Armin Camenzind, Geschäftsführer von LuzernPlus, und Pius Portmann, Gebietsmanager LuzernOst, vor dem Bahnhof Ebikon. (Bild: les)
Wirtschaft Verkehr

Armin Camenzind, Geschäftsführer von LuzernPlus, und Pius Portmann, Gebietsmanager LuzernOst, vor dem Bahnhof Ebikon. (Bild: les)

Droht der Verkehrskollaps? Rontal zwischen Bevormundung und Logik

6min Lesezeit 2 Kommentare

Bis 2030 wird der Verkehr im Luzerner Rontal um 35 Prozent zunehmen. Damit es nicht zum Kollaps kommt, wurde nun ein umfassendes Konzept erarbeitet. Autofahrer dürften wenig Freude daran haben. Vorgesehen sind etwa Busbevorzugung, Tempo 30 oder ein Velo-Highway.

«Unsere Strassen sind schon jetzt teilweise am Anschlag und bis 2030 bestehen nur wenige Kapazitätsreserven.» Diese Aussage von Pius Portmann, Gebietsmanager Luzern Ost, beschreibt den Verkehrszustand des Rontals in einfachen Worten. Gemeinsam mit den Gemeinden, dem Kanton Luzern, dem Verkehrsverbund und der Wirtschaftsförderung waren Portmann und LuzernPlus-Geschäftsführer Armin Camenzind federführend bei der Erarbeitung des neuen Gesamtverkehrskonzepts (GVK) Luzern Ost.

66 Seiten dick ist das Papier. Es soll aufzeigen, wie der Mehrverkehr in Zukunft abgewickelt werden kann. Aktuell läuft die Referendumsfrist, nachdem die Delegierten aller 24 Luzern Plus-Gemeinden im November 2018 zugestimmt haben. Es hat sich kein Widerstand gegen das Konzept formiert – im Februar dürfte es also in Kraft treten. 

Das Rontal boomt. 30 Prozent mehr Einwohner und 36 Prozent mehr Arbeitsplätze soll es nur bis ins Jahr 2030 geben. Man erwartet rund einen Drittel mehr Verkehr. «Wir müssen den zusätzlichen Verkehr mit dem öffentlichen, dem Fuss- und dem Veloverkehr bewältigen», gibt Portmann die Stossrichtung des neuen Konzepts vor.

Täglich Stau im Rontal

Schrillen etwa die Alarmglocken vor einem Verkehrskollaps? Die beiden machen klar, dass man bei Bürgern, Politikern und auch Unternehmen das Bewusstsein für die Situation schärfen und den Verkehr so in geordnete Bahnen lenken will.

«Wir haben jene Strassen, die wir haben», verdeutlicht Armin Camenzind. Bypass und Spange Nord sind noch Zukunftsmusik. «Aktuell gibt es Stausituationen. Wenn wir planerisch und insbesondere auch alle an ihrem individuellen Mobilitätsverhalten nichts ändern, werden sich die Staus bis 2030 häufen.» Die Kapazität des motorisierten Verkehrs könne nicht markant erhöht werden, also brauche es verträgliche Lösungen. Das neue Konzept definiert diese gemeindeübergreifend. «Zusammengefasst sind dies die Verlagerung des Mehrverkehrs auf den öffentlichen Verkehr sowie den Langsamverkehr. Davon profitiert insbesondere auch der Wirtschaftsverkehr», skizziert Camenzind.

«Mit der Zeit werden die Leute merken, dass die Vorteile überwiegen, sich mit dem Zug, dem Bus oder dem Velo fortzubewegen.»

Armin Camenzind, Geschäftsführer LuzernPlus

Doch was heisst das konkret? Im Gesamtverkehrskonzept sind 21 Massnahmen in fünf Bereichen ausgeführt. Diese reichen von Informationskampagnen, dem Ermöglichen von autofreiem Wohnen, der Förderung von Fahrgemeinschaften, Carsharing, einer konsequenten Busbevorzugung, Tempo 30 bis zu einem Velo-Highway durchs Rontal.

Ein Video erklärt die Massnahmen: 

Was in der Stadt Luzern schon länger verfolgt wird, hält nun also auch in der Agglomeration Einzug. Doch die Kritik, wonach das Auto als Feindbild angesehen wird, nehmen auch die beiden Verantwortlichen wahr. Sie scheinen sich des emotionalen Minenfeldes bewusst zu sein. «Unsere Rolle ist, aufzuklären und aufzuzeigen, welche Konsequenzen das Mobilitätsverhalten jedes Einzelnen hat», sagt Camenzind. 

Rontaler sollen lernen

«Wir wissen aus Umfragen, dass der Verkehr für viele Leute ein grosses Thema ist», erklärt er. Überquellende Kommentarspalten in sozialen Medien sind ein weiteres Indiz dafür. Im neuen Papier ist von «Verhaltensbeeinflussung» die Rede. Dass man dahinter «Umerziehung» oder «Bevormundung» wittert, kann Camenzind in gewisser Weise nachvollziehen, setzt aber auch auf den Lerneffekt der Bürger. «Mit der Zeit werden die Leute merken, dass die Vorteile überwiegen, sich mit dem Zug, dem Bus oder dem Velo fortzubewegen.» Dass die S-Bahn das mit Abstand zuverlässigste Verkehrsmittel sei, stehe sowieso ausser Frage. Deshalb wird auch der Durchgangsbahnhof im Rontal sehnlichst erwartet. 

Portmann sagt zur Grundsatzdiskussion zwischen Auto und öffentlichem Verkehr: «Die wichtigen Verkehrswege sind heute gebaut. Neue Strassen zu bauen, ist kaum möglich und beansprucht enorm viel Zeit.» Ziel müsse es deshalb sein, dass nur so viel Auto gefahren werde wie nötig. Hier nimmt das neue Konzept insbesondere den durch Rontaler innerhalb des Rontals verursachten Verkehr ins Visier. Denn nur 15 Prozent sei Durchgangsverkehr auf der Kantonsstrasse, die übrigen 85 Prozent seien «eigener», also lokal erzeugter Verkehr. «Viele Strecken könnten auch mit dem Langsamverkehr zu Fuss oder mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. In diesem Bereich bestehen Ausbaumöglichkeiten, sodass die Attraktivität noch deutlich gesteigert werden kann», macht Portmann klar.

Kosten bleiben ein Fragezeichen

Unklar bleibt, was das Ganze kosten soll. «Wir können das nicht beziffern, weil die Projekte noch nicht im Detail ausgearbeitet sind», erklärt Portmann. «Es wäre nicht zu verantworten, sich mit dem heutigen Planungsstand zu konkreten Aussagen hinreissen zu lassen.» Tragbar müssten die Kosten jedoch für alle sein. Bei der Finanzierung ist zudem die Frage zu klären, in welche Hoheit eine Massnahme fällt. «Dies kann der Bund, der Kanton oder eine Gemeinde sein. Bei gewissen Projekten sogar alle zusammen», führt er aus.

Und trotzdem könnte es sein, dass eine Gemeinde finanziell nicht in der Lage wäre, verschiedene Punkte umzusetzen. Oder Vorhaben könnten an politischem Widerstand scheitern, so wie kürzlich ein neues Parkplatzreglement in Kriens. «Unsere Funktion wird es sein, alle Massnahmen aufeinander abzustimmen und zu priorisieren», erklärt Portmann. Nur so könne das Gesamtverkehrskonzept die gewünschte Wirkung erzielen.

Welche Rolle spielt LuzernPlus?

Die LuzernPlus-Mitgliedsgemeinden haben aufgrund der Lage, der Tätigkeitsfelder und der Bevölkerungsstruktur viele gemeinsame Themen, welche sie in Kooperationen bearbeiten. LuzernPlus vernetzt dabei in seiner Hauptfunktion als Raumplanungsverband die Interessen der 24 Mitgliedsgemeinden in den Bereichen Raum, Siedlung und Mobilität. Dem Teilverband LuzernOst gehören die Gemeinden Buchrain, Dierikon, Ebikon, Gisikon, Honau, Inwil und Root an.

So macht beispielsweise die Mobilität nicht halt an den Gemeindegrenzen, sondern ist verbindend. Die funktionalen Räume über die Gemeindegrenzen hinaus sind grösser und auch bedeutend für die Einwohner geworden. Gemäss dem Planungs- und Baugesetz des Kantons Luzern können die regionalen Entwicklungsträger Teilrichtpläne und Konzepte erlassen. Die Teilrichtpläne und Konzepte sind als raumplanerische Richtschnur mit einem gemeinsamen Konsens zu verstehen, an die sich die Gemeinden und (bei Teilrichtplänen) der Kanton halten muss. Es handelt sich dabei nicht um Ausführungspläne. 

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