Derzeit wachsen 5000 Hanfpflanzen in der Entlebucher Indoor-Anlage. (Bild: zvg)
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Derzeit wachsen 5000 Hanfpflanzen in der Entlebucher Indoor-Anlage. (Bild: zvg)

Wo Ackermann einst Pakete verschickte, blühen nun 2000 Hanfstauden

5min Lesezeit

Einstiegsdroge oder Wunderkraut? Hanf treibt viele Menschen um, und seine Rehabilitation macht grosse Schritte. Neuerdings auch im Entlebuch, wo in einer neuen Indoor-Hanfanlage die Kultur- und Heilpflanze für einen neuen Tee hergestellt wird. Macht das «Herzenswärme»-Gebräu aber auch high?

Mathias Haehl

Die Hanf-Legalisierung macht sich weltweit breit, und bereits gibt es im abgelegenen Entlebuch eine grosse Indoor-Anlage, in der die Zutaten für einen neuen Tee gezüchtet werden. Das neue Produkt kam dank der Zusammenarbeit im Biosphärengebiet zustande: Das fünfjährige Unternehmen Organic Concept AG spannt für die Teeproduktion mit der traditionsreichen Kräutergenossenschaft Entlebuch zusammen, die vor allem für die Firma Ricola produziert.

«Das Produkt ist seriös und sauber.»

Sandra Steffen von der Kräutergenossenschaft Entlebuch

Sie präsentierten am Mittwoch ihren vollautomatisierten Indoor-Garten. Lüftungsrohre, Wärmelampen, Ventilatoren und süsslich duftendes Gras: Was aussieht wie von einem Polizeifoto von ausgehobenen Haschischlaboren, ist völlig legal. «Wir produzieren und verarbeiten CBD-Hanf mit dem Anspruch an höchste Qualität.» Dass der Hanf in der Biosphäre pestizidfrei, biologisch und organisch sein soll, ist Ehrensache. «Das Produkt ist seriös und sauber», sagt Sandra Steffen von der Kräutergenossenschaft.

In Gebäuden des Ackermann-Versandes

Die Produktion ist in den ehemaligen Gebäuden des Ackermann-Versandes beim Bahnhof Entlebuch zu Hause. Ackermann, 1871 als erster Versandhändler Europas gegründet, entliess 2006 hunderte Mitarbeiter und gab den Standort Entlebuch auf. Hier spriesst es jetzt wieder mittels einer selbstentwickelten Technologie. Vor vier Jahren haben die Jungunternehmer ihr Projekt beim Innovationswettbewerb «Venture» der ETH Zürich vorgestellt und seitdem weiterentwickelt. In der über 400 Quadratmeter grossen Anlage wachsen derzeit 2000 Grasstauden, es haben aber bis zu 5000 Pflanzen Platz.

Der Tee beruhigt, und die Idee dahinter macht die Unternehmer high.
Der Tee beruhigt, und die Idee dahinter macht die Unternehmer high. (Bild: zvg)

Das Innovative am Indoor-Garten ist, dass sämtliche Vorgänge während des Wachstums der Hanfstauden geregelt und überwacht werden können. So können dank individuell einstellbaren LED-Lampen sämtliche Jahres- und Tageszeiten simuliert werden, ein Giessroboter bewässert automatisch, eine App-fähige Steuerung kontrolliert und steuert laufend die Anlage.

Team aus diversen Berufsgattungen

Das fünfköpfige Team setzt sich aus diversen Berufsgattungen zusammen: Sozialpädagoge Roland Meinetsberger (44) aus Luzern, Schreiner Samuel Ettlin (38) aus Schachen, Elektriker Alexander Haydn (38) aus Littau, Programmierer Yanneck Boss (28) aus Meiringen BE sowie Dachdecker Sandro Adler (38) aus Hedingen ZH.

Sie kämpfen mit ihren Produkten gegen den Ruf der Hanfpflanze als Einstiegsdroge und setzen sich für deren Wirkung als Wunderkraut ein. Denn Cannabis ist eine uralte Kulturpflanze, deren Geschichte vor tausenden von Jahren in Asien begann. Bereits im alten China wurde die Pflanze wegen ihrer medizinischen Wirkung geschätzt.

Hanf-Anbau 1924 verboten

Auch in der Schweiz wurde Hanf als Rohstoff für Nahrungsmittel, die Textilindustrie, die Medizin, die Bauwirtschaft oder einfach als Bodenverbesserer vielfach angebaut. Wegen der psychoaktiven Substanz THC (Tetra-hydro-cannabinol) wurde der Anbau jedoch 1924 im Rahmen des Betäubungsmittelgesetzes verboten.

Doch im Herbst 2016 hat der Bundesrat erlaubt, CBD-Hanf-Zuchtsorten wieder anzubauen. Bei diesen Sorten liegt der halluzinogen wirkende THC-Gehalt unter 1 Prozent, es lässt sich daraus kein Rauschmittel gewinnen.

Der zweite, medizinisch wertvolle Inhaltsstoff, das Cannabidiol (CBD), ist in diesen Hanfsorten jedoch voll enthalten, weshalb die Pflanze zur Grundstoff-Gewinnung für Arzneimittel genutzt werden kann. Dieser neue Hanf hat sich inzwischen in der Schweiz zu einem dynamischen Trend entwickelt, das Angebot reicht von Hanf-Müesli über -Schokolade bis zu Caffé Lattesso mit Cannabis.

Migros und Coop haben Wind bekommen

Und jetzt also die neue Teemischung aus dem Entlebuch. Die Hanf-Apfel-Mischung wird zuerst während acht Minuten bei 80 Grad im Wasser gesiedet, dann wird die Pfanne von der Hitze entfernt und für weitere drei Minuten eine zweite Kräutermischung beigegeben, welche mit ihren Geschmackskomponenten den Hanf harmonisch abrundet.

Finden sich beim Teeverpaken: Samuel Ettlin, Sandra Steffen und Pia Bieri.
Finden sich beim Teeverpaken: Samuel Ettlin, Sandra Steffen und Pia Bieri.

«Beim Testen und Suchen nach Kräutern, die sich für die Kombination mit dem Hanf eignen könnten, drängten sich Thymian, Pfefferminze, Lindenblüten und Spitzwegerich auf», erklären die modernen Hanfbauern und Teebrauer.

«Wir sind vor allem sehr glücklich, dass wir an der Rehabilitation von Hanf teilhaben dürfen.»

Die Hanfbauern von Organic Concept

Und jetzt die obligate Frage: Wie high macht das «Herzenswärme»-Gebräu? Die Organic-Concept-Mitglieder winken ab und weisen auf die beruhigende Wirkung hin. Sie sagen: «Wir sind vor allem sehr glücklich, dass wir an der Rehabilitation von Hanf teilhaben dürfen.»

Aber high macht die Teeidee die Jungunternehmer. Denn die Grossverteiler Migros und Coop haben bereits Interesse angemeldet, und die Entlebucher planen schon eine Vergrösserung: Sollte sich der Teeverkauf gut entwickeln, möchte die Genossenschaft den Hanf auch im Freien anpflanzen. Dafür werden Bauern aus der Region gesucht.

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