Die «Zentralschweiz am Sonntag» wird gestoppt, es übernimmt künftig die «Schweiz am Wochenende». (Bild: jwy)
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Die «Zentralschweiz am Sonntag» wird gestoppt, es übernimmt künftig die «Schweiz am Wochenende». (Bild: jwy)

Entlassungen bei «Luzerner Zeitung»: Das Ringen um Sozialpläne

9min Lesezeit

Anfang Sommer wird die «Zentralschweiz am Sonntag» eingestellt. Die Gewerkschaft Syndicom fordert deshalb einen Sozialplan für die 400 Zeitungsverträger, die ihre Stelle verlieren könnten. Für die Angestellten der Redaktionen von CH Media wurde hingegen ein Kompromiss gefunden – nachdem der erste Vorschlag des Unternehmens noch «lächerlich» ausfiel.

Das Joint Venture CH Media hat kürzlich bekanntgegeben, dass die «Zentralschweiz am Sonntag» Ende Juni eingestellt wird (zentralplus berichtete). Damit verlieren auch zahlreiche Zeitungszusteller ihren Nebenjob, die jeden Sonntagmorgen die Blätter in die Briefkästen bringen. Gemäss der vom Personal mandatierten Gewerkschaft Syndicom droht zirka 400 Personen die Entlassung.

Sie fordert deshalb einen Sozialplan. Diesen Samstag haben die Betroffenen ihre Forderungen bei der Presto Presse-Vertriebs AG in Emmenbrücke übergeben. Die Presto ist eine Tochterfirma der Post, die viele Mitarbeiter mit Kleinstpensen beschäftigt.

«Die Presto AG ist aufgefordert, einen ernsthaften Dialog mit den betroffenen Menschen zu führen, damit Härtefälle vermieden werden können», wird David Roth, zuständiger Zentralsekretär von Syndicom und Luzerner SP-Präsident, in einer Mitteilung zitiert. Die Angestellten ihrerseits würden den Verantwortlichen Ideen vorlegen mit Möglichkeiten für Weiterbeschäftigung oder eine Abfederung der Massenentlassung. «Sollten Entlassungen unvermeidlich sein, fordert Syndicom eine Entschädigung für jedes einzelne Schicksal.»

Sozialplan ist in Kraft

Mit der Einstellung der Sonntagsausgabe gehen auch im redaktionellen Bereich zehn Vollzeitstellen verloren. Betroffen ist etwa die langjährige Bundeshausredaktorin Eva Novak, die im März die Kündigung erhielt. Sie sei im Vergleich mit anderen «alt und teuer», sagte die 60-Jährige gegenüber dem Branchenportal «Persönlich» im März, und löste damit viele Reaktionen aus.

Insgesamt sollen im Zuge der Fusion der AZ Medien mit den NZZ-Regionaltiteln zu CH Media 200 Stellen abgebaut werden, wie im letzten November bekannt wurde (zentralplus berichtete). Wie viele Mitarbeiter bei der «Luzerner Zeitung» betroffen sein werden, ist noch unklar. Erst kürzlich gab CH Media bekannt, wie die Bereiche TV, Radio und Filmvertrieb – mit Radio Pilatus und Tele 1 – neu organisiert werden (zentralplus berichtete).

Für die Angestellten von CH Media, die gehen müssen, ist inzwischen ein Sozialplan erarbeitet worden, der zentralplus vorliegt. Dieser wurde von der Unternehmensleitung und dem Personal gutgeheissen. Er regelt unter anderem, wie die Angestellten im Falle einer Entlassung oder Frühpensionierung entschädigt werden. Er hält zudem fest, wie Betroffene bei einer beruflichen Neuorientierung unterstützt werden. Ebenso enthalten sind die Regelungen, die zum Tragen kommen, wenn eine Redaktorin intern eine neue Arbeitsstelle angeboten bekommt.

Personal spricht von Fortschritten

Anders als bei der Nachrichtenagentur SDA oder der Westschweizer Tageszeitung «Le Matin» ging das Ringen um den Sozialplan bei CH Media ohne Nebengeräusche über die Bühne.

«Es gibt mehrere Sozialpläne, die materiell besser sind.»

Stephanie Vonarburg, Syndicom

«Wären wir nicht zufrieden, hätten wir nicht zugestimmt», sagt Rainer Sommerhalder, Präsident der Personalkommission (Peko) und Sportredaktor der «Aargauer Zeitung». In den fünf Verhandlungsrunden habe man einiges erreicht. Sei der erste Vorschlag der Unternehmensleitung noch «lächerlich» gewesen, bezeichnet er das definitive Resultat als erfreulich. «Es ist wie Tag und Nacht. Am Ende sind 80 Prozent unserer Forderungen erfüllt worden.»

Das ist CH Media

CH Media ist aus der Fusion der AZ Medien und der NZZ-Mediengruppe entstanden und hat am 1. Oktober 2018 den Betrieb aufgenommen. Zum Grossverlag gehören über 80 Medienmarken, darunter die «Luzerner Zeitung», das «St. Galler Tagblatt» sowie die «Aargauer Zeitung» mit ihren jeweiligen Regionalausgaben. Auch die «Zentralschweiz am Sonntag», Radio Pilatus und Tele 1 sind Teil des Verlags.

Das Medienhaus reorganisiert sich derzeit im Rahmen des Programms «Kolumbus», das 40 Projekte und 100 Teilprojekte umfasst. Im Zuge dessen sollen die Kosten innert der nächsten zwei Jahre um 10 Prozent, also 45 Millionen Franken, reduziert werden. Insgesamt beschäftigt CH Media rund 2'200 Angestellte.

Zur Umstrukturierung gehört die Schaffung einer Zentralredaktion, welche die Artikel für die überregionalen Teile Inland, Ausland, Wirtschaft und Kultur realisiert. Diese startet Mitte 2019 und wird ihren Standort in Aarau haben. Eine Intervention des Luzerner Regierungsrates, der deswegen eine Schwächung des Medienplatzes Luzern befürchtet, blieb ergebnislos. 

Ähnlich äussert sich Stephanie Vonarburg, Leiterin Sektor Medien bei der Syndicom. Die Gewerkschaften waren zwar am Verhandlungstisch nicht erwünscht, haben die dreiköpfige Delegation der Personalkommission aber während der zweimonatigen Gespräche beraten. «In den Verhandlungen hat es tatsächlich Fortschritte gegeben, das darf man gegenüber der Unternehmensleitung anerkennen», sagt Vonarburg.

Ein Tolggen und drei wichtige Punkte

Für die Syndicom waren beim Sozialplan drei Punkte wichtig: die Abgangsentschädigungen, die Bedingungen bei Frühpensionierungen sowie der Härtefallfonds. In allen drei Bereichen hätte Vonarburg noch Luft nach oben geortet. Etwa bei den Abgangsentschädigungen, die – abhängig von Alter und Dienstalter – zwischen einem und fünf Monatslöhnen betragen. «Da gibt es sicher Sozialpläne, die besser sind», sagt Vonarburg. So stehe der Sozialplan von CH Media etwa schlechter da als jener der Nachrichtenagentur SDA oder jener der NZZ-Druckerei in Schlieren, die 2015 geschlossen wurde.

Dasselbe treffe auf die Finanzierung für vorzeitige Pensionierungen zu. «Was fehlt, ist eine Überbrückungsrente, bis die AHV zum Zuge kommt», bedauert Vonarburg. «Da gibt es für die Betroffenen gar nichts.» Positiv würdigt sie, dass es bei den Leistungen für die zweite Säule einen wesentlichen Fortschritt gegeben habe, weil die Beiträge für drei statt nur für zwei Jahre entrichtet werden.

«Von Gespräch zu Gespräch konnten die ursprünglichen Vorstellungen von beiden Seiten zu einem Konsens zusammengeführt werden.»

Unternehmensleitung CH Media

Als «Tolggen im Sozialplan» bezeichnet Vonarburg die Tatsache, dass für den Härtefallfonds keine konkrete Summe definiert wurde. Dieser Topf kommt zum Zuge, wenn Angestellte nach einer Kündigung in eine Notsituation geraten. «Für Betroffene ist es wichtig zu wissen, dass sie nicht Almosen beantragen, sondern dass extra dafür Geld reserviert ist.»

Die Unternehmensleitung der CH Media wolle zu diesen Punkten keine Stellung nehmen, wie eine Sprecherin auf Anfrage sagt. Was den ausgehandelten Sozialplan betrifft, lässt sie verlauten: «Wir haben intensive Gespräche geführt. Von Gespräch zu Gespräch konnten die ursprünglichen Vorstellungen von beiden Seiten zu einem Konsens zusammengeführt werden. Insofern sind wir zufrieden.»

Streik war kein Thema

Stephanie Vonarburg hält hingegen fest: «Es gibt mehrere Sozialpläne, die materiell besser sind.» Das betreffe Unternehmen, in denen die Belegschaft breit abgestützt mobilisiert und die Chefetage damit zu Zugeständnissen bewegt wird. Bei CH Media habe es hingegen keine grosse Bewegung seitens der Angestellten gegeben. «Vielleicht auch, weil die Unternehmensleitung früh signalisiert hat, dass sie zu Verhandlungen bereit ist.»

«Es ist für einen Arbeitnehmer schwierig, sich mit dem Unternehmen zu identifizieren, wenn man nicht weiss, wohin der strategische Weg führt.»

Rainer Sommerhalder, Personalvertreter

Auch Rainer Sommerhalder hält fest: «Um mehr rauszuholen, hätte man auf Konfrontation gehen müssen.» Es habe aber zu keinem Zeitpunkt Stimmen von Seiten der Belegschaft gegeben, die einen Streik oder andere Kampfmassnahmen gefordert hätten. Das entspreche auch nicht der Philosophie der Personalkommission, die hartnäckig, aber konstruktiv agiere. 

Zudem stellt er in Frage, ob das langfristig erfolgversprechender gewesen sei. Schliesslich stünden bereits weitere Gespräche mit der Unternehmensleitung an, etwa über Lohnnebenleistungen oder die Pensionskasse. «Wir müssen auch gute Bedingungen schaffen für die 2'000 Angestellten, die bleiben.»

Insgesamt sei die Unsicherheit nach wie vor gross. Auch weil die Strategie von CH Media noch nicht klar sei. «Es ist für einen Arbeitnehmer schwierig, sich mit dem Unternehmen zu identifizieren, wenn man nicht weiss, wohin der strategische Weg führt.»

Arbeitsweg gibt zu reden

Am meisten zu reden gab innerhalb der Redaktionen indes die Frage, was bei einem Stellenwechsel innerhalb des Unternehmens, aber an einem anderen Arbeitsort, geschieht. Wenn also zum Beispiel jemand von der «Luzerner Zeitung» neuerdings in Aarau arbeiten muss. Der Sozialplan legt fest, dass es als valables internes Stellenangebot gilt, wenn der Arbeitsweg nicht länger ist als 1 Stunde und 45 Minuten dauert. 

«Es ist ein kleiner Punkt im gesamten Sozialplan, aber er hat am meisten Emotionen ausgelöst», sagt Sommerhalder. Das lässt seiner Meinung nach den Schluss zu, dass manche Angst haben, den Arbeitsort wechseln zu müssen.

«Den Abbau kann man inzwischen kaum mehr bekämpfen.»

Stephanie Vonarburg, Syndicom

Ein Arbeitsweg von 1 Stunde und 45 Minuten sei tatsächlich relativ lange, sagt der Journalist. Der Personalkommission seien aber die Hände gebunden gewesen, da ein Arbeitsweg von je zwei Stunden hin und zurück gemäss einem Bundesgerichtsurteil als zumutbar gelte. Die Peko werde aber dranbleiben und Optionen wie Home Office oder Teilzeit-Präsenz in Aarau auf den Tisch bringen.

Stephanie Vonarburg von der Syndicom hält zudem fest, dass in Streitfällen eine paritätische Kommission entscheide. «Man kommt nicht darum herum, die Frage der Zumutbarkeit jeweils im Einzelfall zu beurteilen.»

Gestaffelter Abbau gefordert

Syndicom fordert nun, dass die beschlossenen Massnahmen gestaffelt ablaufen. «Den Abbau kann man inzwischen kaum mehr bekämpfen», sagt Vonarburg mit Bedauern. «Aber wenn er über zwei oder mehr Jahre vonstatten geht, kann man natürliche Fluktuationen berücksichtigen und Entlassungen verhindern.»

Kündigungen, so steht es auch im Sozialplan, seien die Ultima Ratio. Rainer Sommerhalder unterstreicht, dass seitens der Unternehmensleitung tatsächlich nicht leichtfertig Kündigungen ausgesprochen werden. Ein Ziel der Personalkommission sei, dass von den insgesamt 200 gestrichenen Stellen weniger als die Hälfte mittels Kündigungen abgebaut werden. So kam es bei der «Zentralschweiz am Sonntag», bei der zehn Vollzeitstellen abgebaut werden, bisher «nur» zu fünf Entlassungen. Für die Betroffenen sei der Verlust des Arbeitsplatzes aber trotzdem hart, so Vonarburg.

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