Risiko: Sylvan Müller wagt den Start eines neuen Magazines. (Bild: hae)
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Risiko: Sylvan Müller wagt den Start eines neuen Magazines. (Bild: hae)

Sylvan Müller ist besessen vom Essen und von Magazinen

8min Lesezeit

Der Luzerner Fotograf Sylvan Müller besuchte einst Krisenherde in Tschernobyl oder Äthiopien. Heute hat er eine andere grosse Passion: Essen und Trinken. In einem neuen Printmagazin lebt er sie aus. Ist diese Leidenschaft stressfreier?

Mathias Haehl

Ein Printmagazin neu zu lancieren, das ist in diesen Zeiten des Mediensterbens fast wie Selbstmord. Nicht für den Luzerner Fotografen Sylvan Müller. «Ich mache viele Projekte mit Risiko – das hat durchaus seinen Reiz.» Müller sagt’s, er sitzt im Meyer am Bundesplatz. Er rührt in seinem doppelten Espresso und schmunzelt.

Sylvan Müller hat schon vieles gemacht. Und vor allem auch vieles schnell wieder verworfen. Die Mittelschule geschmissen, weil er als Gymeler lieber fotografieren wollte. Fotoaufträge von internationalen Multis abgelehnt, weil er sich nicht mit ihnen identifizieren konnte. Und auch Essen verweigert, das gegen die Natur hergestellt wird.

Mit 16 Jahren im Weinberg

Überhaupt: das Essen und Trinken. Es ist Sylvan Müller eminent wichtig. Im Alter von 16 hat er ein Jahr im Westschweizer Lavaux bei einem Weinbauern gearbeitet. «Aber ich habe nur Befehle ausführen müssen und wenig gelernt. Also kaufte ich ein paar Jahre später 100 Kilo Trauben und machte in der Garage der Eltern meinen ersten Wein.» So erst lernte er.

Kunst: So richtet Sylvan Müller seine Fotografien sinnlich an.
Kunst: So richtet Sylvan Müller seine Fotografien sinnlich an. (Bild: Sylvan Müller )

Sylvan Müller lernte auf eigene Faust Wein machen. Kochen. Fotografieren. Auch fliegen. «Ich bin ein Leise-Flieger. Mit dem Gleitschirm.» Man hört ihm gerne zu, denn er redet leise. Mit Pausen. Knapp. Aber reflektiert. Sylvan Müller sagt schöne Sachen. Und erzählt schöne Geschichten. Dazu braucht man nur das 150-seitige Heft «Trip» aufzuschlagen, das ab Mittwoch an den Kiosken aufliegt. Die Bilder ziehen einen rein. Die Texte ebenso. 

«Es sind Geschichten, die auch mich überraschen.»

Sylvan Müller, Fotograf

Es sind keine Geschichten, wie man sie in gängigen Magazinen findet: über Cadaqués statt Barcelona, über das Kochen von Seeigeln statt Hummer, über vergessene Weine statt Bestseller. «Es sind Geschichten, die ich selber nicht erwarte. Geschichten, die auch mich überraschen.» Er sucht sie nicht, diese Geschichten finden Müller. Und dann geht er ihnen nach. So lange, bis er sie versteht. Und sie gut erzählen kann. Es scheint ein Ego-Projekt.

16 Bücher mit den Grössen des Fachs

Sylvan Müller, 1973 in Luzern geboren, geht den Sachen auf den Grund. Er war 1996 drei Wochen in Tschernobyl, der atomverseuchten Gegend. «Da möchte ich gerne wieder hin.» Er arbeitet ohne Rücksicht auf Verluste. Wie viel Strahlung hat er damals abbekommen, als er ganz nah am strahlenden kaputten Reaktor war? «Damit habe ich mich nie beschäftigt. Die Bilder zählten. Die Geschichten dazu. Und ich möchte den Menschen von damals nochmals begegnen.»

Gefährlich: Das Tauchen nach Seeigeln kann auch unter die Haut gehen.
Gefährlich: Das Tauchen nach Seeigeln kann auch unter die Haut gehen. (Bild: Sylvan Müller )

Die Zeit dazu wird kommen. Irgendwann. Aber jetzt ist «Trip» angesagt. Ein Magazin, mit schwerem Papier, das fast so schwer wie ein Buch ist. Es war als Buch geplant gewesen. Neun Monate lang hat er am Konzept gebrütet.

Mit Ralph Schelling vom «El Bulli»

Bis sein zweitliebster Koch, Ralph Schelling, der einst beim Küchengott Ferran Adrià im «El Bulli» kochte und mit dem er die Arbeit plante, ganz anderes vorhatte. «Du bist zu schnell», sagte Sylvan Müller zum Mann, der einst im besten Restaurant der Welt kochte. Und sie entschieden sich für eine schnellere Sache als ein Buch. Ein Magazin sollte es sein, mit überraschenden Reportagen.

Also reisten sie nach Cadaqués, einer katalanischem Fischerdorf mit 2790 Seelen. Dorthin, wo Müller einen kleinen Weinberg besitzt, und sie machten Geschichten. Sie kochten, tranken und feierten. Fotografierten und schrieben übers Feiern, Essen und Trinken.

«Ich war 20 Jahre in der Werbefotografie, aber irgendwann war ich müde.»

Sylvan Müller strahlt und schwärmt. Er scheint angekommen, in sich ruhend. «Ich war 20 Jahre in der Werbefotografie tätig, aber irgendwann war ich dessen müde.» Er hatte mit Freunden Studios in Luzern, eines in New York und mehrere Mitarbeiter. Doch er war nicht Chef, sondern nur Ausführender fremder Ideen. Jetzt ist er Chef seiner eigenen Ideen.

Naturkoch: Stefan Wiesner aus Escholzmatt kocht gerne mit dem Feuerring.
Naturkoch: Stefan Wiesner aus Escholzmatt kocht gerne mit dem Feuerring. (Bild: Sylvan Müller )

Heute arbeitet Sylvan Müller mit seinen besten Freunden zusammen. Es sind die besten des Faches: Dominik Flammer macht die schönsten Kochbücher europaweit. Richard Kägi findet für Globus die besten Produkte und Ingredienzen. 

Und von den Fotos spricht Sylvan Müller gar nicht, er, der begnadete Fotograf. Denn es geht ihm nicht um Bilder. «Mir geht es immer um die Geschichten dahinter, die Menschen.» 16 Bücher hat er gemacht, mit Grössen des Fachs – über Grössen des Fachs. Reine Kochbücher sind es eigentlich nie.

Und sie ehen weg wie frische Weggli: Die Bücher mit Dominik Flammer sind alle schon mehr als 10’000mal verkauft. Sie sind verständlich, bodenständig, schlicht. Denn Sylvan Müller liebt es simpel. «Fragen Sie doch Spitzenköche, was sie am liebsten essen. Dann kommt: Der Gugelhopf meiner Oma, den Sonntagsbraten meiner Mama. Mit Kartoffelstock.» So arbeitet Sylvan Müller auch: schnell, mit möglichst wenig Technik und so wenig Kunstlicht wie möglich. 

«Ein grosser Meister.»

Müller über Koch Werner Tobler 

Sylvan Müller war viel in der Region unterwegs, machte etwa die Fotos des Ensembles für das Luzerner Theater (zentralplus berichtete). Doch es zog ihn immer in die Ferne. Die Zeiten sind vorbei. Am liebsten sitzt er bei Werner Tobler in dessen Küche im «Bacchus» in Hildisrieden. «Ein grosser Meister.» Tobler ist Müllers liebster Koch. Logisch, dass er ein Buch über ihn machte (zentralplus berichtete).

Heute sucht er die Nähe. So entstand das Buch «Mama kocht: Erinnerungen und Rezepte aus Mutters Küche». Darin erzählt er eine Geschichte, wie der Geruch des frisch gebonerten Bodens zu einem geschmorten Braten passt. Kein Wunder heisse derzeit ein Trendwort «Comfort Food»: Essen, das einem gut tut.

«Es geht doch immer um das Eine: Heimat.»

Und dann singt Sylvan Müller ein Loblied auf Stefan Wiesner, den Hexer aus Escholzmatt. Der Koch, der Heu und Steine auskocht. Müller weiss: «Es geht doch immer um das Eine: Heimat.» Und Heimat, die ist für Sylvan Müller dort, wo das Herz ist.

Seines ist derzeit beim «Trip». Es ist kein Selbstmord.

Künstler, der schnell arbeitet: Sylvan Müller brach dafür das Gymnasium ab.
Künstler, der schnell arbeitet: Sylvan Müller brach dafür das Gymnasium ab. (Bild: hae)

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