht mehr durchs Melken und Heuen bestimmt, sondern durch einen von Technologie unterstützten Alltag. Wir leben heute in einer Welt, in welcher sich die Menschen mit den verschiedensten Sprachen immer näher kommen. Für die Kinder ist es normal von Mundart auf Hochdeutsch zu wechseln und umgekehrt. Ich habe bei kleinen Kindern oft erlebt, wie sie im Spiel ins Hochdeutsche «hineinrutschten». Kinder sind bereits früh ohne Probleme in der Lage Hochdeutsch zu verstehen, auch wenn sie sich selber noch nicht gleich differenziert auf Hochdeutsch äussern können. Das Sprachverstehen geht der eigenen Sprachverwendung immer weit voraus.

Nutzen wir doch diese Freude der Kinder an einer Sprache bereits im Kindergarten. Mit der Annahme der Initiative würde eine Lebensrealität der Kinder unterdrückt.

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