Dieter Keller zwischen seinen ungezählten Schätzen: Leuchter und Lampen von 1780 bis 1980. (Bild: jav)
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Dieter Keller zwischen seinen ungezählten Schätzen: Leuchter und Lampen von 1780 bis 1980. (Bild: jav)

Der Mann des Lichts aus der Leuchtenstadt

9min Lesezeit

Dieter Kellers Leidenschaft für Antiquitäten begann in einem Luzerner Keller. Sein heutiges Geschäft, mondän am Schweizerhofquai gelegen, hat damit nicht mehr viel gemein. Dort haben wir ihn getroffen und seine schräge Geschichte erfahren.

Man traut sich kaum einzutreten in das Geschäft am Schweizerhofquai, dessen Schaufenster mit historischen Leuchtern und kunstvollen Lampen protzen. Doch nicht, weil hier auf 250 Quadratmetern die grösste Schweizer Sammlung an Beleuchtungen aus den 1780er- bis 1980er-Jahren hängt und steht. Sondern weil man sich ganz bestimmt innert Sekunden in mehrere Lampen verlieben wird.

In die goldenen Bauhaus-Tischlampen von Marcel Breuer, die 1925 bei der Exposition Paris dabei waren, in den mannhohen Barockleuchter aus dem 18. Jahrhundert, der von der fünf Meter hohen Decke hängt, oder die Dahlia von Fontana arte, die bis 1955 das Sprüngli-Haus in Zürich schmückte.

Wir haben es trotzdem gewagt und natürlich nicht nur ein Stück entdeckt, für das wir nur zu gerne unser Konto plündern würden. Doch es lohnt sich sowieso, auf einen Kaffee bei Dieter Keller vorbeizuschauen, mit ihm versteckt hinter all der Kunst eine Zigarette zu rauchen und seinen Anekdoten zu lauschen. Dieter Keller ist 67 Jahre alt. Blaue Augen, blaues Hemd. Mit einer einnehmenden Nonchalance.

Eine Lampe im Dreck

In Lyon habe er damals seine Nische gefunden, um kurz vor ein Uhr Nachmittags, auf dem Flohmarkt Les Puces du Canal, erzählt er, als sähe er das Bild vor sich. «Als ich ankam, waren die Händler schon dabei, zusammenzupacken, da sah ich diesen einen Leuchter im Dreck stehen und der Entscheid war gefallen», so Keller.

«Ich bin eine handwerkliche Wildsau.»

Er habe bei dieser Reise gewusst, dass er sich spezialisieren wolle, jedoch keine Ahnung gehabt, worauf. Nur durch Zufall war er einige Wochen zuvor zum Antiquitätenhändler geworden. Das war vor 44 Jahren.

Eine Sammlung bis unter die Decke

Der gelernte Werbeassistent war damals, 23-jährig, in der Agentur Kaltenbach angestellt und besuchte auf seinem Arbeitsweg durch die Hirschmattstrasse regelmässig aus Spass das Antiquitätengeschäft Stoll, um dort günstige Stücke auszugraben. Im Keller gehörte ein Flohmarkt zum Geschäft. «Dort fand ich die Teile und verkaufte sie zu einem besseren Preis weiter, einfach aus Plausch», so Keller. Es seien goldene Zeiten gewesen, zu welchen man alles habe verkaufen können.

Heute laufe der Verkauf ganz okay. Die Restaurierungen seien sein wirklich gutes Geschäft, so Keller, der mittlerweile in seinem Atelier steht, wo gerade die Leuchter des Casino Basel restauriert werden. Ungezählte Leuchten und Lampen sind hier angeschlossen, schränkeweise Ersatzteile aus Glas und Metall stapeln sich bis unter die Decke. Eine Auswahl und Qualität wie sonst nirgends in der Schweiz, ist Keller überzeugt.

Sein Mitarbeiter Randy Stolze werkt hier vor allem. Und das perfekt, wenn es nach Keller geht. «Ich hingegen bin eine handwerkliche Wildsau», betont Keller, der sich alles über Lampen, die Geschichte, die Kunstgeschichte, das Elektrische selbst beigebracht hat. Eine Vielseitigkeit, die in diesem Beruf unerlässlich sei.

Seit 25 Jahren hat Keller sein Geschäft am Schweizerhofquai in Luzern.
Seit 25 Jahren hat Keller sein Geschäft am Schweizerhofquai in Luzern. (Bild: jav)

Ein glückliches Händchen

Seit fast 25 Jahren befindet sich das Geschäft von Keller am Schweizerhofquai. Keller hat einen Haufen Moos angehäuft, könnte man meinen. Doch der lacht nur und nennt sich selbst einen «Irren». Er habe zwei Lager voll mit Lampen, doch keine Pensionskasse, keine dritte Säule. Er habe einfach immer wieder Glück mit der Miete gehabt, privat und auch beim Geschäft. Und immer Zuversicht.

Die fünf Kellerräume des Antiquitätengeschäfts Stoll konnte er damals 1974 mit Inhalt gegen 15’000 Franken und einer Miete unter 200 Franken übernehmen. Er bekam einen kleinen Kredit von der Bank, stellte einen arbeitslosen Freund an, der auch bei ihm wohnte, und ging mit einem VW-Bus auf Einkaufstour in Spanien und Frankreich. Nach einem Jahr jedoch, als die Händler regelmässig am Montag vor der Türe auf die neue, seltene Ware warteten und sein Geschäft täglich Umsatz machte, machte Frau Stoll dem Geschäft ein Ende. 

Ein mutiges Projekt

Per Zufall stiess Keller daraufhin auf eine 15-Zimmer-Wohnung im Backsteinhaus der ehemaligen Buobenmatt. Das Haus stand kurz vor dem Abriss, die Eigentümerin überliess ihm die Wohnung günstig. Darin wollte er, inspiriert aus London, einen Kunstmarkt mit verschiedenen Läden gründen. 55 Anfragen erhielt er auf sein Inserat hin und bald zogen Ali Baba Secondhand, Brigitte Steinemann mit ihren Keramiken, Gabor Kantor mit seinem Musikforum, ein Goldschmied, Stichhändler, eine Stickerin und Irene Zappa ein. Letztere bot Haareschneiden gegen Naturalien an. «Da stand dann auch mal ein Mann mit Huhn unter dem Arm im Salon», sagt Keller und lacht über seine Erinnerungen an diese wilde Zeit.

«Ich habe noch nie im Internet eine Lampe gekauft, ich muss die Dinge anfassen können.»

Drei der günstigen Zimmer nutzte Keller selbst und den Gang der «Wohnung» machte er zur Galerie. Hier wurden Max von Moos und Hans Rudolf Ambauen ausgestellt, iranische Teppiche bei einer Vernissage mit kiloweise Kaviar oder jugoslawische Glaskunst, die es nicht komplett ins Land schaffte und weswegen sich schliesslich 400 Leute um ein einziges Glaskunstwerk scharten.

So wurden aus einem Jahr Zwischennutzung fünf Jahre.

Im Atelier, wo Dieter Keller als «handwerkliche Wildsau» selten werkt, ist vor lauter Leuchten kaum ein Durchkommen.
Im Atelier, wo Dieter Keller als «handwerkliche Wildsau» selten werkt, ist vor lauter Leuchten kaum ein Durchkommen. (Bild: jav)

Ein richtiger Zusammenschiss

Bevor Keller am Schweizerhofquai sesshaft wurde, zog er mit seinen Lampen in ein Gebäude am Löwenplatz, welches jedoch bald von Confiseur Heini gekauft wurde. Der Patriarch wollte ihn so schnell wie möglich auf die Strasse stellen und habe ihn bei seinen lautstarken Auftritten nie zu Wort kommen lassen. Keller habe sich dann bei Heinis Kumpanen, dem Architekten Bussmann, über dessen «hässliche» Architektur und das Verhalten Heinis beschwert. «Ich hab ihn vom Feinsten zusammengeschissen», erinnert sich Keller lachend. Und tatsächlich bekam er schliesslich recht – und einige Monate Mieterstreckung.

Danach zog er in der Kleinstadt bei einer der letzten Aristokraten ein. Maitressen in Tutus und verwirrte amerikanische Geschäftsleute inklusive. «Ich habe in diesem Haus Geschichten erlebt wie im Film», so Keller. Doch dann wurde auch dieses Gebäude verkauft und das Glück wollte es, dass Keller vom Ende des Antiquitätengeschäfts im SBB-Gebäude am Schweizerhofquai erfuhr. «Es passte zeitlich und vom Angebot her», so Keller. Nur deshalb habe er vor 25 Jahren diesen Laden zu einer fairen Miete bekommen.

Seither hat sich einiges verändert, die Aufträge sind immer grösser und internationaler geworden – aus einem Trödel- wurde ein Fachgeschäft. Selbst den Leuchter im Ständeratssaal hat Keller restauriert. Mit LED habe er sich langsam angefreundet, doch er selbst sei «mittelalterlich» geblieben. Eine Webseite mit den wichtigsten Informationen hat er zwar, doch ansonsten hält er sich raus aus dem Netz. «Ich habe noch nie im Internet eine Lampe gekauft, ich muss die Dinge anfassen können.» Und die Menschen dahinter, die Diskussionen, die faszinierenden Treffen, das mache seinen Job aus. Mehrmals im Jahr macht er sich immer noch auf Reisen, durchsucht die Märkte in Italien und stolpert dabei über Schätze. «Ich stolpere ständig, bin dauernd am Stolpern», so Keller lachend.

Keine Deadline

Wie lange er das Geschäft noch führen wird, weiss der 67-Jährige nicht. «Ich habe mir keine Deadline gesetzt», so Keller. Er sei lange nicht müde. «Schliesse ich die Ladentüre ab, dann ist der Laden auch in meinem Kopf abgeschlossen.» So habe er seine Arbeit selten mit nach Hause genommen. Auch in seiner Freizeit, die er hauptsächlich mit Freunden verbringt, spreche er konsequent nicht übers Geschäft, nicht über «meinen Mist», wie er die Schätze liebevoll nennt.

Ein «Mist», in welchem man gerne noch etwas hängen bleibt. Und sich erleuchten lässt.

Der Schweizerhofquai – keine schlechte Adresse.
Der Schweizerhofquai – keine schlechte Adresse. (Bild: zvg)

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