So darf es sein: Viel Handarbeit steckt in den Kostümen. (Bild: AURA/Emanuel Ammon)
Wirtschaft Fasnacht

So darf es sein: Viel Handarbeit steckt in den Kostümen. (Bild: AURA/Emanuel Ammon)

Kostüm-Konsum: «Der helle Wahnsinn!»

5min Lesezeit

Das «rüüdige Geschäft» brummt. Schon seit 30 Jahren stürmen Luzernerinnen und Luzerner für ihre Kostüme in die Fasnachts-Shops. Das gefällt aber nicht allen, besonders nicht den Ur-Fasnächtlern. Denn waren am Anfang noch individuelle Second-Hand-Klamotten und «Self-Made» angesagt, sind es heute Billig-Kostüme aus Fernost.

Für den Inhaber des heutigen Fasnachts-Bazars an der Luzerner Bireggstrasse, Peter Meyer, lief es immer gut. Er erinnert sich an seine Anfänge. «Vor 28 Jahren habe ich mich entschieden, mich selbständig zu machen.» Meyer war einer der ersten im «rüüdigen Geschäft». Damals, ein paar Tage vor dem Schmutzigen Donnerstag 1985, hatte er sich als junger Kleiderhändler in eine leerstehende Ladenfläche in der Buobenmatt eingemietet. «Alles war sehr provisorisch. Ich hoffte, meine Second-Hand-Klamotten an die Luzernerinnen und Luzerner zu bringen.»

So nahm die Erfolgsgeschichte ihren Lauf. «Es war der helle Wahnsinn. Am ersten Tag standen rund 300 Leute vor der Tür. Die Fasnächtler kauften innert weniger Stunden fast meine gesamte Kollektion leer.» Meyers Idee vom «Fasnachts-Bazar» war geboren. Die Kunden seien mit prallgefüllten Taschen nach Hause gegangen, mit alten Militäruniformen, knalligen Mänteln und abgewetzten Hüten, erzählt Meyer. «Von da an habe ich gewusst, worauf ich mich in Zukunft zu konzentrieren hatte», sagt Meyer. Und seine Idee sollte sich im fasnachtsverrückten Luzern in den nächsten 30 Jahren zu einem ausgewachsenen Businessmodell entwickeln.

«Krankenschwester, Polizistin und Teufelchen»

Die Zeit schritt voran und Meyers «rüüdiges Geschäft» blieb nicht unbeobachtet. Auch andere Verkäufer nahmen sich ein Beispiel an ihm. Alle zusammen folgten sie dem Zeitgeist und den grossen Trends. Das waren Guggenmusig-Gewänder in den Neunzigern, bald Tier-Kostüme in allen Variationen oder letztlich von Disney lizenzierte, komplette «Pirates oft the Caribbean»-Outfits.

Ein Blick auf die Stadt Luzern zeigt heute: Das Fasnachts-Geschäft ist mittlerweile eine Goldgrube. Insgesamt gibt es mehr als zehn spezialisierte oder in dieser Zeit eingemietete Läden in Luzern und Umgebung. Die grossen Warenhäuser Manor, Migros und Coop sind nicht miteingerechnet. Oder wie es Franz Stalder, Präsident der City-Vereinigung Luzern, ausdrückt: «Fasnachtsartikel laufen an gewissen Tagen enorm stark.»

Auch traditionelle Näh- und Bastelspezialisten wie Aeschlimann und Vonarburg setzen seit langem auf diese Geschäftskarte. Vonarburg erweiterte zum Beispiel vor sechs Jahren sein Sortiment massiv. Ein Online-Shop bietet die Waren das ganze Jahr über an. «Das Neuste für dieses Jahr sind Fasnachts-Schuhe mit hohen Absätzen. Die bekommt man sonst nirgends», sagt Geschäftsführer Jörg Schnider. Diese würden zu Sujets wie «Krankenschwester, Polizistin und Teufelchen» passen.

Peter Meyer möchte als Inhaber des Fasnachts-Bazars keine konkreten Angaben zu seinen Geschäften machen. Nur so viel: Die Fasnacht mache zwei Drittel seines Jahresumsatzes aus. An Spitzentagen registriere die Kasse in seinem Laden in der Bireggstrasse bis zu 700 Kunden. Ein Sicherheitsdienst muss vor dem Eingang den Ansturm kontrollieren und drinnen sind vier Angestellte allein damit beschäftigt, nicht gekaufte Clowns, Piraten, Perücken und Schnurrbärte wieder ordentlich in die Regale zurück zu legen.

Handarbeit-Geschäft wird vermiest

Während das Geschäft mit Fasnachtsartikeln brummt, gibt es auf der anderen Seite durchaus auch kritische Stimmen. Der zunehmende Kostüm-Konsum kommt auf der fasnächtlichen Gasse schliesslich nicht bei allen gut an. Besonders nicht bei den Kult-Ur-Fasnächtlern.

Zum Beispiel für René Burach. Für den Präsidenten der Vereinigung Luzerner Kult-Ur-Fasnächtler, sind «Hasen, Krankenschwestern, und Teufelchen» von der Stange ein absolutes No-Go. «Fasnachts-Shops sind toll», sagt er. Aber dass alle mit Einheitskostümen herumlaufen müssten, fände er schade. «Die Originalität geht verloren.»

Und für die «Schnorpfi-Wiiber» – die Näherinnen des Luzerner Fasnachtskomitees LFK – wurden die Billig-Kostüme aus den Fasnacht-Shops in letzter Zeit zu einem echten Problem. Sie verkaufen jährlich zirka 150 selbstgenähte Kleider am Luzerner Fasnachts-Markt.

In den letzten zwei Jahren hätten die Schnorpfi-Wiiber einen spürbaren Absatz-Rückgang hinnehmen müssen, sagt Andreas Arpagaus, Präsident des LFK. «Unsere Kleider kosten am Luzerner Fasnachtsmarkt zwischen 60 und 250 Franken», sagt er. Aber immer häufiger versuchten Interessentinnen und Interessenten, den Preis zu drücken. In den Fasnachts-Shops finde man teilweise die gleichen Sujets als Null-acht-fünfzehn-Kostüm. «Wir können uns aber durch ‹Hand-Made› und durch zeitaufwändige Sujets von der Massenware abheben».

Shops wie Fasnachts-Bazar und Vonarburg wird das aber in den kommenden Tagen nicht weiter beschäftigen. «Ich folgte immer dem Bedürfnis meiner Kunden», sagt Peter Meyer. Seit acht Jahren ist der Fasnachts-Bazar nun fix eingemietet. Seine Ware stamme mittlerweile zu 60 Prozent aus Europa und zu 40 Prozent aus Asien. Das Lager in Rothenburg ist prall gefüllt, doppelt so gross wie die Verkaufsfläche und bereit für den fasnächtlichen Ansturm.

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