Der Bitcoin-Kurs kann jederzeit steigen oder fallen. Aktuell kostet ein Bitcoin über 850 Franken. (Bild: dog)
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Der Bitcoin-Kurs kann jederzeit steigen oder fallen. Aktuell kostet ein Bitcoin über 850 Franken. (Bild: dog)

Digitales Geld in der Zentralschweiz

11min Lesezeit

Auf einmal ist die Internetwährung Bitcoin in aller Munde. Nachdem der Wert eines Bitcoins von wenigen Rappen auf zwischenzeitlich über 1'000 Franken gestiegen ist, wird das «neue Geld» neugierig, aber auch misstrauisch zur Kenntnis genommen – auch in der Zentralschweiz. Ein neuer Bankomat in Zug soll dem Misstrauen entgegenwirken.

Dominic Graf

«Bitcoins? Ach ja, dieses Internetgeld. Davon habe ich schon gehört», lautet die gängige Antwort auf die Frage nach dieser digitalen Währung, die seit 2009 existiert. Für grosses Aufsehen sorgte vor allem die exorbitante Kurssteigerung. Bezahlte man für einen Bitcoin anfangs nur wenige Rappen, schoss der Preis nur innerhalb eines Jahres auf über 1’000 Franken. Zwar fiel der Kurs zwischenzeitlich, erholte sich jedoch wieder. Aktuell kostet ein Bitcoin über 850 Franken. Auch wenn in der Schweiz mittlerweile die meisten Menschen die Internetwährung zur Kenntnis genommen haben; die Kauflust, Bitcoins als Zahlungsmittel zu erwerben, ist noch äusserst gering. Die Skepsis vor dem Neuen überragt. Noch.

Bitcoins in der Zentralschweiz noch kein Thema

Was ist Bitcoin?

Bitcoin ist eine Internet-Währung. Anders als bei herkömmlichen Währungen wie Franken, Euro oder Dollar befindet sich das Guthaben nicht auf einer Bank, sondern in einem Computer-Netzwerk. Jeder, der ein Bitcoin-Konto hat, wird Teil des Netzwerkes.

Bitcoins können elektronisch beliebig zwischen den Teilnehmern überwiesen werden. Ihr Besitz wird durch eine sichere Verschlüsselung bestätigt (kryptographischer Schlüssel). Jede Transaktion von Geldeinheiten wird mit einer digitalen Signatur versehen und in einer öffentlichen, vom gesamten Netzwerk betriebenen Datenbank aufgezeichnet. Das Geld wird also nicht von einer Institution verwaltet, sondern dezentral von den Benutzern selbst. 

Wie «fit» ist eigentlich die Zentralschweiz, wenn es um das Phänomen Bitcoin geht? Eine einfache Bezahlmöglichkeit, die digital übers Smartphone oder Tablet abzuwickeln ist, könnte beispielsweise für die Tourismusbranche sehr interessant sein. Interessant ja, sagt Sibylle Gerardi von Luzern Tourismus, aber aktiv damit auseinandersetzen wolle man sich noch nicht.

Gerardi bringt die Gemütslage ziemlich passend auf den Punkt: «Die virtuelle Währung wurde bei uns noch nie ernsthaft thematisiert. In der Tourismusbranche ist man gegenüber den Bitcoins generell eher zurückhaltend.» Es gebe zurzeit sehr viele Faktoren, wie etwa die Sicherheit und die Kursschwankungen, die dagegen sprechen würden. «Zudem ist die Zahlungsmethode noch viel zu wenig verbreitet, als dass sich eine entsprechende technische Anpassung, zum Beispiel für unser Hotelbuchungssystem, lohnen würde», so Gerardi.

Urs Raschle, Geschäftsführer von Zug Tourismus, bläst ins gleiche Horn: «Eine spannende Angelegenheit. Für eine Unternehmung wie Zug Tourismus allerdings noch etwas zu früh, um einzusteigen.»

«Eine spannende Entwicklung mit Potenzial, die aber auch das Risiko birgt, wieder in der Versenkung zu verschwinden»
Peter Hegglin, Finanzdirektor Kanton Zug

Auch bei der Bucherer AG in Luzern, die den Löwenanteil ihres Geschäfts mit den Touristen verdient, haben Bitcoins zurzeit keine Chance. «Ob und wie sich diese Bezahlungsform überhaupt durchsetzen wird, ist im Moment nicht abzuschätzen. Im praktischen Alltagsbetrieb scheint es da noch eine sehr grosse Anzahl von ungelösten Fragen zu geben», sagt Jörg Baumann, Direktor Marketing und Verkauf bei Bucherer. Solange diese Fragen nicht geklärt seien, wären diese Bezahlformen für die Bucherer AG kein Thema.

Nicht nur die Tourismusbranche schaut der Entwicklung der Bitcoins skeptisch und aus sicherer Entfernung zu, auch die Finanzpolitik lässt sich nicht vom Trend anstecken. Für Peter Hegglin, Finanzdirektor des Kantons Zug, ist das Aufkommen der Bitcoins zwar «eine spannende Entwicklung mit Potenzial, die aber auch das Risiko birgt, wieder in der Versenkung zu verschwinden.» Er halte daher wenig von der neuen Währung. Nur die Zukunft werde weisen, ob sie sich durchsetzen könne. 

Hegglins Pendant im Kanton Luzern, Finanzdirektor Marcel Schwerzmann, glaubt an die altbewährten Zahlungsmittel: «Ich bin der Meinung, dass Zahlungsabwicklungen – physisch und elektronisch – grundsätzlich schon erfunden und bewährt sind. Entsprechend beabsichtige ich weder privat noch geschäftlich mit Bitcoins zu arbeiten.» Er halte sich an die offiziellen Währungen.

Zwölf Millionen Bitcoins weltweit

Zu früh, zu wenig verbreitet, zu unsicher – so der allgemeine Tenor. Aber eine gewisse Neugier lässt sich nicht abstreiten. Genau dort setzt die in Baar sesshafte Firma Bitcoin Suisse AG an. CEO Niklas Nikolajsen: «Niemand kann abstreiten, dass es etwas Brandneues, gut Durchdachtes und Konstruiertes ist, das ein riesiges Potenzial in sich birgt.» Der gebürtige Däne hält Bitcoins für «etwas richtig Grosses». Zuletzt hatte er dieses Gefühl zu Beginn der 1990er Jahre, als das Internet aufkam. Deshalb habe er sich dafür entschieden, eine Firma zu gründen, die Finanzdienstleistungen im Bereich der sogenannten Krypto-Währungen – wie beispielsweise Bitcoins – anbietet.

«Die meisten wollen jedoch nur kleine Mengen erwerben, etwa 0,3 Bitcoins für 200 Franken»
Niklas Nikolajsen, CEO Bitcoin Suisse AG

Sie erhielten wöchentlich über 100 Anrufe von Kunden, die Bitcoins kaufen oder sich darüber informieren möchten. Das Bedürfnis der Bevölkerung bezüglich der alternativen Zahlungsmethode sei spürbar. «Die meisten wollen jedoch nur kleine Mengen erwerben, etwa 0,3 Bitcoins für 200 Franken», so Nikolajsen. Insgesamt gibt es gut zwölf Millionen Bitcoins weltweit mit einem aktuellen Gesamtwert von über zehn Milliarden Franken.

Übrigens kämen ausserordentlich viele Anfragen aus dem Raum Luzern – jedoch nicht von Firmen, die eine neue Bezahlform für sich suchten, sondern vor allem von Privaten, die in Bitcoins investieren möchten, um sie später wieder zu verkaufen. Erklären kann sich Nikolajsen aber nicht wirklich, weshalb ausgerechnet die Luzerner ein grosses Interesse zeigen. «Vielleicht liegt es daran, dass wir hier in Baar nicht weit von Luzern entfernt sind. Oder es liegt an der grossen etablierten Szene von Kreativen und Freigeistern», mutmasst er.

Der Bitcoin-Bankomat

Das Kaufen von Bitcoins sei zurzeit noch sehr aufwendig und funktioniere nur über Anbieter, wie beispielsweise die Bitcoin Suisse AG, sagt Niklas Nikolajsen. «Eine Transaktion, ist sie noch so klein, kostet nicht nur den Anbieter Zeit, sondern auch den Kunden.» Daher habe sein Unternehmen einen Bankomaten entwickelt, mit dem jeder selbstständig Bitcoins kaufen kann. Voraussetzung dazu ist ein Bitcoin-Konto im Internet und ein Smartphone oder Tablet mit der entsprechenden App.

Bezüglich Grösse und Aussehen ist die Eigenkreation dem gewöhnlichen Bankomaten sehr ähnlich. Es gibt einen Bildschirm und einen Slot. Nur: Es kommt kein Bargeld heraus. Der Nutzer gibt seine Bitcoin-Adresse (Kontonummer) entweder über den Bildschirm des Automaten ein oder hält schlicht sein Smartphone an den Bankomaten. Dieser scannt einen Code (QR-Code) vom Telefon, der die Identität des Nutzerkontos erkennt und bestätigt. Danach wird der gewünschte Betrag an zu wechselnden Franken oder Euro eingetippt, das Bargeld in den Slot geführt und die entsprechende Summe Bitcoins wird automatisch dem «elektronischen Portemonnaie» gutgeschrieben. 

 

So wird der Bitcoin-Bankomat in Zug aussehen.
So wird der Bitcoin-Bankomat in Zug aussehen. (Bild: Bitcoin Suisse AG)

Der Prototyp des Bitcoin-Bankomaten werde in der Stadt Zug stehen, so Nikolajsen. «Leider verlangen viele der Orte, die wir in Bezug auf die Errichtung eines solchen Bankomaten angefragt haben, dass ihnen eine Lizenz der Finanzmarktaufsichtsbehörde (FINMA) vorgelegt wird. Da für Bitcoin zurzeit keine feste Regulierung besteht, arbeiten wir aktuell mit Anwälten und der Bitcoin Association Switzerland daran, einen Rechtsrahmen für die Inverkehrsetzung eines Bitcoin-Bankomaten in Zug oder an anderen potenziellen Standorten bieten zu können.»

Vielleicht müssten sie letztendlich einen kleinen Laden mieten, um die dauerhafte Platzierung gewährleisten zu können, sagt Nikolajsen. Ebenso könne es sein, dass die Maschinen zu kleineren Tageslimiten pro Kunde beschränkt werden müssten, um regulatorischen Anforderungen gerecht zu werden. Er rechne jedoch damit, dass der Automat im Frühling dieses Jahres eröffnet werden könne. Drei weitere Bankomaten werden in Zürich, Bern und Genf stehen.

Die Automaten der Bitcoin Suisse AG seien absichtlich analog einem normalen Bankomaten gestaltet worden. Die Handhabung und Gewöhnung solle dem Benutzer so einfach wie möglich gemacht werden, so Nikolajsen. Eingefasst in einen Stahlmantel und fixiert auf einem Beton-Sockel sollen sie an prominenten Standorten wie zum Beispiel Hauptbahnhöfen für Aufmerksamkeit sorgen.

«Zurzeit werden über 50 Prozent aller Bitcoins von Spekulanten gehalten»
Niklas Nikolajsen, CEO Bitcoin Suisse AG

Nicht zu verwechseln ist Nikolajsens Automat mit jenem, der kürzlich in Zürich in der Markthalle Viadukt als einwöchiges Pilotprojekt in Betrieb genommen wurde. Der Bitcoin-Bankomat der Firma Lamassu hat zwar das gleiche Prinzip, ist aber wesentlich kleiner – etwa so gross wie eine Bananenschachtel – und kann grundsätzlich überall aufgestellt werden. Noch nimmt der Automat jedoch nur Euro. Für den Anfang reiche es, um die Aufmerksamkeit zu erregen, so Nikolajsen.

Mit dem Bankomaten-Projekt verfolgt die Bitcoin Suisse AG mehrere Ziele: Einerseits erhoffen sich die Initianten einen einfacheren Zugang zu den Bitcoins und somit eine grössere Bekanntheit und Verbreitung. Andererseits sollen möglichst viele Menschen ihre Einkäufe mit dieser Internetwährung tätigen. «Zurzeit werden über 50 Prozent aller Bitcoins von Spekulanten gehalten», weiss Niklas Nikolajsen. Die Menschen sollten sie jedoch nicht horten, um sie gewinnbringend wieder zu verkaufen, sondern als Zahlungsmittel gebrauchen, fordert Nikolajsen. Im Internet ist die Währung auf dem Vormarsch, in der realen Geschäftswelt ist sie jedoch noch nicht wirklich angekommen. 

Vorteil bei internationalen Transaktionen

In der Zentralschweiz ist das Interesse zwar spürbar, aber für die meisten noch ferne Zukunftsmusik. Einer, der den Schritt gemacht hat und Bitcoins als Zahlungsmittel akzeptiert, ist Richard Ulrich aus Brunnen SZ. Er bietet Gleitschirmflüge an und nimmt die alternative Währung bereits seit 2011 entgegen. Zwar habe erst ein Kunde mit Bitcoins bezahlt, dennoch sei diese Zahlungsmethode durchaus attraktiv. «Die Transaktion verläuft einwandfrei. Ich muss zudem keine Kontoauszüge studieren, wer denn nun bezahlt hat und wer nicht.» Eine Bezahlung mit Bitcoins sei einer Barzahlung sehr ähnlich. «Statt Banknoten im physikalischen Portemonnaie, erhalte ich Bitcoins in meinem digitalen Geldbeutel», so Ulrich.

Gemäss Ulrich hätten Bitcoins besonders bei internationalen Transaktionen einen grossen Vorteil: «Überweisungen dauern in der Regel lange und haben hohe Gebühren. Kreditkarten oder Online-Bezahlsysteme wie Paypal sind zwar schnell, kosten die Kunden aber auch hohe Gebühren.» Dem kann auch Bitcoin Suisse-CEO Niklas Nikolajsen nur zustimmen: «Das Bitcoin-Netzwerk schliesst niemals und man kann zu jeder Zeit schnelle Transaktionen tätigen.» Und dennoch: Sein gesamtes Vermögen würde auch Nikolajsen nicht auf diese Karte setzen. Man könne nicht vorhersehen, ob es eventuell Kurseinbrüche gebe oder ob Regierungen – wie kürzlich in China – die Währung sogar verbieten.

Acht Millionen Dollar für zwei Pizzas

Ist es nicht schlicht noch zu früh, Bitcoins als alternative Währung ernsthaft voranzutreiben? «Nein, im Gegenteil», sagt Nikolajsen. «Die Zeit ist reif. Daher auch die Bankomaten-Projekte. Sie sollen die Menschen näher und einfacher ans Thema Bitcoins bringen.» Zudem könnten sich jetzt Unternehmen profilieren, indem sie Bitcoins akzeptierten. «Stellen Sie sich zum Beispiel vor, ein Hotel in Zug würde als erstes Hotel Bitcoins nehmen. Das hätte sicherlich einen sehr positiven Marketingeffekt», wirbt Nikolajsen.

Zum Schluss erzählt Nikolajsen noch eine Anekdote zur Kursentwicklung der Bitcoins: «2010 bestellte ein Mann aus Florida für 10'000 Bitcoins zwei Pizzas.» Damals sei die Internetwährung kaum etwas Wert gewesen, weshalb der Herr den Kauf als «cool» erachtete. «Weniger cool findet der Typ wohl, wie viel er für die Pizzas zum heutigen Gegenwert ausgegeben hat: rund acht Millionen Dollar.»

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