«Wo man hinhört, wird immer wieder über die Ladenöffnungszeit diskutiert», schrieb die «NZZ» bereits 1957. (Bild: Emanuel Ammon/AURA/Montage ida)
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«Wo man hinhört, wird immer wieder über die Ladenöffnungszeit diskutiert», schrieb die «NZZ» bereits 1957. (Bild: Emanuel Ammon/AURA/Montage ida)

Wie Luzern vor 30 Jahren die Öffnungszeiten kappte

7min Lesezeit

Bis 1987 durften Luzerns Läden ihre Türen samstags bis 17 Uhr offen haben. Das Blättern durch alte Zeitungen zeigt: Der charmante und damals stadtbekannte Gewerbler «Blueme-Bürgi» setzte sich aber schon 1984 dafür ein, dass alle Geschäfte in Luzern um 16 Uhr schliessen müssen – den Angestellten zuliebe.

«Wo man hinhört, wird immer wieder über die Ladenöffnungszeit diskutiert.» Dieses Zitat aus der «NZZ» stammt nicht etwa aus dem Jahr 2019, sondern von 1957. Die Frage, wie lange die Geschäfte in Luzern geöffnet haben dürfen, ist auch in Luzern unlängst wieder zu einem heiss diskutierten Politikum geworden. In den letzten zwölf Jahren hätte sich das Luzerner Stimmvolk nicht weniger als drei Mal für längere Ladenöffnungszeiten aussprechen können. Drei Mal entschied es sich dagegen.

Aktuell reagiert zwar der Luzerner Stadtrat auf Forderungen von Teilen der Wirtschaft und will die Regeln lockern. Teile der Innenstadt sollen als Tourismuszone deklariert werden. So sollten künftig nicht mehr nur Souvenirshops, sondern Warenhäuser, Boutiquen und Geschäfte innerhalb dieser Zone länger geöffnet haben können – samstags beispielsweise bis 17 Uhr. Doch ein runder Tisch zwischen Wirtschaftsvertretern und Gewerkschaften blieb ergebnislos (zentralplus berichtete).

Schon vor 30 Jahren sind hitzige Debatten zwischen Politikern, Wirtschaftsvertretern und Detaillistenverbänden über die Ladenöffnungszeiten entbrannt. Spulen wir in der Geschichte zurück.

1984

«Blueme-Bürgi» will Laden samstags früher schliessen

In den 80er-Jahren lag es in der Obhut der Gemeinden beziehungsweise der Geschäfte, zu entscheiden, ob sie samstags Kunden bis 16 oder 17 Uhr bedienen wollen. Kantonale einheitliche Ladenschlusszeiten an den Samstagen gab es anno dazumal nicht. Ein Grossteil der Gemeinden ermöglichte indes den früheren Ladenschluss. Gegen diese lockere Regelung erhob sich jedoch Widerstand und der Wunsch kam auf, eine kantonale, einheitliche Lösung anzustreben.

Die Geschäftsprüfungskommission des Luzerner Grossen Stadtrates reichte einen Vorstoss ein, in dem gefordert wurde, dass der Samstags-Ladenschluss in Luzern überall von 17 auf 16 Uhr vorverlegt wird. Interessant: In Zürich gab es einen Vorstoss mit derselben Forderung bereits im Jahr 1953 – 30 Jahre früher als im Kanton Luzern.

Ruedi Bürgi – damaliger CVP-Grossstadtrat und ein Luzerner Stadtoriginal – hat für einen früheren Ladenschluss an den Samstagen gekämpft. So erzählt es der heutige Luzerner CVP-Grossstadtrat und Redaktor Albert Schwarzenbach. «Der 2014 verstorbene Bürgi war ein legendärer Blumenverkäufer.» «Blueme-Bürgi» besass einen stadtbekannten Blumenladen an der Zürichstrasse. «Nicht selten fuhr der Charmeur mit seinem Velo durch die Stadt und schenkte den Damen unterwegs eine Blume», erinnert sich Schwarzenbach.

«Wir müssen an das Verkaufspersonal denken», begründete Bürgi im Jahr 1984 in einem von Schwarzenbach selbst verfassten Artikel sein Engagement für den früheren Ladenschluss. Wenn die Angestellten samstags bereits um 16 Uhr ihre Arbeit beenden könnten, könnten diese zur Sommerzeit etwas unternehmen. Zudem rentiere es für die Läden nicht, bis 17 Uhr offen zu haben: «Zwischen 16 und 17 Uhr läuft sowieso nicht mehr viel», so Bürgi damals. Der Grosse Stadtrat lehnte Bürgis Begehren letztlich aber ab.

1987

Neues Gesetz: Ab 16 Uhr müssen die Läden samstags zu sein …

Jahre später wurde der Ball jedoch erneut aufgenommen. Die Kantonsregierung verfasste 1987 einen Gesetzesentwurf über das «Ruhetags- und Ladenschlussgesetz», welchen sie dem Kantonsparlament unterbreitete. Konkret wollte die Regierung, dass Geschäfte an Maria Empfängnis jeweils nachmittags von 13 bis 17 Uhr öffnen dürfen – sofern dieser Feiertag nicht auf einen Sonntag fällt. Gleichzeitig wurde aber erneut die Forderung aufgenommen, dass die Läden an den Samstagen bereits um 16 Uhr schliessen müssen.

FDP- und Gewerbevertreter sträubten sich im Parlament erfolglos gegen den früheren Ladenschluss an den Samstagen. Der Kantonsrat stimmte mit 98 gegen 42 Stimmen dem neuen Gesetz zu. Somit wurde kantonal festgelegt, dass die Angestellten der Geschäfte ihre Arbeit zwingend um 16 Uhr beenden müssen. Die Mehrheit argumentierte, dass sich dies bereits in anderen Luzerner Gemeinden problemlos eingespielt habe und dem Verkaufspersonal der frühere Feierabend zu gönnen sei.

Die City-Vereinigung Luzern wehrte sich und ergriff das Referendum. Es sei ihr dabei nicht nur um diese eine Stunde gegangen, sondern «um den ganzen Samstagnachmittag, der durch die frühere Schliessung unattraktiv werde», wie «Luzerner Neuste Nachrichten» damals berichtete. «Gestritten wird nur noch um den Ladenschluss», hiess es damals – eine Headline, die den Nerv der Zeit auch 30 Jahre später trifft. Die Abstimmung erfolgte im Jahr darauf.

1988

… und die Luzerner sehen das genauso

Wann für die Angestellten samstags der Feierabend beginnt, lag also das erste Mal in der Hand des Luzerner Stimmvolks. Mit 59’487 zu 35’742 Stimmen sprach sich dieses im Juni 1988 für das Gesetz aus. Um 16 Uhr war künftig an den Samstagen Schluss.

Brisant: Ein Blick über die Kantonsgrenze zeigt, dass andere Kantone just zu derselben Zeit die komplett andere Richtung einschlugen und liberalere Öffnungszeiten forderten. In Zürich forderte beispielsweise die City-Vereinigung 1988, dass die Geschäfte während der Woche bis 20 Uhr geöffnet haben sollen, was im Jahr 2000 auch eingeführt wurde. Während in Zürich Ende der 80er-Jahre die Öffnungszeiten gelockert werden sollten, legte sich Luzern zeitgleich ein engeres Korsett an.

1994

«Sanfte Liberalisierung»: Abend- und Sonntagsverkäufe

Die Debatte war damit jedoch nicht vom Tisch: Sechs Jahre später, im Oktober 1994, forderten 4’409 Luzerner, abends unter der Woche bis 21 Uhr einkaufen gehen zu können. Die Jungliberale Partei des Kantons Luzern (JLP) reichte eine entsprechende Initiative ein. An den Samstagen sollten die Geschäfte jedoch wie bisher ihre Türen um 16 Uhr schliessen müssen.

Die Luzerner Regierung schien schon damals mit der Thematik überfordert zu sein und beantragte beim Kantonsrat eine Fristverlängerung zur Behandlung um zwei Jahre. Im Februar 1997 zog die JLP ihre Initiative wieder zurück. Dies, weil man sich über die vom Grossrat beschlossene «sanfte Liberalisierung» der Ladenschlussregelung zufrieden zeigte. Dadurch wurden zwei Abendverkäufe pro Woche sowie zwei Sonntagsverkäufe pro Jahr ermöglicht.

2006–2013

Liberalisierung der Öffnungszeiten scheitert drei Mal an der Urne

Doch der jahrzehntelange Knatsch und die zahlreichen Forderungen erzielten bis anhin keine Veränderung. Das Luzerner Stimmvolk befand in den Jahren 2006, 2012 und 2013 über eine Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten. Drei Mal entschieden sich die Luzerner dagegen, künftig länger einkaufen zu können. Den nächsten Schritt unternimmt das Parlament, welches einen dringenden Vorstoss von FDP-Kantonsrat Andreas Moser behandeln wird.

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