Sandro Portmann und Carmen Epp mit Redaktionshund Chippy. (Bild: pze)
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Sandro Portmann und Carmen Epp mit Redaktionshund Chippy. (Bild: pze)

Trotz Printkrise: Luzerner lancieren Magazin für echte Kriminalfälle

7min Lesezeit

Mord, Erpressung, Betrug – Verbrechen faszinieren. Zwei Luzerner bringen ein neues Magazin auf den Markt, das echte Kriminalfälle im Detail bespricht. Sie setzen auf gründlichen Journalismus und eine aufwändige Gestaltung. Doch damit «Tatort Schweiz» starten kann, braucht es erst einmal zünftig Geld. Ein Vorbild hingegen gibt es schon.

Pascal Zeder

Wahre Kriminalgeschichten erleben momentan einen regelrechten Hype. Vor allem in der Welt der Podcasts gewinnt «True Crime» rasend schnell neues Publikum. Die Storys entfalten eine ganz spezielle Wirkung, erlauben uns einen voyeuristischen Blick auf Leben und Moral anderer Menschen und schockieren gleichzeitig durch ihren Wahrheitsanspruch.

Auf diesen Erfolgszug will jetzt auch ein Luzerner Journalisten-Duo aufspringen. Sandro Portmann und Carmen Epp aus Neuenkirch lancieren Anfang 2019 das Magazin «Tatort Schweiz». In der rund 80-seitigen Zeitschrift werden Gerichtsfälle aus der Schweiz minuziös dargelegt, journalistisch aufbereitet und erzählt.

Stoff wird ihnen kaum ausgehen

«Tatort» klingt nach Mord und Totschlag. Doch Epp und Portmann winken ab. «Wir wollen Schicksale im Rahmen eines Verbrechens erzählen.» Ja, auch Mordfälle, doch in der Welt der Kriminalität gebe es viele andere interessante Facetten: Schlepper, Betrüger, Wirtschafts- oder Cyberkriminalität. Oder aberwitzige, kuriose Fälle, wie den des Kunstfälschers Wolfgang Beltracchi, der heute in Meggen lebt (zentralplus berichtete).

«Wir wägen uns in einer etwas trügerischen Distanz zum Justizsystem.»

Carmen Epp, Mitgründerin «Tatort Schweiz»

«Solange es Menschen gibt, gibt es Verbrechen», sagt Portmann lapidar. Und er hat Recht. Der Stoff wird den Schreibern kaum je ausgehen. Anspruchsvoll wird die Auswahl. Bespricht man medienwirksame Fälle – die beiden nennen den Fall Rupperswil als Beispiel – oder unbekannte Fälle, den Zeitungen kaum einen Einspalter wert? «Beides ist möglich», erläutert Epp.

«Tatort Schweiz» soll aber mehr als nur spannende Krimi-Unterhaltung sein. «Wir wägen uns in einer etwas trügerischen Distanz zum Justizsystem», sagt Epp. Man komme aber schneller damit in Kontakt, als man vielleicht denke. Als Journalistin habe sie mehrere Fälle erlebt, wo eine Lappalie langwierige Gerichtsverhandlungen zur Folge hatte. «Wir wollen über unsere Geschichten auch zeigen, wie die Justiz in der Schweiz funktioniert», sagt sie.

In den Ferien Akten gewälzt

Carmen Epp, ursprünglich aus dem Kanton Uri, und der Seetaler Sandro Portmann sind beide Herzblutjournalisten. Die 33-Jährige arbeitet bei der «Urner Zeitung» als Gerichtsberichterstatterin, der 34-Jährige waltet als Redaktionsleiter beim «Anzeiger Michelsamt». Sie wollen mit dem Magazin ein Medium schaffen, in dem Journalisten Zeit für aufwändige Recherchen aufbringen dürfen. Zeit, die einem als Redaktorin oft fehle, sagt Epp.

«Kommt das Geld nicht zusammen, müssen wir noch einmal über die Bücher.» 

Sandro Portmann, Mitgründer «Tatort Schweiz»

Für einen besonders komplizierten Fall – jenen um den ehemaligen Barbetreiber Ignaz Walker aus Uri, der des versuchten Mordes an seiner Frau beschuldigt wurde – nahm sie dereinst gar Ferien, um den Aktenberg säuberlich studieren zu können. «Viele Redaktionen schicken heute nur noch Journalisten an die Eröffnung des Verfahrens und die Urteilsverkündung», sagt sie. Dies sei bei «Tatort Schweiz» anders. «Niemand soll seine Freizeit opfern müssen, um Akten zu studieren.»

Der Anspruch, den die beiden an die Texte haben, ist hoch – die «crème de la crème» der Berichterstatter wollen sie für ihr Magazin gewinnen. Namen nennen sie noch keine, doch man sei in Gesprächen mit verschiedenen Schreibern. Nur bei der Gestaltung lassen sie sich etwas Konkretes entlocken: Der Luzerner Amadeus Waltenspühl, Grafiker des Jahres 2016, wird im ersten Heft eine Geschichte illustrieren.

15 Franken pro Ausgabe

Eine besondere Gestaltung sei ihnen wichtig, sagen die beiden Journalisten unisono. Deshalb haben sie mit Yvonne Portmann und Damian Frick eigens eine «Kreativabteilung» geschaffen. Der aufwändig erarbeitete Inhalt soll auch nach Qualität aussehen – entsprechend viel wird in die Aufmachung investiert.

Vier grosse Geschichten wird es im 80-seitigen Heft geben, dazu ein Essay, ein Interview und ein Porträt. Ja, das Printprodukt habe seinen Preis. Auch weil die beiden «Tatort-Macher» ihr Heft in der Schweiz drucken wollen. 15 Franken kostet eine einzelne Ausgabe, 5'000 Exemplare müssen sie verkaufen, nur um die eigenen Kosten zu decken.

Sandro Portmann und Carmen Epp verschreiben sich dem «Real Crime»-Genre.
Sandro Portmann und Carmen Epp verschreiben sich dem «Real Crime»-Genre. (Bild: zVg)

Drucken wollen sie das Heft, trotz herrschender Printkrise, unbedingt. «Wir glauben nicht, dass die langen Geschichten online funktionieren», sagt Carmen Epp. Ihr Partner ergänzt, man wolle, dass Lesen wieder zelebriert werde. «Zurück in den Sessel und geniessen.» Damit stemmen sich die beiden gegen den Gratis- und Onlinetrend der letzten Jahre. Obwohl es voraussichtlich ein E-Paper des Magazins geben wird, liegt der Fokus laut Epp auf dem Printprodukt.

Vier Jahre gäre die Idee bereits in ihren Köpfen, sagen die beiden Luzerner. Entsprechend erschrocken seien sie, als der deutsche «Stern»-Verlag 2015 das Magazin «Crime» lancierte. Eigentlich ein Pendant zu «Tatort Schweiz», nur mit weltweiten Kriminalfällen. Doch entmutigt hat sie die Konkurrenz nicht. Im Gegenteil.

Denn «Crime» ist eine Erfolgsstory, auch als Printprodukt. «Sein Absatz stieg in den ersten zwei Jahren gleich auf 80'000 Hefte», sagt Portmann. Einen solchen Starterfolg erhoffen sie sich – wenn auch im Kleinen – auch in der Schweiz.

Hoffen auf das Vertrauen der Leser

Doch ohne finanzstarken Verlag im Rücken sind sie angewiesen auf interessierte Leser, die umfangreichen Journalismus schätzen, ihnen vertrauen und Vorschusslorbeeren schenken – ähnlich wie bei der Lancierung der Online-Zeitung «Republik» vor einem Jahr. Die beiden Magazinmacher benötigen als Startkapital rund 200'000 Franken, das dank eines Crowdfundings während dem Monat November zusammenkommen soll. Sie hätten bereits mündliche Zusagen für grössere Beträge, sagt Portmann. Und stellt klar: «Kommt das Geld nicht zusammen, müssen wir noch einmal über die Bücher.» 

Doch die beiden planen fest mit dem Zustandekommen der Finanzierung. Im Januar oder Februar soll das erste Heft in den Kiosken liegen. «Sportlich», nennt Portmann den eigenen Zeitplan. «Aber machbar.»

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