Die essbaren Trinkhalme halten rund eine Stunde im Getränk und bestehen hauptsächlich aus Getreide und Apfeltrester. (Bild: Elia Saeed)
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Die essbaren Trinkhalme halten rund eine Stunde im Getränk und bestehen hauptsächlich aus Getreide und Apfeltrester. (Bild: Elia Saeed)

Fertig Plastik: Luzerner bringen essbare Trinkhalme auf den Markt

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Sechs Jugendliche aus Luzern bieten als Erste in der Schweiz essbare Röhrli an. Mit ihrem ausgezeichneten Miniunternehmen wollen sie nun der Plastikkonkurrenz den Garaus machen. Doch der Start war harzig, denn die Trinkhalme lösten sich auf, noch bevor der Drink leer war.

Elia Saeed

«EdiStraw»: Das ist eine Kombination aus den englischen Worten «edible» für essbar, und «Straw» für Trinkhalm. Ein Röhrli zum Verspeisen also. Genau das ist die Idee von sechs Luzerner Jungunternehmern, die im Rahmen eines Schulprojekts ein Miniunternehmen auf die Beine stellten.

In der Schweiz werden bis heute noch keine essbaren Trinkhalme gewerblich produziert. Dabei scheint die Zeit dafür schon seit Langem überreif. Sogar die EU äusserte schon die Absicht, bestimmten Plastikmüll wie Wegwerfbesteck oder eben Röhrli zu verbieten. In der Schweiz wird ein Wiederverwendungsgebot diskutiert.

Grüne Anliegen sind derzeit in aller Munde. Und auch die sechs Luzerner konnten mit ihrem Projekt «EdiStraw» überzeugen. Die 15- und 16-jährigen Schüler der Kantonsschule Alpenquai haben Anfang März die Zentralschweizer YES-Handelsmesse in Zug gewonnen. Nun fahren sie diesen Dienstag nach Zürich zur gesamtschweizerischen Ausscheidung (siehe Box).

Dabei gestaltete sich der Weg hin zu den essbaren Trinkhalmen keineswegs einfach.

Mit der Pastamaschine getüftelt

Die Jugendlichen brachten viel Herzblut dafür auf, die ersten essbaren Trinkhalme des Landes selbst zu produzieren. Mit einer Pastamaschine und vielen verschiedenen Zutaten wie Fruchtpulver oder Karnaubawachs tüftelten sie an Rezepturen und kreierten dabei «eine Art verlängerte Penne», wie Valentin Humbel erzählt. Er hat gemeinsam mit Salome Vonlanthen, Yann Ryff, Maëlle Rentsch, Lena Grueter und Gian Gabriel die Firma «EdiStraw» im Rahmen eines Schulprojekts gegründet.

«Wir haben drei Monate lang ausprobiert. Aber es hat nicht geklappt.»

Valentin Humbel

«Wir haben drei Monate lang ausprobiert. Aber es hat nicht geklappt.» Ihre selbst gemachten Röhrli seien zwar schmackhaft gewesen, aber sie hielten nur rund zehn Minuten im Getränk.

Inhalt aus dem Ausland

Da die Jungfirma den Aufwand für die Eigenproduktion von essbaren Trinkhalmen unterschätzte, suchte sie kurz entschlossen nach einem Produzenten. Fündig wurde sie in Deutschland bei «Wisefood», einer Firma, die kompostierbare und essbare Trinkhalme aus Getreide und Apfeltrester produziert. «Eigentlich liefert Wisefood nicht ausserhalb der EU», sagt Valentin, «bei uns machen sie eine Ausnahme.»

Die Verpackung gestalteten die Luzerner Jungunternehmen selbst: Das Design steht für ein edles Luxusprodukt: 25 Trinkhalme kosten stolze 12.90 Franken.
Die Verpackung gestalteten die Luzerner Jungunternehmer selbst: Das Design steht für ein edles Luxusprodukt: 25 Trinkhalme kosten stolze 12.90 Franken. (Bild: Elia Saeed)

Die Verpackung für «EdiStraw» haben die Jugendlichen selbst gestaltet. Das Design sollte schlicht, aber edel daherkommen. Deshalb wählte man die Farben Gold und Schwarz. Für 12.90 Franken erhält man eine Schachtel mit 25 Röhrli. Privatpersonen können diese derzeit erst über die Webseite der Jungunternehmer erstehen.

Bisher hat «EdiStraw» 10’400 Trinkhalme eingekauft und rund zwei Drittel davon wiederverkauft. «Für den Aufwand, den wir leisten, kann man keinen Gewinn erzielen», sagt Valentin Humbel, «das ist auch nicht Sinn der Sache.»

Anstiftung zur Veränderung

Dass die Gruppe etwas für die Umwelt tun wollte, war bereits bei der Suche nach einem Produkt klar, erzählt Lena Grueter. Jedes Jahr werden allein in Europa 30 bis 40 Milliarden Trinkhalme verbraucht und landen zum Teil im Meer, wo sie das ökologische Gleichgewicht bedrohen. «Die Idee von essbaren Röhrlis kam schon früh auf», sagt Maëlle Rentsch. Zunächst seien sie davon weggekommen, weil der Aufwand zu gross erschien. Doch dann hörten sie vom geplanten Plastik-Verbot der EU und realisierten die Dringlichkeit des Problems.

«Wenn man erklärt, dass das eine Alternative zu Plastik ist, realisieren die meisten, dass es ein unterstützenswertes Produkt ist.»

Gian Gabriel

Gerade am Samstag gingen auch in Luzern und Zug wieder viele auf die Strasse, um mehr Klimaschutz einzufordern (zentralplus berichtete). Die «Fridays for Future»-Bewegung könne – genauso wie «EdiStraw» – Menschen aufwecken, findet Valentin Humbel, und dazu anstiften, auch andere Aspekte zu verändern. Dagegen sagt Yann Ryff über die Klimastreiks: «Ich finde es toll, was sie für einen Einsatz leisten. Aber dafür die Schule zu bestreiken, finde ich nicht nötig.»

Anfängliches Chaos

Bei den Jungunternehmern selber hat sich der Bezug zum Konsum durch das Projekt ebenfalls verändert. Lena Grueter sagt, wenn sie jetzt etwas einkaufe, habe sie eine viel grössere Wertschätzung dafür, «weil ich besser sehe, was für ein Aufwand dahintersteht». Gian Gabriel gab das Projekt die Motivation, seine vegetarische Ernährung konsequent durchzuziehen. Und Yann Ryff, laut eigener Aussage kein «Umwelt-Mensch», achtet nun mehr auf seinen Müllverbrauch.

Doch nicht nur diesbezüglich haben sie viel gelernt. Yann sagt, es sei ihm nun bewusster, was es für ein erfolgreiches Unternehmen braucht: «Nur weil man eine gute Idee hat, heisst das noch lange nicht, dass eine Firma daraus wird. Das muss man aufbauen und erkämpfen.»

Am Anfang belächelt

Am Anfang wurden die Jugendlichen teilweise nicht richtig ernst genommen. «Es gab leicht abwertende Gesten oder Kommentare», erzählt Yann. Mit der Zeit sei die Wahrnehmung aber professioneller gewesen. Viele hätten gefragt, wozu man essbare Röhrli überhaupt brauche. «Wenn man erklärt, dass das eine Alternative zu Plastik ist, realisieren die meisten, dass es ein Produkt ist, das man unterstützen kann», erzählt Gian Gabriel. «Die meisten belächeln es am Anfang vielleicht, merken aber schnell: Es ist ernst gemeint.»

Das Team von «EdiStraw» (v.l.): Gian Gabriel, Yann Ryff, Lena Grueter, Salome Vonlanthen, Valentin Humbel und Maëlle Rentsch.
Das Team von «EdiStraw» (v.l.): Gian Gabriel, Yann Ryff, Lena Grueter, Salome Vonlanthen, Valentin Humbel und Maëlle Rentsch. (Bild: Elia Saeed)

Zwar sind sich die Jungunternehmer bewusst, dass essbare Trinkhalme in der Schweiz nur ein Tropfen auf den heissen Stein seien. «Aber irgendwo muss man anfangen», betont Salome Vonlanthen, «auch wenn es klein ist». Das könne sich später ausweiten, zum Beispiel auf kompostierbares Besteck.

Mit dem Slogan «Natürlich Geniessen» betont die Gruppe den Luxusaspekt ihres Produktes sogar. «Wir wollen keinen Genuss verwehren», sagt Valentin dazu. Man könne zwar ganz auf Trinkhalme verzichten, «aber dann fällt auch der Aspekt des Aufweckens weg». Derweil verweist Gian darauf, dass nicht alle eine Wahl haben: «Meine Grossmutter braucht Trinkhalme zum Essen, weil sie nicht mehr gut kauen kann.»

Der schwierige Einstieg in die Gastronomie

Neben dem Verkauf im Bekanntenkreis versucht «EdiStraw» in Restaurants, Bars und Läden Fuss zu fassen. Doch der Einstieg sei schwierig, erklärt Maëlle Rentsch. Man müsse so viele wie möglich anschreiben und oft komme nichts oder eine Absage zurück. Am meisten helfe die Empfehlung über einen Kontakt, «weil es persönlicher ist».

Im «Kulturwerk 118» in Sursee erhalten Gäste bei gewissen Getränken inzwischen ein essbares Röhrli von «EdiStraw». Und auch in einer Zürcher Bäckerei konnten die Luzerner bereits Fuss fassen.

Trotzdem ist die Zukunft für «EdiStraw» noch offen. Erst einmal wollen die Luzerner Jungunternehmer an der YES-Messe diese Woche erfolgreich sein.

Wirtschaft in die Schulen bringen

Der Verein «Young Enterprise Switzerland» (YES) will jungen Menschen die Wirtschaft näherbringen – und zwar nicht in der Theorie, sondern praxisnah. Gymnasiasten sollen unternehmerisches Potenzial und Eigeninitiative entwickeln. An der Kantonsschule Alpenquai in Luzern konnten dieses Mal zwei Klassen des 4. Schuljahres im Zuge des «Company Programme» ein Miniunternehmen gründen und ein Jahr lang erleben, was es heisst, Unternehmer zu sein.

Eines davon ist «EdiStraw»: Es wurde zum regionalen Sieger der Zentralschweiz erkoren. Es kann sich von Dienstag bis Donnerstag im Hauptbahnhof Zürich präsentieren, wo die 50 besten Miniunternehmen des Company Programme ihre Produkte ausstellen.

Gearbeitet wird vor allem zu Hause

YES gibt den Miniunternehmen Aufgaben und Ziele, wie zum Beispiel die Erstellung eines Businessplans oder Geschäftsberichts. Die Schule benotet die Arbeiten im Wirtschaftsunterricht. Der Klassenlehrer, bei «EdiStraw» ist es Andreas Sidler, hilft als Mentor mit. Jede zweite Woche erhalten die Schüler eine Doppellektion Zeit für ihre Firma. Den verpassten Stoff holen sie später im Schnellverfahren nach.

Im Schnitt habe bisher jeder der Gruppe fünf Stunden pro Woche in «EdiStraw» investiert, sagen die Luzerner Jugendlichen. Für Märkte und Messen gingen ganze Tage drauf. «In der Schule teilen wir nur ein», sagt Salome Vonlanthen, «gemacht wird es zu Hause.»

Mit dem Projekt trafen die Luzerner Jugendlichen auch auf Hürden. Anfänglich sei zum Beispiel die Aufgabenverteilung noch lose gewesen, was Kommunikationsfehler und Konflikte in der Gruppe verursachte. «Wir hatten Zwist wegen dem Businessplan», sagt Yann Ryff. «Es entstanden grosse Löcher, Dinge waren nicht zum nötigen Zeitpunkt vorhanden.» Die wichtige Erkenntnis sei gewesen, dass Aufgaben von Angesicht zu Angesicht kommuniziert werden müssen, «und nicht einfach in den Chat geschrieben». Mittlerweile klappt das ganz gut.

Aus dem Projekt ziehen die jungen Luzerner einige Lehren. Und wenn man sie so reden hört, können sie noch ihr ganzes Leben davon zehren.

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